Lysander (; † 395 v. Chr. bei Haliartos) war ein spartanischer Staatsmann, der als Flottenkommandant maßgeblich für den spartanischen Sieg im Peloponnesischen Krieg verantwortlich und im nachfolgenden Jahrzehnt eine herausragende politische Figur Spartas und Verfechter einer imperialen Politik war, bis er im Korinthischen Krieg in der Schlacht von Haliartos fiel.
mini| Fiktives Porträt des Lysander (erstellt 1553)
Familie Lysander wurde wahrscheinlich um 454 v. Chr. geborenWenn man den Angaben Plutarchs Glauben schenkt, dass er Liebhaber ( erastés ‚Liebender‘) des Eromenos Agesilaos gewesen ist (Ages 2.1), müsste er mindestens 10 Jahre älter gewesen sein als der König, der gegen 360 v. Chr. im Alter von circa 80 Jahren verstarb (Plut. Ages. 40.3; Xen. Ages. 2.28). und stammte aus einer vornehmen spartanischen Familie, die ihren Stammbaum auf Herakles zurückführte. Lysanders Vater Aristokritos war zudem Libys von Kyrene durch Gastfreundschaft verbunden.Diodor 14,13. Demnach war Libys König von Kyrene, wenngleich anderen Quellen zufolge das Königtum in Kyrene zu diesem Zeitpunkt bereits erloschen war.
Über Lysandros’ politische und militärische Karriere bis zum Jahr 408 v. Chr. gibt es keine verlässlichen Angaben.Detlef Lotze: Lysander und der Peloponnesische Krieg. Berlin 1964, S. 11.
Militärisches Wirken während des Peloponnesischen Krieges Situation zu Beginn von Lysanders Seekommando
Lysander übernahm Ende 408 v. Chr. das Oberkommando über die spartanische Flotte für das Jahr 407 v. Chr. Das Amt des Nauarchen umfasste nicht nur die Flottenführung, sondern auch den Oberbefehl über die mit der Flotte entsandten Landstreitkräfte. Das Amt wurde jährlich neu vergeben, damit es keine innenpolitische Machtbasis für ambitionierte Generäle bilden konnte. Problematisch für die Kriegsführung war jedoch, dass so mehrjährige Kampagnen unter einem Oberbefehl nicht möglich waren.
Obwohl Sparta mindestens seit dem 6. Jh. v. Chr. eine Flotte besaß, war deren Umfang immer bescheiden gewesen, da Sparta im Gegensatz zu Athen die zur Aufrechterhaltung einer großen Marine notwendigen finanziellen Mittel fehlten.Athen verfügte über Einkommen aus dem Silberabbau im Laurion-Gebirge in Attika, den Zöllen des Piräus sowie Tributzahlungen seiner Bündner, die zusammen mehr als 1.000 Talente pro Jahr einbrachten. Vgl. Christian Meier: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte. Vom Autor durchgesehene und erweiterte Taschenbuchausgabe. Goldmann, München 1995, ISBN 3-442-12852-8, hier S. 297–299. Aber vielmehr war Sparta politisch wie militärisch auf das Heer als Mittel zur Hegemonie über Griechenland ausgerichtet gewesen.Während die Vollbürger Spartas verpflichtet waren, gegenseitig für den Unterhalt ihrer Zeltgemeinschaft von 15 Mann aufzukommen (Syssitia), wurden die reichsten Athener periodisch verpflichtet eine Triere für ein Jahr auszustatten und den Kapitän zu bezahlen (Trierarch). Seit Beginn des Peloponnesischen Krieg im Jahr 431 v. Chr. wurde klar, dass Athen nicht ohne eine große Flotte zu besiegen war, konnte die attische Flotte doch ungehindert in der gesamten Ägäis operieren und Angriffe auf Sparta und deren Verbündeten auf der Peloponnes vornehmen.
Seit dem Wiederaufflammen der Kämpfe zwischen Athen und Sparta im Jahr 413 v. Chr. (Ionisch-Dekeleischer Krieg) bemühte sich Sparta daher um Subsidienzahlungen des Perserkönigs, damit es mit einer großen Flotte in der Lage wäre, Athen entweder zu schlagen oder wenigstens so weit zurückzudrängen, dass deren Untertanen im Seebund rebellieren würden. Nur das Perserreich verfügte neben Athen über die Finanzmittel, die den Aufbau und Unterhalt einer Flotte von 100 Schiffen ermöglichen konnte. Im selben Zuge verkündeten die Spartaner die Freiheit der Griechenstädte (Autonomia) vom Attischen Joch. Dareios Nothos willigte tatsächlich in ein Bündnis mit Sparta ein, um die in den Perserkriegen an Athen verlorenen Griechenstädte Kleinasiens zurückzugewinnen. Er sandte Geld nach Sparta und befahl seinen Satrapen von Phrygien und Lydien, Pharnabazos und Tissaphernes, die Athener zu bekriegen und sich mit den Spartanern zu koordinieren. Bereits im Folgejahr gelang es den Spartanern unter Anraten des Alkibiades Chios und die ionischen Städte zum Abfall von Athen zu bewegen, während die Athener Samos halten konnten.Nach der Rebellion von Samos im Samischen Krieg in den Jahren 441/440 v. Chr. hatten die Athener die dortige Oligarchie gestürzt, die Mauern geschleift, die Flotte genommen und Kriegskontributionen auferlegt. Im Gegenzug hatte sich Athen aber auch verpflichtet, samische Belange künftig zu unterstützen (vgl. IG I³ 48 Zeile 15–16 und 21–22). Als Folge gab es in Samos eine starke pro-athenische demokratische Partei, welche die Rückkehr der athenfeindlichen Oligarchen fürchtete. Ende 412/Anfang 411 v. Chr. besiegten die vereinigten athenischen Flotten in den drei Seegefechten von Kynossema, Abydos und Kyzikos die spartanische Flotte vernichtend und konnten die Kontrolle über die Propontis und die Ägäis wieder vollständig herstellen, auch wenn die ionischen Städte nicht zurückgewonnen werden konnten. Als Folge dieser Niederlage verzichtete Sparta auf die Freiheit der kleinasiatischen Griechenstädte im Vertrag des Lychias mit dem Großkönig, der die Subsidien an Sparta erhöhteLotze, Detlef: Lysander, S. 19 – insgesamt sollten 5.000 Talente bis Ende des Krieges an Sparta fließen.Isok. 8.97
Dennoch gelang der Aufbau einer neuen Flotte für Sparta zunächst nicht konsequent, so dass die Kriegsanstrengungen alleine bei den verbündeten persischen Satrapen lagen. Pharnabazos von Phrygien hatte auch deshalb die Hauptlast des Kampfes gegen Athen zu tragen, weil sich der Satrap von Lydien, Tissaphernes, weitaus neutraler verhielt, als der persische König verlangte, zumal er seine strategischen Kriegsziele – die Einnahme Kariens und den Abfall Ioniens – bereits erreicht hatte, während Pharnabazos permanent durch attische Gegenoperationen in der Propontis gefährdet war, so dass er mit den Athenern einen Waffenstillstand schließen musste, wonach Kalchedon Autonomie gewährt wurde (d. h. keine persische Besatzung mehr unterhielt) und er 20 Talente an Athen zahlte.Lotze, D.: Lysander, S. 9. Als Folge wurde Byzanz von Athen zurückerobert und die Zolleinnahmen des Bosporos flossen nun wieder nach Athen.
Im Sommer 408 v. Chr. zog Großkönig Dareios wegen der eher mäßigen Kriegserfolge der Perser einen Schlussstrich unter die bisherige Kriegsführung. Insbesondere die Aufteilung des Militärkommandos unter den beiden führenden Satrapen hatte sich als ineffektiv erwiesen. Daher übertrug er seinem jüngeren Sohn Kyros das persische Oberkommando in Kleinasien, indem er ihn zum Satrapen von Lydien, Kappadokien und Großphrygien ernannte. Tissaphernes' Satrapie wurde auf das unwirtliche Karien und Pharnabazos' Machtbereich auf das Hellespontische Phrygien reduziert.Xen. Hell. I, 4.3; Diod. XIII, 70.3 Der Großkönig versprach 50 Minen pro Schiff und gab Kyros 500 Talente mit.Xen. Hell. I, 5.1, 5.5 Tissaphernes hatte den Ruderern 6 Obolen pro Tag versprochen, aber nie gezahlten.Thuk. VIII, 29.1f, 45.2, 58.5, 78,2, 87.3, 99.1 Auch jetzt wurden den Mannschaften nur 3 Obolen pro Tag gezahlt, was bei der o. g. Summe aber den Unterhalt einer Flotte von 80 Schiffen für zwei Kriegsjahre ermöglichte.Wenn man von 6-8 Monaten Operationszeitraum ausgeht, weil die Herbst- und Winterstürme keine Operationen zuließen.
Lysander und Kyros
Lysander erreichte Ionien im Frühjahr 407 v. Chr. und sammelte eine Flotte von 70 Schiffen. Als erste Maßnahme verlegte er das spartanische Hauptquartier in Ionien von Milet nach Ephesos. Diese Entscheidung ist nicht nur militärisch zu begründen, auch wenn die Kommunikation zwischen Sparta und Ephesos leichter zu gewährleisten war, als nach Milet, welches immer durch das vorgelagerte Samos bedroht war. Vielmehr wird schon hier ersichtlich, dass Lysander ein enges Verhältnis zum neuen persischen Oberkommandanden suchte, weil dessen Residenz in Sardes deutlich besser von Ephesos erreichbar war, aber sich auch sonst häufig persische Würdenträger in der Stadt des Artemisions aufhielten.Plut. Lys. 3.3.
Kyros traf ebenfalls im Frühjahr 407 v. Chr. in Ionien ein.Xen. Hell. I, 4.1-7. Die spartanischen Gesandten, die ihn aus der persischen Hauptstadt Susa begleitet hatten, führten Lysander sofort bei Kyros ein und diesem gelang es auf den Jüngling einen besonderen Eindruck zu machen. Der ca. 40 Jahre alte spartanische Krieger muss auf den gerade 15-jährigen Kyros faszinierend gewirkt haben; es wurde sogar behauptet, dass der junge Königsspross zum Geliebten des Spartaner wurde, weil er ihm Zugang zu seinen privaten Gärten erlaubte. Mehr als die Nauarchen vor ihm, verstand Lysander, dass er Athen strategisch und nicht nur taktisch in der ein oder anderen Seeschlacht schlagen musste. Er unterbreitete dem persischen Königsspross ein Konzept, wie man strukturell die Bedingungen zugunsten Spartas und Persiens verbessern konnte: Als Erstes musste man sich der Loyalität der neu gewonnenen Griechenstädte vergewissern, notfalls mit Gewalt. Trotz des Autonomie-Verspreches wurden die Verfassungen der Städte so umgeschrieben, dass extreme Oligarchien von zehn Männern (Dekarchien) die Regierung führten und spartanische Kommandanten (Harmostes) diese Herrschaft absicherten. Als Zweites musste die Kampfkraft der spartanischen Flotte verbessert werden. So erreichte er von Kyros die Erhöhung des Rudersoldes um einen Obolen auf vier und die Auszahlung der Rückstände, so dass die spartanisch-persische Flotte nunmehr ihre Besatzung besser bezahlte als die Athener.Xen. Hell. I, 5.2-7, Diod. XIII, 70.3 Zusätzlich wurde die Flotte vergrößert auf 90 Schiffe und diese konstant unter Training gehalten. Schließlich, und hierin liegt sicherlich der größte Verdienst von Lysander, musste man die neugewonnene Flotte nur unter vorteilhaften Bedingungen einsetzen. Anders als vorherige Kommandanten führte er nicht über den Sommer eine Schlacht mit ungewissem Ausgang, sondern ließ die attische Flotte gewähren, wohlwissend, dass sie numerisch überlegen und von einem überragenden General geführt wurde: Alkibiades hatte wieder einen Frontenwechsel vollzogen und war in seine Heimatstadt Athen zurückgekehrt. Obwohl – oder besser weil – er maßgeblich zur Schwächung Athens in den letzten sieben Jahren beigetragen hatte, war ihm der Oberbefehl über alle attischen Streitkräfte übertragen worden.
Nachdem er ungehindert in der Propontis operiert hatte, segelte Alkibiades im Spätsommer mit 100 Schiffen nach Samos, um Lysander in Ephesos festzusetzen. Umgekehrt war nun aber auch Alkibiades paralysiert, weil er nicht abziehen konnte, ohne eine Schlacht geschlagen zu haben, die ihm Lysander aufgrund seiner numerischen Unterlegenheit verweigerte. Vielmehr ließ Lysander seine Schiffe an Land ziehen und ausbessern.Xenophon, Hellenica 1, 3, 10. In kühler Kalkulation rechnete Lysander damit, dass Alkibiades unter Zugzwang einen Schritt unternehmen würde, der ihm zum Vorteil gereichen könnte.
Schlacht von Notion
Und tatsächlich übertrug der unter hohem Erfolgsdruck stehende Alkibiades das Kommando über seine Flotte dem Kapitän seines Flaggschiffs und κυβερνήτης, Antiochos, um selbst den attischen Strategen Thrasybulos bei der Befestigung von Phokaia zu unterstützenXenophon, Hellenica 1, 5, 11. oder den Belagerungsring um Klazomenai zu sprengen.Diodor 13, 71, 1. So hätte der Abfall von Nordionien an Sparta abgewendet und der Druck auf Lysander erhöht werden können, selbst in Aktion zu treten.