Olga Toni Freiin von Lersner (* 21. Juli 1897 in Karlsruhe; † 8. Juli 1978 in Reutlingen) war eine deutsche Krankenschwester und eine der Initiatorinnen und die Leiterin der Schwesternschule der Universität Heidelberg.Deutsche Biografie: Lersner, von Digitalisat Mit der Entwicklung der universitären Modellschule beeinflusste von Lersner die deutsche Krankenpflegeausbildung maßgeblich. Die von ihr mitinitiierte Schule begründete die Aufwertung der europäischen Pflege im internationalen Vergleich und deren spätere Akademisierung.

Werdegang Olga von Lersner wurde mit einer Zwillingsschwester, Elsa von Lersner, geboren.Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg: Hohe Anerkennung. Eindrucksvolle Feierstunde zum Abschied von Oberin von Lersner. Der Schwesternschule Richtung geben, Freitag, 22. März 1963, Nr. 69, S. 5. Die Eltern der Zwillinge waren Oberst Eduard Freiherr von Lersner und dessen Ehefrau Elisabeth, geborene Freiin von Roeder.Geburtsurkunde Nr. 1486, Geburtsregister 1897, Standesamt Großherzoglich-Badische Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe.Geschichte hautnah: Die Gefallenen des Frankfurter Hauptfriedhofs – Teil 28: Freiherr Eduard von Lersner Digitalisat Olga von Lersner begann 1919 eine zweijährige Ausbildung zur Krankenschwester im Katharinenhospital Stuttgart. Ihr erstes Berufsjahr verbrachte sie bei der Flüchtlingshilfe in der Türkei und Griechenland.Antje Grauhan: Nachruf auf Olga von Lersner vom 20. Juli 1978, Universitätsarchiv Heidelberg KE 211, Sammlung Heidi Friedl. Von 1922 bis 1927 war sie Oberin eines Krankenhauses in Saloniki und Oberschwester an der Universitätsklinik Athen. Es folgten verschiedene Führungspositionen in Krankenhäusern in Königsberg i.Pr., Dresden, Senftenberg und Offenbach am Main. Dort trat sie in die Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Offenbach ein und übernahm die Leitung der dortigen Pflegeschule. 1940 besuchte sie eine einjährige Weiterbildung des DRK in der ihr die theoretischen Grundlagen ihrer bisherigen Tätigkeiten im Pflegemanagement vermittelt wurden. 1940 trat von Lersner zudem dem Rotkreuz-Mutterhaus Marburg-Übersee bei.Karin Wittneben und Maria Mischo-Kelling: Pflegebildung und Pflegetheorien, Urban&Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore 1995, S. 272+273.Bernhard Naarmann: Koloniale Arbeit unter dem Roten Kreuz "Der Deutsche Frauenverein vom Roten Kreuz für die Kolonien" zwischen 1888–1917, Dissertation Westfälische Wilhelms-Universität Münster, akademischer Betreuer Richard Toellner, 1986, zur Neugründung des Frauenvereins in Westdeutschland als Schwesternschaft „Übersee“ mit Sitz in Marburg, S. 78. Anschließend wurde sie zur Oberin der Ludolf-Krehl-Klinik an der Universität Heidelberg ernannt, die Leitung der dortigen DRK-Pflegeschule fiel ebenfalls in ihren Aufgabenbereich. Ärztlicher Leiter der DRK Krankenpflegeschule war Richard Siebeck. Die produktive Zusammenarbeit zwischen Olga von Lersner und Richard Siebeck während dieser Zeit wurde auch nach Gründung der Schwesternschule der Universität Heidelberg fortgeführt. Olga von Lersner sah die Krankenpflege als einen Teil der Siebeck’schen „Medizin in Bewegung“ an.Olga von Lersner: Der Mensch als Inhalt und Ziel der Krankenpflege. Heidelberg 1955. (Aufsatz im Nachlass der Schwesternschule der Universität Heidelberg im Universitätsarchiv HD)Wolfgang U. Eckart: Medizin in Bewegung. Der Mensch rückt in den Mittelpunkt. Richard Siebeck, Viktor von Weizsäcker und die Anthropologische Medizin. In: KlinikTicker. Magazin des Universitätsklinikums Heidelberg: Zwei Jahre HIT – Eine Erfolgsgeschichte, Ausgabe 05, November/Dezember 2011, S. 34–35.Mechthilde Kuetemeyer: Anthropologische Medizin oder die Entstehung einer neuen Wissenschaft. Dissertation. Institut Geschichte der Medizin Uni HD, 1973. Innerhalb der Universität Heidelberg bekam Olga von Lersner zudem Unterstützung auch durch Viktor von Weizsäcker, zu dem auch ein freundschaftliches Verhältnis bestand.Christa Winter- von Lersner: Erinnerung an Olga Freiin von Lersner. In: Limpurger Brief. Frankfurt am Main, Juni 1997, S. 4. (zur Bedeutung Richard Siebecks und Viktor von Weizsäckers für Olga von Lersner) Das Niveau in der internistischen und psychosomatischen Pflege, das in dieser Zeit angelegt wurde, wird seit dem Jahr 2017 in der neuen Pflegeimagekampagne des Universitätsklinikums Heidelberg „Du wirst wachsen – Vielfalt Pflege. Seit 1561“ durch die Veranstaltung INPUD „Innere Medizin up to date“ fortgeführt.

Modellschule Heidelberg Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte sich das US-amerikanische Hochkommissariat um eine Aufwertung der deutschen Krankenpflege und eine Anpassung an internationale Standards, insbesondere der Akademisierung der Pflegeausbildung. Zu diesem Zweck sagten die amerikanische Regierung sowie die Rockefeller- und McCloy-Stiftungen Finanzierungshilfen für die Gründung einer universitären Modellausbildung in Deutschland zu. Der Rektor der Universität Heidelberg Karl Heinrich Bauer und von Lersner waren bereit, ein entsprechendes Modell zu entwickeln.Christine R. Auer: Antje Grauhan und Wolfgang Rapp (Abtl. Paul Christian). Die Erweiterung der bipersonalen hin zu einer tripersonalen Situation „Patient-Pflegekraft-Arzt“ stellte uns vor neuartige Herausforderungen, (die ersten Jahre der USH). Festschrift für Sabine Bartholomeyczik (einstige Schülerin der USH) zum Bundesverdienstkreuz, Mai 2015 Heidelberg.

Mit Unterstützung durch die Rockefeller-Stiftung konnte von Lersner ein einjähriges Stipendiat in den Vereinigten Staaten und Toronto/Kanada absolvieren und besuchte Pflegeschulen in Göteborg und Stockholm.Es wurde Olga von Lersner vorgeworfen, dass sie sich keinem akademischen Studium unterzogen habe, welches das Professionalisierungsmerkmal einer theoretisch fundierten Spezialausbildung gerechtfertigt und eventuell eine institutionelle Integration in die Universität überhaupt erst ermöglicht hätte. So beispielsweise die Argumentation von Karin Wittneben. In: Maria Mischo-Kelling und Karin Wittneben: Pflegebildung und Pflegetheorien. München/Wien/Baltimore: Urban&Schwarzenberg 1995, S. 273

Während die Universität bereits 1948 die Zustimmung zur Einrichtung der Modellschule gab, versuchte von Lersner nach ihrer Rückkehr die Präsidentin des Verbandes Deutscher Mutterhäuser vom Roten Kreuz, Generaloberin Luise von Oertzen von der Idee zu überzeugen. Von Oertzen hielt eine solche Schule jedoch für „ethisch nicht tragbar“ und drohte Lersner mit dem Ausschluss aus dem DRK, sollte sie ihre Idee verwirklichen wollen. Lersner verließ das DRK und wechselte zum Agnes-Karll-Verband. Auch Auguste Mohrmann,Christine R. Auer: Eine frei denkende Krankenschwester, Antje Grauhan M.A. wird 80 Jahre alt. hier: Rede Antje Grauhans anlässlich der Verabschiedung Olga von Lersners, Eigenverlag HD 2010. die für den Kaiserswerther Verband (KWV) in der Berliner Geschäftsstelle arbeitete, war schwer von der Idee einer Modellschule zu überzeugen. Die Kaiserswerther Diakonisse Anna Sticker hingegen begrüßte die Idee. Olga von Lersner eröffnete im Mai 1953 die Schwesternschule der Universität Heidelberg mit einer dreijährigen Grundausbildung in Pflege und öffentlicher Gesundheitsfürsorge. Der Dekan der Medizinischen Fakultät, Horst Habs, hielt die Eröffnungsrede und verwies auf die Bedeutung akademisch geschulter Pflegekräfte an der Universität Heidelberg seit Franz Anton Mai. Die Schule war von Beginn an internationalen Ansprüchen orientiert.

Neurologische, psychiatrische, gemeindenahe und psychosomatische Pflege Die Rockefeller-Foundation forderte einen Ausbau der „Geisteskrankenpflege“.Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 4. Auflage. Springer, Heidelberg 1946. Dieses Anliegen wurde vor allem von den Schwesternschülerinnen Christa Winter- von Lersner, die gerne die Veranstaltungen bei Walter Bräutigam besuchte, und Ulrike Villinger eingelöst. Leider gelang es Olga von Lersner nicht, die Psychiatriekrankenschwester Eva von GadowRhein-Neckar-Wiki: Eva von Gadow von einem Stipendium der Rockefeller-Foundation für das Studium der Geisteskrankenpflege in den USA zu überzeugen und danach als Unterrichtsschwester an der USH zu arbeiten.Eva von Gadow: Irrenpflege, Beiträge aus der allgemeinen Medizin. Band 6, Enke, Stuttgart 1948. Olga von Lersner wurde zur Nestorin für psychosomatische Pflege in Deutschland, denn es war ihr möglich, den Heidelberger Mediziner Alexander Mitscherlich für die Anliegen der Schule zu gewinnen und so wurden die Schwesternschülerinnen, erstmals in Deutschland, auch in der Psychosomatik eingesetzt. Der theoretische Unterricht in Psychosomatik erfolgte durch Clemens de Boor (1920–2005), den späteren Leiter des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main.Clemens de Boor: Psychosomatische Medizin, in: Harald Weise: Grundlagen der psychiatrischen Krankenpflege, Eine Einführung in acht Vorlesungen. Mit einem Beitrag von Clemens de Boor, Schriftenreihe zur Theorie und Praxis der gesamten Krankenpflege, E.C. Baumann Kulmbach 1966, S. 155–220. Die Schwesternschülerin Sabine Bartholomeyczik, die vor ihrer Ausbildung ein Pflegepraktikum in einem psychiatrischen Landeskrankenhaus gemacht hatte, hörte Vorlesungen bei Alexander Mitscherlich. Alexander Mitscherlich hatte für sein Institut im Jahr 1946 ursprünglich die Bezeichnung „Institut für Biographische Medizin“ vorgeschwebt.Udo Benzenhöfer: Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker. Leben und Werk im Überblick, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2007, S. 187.

Von englischer Seite kam die Forderung nach einem Ausbau der Gemeindekrankenpflege, die durch die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Institutionen der beiden christlichen Kirchen sowie dem Diakoniewissenschaftlichen Institut mit Herbert Krimm und Paul Philippi umgesetzt wurde. Auch der Heidelberger Neurologe Dieter Janz (1920–2016) sorgte durch die Etablierung einer Brückenkrankenpflegestelle gemeinsam mit Olga von Lersner dafür, dass eine USH-Krankenschwester sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich (jeweils 50 % der Vollzeitarbeitsstelle) eingesetzt wurde. So sollten Drehtüreffekte in der Neurologie reduziert werden.Nachlass und Korrespondenz Schwesternschule der Universität Heidelberg, Acc 43/08 Universitätsarchiv Heidelberg, Karton 28.

Es entstand zudem eine enge Zusammenarbeit mit den Erziehungswissenschaftlern Alfons Otto Schorb und vor allem Christian Caselmann. Leistungsscheine konnten auch in philosophischen Veranstaltungen erworben werden. Pflegegeschichte wurde anhand von Persönlichkeiten wie Henry Dunant, Theodor Fliedner, Vincenz von Paul sowie Florence Nightingale unterrichtet und dramaturgisch dargestellt. Bereits in den 1950er Jahren wurde mit Pflegetheorien, so vor allem der Pflegetheorie von Florence Nightingale gearbeitet.Christine R. Auer: Geschichte der Pflegeberufe als Fach. Die Curricular-Entwicklung in der pflegerischen Aus- und Weiterbildung, Dissertation Institut für Geschichte der Medizin Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg 2008, S. 91–95. Das Curriculum der Schule wies insgesamt also eine Vielzahl von Neuerungen auf, die nach und nach als Novellierungen Einzug in das Krankenpflegegesetz hielten. Im Dezember 1962 verabschiedete sich von Lersner in den Ruhestand und übergab die Leitung der Schwesternschule an Antje Grauhan (Schulleitung von 1962 bis 1971), die weitere Pflegetheorien in das Curriculum aufnahm.