mini|Luftaufnahme 2007 mini|Kilianskirche im Weinberg mini|Ansicht von Schwabsburg und Nierstein nach Merian Nierstein ist eine Stadt im Landkreis Mainz-Bingen in Rheinland-Pfalz. Sie gehört seit dem 1. Juli 2014 der Verbandsgemeinde Rhein-Selz an, deren größte Kommune sie mit Einwohnern (Stand: ) ist. Nierstein ist gemäß Landesplanung als Mittelzentrum ausgewiesen.
Geographie Geographische Lage Nierstein liegt in Rheinhessen am Rhein, ca. 12 Kilometer südlich von Mainz und 25 Kilometer nördlich von Worms. Nachbargemeinden innerhalb der Verbandsgemeinde Rhein-Selz sind Selzen, Köngernheim und Friesenheim im Westen, Dalheim, Dexheim und die Stadt Oppenheim im Süden sowie im Norden Mommenheim und die der Verbandsgemeinde Bodenheim zugehörigen Gemeinden Lörzweiler und Nackenheim. In Nierstein mündet der Flügelsbach, der auch durch den Stadtteil Schwabsburg fließt, in den Rhein. Auf der anderen Rheinseite liegt der zu Trebur gehörende Kornsand.
Stadtteile und Wohnplätze Die Stadt gliedert sich in die beiden Stadtteile Nierstein und Schwabsburg. Der Stadtteil Schwabsburg war bis 1970 eine eigenständige Gemeinde und hat seinen Namen von der Burg Schwabsburg. Zum Stadtteil Nierstein gehören auch die Wohnplätze Haus Müller, Haus Ullrich, Im Ried und Paterberghof.
Zwischen 1953 und Ende 2009 unterhielten die US-amerikanischen Streitkräfte in der Nähe von Dexheim ein rund 75 Hektar großes Kasernengelände mit Wohn-, Versorgungs- und Verwaltungsgebäuden. Obwohl sich das Areal komplett auf dem Stadtgebiet von Nierstein (Gemarkung Schwabsburg) befand, trug die Kaserne den Namen US Army Anderson Barracks Dexheim. Dieses Gelände wurde frei und der Mainzer Investor, Bauunternehmer Wolfram Richter, übernahm das Gebiet und plant gemeinsam mit der Stadt Nierstein, der Verbandsgemeinde Rhein-Selz und dem Großinvestor NTT Data die Errichtung eines Industrieparks mit neun Rechenzentren.
Geologie Um Nierstein treten Abschnitte des Perm (Rotliegend-Zeit) zu Tage, in denen 290 Millionen Jahre alte Tierfährten erkennbar sind. Oberhalb von Nierstein liegt eine als „Roter Hang“ bezeichnete Steillage aus rotem Ton- und Sandstein, die sich vom nördlichen Nackenheim bis zum westlichen Schwabsburg hin erstreckt. Aufgrund der Porosität des Gesteins wurzeln hier angepflanzte Weinreben besonders tief, was sehr mineralische Weine hervorbringt. Siehe Absatz Weinbau.
Geschichte Geschichte bis 1900 In Nierstein oder im benachbarten Oppenheim existierte in römischer Zeit die Militär- oder Straßenstation Bauconica Nova, die auf der Tabula Peutingeriana an der Römischen Rheintalstraße zwischen Mogontiacum (Mainz) und Borbetomagus (Worms) lokalisiert ist.Abbildung auf der Tabula Peutingeriana Anfang des 19. Jahrhunderts wurden in der Nähe des Niersteiner Rheinufers die Überreste eines römischen Quellheiligtums entdeckt, das Sironabad.
Erstmals erwähnt wurde Nierstein in einer Urkunde von 822, die sich auf die Jahre 741/42 bezieht. Ihr zufolge hatte der fränkische Hausmeier Karlmann, ein Sohn Karl Martells, die Marienbasilika in Nierstein samt Zubehör dem damals errichteten Bistum Würzburg geschenkt.Staab, Franz: Nierstein im Mittelalter (bis 1375), in: Hildegard Friess-Reimann/Sigrid Schmitt (Hrsg.): Nierstein – Beiträge zur Geschichte und Gegenwart eines alten Reichsdorfes, Alzey 1992, 36–58, 38ff. Text und Übertragung der Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen von 822 Rechtlich war der Ort ein auf altem Königsgut gelegenes Reichsdorf, das bis ins 14. Jahrhundert keinem anderen Landesherrn als dem römisch-deutschen König selbst unterstand. Erst Ludwig der Baier verpfändete Nierstein 1315 ans Erzstift Mainz. Im Jahr 1375 fiel das Dorf ebenfalls als Pfand an Ruprecht von der Pfalz. Damit verlor es endgültig seine Reichsfreiheit und unterstand bis zur Französischen Revolution der Herrschaft der Pfalzgrafen bei Rhein.Erhard Nietzschmann: Die Freien auf dem Lande. Ehemalige deutsche Reichsdörfer und ihre Wappen. Melchior, Wolfenbüttel 2013, ISBN 978-3-944289-16-8, S. 56. Das Kloster Otterberg verfügte im Ort über umfangreichen Besitz: Weinberge, 27 Morgen Acker, Zehntrechte und Patronatsrechte an zwei Pfarrkirchen und einer Kapelle.Jürgen Keddigkeit, Michael Werling, Rüdiger Schulz und Charlotte Lagemann: Otterberg, St. Maria. Zisterzienserabtei Otterburg. In: Jürgen Keddigkeit, Matthias Untermann, Sabine Klapp, Charlotte Lagemann, Hans Ammerich (Hrsg.): Pfälzisches Klosterlexikon. Handbuch der pfälzischen Klöster, Stifte und Kommenden, Band 3: M–R. Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde. Kaiserslautern 2015, ISBN 978-3-927754-78-2, S. 524–587 (540, 542). 1451 werden Weingärten der Grafen von Katzenelnbogen in der Walpe erwähnt.
Sowohl im Dreißigjährigen Krieg als auch im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurde Nierstein im 17. Jahrhundert teilweise zerstört. Im Frieden von Campo Formio fiel der Ort 1797 an Frankreich. Nach der Niederlage Napoleons wurde er auf dem Wiener Kongress mit ganz Rheinhessen dem Großherzogtum Hessen zugeschlagen, zu dem es seit 1816 gehörte.
Das Zwanzigste Jahrhundert Nach der Novemberrevolution von 1918 wurde aus dem Großherzogtum der Volksstaat Hessen. Infolge der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg war Nierstein von 1919 bis 1930 von französischen Truppen besetzt.
In der von Krisen geschüttelten Weimarer Republik gewannen die Gegner der Demokratie ab 1930 immer mehr Zulauf. Die radikalste antirepublikanische Kraft, die NSDAP, hatte in Nierstein im Vergleich zu anderen rheinhessischen Gemeinden starken Einfluss.Eintrag Nierstein des Regionalgeschichte.net Abruf am 24. Juli 2016. Nach der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 wurden Gemeinderat und Vereine gleichgeschaltet.
Im Jahr 1928 zählte Nierstein etwa 80 jüdische Einwohner. Seit 1933S waren sie der Verfolgung durch die Nazis am stärksten ausgesetzt. Sie wurden von der Mehrheitsgesellschaft ausgrenzt, sozial geächtet und nach und nach ihrer Existenzgrundlagen beraubt. Manchen gelang es, ins Ausland zu fliehen. Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 überfielen SA und SS im Verein mit örtlichen Dienststellen ihre jüdischen Mitbürger. Anschließend wurden die Männer für mehrere Monate in Konzentrationslager gesperrt. Mindestens 32 Niersteiner Juden fielen später dem Holocaust zum Opfer. Drei begingen Suizid. Von 2013 bis 2015 wurden auf Initiative des örtlichen Geschichtsvereins 54 Stolpersteine in Nierstein verlegt, die an die vertriebenen und ermordeten Juden erinnern.Homepage des Geschichtsvereins Nierstein Abteilung Stolpersteine
mini|Gedenkstein für die sechs Opfer des Kornsandverbrechens Die letzte Gräueltat der örtlichen Nazis war das Kornsandverbrechen: Am 21. März 1945, wenige Stunden bevor US-Truppen Nierstein besetzten, erschossen Nazifunktionäre auf der gegenüberliegenden Rheinseite sechs unschuldige Bürger aus Nierstein und Oppenheim. Bei den Opfern handelte es sich um missliebige Regimekritiker und um eine Frau jüdischer Abstammung.
Nur einen Tag später begann zwischen Oppenheim und Nierstein eine der bis dahin größten Flussquerungen in einem Krieg durch Teile von George S. Pattons 3. US-Armee, das XII. US-Armeekorps unter Manton S. Eddy und die 5th Infantry Division (Vereinigte Staaten) unter Stafford LeRoy Irwin. An der Rheinüberquerung bei Nierstein 1945, bei der innerhalb weniger Stunden eine Pontonbrücke zwischen Nierstein und dem gegenüberliegenden Kornsand errichtet wurde, waren 6 Bataillone mit 15.000 Soldaten, 2500 Fahrzeugen, einschließlich Schlauch-, Sturmbooten und Schwimmpanzern beteiligt. Die Truppen der deutschen Wehrmacht wurden von den nachts geräuschlos sich nähernden Booten völlig überrascht, so dass es zu einer der unblutigsten Flussübergänge in der Militärgeschichte kam.Heinz Leiwig: Finale 1945 Rhein-Main, Düsseldorf 1985, S. 73 Zur Erinnerung an dieses Ereignis wurde 2017 ein Denkmal am Rheinufer errichtet.Ich bin ein Niersteiner: Rhine River Crossing Memorial erinnert an die historische Rheinüberquerung. Allgemeine Zeitung vom 25. März 2017, Abruf am 12. April 2017 ()
Am 15. Dezember 1947 stürzte ein US-Militärflugzeug Douglas DC-3 vom Typ C-47, Rosinenbomber genannt, in den Weinbergen bei Nierstein ab. Beide Piloten kamen dabei ums Leben.
Nierstein wurde 1945 der Französischen Besatzungszone zugeschlagen und gehört seit 1946 zum damals neu gegründeten Land Rheinland-Pfalz. Von 1972 bis zu ihrer Auflösung 2014 war der Ort Teil der Verbandsgemeinde Nierstein-Oppenheim. Seitdem gehört er zur neu gebildeten Verbandsgemeinde Rhein-Selz.
Eingemeindungen Sundheim (16. Jahrhundert) An den einst im Süden (althochdeutsch sunt = „Süden“) vor den Toren Niersteins gelegenen Ort Sundheim erinnert heute noch der Straßenname „Hinter Sundheim“. Sundheim (oder Suntheym) befand sich im Süden des heutigen Ortskernes am Flügelsbach.Werner Lang, Heimatbuch Landkreis Mainz, Oppenheim 1967, Seite 21; Hildegard Friess-Reimann/Sigrid Schmitt (Hrsg.): Nierstein – Beiträge zur Geschichte und Gegenwart eines alten Reichsdorfes, Alzey 1992, Seite 103. Schwabsburg (1. Juli 1970)
Der Name Schwabsburg übertrug sich von der Burg Schwabsburg auf die vorher schon vorhandene Siedlung in der Mark Nierstein. Im Mittelalter bildeten die Dörfer Dexheim, Schwabsburg und Nierstein eine Gemeinde, die vom Niersteiner Rittergericht verwaltet wurde. Die Gemeinde war dem Reich unmittelbar unterstellt. Nach 1400 kamen diese Orte unter die Herrschaft der Kurpfalz und verloren damit ihre Reichsfreiheit.
Stadtrechte Der rheinland-pfälzische Ministerrat entschied am 12. März 2013, der Ortsgemeinde Nierstein die „Stadtrechte“ zu verleihen. Die Ernennungsurkunde wurde am 7. Juni 2013 in einer Feierstunde übergeben. Mit den Stadtrechten sind in Rheinland-Pfalz keine Vorteile gegenüber anderen Gemeinden verbunden.Ministerium des Innern, für Sport und Infrastruktur des Landes Rheinland-Pfalz:
Einwohnerstatistik Die Entwicklung der Einwohnerzahl von Nierstein bezogen auf das heutige Stadtgebiet; die Werte von 1871 bis 1987 beruhen auf Volkszählungen:
Jahr Einwohner 1815 2.031 1835 3.675 1871 3.543 1905 5.220 1939 5.742 1950 6.613 1961 6.459 Jahr Einwohner 1970 6.402 1987 5.997 1997 7.035 2005 7.675 2011 7.877 2017 8.424 mini|400px|Einwohnerentwicklung von Nierstein von 1815 bis 2017
Konfessionsstatistik Gemäß der Zensus 2022 waren 33,0 % der Einwohner evangelisch, 26,5 % katholisch und 40,4 % waren konfessionslos, gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe.Zensus 2011 Der Anteil der evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung ist seitdem gesunken. Mit Stand Februar 2026 hatten von den Einwohnern 29,2 % der Einwohner die evangelische Konfession und 24,5 % die katholische. 46,3 % gehörten anderen Konfessionen oder Glaubensgemeinschaften an, waren ohne Angabe oder gemeinschaftslos.Gemeindestatistik Nierstein (PDF; 0,3 MB), abgerufen am 29. März 2026.
Politik Stadtrat Der Stadtrat (bis 2013 Gemeinderat) in Nierstein besteht aus 24 Ratsmitgliedern, die bei der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 in einer personalisierten Verhältniswahl gewählt wurden, und dem ehrenamtlichen Stadtbürgermeister (bis 2013 Ortsbürgermeister) als Vorsitzendem.
Die Sitzverteilung im Stadtrat: Wahl SPD CDU AfD FDP FWG NEU WGK Gesamt 2024 7 5 1 2 6 3 – 24 Sitze 2019 6 6 – 2 5 5 – 24 SitzeVG Rhein-Selz: 2014 8 11 – 1 2 2 – 24 SitzeDer Landeswahlleiter Rheinland-Pfalz: Kommunalwahl 2014, Stadt- und Gemeinderatswahlen. 2009 6 11 – 2 2 3 – 24 SitzeDer Landeswahlleiter Rheinland-Pfalz: Kommunalwahl 2009, Stadt- und Gemeinderatswahlen. FWG = Freie Wählergruppe Nierstein-Schwabsburg e. V. NEU = Wählergruppe Nierstein Engagiert und Unabhängig e. V.
Bürgermeister