250px|mini|Nurit Peled-Elhanan in einer Sitzung des Europäischen Parlaments (2001) Nurit Peled-Elhanan (; * 1949) ist eine israelische Professorin für Komparatistik an der Hebräischen Universität Jerusalem, Friedensaktivistin und Mitglied von Bereaved Parents for Reconciliation and Peace (deutsch: Trauernde Eltern für Versöhnung und Frieden). Nach dem Tod ihrer 13-jährigen Tochter im Jahr 1997 wurde sie eine offene Kritikerin der israelischen Besetzung des Westjordanlandes, Ostjerusalems und des Gazastreifens.
Biografie Peled-Elhanan ist die Tochter des IDF-Generals, Politikers und Gründer des Lehrstuhls für Arabistik an der Universität Tel Aviv, Mattityahu Peled (1923–1995), und verheiratet mit dem Grafiker und Friedensaktivisten Rami Elhanan. Ihr Großvater, Abraham Katznelson, eine bekannte Persönlichkeit des sozialistischen Zionismus, war Mitglied einer halb-klandestinen Bewegung, des von Martin Buber und anderen Intellektuellen gegründeten Brit Schalom oder „Friedensbunds“, der in den 1920er- und 1930er-Jahren für einen binationalen Staat eintrat, und gehörte 1948 zu den Unterzeichnern der israelischen Unabhängigkeitserklärung. Peled-Elhanan ist Mutter von drei Söhnen und einer Tochter. Ihr 1978 geborener Sohn Elik ist ebenfalls ein Aktivist.Elazar Elhanan: A Yid is in Goles, in: Charlotte Misselwitz; Cornelia Siebeck (Hrsg.): Dissonant memories - fragmented present: exchanging young discourses between Israel and Germany. Bielefeld: Transcript, 2009, ISBN 978-3-8376-1273-8, S. 209–216
Ihre einzige Tochter Smadar Elhanan wurde als 13-Jährige am 4. September 1997 Opfer eines Selbstmordanschlages in der Fußgängerstraße Ben Jehuda im Zentrum von Jerusalem. Peled-Elhanan nahm dies zum Anlass, sich mit den Ursachen für den Terrorismus und der Situation der Palästinenser in den besetzten Gebieten zu beschäftigen. Ihrer Meinung nach ist die Abneigung der israelischen Gesellschaft gegenüber den Palästinensern eines der Probleme. Peled-Elhanan und ihr Mann traten dem jüdisch-palästinensischen „Parents Circle“ bei, einer Organisation von Eltern, die Kinder durch politisch motivierte Gewalttaten verloren hatten und sich seitdem entschlossen für den Frieden eingesetzt haben.„Parents Circle – Families Forum“ (PCFF), auch „Israeli Palestinian Bereaved Families for Reconciliation and Peace“ – gegründet 1995 von dem religiös-orthodoxen Juden Yitzhak Frankenthal, nach dem Tod seines Sohnes im MilitärdienstYitzhak Frankenthal: The Hillel Cafe Bombing, Electronic Intifada, 12. September 2003 Miko Peled, ihr 12 Jahre jüngerer Bruder, der vorher eher unpolitisch war, nahm den Tod seiner Nichte Smadar zum Anlass, in seinem ersten Buch die Geschichte seiner Familie sowie die damit in Zusammenhang stehende Beziehung zwischen Israel und den Praktiken Israels in den besetzten Palästinensischen Autonomiegebieten aufzuarbeiten und ein differenziertes Verständnis über die Ursachen des Konfliktes zu entwickeln.
Forschungsarbeit zum israelischen Schulwesen Peled-Elhanan forschte über politische Propaganda an der Hebräischen Universität Jerusalem. Ihr Spezialgebiet sind die Schulbücher und Unterrichtsmaterialien für Generationen israelischer Schüler in Israels öffentlichen Schulen.
Peled-Elhanan kam bei ihren Analysen israelischer Schulbücher für Geschichte und Geografie zu dem Schluss, sie seien ausnahmslos „eher Vermittler eines kollektiven Volksgedächtnisses als das Ergebnis historischer oder geografischer Forschung. … [Sie] führen die Schüler nicht in die methodischen Ansätze der Geschichtswissenschaft und Geografie ein, sondern bringen sie vielmehr dazu, die vorherrschende Darstellungsweise zu erlernen.“ Zitat: “propagators of collective popular memory more than the product of historical or geographical inquiry. … [They] don’t engage students in the historical and geographical disciplinary modes of inquiry but rather induce them to ‘master’ the master narrative.”
Die Nakba und die damit verbundenen Massaker würden, sofern sie überhaupt erwähnt werden, systematisch verharmlost oder entschuldigt. Unter Missachtung umfangreicher historischer Forschungen, so Peled-Elhanan, „verbreiten die meisten Schulbücher nach wie vor die Darstellung, dass die Palästinenser aus unbegründeter Panik flohen, und stellen Vertreibung und Massaker als vereinzelte Verfehlungen oder seltene Fälle eines notwendigen Übels dar.“ Zitat: “most school books still promulgate the story that the Palestinians fled out of unfounded panic, and present expulsion and massacres as esoteric transgressions or rare cases of necessary evil.”
Palästinenser würden in diesen Darstellungen weitgehend fehlen oder nur in sehr dehumanisierter Form dargestellt werden: „Keines der hier untersuchten Lehrbücher enthält – in Wort oder Bild – positive kulturelle oder soziale Aspekte der palästinensischen Lebenswelt: Weder Literatur noch Lyrik, weder Geschichte noch Landwirtschaft, weder Kunst noch Architektur, weder Bräuche noch Traditionen werden jemals erwähnt. Keines der Bücher enthält Fotos von palästinensischen Menschen, und in allen werden sie in rassistischen Klischees oder herabwürdigenden, kategorisierenden Bildern dargestellt, etwa als Terroristen, Flüchtlinge und primitive Bauern – die drei ‚Probleme‘, die sie für Israel darstellen.“ Zitat: [N]one of the textbooks studied here includes, whether verbally or visually, any positive cultural or social aspect of Palestinian life-world: neither literature nor poetry, neither history nor agriculture, neither art nor architecture, neither customs nor traditions are ever mentioned. None of the books contain photographs of Palestinian human beings and all represent them in racist icons or demeaning classificatory images such as terrorists, refugees and primitive farmers—the three ‘problems’ they constitute for Israel.
Ihre Forschungsergebnisse brachten Peled-Elhanan dazu, ihre eigenen Kinder auf Privatschulen zu schicken, wo es keinen segregierten Unterricht gibt und die Kinder in beiden Sprachen unterrichtet werden. In Israel ist es nicht ungewöhnlich, dass einstige Schüler öffentlicher Schulen erst während ihres Militärdienstes die ersten Palästinenser kennen lernen.
Rezeption 2001 erhielt Peled-Elhanan, zusammen mit dem palästinensischen Schriftsteller Izzat Ghazzawi, den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments. Peled-Elhanan unterstützt die internationale Solidaritätsbewegung Boycott, Divestment and Sanctions gegen Israel und sagte: „Was Daesh für den Islam ist, ist das zionistische Israel für das Judentum.“
Im Januar 2024 wurde sie als Dozentin für Komparatistik von der Hebräischen Universität Jerusalem entlassen. Sie hatte nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 ein Zitat des Antikolonialisten Frantz Fanon in der WhatsApp-Gruppe der Uni gepostet. Damit habe sie nach Ansicht des Universitätspräsidenten „Verständnis für die abscheulichen Taten der Hamas“ gezeigt und sie zu rechtfertigen versucht.
Schriften (Auswahl) Palästina in israelischen Schulbüchern: Ideologie und Propaganda in der Erziehung. Verlag Stiftung Hirschler, Otterstadt, 2021. ISBN 978-3-9818916-7-6. Im Original: Palestine in Israeli school books. Ideology and propaganda in education. London: I.B. Tauris, 2012, ISBN 1-78076-505-3.
Legitimation of massacres in Israeli school history books. In: Discourse & Society 21.4 (2010), S. 377–404. Speech at a demonstration in Tel Aviv commemorating 40 years of occupation. In: Middle East Policy 14.3 (2007), S. 41–44. Dialogue in the Israeli classroom. Types of teacher-student talk. Mit Shoshana Blum-Kulka. In: Language and Education 20.2 (2006), S. 110–127.
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Einzelnachweise
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