Die Marktiegelschanze im thüringischen Lauscha ist eine Skisprung-Normalschanzenanlage. Die Schanzenanlage befindet sich im Henriettenthal, mitten im Ort. Die Normalschanze hat einen Konstruktionspunkt von 92 Metern und eine Hillsize von 102 Metern. Der Schanzenrekord liegt aktuell bei 109,0 Metern. Die Anlage wird vom WSV 08 Lauscha unterhalten und betrieben. Auf der Schanze fanden bis 2010 Wettbewerbe mit internationaler Beteiligung statt. Heute wird sie zum Training und für Wettkämpfe im Jugendbereich genutzt.

Der Name „Marktiegelschanze“ Der Name der Anlage bezieht sich auf eine historische Bezeichnung für ein kleines Seitental des Lauschatals. Der Marktiegel liegt auf ca. Höhe etwa 600 m nordöstlich des Ortszentrums, des Hüttenplatzes, mitten im heutigen Stadtgebiet. In diesem „Grenztal“ verlief jahrhundertelang eine Landesgrenze, erst zwischen dem Fürstentum Sachsen-Coburg und den Forsten der Gräfenthaler Linie der Reichserbmarschalle von Pappenheim, später zwischen den Herzogtümern Sachsen-Meiningen und Sachsen-Saalfeld. Zwar wurde das sachsen-saalfeldische Territorium 1826 an Sachsen-Meiningen angegliedert, der Marktiegel verblieb aber zunächst beim Amt Gräfenthal, im Unterschied zu Lauscha, das dem Amt Sonneberg angehörte. 1900 wurde das Tal schließlich dem Kreis Sonneberg zugeteilt, gehörte aber immer noch nicht zum Lauschaer Gemeindegebiet. Daher wurde die Sprungschanze Schanzenanlage im Marktiegel genannt. Erst 1946 wurde das kleine Seitental nach Lauscha eingemeindet.

Baugeschichte Die Anfänge Beim ersten Winterportfest des WSV 08 Lauscha am 14. Februar 1909 erreichte Adolf Apel beim Springen von einem provisorischen Sprunghügel an der Igelskuppe eine Weite von 12 m, beim zweiten am 21. März 1909 Otto Müller-Schulwilm aus Lauscha, de Spatz'n Otto, der zu den erfolgreichsten Thüringer Wintersportlern seiner Zeit gehörte, 13 m. Dieses Provisorium hielt den Anforderungen regulärer Wettkämpfe nicht stand und musste durch eine fest installierte Sprungschanze ersetzt werden, die die Lauschaer Wintersportler diesmal im Marktiegel, einem aufgegebenen Forstgeräum der ehemaligen Glashütte Henriettenthal, errichteten. Am 24. September 1910 wurde der Pachtvertrag abgeschlossen. 2.550 Quadratmeter im Marktiegel wurden dem Verein gegen eine einmalige Gebühr von 229 Mark für vorzeitigen Abtrieb des Holzes und eine jährliche Pacht von 25,50 Mark überlassen. Der Bau erfolgte durch die Firma Fleischhauer nach dem Entwurf von Gasmeister Klarhöfer aus Lauscha. Die Finanzierung wurde durch Anteilsscheine und Spenden sichergestellt. Die erste Marktiegelschanze wurde am 28. Dezember 1911 eingeweiht. Bei diesem Wettspringen stellte Otto Müller-Schulwilm mit 21 m den ersten Schanzenrekord auf dieser Anlage auf.

1922 erfolgten die ersten größeren Umbauten und 1924 eine Neuprofilierung, damit sich der WSV 08 um die Ausrichtung von Thüringer Meisterschaften bewerben konnte. Danach waren auf der Schanze Sprünge mit Weiten bis 40 m und nach einem weiteren Umbau 1930 in Vorbereitung auf die Deutschen Skimeisterschaften bis 60 m möglich. Die 60-m-Schanze wurde nach einem tödlichen Unfall 1939 gesperrt und war nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise verfallen und technisch in keinem guten Zustand. 1948 wurde sie nach einem Entwurf von Reiner Fleischhauer, Bauingenieur aus Lauscha, umgebaut und vergrößert. So konnte der Wettkampfbetrieb 1949 wieder aufgenommen werden.

Die Schanzenanlage Trotz der Umbauten war die Schanze veraltet. Der Rat der Gemeinde beschloss gemeinsam mit der Sektion Ski der Sportgemeinschaft Lauscha den Bau einer neuen Anlage unter modernsten Gesichtspunkten. Die neue Schanzenanlage sollte sowohl für Wettkämpfe im Spitzensport als auch als Trainingsanlage im Kinder- und Jugendbereich geeignet sein. Unter Leitung der ehrenamtlichen Trainer Greiner-Willibald und Zitzmann war 1949 ein kleiner Sprunghügel neben der Schanze zu einer Kleinschanze für Kinder umgebaut worden, auf der im Februar 1950 die DDR-Meisterschaft für Junge Pioniere stattfand. Mit Eberhard Walther, der am 1. September 1956 das Training hauptamtlich übernahm, wurden eine Kinderschanze (Pionierschanze) K 23, eine Jugendschanze K 40 und die große Schanze K 74, die ein Anlaufgerüst bekam, projektiert. Auch weil die Vorgängeranlage in dieser Hinsicht problematisch gewesen war, wurde nun besonderes Augenmerk auf eine gesundheitsschonende Gestaltung des Radius vom Aufsprunghang zur Auslaufzone gelegt. Beim Aufbau der Dreischanzenanlage, der 1956 begann, leisteten die Mitglieder der Sektion Wintersport der damaligen BSG Chemie Lauscha im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes mit einfachen Baugeräten 40.000 freiwillige und unbezahlte Arbeitsstunden. Im Februar 1957 wurde erstmals die Jugendschanze für DDR-Jugendmeisterschaften genutzt. Am 21. Dezember 1958 wurde die neue große Schanze eingeweiht, auf der von da an regelmäßig nationale und internationale Wettkämpfe ausgetragen wurden.

Ab 1959 wurde der Sprungrichterturm auf die Ostseite der Anlage verlegt, in den folgenden Jahrzehnten ausgebaut und durch weitere Tribünen, Türme und Weitenmessanlagen ergänzt. Von Mitte der 1960er bis in die 80er Jahre zeichnete der Architekt Walter Otto für die Projektierung und Bauleitung bei baulichen Veränderungen verantwortlich. 1969/70 wurde der eingestürzte Schanzentisch der großen Marktiegelschanze als Stahlkonstruktion neu errichtet. 1971 entstand eine Kleinstschanze K 8 für Anfänger. Gleichzeitig wurde ein Schlepplift in Eigenleistung gebaut, der alpin genutzt wurde, aber auch die Skispringer zum Anlaufgerüst bringen konnte. Das marode Holzanlaufgerüst wurde 1973/74 durch eine moderne Stahlkonstruktion mit einem Starthaus ersetzt. Das Anlaufprofil wurde so gestaltet, dass die Marktiegelschanze internationalen Ansprüchen besser gerecht wurde. Auch der Aufsprunghang wurde modifiziert und den Veränderungen der Sprungstile angepasst. Das bereits 1971 hierfür erteilte FIS-Zertifikat wurde bis 1976 verlängert und im Abstand von fünf Jahren bis heute erteilt.

Modernisierungsmaßnahmen Durch kleinere Umbauarbeiten an der großen Marktiegelschanze wurden 1991 die Voraussetzungen für ein erneutes FIS-Zertifikat geschaffen, das 1992 erteilt wurde. 1993 erhielt die Schanze eine Beschneiungsanlage. Dafür wurden ein Wasserspeicherbecken gebaut, Rohre vom Speicherbecken über den Schanzenhang bis zum Anlaufgerüst verlegt und 1994 eine Kompressorenanlage installiert. Unter dem Schanzentisch wurde eine Seilwinde eingebaut, die eine Walze über den Aufsprunghang bewegt, die den Schneebelag verfestigt. Der Wertungsrichterturm für die Jugendschanze wurde am alten Standort erweitert und mit Innenräumen ausgestattet. 1997 überschrieb die Stadt Lauscha die Schanzenanlage dem Wintersportverein 08 Lauscha e. V. Somit war der Weg frei, Fördermittel zu beantragen und auch größere Sponsoren zu gewinnen. Wieder wurden umfangreiche Baumaßnahmen in Angriff genommen, so die Neuprofilierung der Schanzen K 10 bis K 47. Für den Sommerbetrieb auf Matten wurde eine neue Bewässerungsanlage installiert. Auch die große Schanze bekam ein neues Profil.

mini|links|Schanzenanlage im Marktiegel im Januar 2016 Zuletzt wurde die Schanze im Sommer 2005 im größeren Umfang modernisiert. Den Sprungturm zeichnet heute ein Aufwärmraum aus, der außerhalb der Wettkämpfe als Multiraum, u. a. zu 3D-Skisprungsimuationen genutzt wird. Daneben ist die Schanze mit einer optischen und einer akustischen Startsignalanlage ausgestattet. Die Normalschanze erfüllt alle Standards für internationale Wettbewerbe. Bei der FIS wird sie mit der Zertifikatsnummer 56/GER geführt. Auch die kleineren Schanzen entsprechen modernsten Anforderungen. Die K-47-Schanze besitzt seit Juni 2005 eine Edelstahlanlaufspur. Sie wurde 2011 bis 2013 modernisiert und unter dem Namen „Schwabenschanze“ wieder eröffnet. Im November 2012 wurde die Abstützungen zwischen den Aufsprunghängen erneuert. Die K 10, 15 und 27 m-Anlagen erhielten 2008 Edelstahlanlaufspuren. Sie werden zum Training und für Wettkämpfe in den Schüler-Altersklassen genutzt. Mit finanzieller Unterstützung durch den Thüringer Skiverband entstand 2012 an Stelle der abgerissenen alten Anlage ein Schlepplift.

Wettbewerbe mini|Helmut Recknagel, Harry Glass und Werner Lesser bei den X. Deutschen Skimeisterschaften 1959 in Lauscha Die Marktiegelschanze war von Anfang an als eine Sprunganlage konzipiert, die den jungen Wintersportort Lauscha in die Lage versetzen sollte, Skisportveranstaltungen im größeren Rahmen zu veranstalten. Das erste Wettspringen 1911 war der Auftakt zu regelmäßigen Wettkämpfen bei erweiterten Ortsmeisterschaften. Höhepunkt waren die zweiten Südthüringer Meisterschaften 1914.

Der Erste Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung. Der Wintersport kam nahezu zum Erliegen. Erst in den zwanziger Jahren wurden die Wettkämpfe wieder aufgenommen. 1929 wurde Lauscha gemeinsam mit dem Nachbarort Ernstthal mit der Ausrichtung der Thüringer Meisterschaften betraut. 1931 richteten Lauscha und Ernstthal gemeinsam die Deutschen Skimeisterschaften aus. Die Organisatoren begrüßten am 6. Februar 1931 die ca. 25.000 Gäste bereits am Bahnhof Lauscha mit überlebensgroßen Eis- und Schneeplastiken (Tiere des Thüringer Waldes). Die Sprungläufe wurden jeweils auf der 1928 errichteten „Pappenheimer Schanze“ (K 65) in Ernstthal durchgeführt. Erich Recknagel sprang den Schanzenrekord von 66 m. Doch auch die Marktiegelschanze war neu profiliert worden und 1932 wurden die Meisterschaften des Gaues Südthüringen nach Lauscha vergeben. Dem folgten regionale Skifeste. 1937 fanden die Thüringer Meisterschaften in Lauscha statt. Diesmal wurde auf der Marktiegelschanze gesprungen.

Am 19. März 1939 verunglückte der Skispringer Werner Gössinger bei den 26. Lauschaer Skiwettkämpfen tödlich. Die Schanze wurde gesperrt. Thüringenweit gab es ab 1941 keine Wettkämpfe mehr. Die Sportausrüstungen und Skier wurden für die Wehrmacht konfisziert. Der Zweite Weltkrieg löschte erneut eine Sportlergeneration fast vollständig aus.

Erst nach dem Ende des Krieges und einem Umbau 1948 begann langsam wieder der Wettkampfbetrieb. 1949 fand in Lauscha die erste Thüringer Meisterschaft nach dem Krieg statt. Ab 1951 übernahm die Sektion Wintersport der BSG Chemie Lauscha, die aus dem Wintersportverein hervorgegangen war, die Aufgaben einer Schwerpunktsektion, deren Ziel es war, Nachwuchssportler für die Leistungszentren der international startenden Sportclubs der DDR heranzubilden, wofür sie die völlig neu konzipierte Dreischanzenanlage und die Kleinschanzen errichtete und nutzte. Der erste größere Wettkampf auf der neuen Anlage wurde im Februar 1957 im Rahmen von DDR-Jugendmeisterschaften ausgetragen. Die Jugendschanze wurde als zweite Schanze in Thüringen mit den von Hans Renner entwickelten Kunststoffmatten belegt. Am 22. September 1957 fand darauf das erste Mattenspringen statt, das Helmut Recknagel gewann. Dies war der Auftakt zum jährlichen Springen um den Pokal der Stadt Lauscha auf Matten.

Im Februar 1959 wurden in Lauscha die X. Deutschen Skimeisterschaften in den nordischen Disziplinen ausgerichtet. 55.000 Besucher erlebten die Skispringer Harry Glaß, Helmut Recknagel und Werner Lesser (damals im ASK Brotterode) in Bestform. Diesmal schufen die Lauschaer über 100 Schneeplastiken. Von 1960 bis 1987 war die Marktiegelschanze neben der Inselbergschanze und der Schanzenanlage im Kanzlersgrund Bestandteil der Thüringer Schanzentournee, 1970, 1974 und 1977 fand hier jeweils ein Springen der internationalen Springertournee der Freundschaft statt. 1976 und 1984 wurden in Lauscha DDR-Meisterschaften veranstaltet. Im Jugendbereich war die Anlage im Marktiegel bis zur Wende mit den Schanzen im Königstal in Cursdorf und den Friedrich-Fröbel-Schanzen in Oberweißbach Teil der Werner-Seelenbinder-Tournee im Sommer und Wettkampfstätte für Kreis- und Bezirksspartakiaden im Winter.