Furmanowo () ist der Name dreier ehemals eigenständiger – heute nicht mehr existenter – Ortschaften (bis 1945 Klein Dexen, Schlawitten und Wonditten) in der russischen Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg (Preußen)). Sie gehörten bis 2009 zum Orechowski sowjet (Dorfsowjet Orechowo (Althof, Kreis Preußisch Eylau)) im Rajon Bagrationowsk (Preußisch Eylau).
Geographische Lage Die heute Furmanowo genannten Orte liegen in der historischen Region Ostpreußen, etwa sechs bis sieben Kilometer westlich der Stadt Bagrationowsk (Preußisch Eylau).
Klein Dexen mini|Klein Dexen (Kl. Dexen), südlich von Königsberg i. Pr. und westnordwestlich von Preußisch Eylau, auf einer Landkarte von 1910 Klein Dexen (; im Gegensatz zu dem 1 Kilometer nördlich gelegenen Groß Dexen, heute russisch Nagornoje) bestand bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Vor 1945 war es eine Landgemeinde im Landkreis Preußisch Eylau im Regierungsbezirk Königsberg in der preußischen Provinz Ostpreußen.
Die Landgemeinde Klein Dexen wurde 1928 durch den Zusammenschluss mit dem (teilweisen) Gutsbezirk Preußisch Eylau (Forst) und den Gutsbezirken Körnen (heute polnisch), Lölken und Pilzen (heute russisch: Dubrowka) gebildet. 1930 wurde die Gemeinde Klein Dexen in den Amtsbezirk Dexen eingegliedert, bis 1938 der Zusammenschluss der Landgemeinden Klein Dexen und Wonditten mit den Gemeinden Orschen (heute polnisch: Osry), Bornehnen (heute russisch: Bogatowo) und Klaussen (heute russisch: Dubrowka) zum neuen Gutsbezirk Stablack (Gartenstadt Stablack, heute russisch: Dolgorukowo) erfolgte. Dieser wiederum wurde dann in den neugebildeten Amtsbezirk Stablack eingegliedert, der bis 1945 bestand.
Nordöstlich des Dorfes errichtete man nach 1939 ein Stammlager (Stalag I A) mit Baracken für Kriegsgefangene, die zum Arbeitseinsatz auf die umliegenden Dörfer verteilt wurden. Später hat man hier auch Männer und Frauen interniert.
Im Frühjahr 1945 wurde südlich der Gemeindegrenze von Klein Dexen die vorläufige russisch-polnische Nachkriegs-Verwaltungsgrenze gezogen. Klein Dexen erlebte das Schicksal fast aller hier – noch dazu am Rande eines Truppenübungsplatzes – angesiedelten Dörfer und konnte nicht überleben. Eine Kriegsgräberstätte südöstlich des Dorfes erinnert heute an die Kriegsereignisse. Eine Bushaltestelle „im Grünen“ ohne Häuser scheint heute als einzige die Stelle zu markieren, an der sich einst Klein Dexen befand.
Kirche Dorfkirche mini|Kirche Klein Dexen, um etwa 1895, Ostseite Um 1317 wurde die Klein Dexener Kirche errichtet und fand 1320 ihre erste urkundliche Erwähnung. Sie überdauerte mehr als sechs Jahrhunderte, bis sie Ende der 1930er Jahre der Erweiterung des Truppenübungsplatzes Stablack (heute russisch: Dolgorukowo) Platz machen musste. Genealogie-Tagebuch: Der letzte Gottesdienst in Klein Dexen. Publiziert am 9. Oktober 2023 von Irmi Gegner-Sünkler Ihre Inneneinrichtung verbrachte man in die Kirche in Stablack, die 1937 gebaut worden war. Als diese nach 1945 zum Pferdestall und Kinosaal zweckentfremdet wurde, ging die Ausstattung verlustig. In den 1980er Jahren vernichtete man auch die letzten Steinreste des Klein Dexener Gotteshauses.
Lediglich die 1710 in Königsberg (Preußen) (heute russisch: Kaliningrad) gegossene Kirchenglocke konnte überleben. Genealogie-Tagebuch: Die Kirchenglocke von Kl. Dexen. Publiziert am 6. September 2012 von Irmi Gegner-Sünkler Zwar wurde sie zu Beginn des Krieges 1940 zum Einschmelzen für Munitionszwecke eingezogen, doch blieb sie erhalten und wurde auf einem Glockenfriedhof in Hamburg wieder aufgefunden. Am 6. Februar 1952 wurde sie in der Kreuzkirche in Nordhorn nahe der niederländischen Grenze eingeholt. Mit dabei war Pfarrer Hans Hoehne aus Neuenhaus, Sohn des viertletzten Klein Dexener Pfarrers Erdmund Johannes Hoehne.
Kirchspiel Das vorreformatorische und seit der Reformation evangelische Kirchspiel Klein Dexen gehörte ursprünglich zur Inspektion Bartenstein (heute polnisch: Bartoszyce) und kam erst später zum Kirchenkreis Preußisch Eylau (heute russisch: Bagrationowsk) in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. Es zählte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 5.000 Gemeindeglieder.
Im Jahre 1938 musste der Pfarrsitz von Klein Dexen in die neu angelegte Gartenstadt Stablack (heute russisch: Dolgorukowo) verlegt werden, als das Klein Dexener Gotteshaus aufgrund der Anlage eines Truppenübungsplatzes nicht mehr benutzt werden konnte.
Die Gemeindeglieder waren auf 32 Orte verteilt, die heute – sofern noch vorhanden – auf russischem und auch auf polnischem Staatsgebiet liegen (* = Schulorte): Alkehnen (russisch) Bornehnen (russisch: Bogatowo) Domtau (russisch: Dolgorukowo) Dulzen (polnisch: Dulsin) Görken* (russisch: Dubrowka) Graventhien (russisch: Kamyschewo,seit 1993: Awgustowka) Groß Dexen (russisch: Nagornoje) Grundfeld (russisch: Tschapajewo) Heinrichsbruch (polnisch: Szklarnia) Heinrichswalde (polnisch: Wężykowo) Hussehnen* (russisch: Pogranitschnoje) Jerlauken (russisch: Petrowskoje, seit 1993: Tschapajewo) Klein Dexen (russisch: Furmanowo) Klaussen (russisch: Dubrowka) Körnen (polnisch: Kierno) Leißen (russisch: Dolgorukowo) Lölkenkein russischer Name bekannt (russisch) Orschen* (polnisch: Orsy) Pilzen (russisch: Dubrowka) Pompicken (russisch: Dolgorukowo) Roditten (russisch: Nagornoje) Rositten* (russisch: Bogatowo) Saagen (polnisch: Sigajny) Sausgarten Waldhaus (russisch) Schlauthienen* (russisch: Tschapajewo) Schlawitten (russisch: Furmanowo) Schwadtken (polnisch: Świadki Iławeckie) Skerwitten (russisch) Sodehnen (polnisch: Sodziany) Stablack Forst (russisch: Dolgorukowo) Topprienen* (polnisch: Toprzyny) Wackern (russisch: Jelanowka) Wilhelmshöhe Forst (polnisch) Wonditten (russisch: Furmanowo) Pfarrer Seit der Reformation amtierten bis 1938 in Klein Dexen als Pfarrer: Gregorius Kempe, 1554–1555 Andreas Ciwentius, ab 1569 Alexius Pohl, 1579 Matthäus Dreyritter, 1584–1586 George Andreä, 1586–1607 Johann Lucas, 1607–1648 Johann Partatius Johann Conrad Galendorf, bis 1676 Heinrich Fabricius, 1696–1698 Johann Eberhard Seel, 1698–1725 Christian Friedrich Burckhard, 1725–1749 Christian Zeidler, 1750–1759 Johann Andreas Becker, 1760–1763 Johann Gottfried Meuschen, 1763–1793 Michael Biendarra, 1794–1816 Johann Ernst Theodor Riedel, 1816–1850 Constantin Theodor E. Riedel, 1850–1872 Immanuel Th. E. Tipolt Clemens, 1872–1881 Hans Karl Hermann Leidreiter, 1881–1899 Erdmund Johannes Höhne, 1899–1916 Ludwig Wilhelm Paul Rosenow, 1916–1926 Werner Lehmbruch, 1926–1933 Franz Kolaß, 1934–1938 (danach bis 1945 in Stablack)
Schlawitten Das kleine Dorf Schlawitten lag einen Kilometer südöstlich von Klein Dexen und war sieben Kilometer von Preußisch Eylau (heute russisch: Bagrationowsk) entfernt (). Im Jahre 1910 wurden hier 66 Einwohner registriert.
Im Jahre 1928 wurde Schlawitten in die Landgemeinde Wonditten eingegliedert und gehörte als dessen Ortsteil zunächst zum Amtsbezirk Dexen, ab 1938 zum Amtsbezirk Stablack (russisch: Dolgorukowo) im Landkreis Preußisch Eylau im Regierungsbezirk Königsberg der preußischen Provinz Ostpreußen.
Kirchlich gehörte Schlawitten bis 1938 zum Kirchspiel Klein Dexen, danach zum Pfarrsprengel Stablack, aber weiterhin zum Kirchenkreis Preußisch Eylau in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union.
Nach Beendigung der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs in der Region wurde die nördliche Hälfte Ostpreußens von der Sowjetunion in eigene Verwaltung genommen, während die südliche Hälfte der Volksrepublik Polen zur Verwaltung überlassen wurde. Die unmittelbare Lage im Gebiet der russisch-polnischen Nachkriegs-Verwaltungsgrenze besiegelte nach 1945 auch das Schicksal von Schlawitten, das fast spurlos verschwunden ist.
Wonditten Wonditten war das kleinste der nach 1945 Furmanowo genannten drei Dörfer. Im Jahre 1910 lebten hier 52 Einwohner. Die Entfernung nach Klein Dexen betrug zwei Kilometer, und bis zur Stadt Preußisch Eylau (heute russisch: Bagrationowsk) waren es sechs Kilometer ().
Wonditten gehörte seit 1874 zum Amtsbezirk Dexen. 1928 wurde der Ort Schlawitten eingemeindet, und 1938 erfolgte die Überstellung in den Amtsbezirk Stablack (heute russisch: Dolgorukowo) innerhalb des Landkreises Preußisch Eylau im Regierungsbezirk Königsberg der preußischen Provinz Ostpreußen.
Auch diesem Dorf bereitete die im Frühjahr 1945 von der Sowjetunion vorgenommene Grenzziehung zwischen den russischen und polnischen Verwaltungsgebieten unmittelbar an der südlichen Gemeindegrenze das Ende.
Verkehr Die Orte waren bis 1945 über die deutsche Reichsstraße 128 (die heutige russische Fernstraße A 195) und die Bahnlinie von Königsberg (Preußen) über Rastenburg (heute polnisch Kętrzyn) nach Prostken (Prostki) (heute von Kaliningrad nur bis Bagrationowsk) zu erreichen.
Literatur Klein Dexen, Dorf, Kreis Preußisch Eylau, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Klein Dexen (meyersgaz.org) Körnen, Rittergut, Kreis Preußisch Eylau, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Körnen (meyersgaz.org) Schlawitten, Gut, Kreis Preußisch Eylau, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Schlawitten (meyersgaz.org) Wonditten, Dorf, Kreis Preußisch Eylau, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912 (meyersgaz.org) Adolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen. Band 2: Die Bau- und Kunstdenkmäler in Natangen. 1898, S. 65–66 (Google Books). Agathon Harnoch: Chronik und Statistik der evangelischen Kirchen in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Nipkow, Neidenburg 1890, S. 50 (Google Books). Friedwald Moeller: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945. Teil 1: Die Kirchspiele und ihre Stellenbesetzungen. Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen, Hamburg 1968 (Sonderschriften des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e.V. 11, ).
Weblinks Amtsbezirk Dexen (Territorial) Kreisgemeinschaft Preußisch Eylau Ostpreussen.net
Einzelnachweise
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