Der Skeptizismus in der Philosophie ist eine Denkrichtung, die sich durch Zweifel an der Möglichkeit gesicherter Erkenntnis auszeichnet. Skeptizistische Philosophen hinterfragen, ob Menschen tatsächlich Wissen über die Welt erlangen können, und stellen die Grundlagen von Wissen, Überzeugungen und Wahrheit infrage. Der Skeptizismus hat eine lange Geschichte und tritt in verschiedenen Formen und Intensitäten auf.

In der klassischen philosophischen Tradition bezeichnet Skeptizismus das systematische Hinterfragen von Überzeugungen, nicht bloßen Zweifel, als Grundprinzip des Denkens. Skeptiker stellen die Möglichkeit einer Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit entweder infrage oder schließen sie prinzipiell aus. In der Alltagssprache wird der Ausdruck als Euphemismus für grundsätzliche Infragestellung verwendet, wobei die ursprüngliche Betonung der kritischen Untersuchung und Forschung in den Hintergrund tritt.

Über den Begriff Begriffsgeschichte Das Wort Skeptizismus ist eine gelehrte Entlehnung, die aus dem altgriechischen Begriff abgeleitet wurde, der von abstammt; sképsis bedeutet „Betrachtung, Untersuchung, Prüfung“; zugrunde liegt das Verb „schauen, spähen, betrachten, untersuchen“. Entsprechend waren antike Skeptiker solche, die eine Sache von allen Seiten untersuchten, um deren Beschaffenheit festzustellen. Sie wurden im Hinblick auf ihre Untersuchungen und Überlegungen „Kundige“, altgriechisch genannt, später auch als Sophisten () beziehungsweise Philosophen () bezeichnet.Vergleiche Wilhelm Pape: Griechisch-Deutsches-Handwörterbuch. Bd. 2. – Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Hamburg 2000. Neuauflage 2010. – Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2006.

Die Neigung der Skeptiker, Dinge genau zu untersuchen, führte zu prinzipiellen Bedenken gegen alles, was sich nicht untersuchen ließ. Dazu gehörten alle Aussagen, die über sinnliche Phänomene hinausgingen. Daher wurde menschliches Wissen in Frage gestellt. Um sich nicht festzulegen, bediente man sich einer unparteiischen Sprache und vermied Floskeln wie „es steht fest“, „ich bin sicher, dass“.Vergleiche Dietmar Heidemann: Der Begriff des Skeptizismus: Seine systematischen Formen, die pyrrhonische Skepsis und Hegels Herausforderung. Berlin/New York (Gruyter) 2007, S. 1–12. – A. A. Long, D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Stuttgart/Weimar 2006, S. 15–19. –„Gegen Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts existiert in Alexandria eine förmliche Schule der »empirischen Ärzte«, welche die Erörterungen ihrer »dogmatischen« Fachgenossen über die Krankheitsursachen als aussichtslos aufgaben und sich an die Erfahrung, d. h. genaue und häufige Beobachtung hielten.“ Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Bd. 1, Leipzig 51919, S. 171–177. – Zum Sprachgebrauch eines Skeptikers vergleiche auch die Äußerungen Humes im Treatise. 1.4.7.15: „Manchmal, wenn mir etwas ins Auge springt, überwältigt mich eine spontane Augenblicksempfindung und dann schreibe ich: ‚das ist klar, das ist sicher, das ist unstrittig,‘ … etc. Es ist aber nur diese momentane Empfindung, die mich dazu veranlasst, und nicht weil ich dogmatisch denke, wie man mir hier unterstellen könnte.“

Noch für Erasmus von Rotterdam war ein Skeptiker kein Zweifler. Er schrieb um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert:Zitiert nach Elisabeth Gutjahr: Studien zu didaktischen Leitvorstellungen in den Traditionen von Skepsis und Rhetorik. Würzburg 2004, S. 94.

Philosophen der Gegenwart, die sich auf die altgriechische Wortbedeutung von Skepsis beziehen, charakterisieren Skepsis als „gemeinschaftliche Untersuchung einer Aspektvielfalt“ eines Gegenstandes und halten diese Sachlichkeit für die beste Möglichkeit, philosophieren zu lernen.Vergleiche Erwin Schadel: Skepsis – Ermöglichung oder Verhinderung menschlicher Ursprungserfahrung? Ein Vergleich antiker und neuzeitlicher Positionen. S. 101. In: Martin Götze, Albert Mues: Philosophie als Denkwerkzeug: zur Aktualität transzendentalphilosophischer Argumentation. Festschrift für Albert Mues zum 60. Geburtstag. Würzburg 1998, S. 101–118. – Raúl Richter: Einführung in die Philosophie. Berlin/Leipzig 1920, S. 6.

In den Jahrhunderten zwischen 700 und 1000 geriet die antike Skepsis fast in Vergessenheit. Der führende Kirchenlehrer Augustinus, der sich vor seiner Taufe mit dem Skeptizismus vertraut gemacht hatte, kritisierte diesen bald darauf. „Skeptiker sind unglücklich, weil sie die Wahrheit nicht kennen“, schrieb Augustin 386 in seiner philosophischen Frühschrift Über das Glück. Es war sein persönliches Fazit aus der Zeit seiner Zugehörigkeit zu den Akademikern.Augustinus, Über das Glück, 2, 13–15 In seiner kurz darauf entstandenen Schrift Gegen die Akademiker widerlegte Augustinus die skeptischen Sichten im Detail. Diese Schrift diente vielen in den Jahrhunderten danach als Fundgrube für Argumente gegen den Skeptizismus. Wissenschaften, Moral und Lebenspraxis wurden von der christlichen Religion und deren Gewissheiten beherrscht. In der Übergangszeit vom Mittelalter über die Renaissance zur Neuzeit wurde wieder an die antike Skepsis angeknüpft.Vergleiche Richard Popkin, The History of Scepticism from Erasmus to Descartes. Assen, 1960. Verschiedene, erweiterte Neuausgaben. Zuletzt als: The History of Scepticism from Savonarola to Bayle. 2003, S. 17–43. Die von Montaigne wiedererweckte antike Skepsis ist eine Haltung, die alles fragwürdig macht, die aber auch alles fragwürdig lässt und die Möglichkeit von Gewissheit leugnet und so einen Gegensatz sowohl zu Glauben als auch zu Wissen darstellt.Richard Toellner: Zum Begriff der Autorität in der Medizin der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin., Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 159–179, hier: S. 167 f.

Skeptizismus und Dogmatismus Der Dialog zwischen Skeptikern und Dogmatikern zog sich durch die ganze Zeit der Antike bis zur Zeit der hellenistischen Philosophen. Die Skeptiker gingen davon aus, dass die menschliche Sinneswahrnehmung zwar die einzige philosophisch akzeptable Sachlichkeit ermöglichte, unsere Sinne jedoch kein getreues Abbild der Welt lieferten. Dogmatiker wie der Stoiker Zenon dagegen gingen vom Gegenteil aus. Fast allen Philosophen war gemeinsam, dass die Welt der Götter dem Menschen nicht zugänglich sei. Platon war die Ausnahme: Er postulierte in seiner Ideenlehre, dass der Mensch Zugang zu „ewigen Wahrheiten“ habe. Seine Nachfolger in der Akademie, Arkesilaos und Karneades, haben diese Auffassung als unhaltbar verworfen und ihre eigene Skepsis praktiziert.Vgl. A. A. Long, D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Stuttgart/Weimar 2006, S. 1–8. – Entsprechendes findet sich auch in vielen gängigen Philosophiegeschichten.

Da die Vertreter des Skeptizismus bezweifeln, dass es ein Wahrheitskriterium gibt, steht der Skeptizismus jeder Art im Gegensatz zum Dogmatismus. Als Dogmatismus bezeichnen die Skeptiker alle Richtungen, deren Vertreter behaupten, beweisbare, richtige Aussagen über eine objektive Wirklichkeit machen zu können. Logisch-argumentativ wird der skeptische Widerspruch folgendermaßen formuliert: Zum Beweis einer Hypothese müsse stets Unbewiesenes vorausgesetzt werden. Auch diese Voraussetzung müsse beweisbar sein. So komme man zu einer unendlichen Kette von Beweisen. Außerdem gebe es zu jeder Behauptung eine gegenteilige Behauptung, die mit ebenso einleuchtenden Argumenten vertreten werden kann (Isosthenie); damit sei alles Wissen der Dogmatiker als Scheinwissen zu entlarven. Im Gegensatz zu den Empirikern, Rationalisten und Realisten bestreiten Skeptiker, dass es grundlegende, evidente Wahrheiten gebe, die so offenkundig sind, dass sie jedem zugänglich seien. Etwas anders formulierte zu diesem Thema Richard Rorty folgendes: Das Interesse an der Wahrheit Platons hat nachgelassen. Menschliches Handeln wird heute nicht mehr ontologisch fundiert. Menschen gehen heute von 'intuitiven Vorstellungen' aus, die sich auf 'menschenwürdiges Handeln' beziehen.Vgl. Richard Rorty: Wahrheit und Fortschritt. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main 2003, S. 246–249.

Der Skeptizismus ist nicht auf eine Aussage darüber festgelegt, ob es etwas Wahres gibt; Skeptizisten machen nur Aussagen über die verschiedenen Aspekte einer Sache, über die nachgedacht wird.Moderne Philosophen wie David Hume, Ernst Mach, Fritz Mauthner, Richard Rorty u. a. sind Beispiele dafür. Skeptiker stellen keine objektsprachlichen Behauptungen über wirkliche Sachverhalte auf, weil sie dafür einen Wahrheitsbeweis erbringen müssten. Sie stellen metasprachliche Behauptungen über Aussagen ihrer Gegner auf. D. h. der dogmatische Sprachgebrauch wird am Maßstab der Sache kritisiert.Wie weitreichend derartige Untersuchungen sind zeigt sich am Beispiel der Arbeit von Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache, 3 Bde., 1901 ff. – Die antiken Sprachuntersuchungen des Protagoras und Gorgias sind verloren gegangen.

Vertreter des deutschen Idealismus unterstellten den Skeptikern, dass sie eigentlich Dogmatiker seien. Fichte interpretierte die skeptische Idee, von den Sachen auszugehen und in der Folge, die Erkenntnis der Wahrheit auszuschließen, als skeptisches Dogma.Klaus Hammacher, Richard Schottky, Wolfgang H. Schrader, Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft (Hrsg.): Theoretische Vernunft. Amsterdam 1993 S. 7 f. Von dem US-amerikanischen Soziologen Marcello Truzzi wurde 1987 die Bezeichnung Pseudoskeptizismus für dogmatischen Skeptizismus geprägt.

Weitere Begriffsbestimmungen Hegel nannte die Skepsis im Zusammenhang mit seinen Ausführungen über den Skeptizismus „die freie Seite jeder Philosophie“. 1793 hatte Karl Leonhard Reinhold erwähnt, dass es noch nie so viele vieldeutige Bestimmungen des Skeptizismus gegeben habe wie zu seiner Zeit.Klaus Vieweg: Die freie Seite einer jeden Philosophie – Skepsis und Freiheit. In: Brady Bowman, Klaus Vieweg (Hrsg.): Die freie Seite der Philosophie. Skeptizismus in Hegelscher Perspektive. Würzburg 2006, S. 9. Häufig wird Skeptizismus mit einer bloß erkenntnistheoretischen Zweifelslehre oder mit Relativismus gleichgesetzt. Er wird auch als Synonym für die eigentliche Philosophie verwendet oder mit einer bestimmten, ausgezeichneten Gestalt der Philosophie identifiziert oder als Variante von Nicht- oder Unphilosophie angesehen.

Die meisten Philosophiehistoriker halten den Zweifel für ein zentrales Merkmal skeptischen Philosophierens. Michel de Montaigne und René Descartes gehörten zu den ersten, die in diesem Sinne philosophierten. Beide kamen ausgehend vom Zweifeln zu jeweils unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Seit dem 17. Jahrhundert wird der Begriff 'Skeptizismus' in den Philosophiegeschichten als philosophiehistorische Kategorie verwendet.Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Hamburg 2000. Neuauflage 2010. Stichwort: Skeptizismus.