miniatur|Clemens Brentano(1778–1842)
Italienische Märchen sind elf Erzählungen, die Clemens Brentano in den Jahren zwischen 1805 und 1811Quelle, S. 547 unten bis 548 oben auf der Grundlage des Pentameron von Giovanni Battista Basile schrieb.Schultz anno 1999, S. 92 oben Aus der Tabelle in der Übersicht geht zu jedem Märchen seine italienische Vorlage hervor. Bis auf das Gockel-Märchen, das im November 1837 erschien,Schultz anno 1993, S. 265, letzter Eintrag zum Jahr 1837Feilchenfeldt, S. 157, Eintrag November 1836 hat Brentano diese Märchen zwar teilweise überarbeitet,Zum Beispiel arbeitete Brentano im April 1835 an einer Neufassung des Fanferlieschens (Schultz anno 1993, S. 265, zweiter Eintrag zum Jahr 1835). doch nicht veröffentlicht. Einen Monat vor seinem Tode überließ der Dichter die Märchenmanuskripte Guido Görres zur Edition. Dieser gab 1846 die Rheinmärchen bei Cotta in Stuttgart und Tübingen heraus. Darin sind das Myrtenfräulein und der Witzenspitzel mit abgedruckt.FBA 17, S. 392, 2. Z.v.o. und S. 455, 3. Z.v.u.
Übersicht BrentanoBasileDas Märchen von den Märchen oder Liebseelchen – Rahmenhandlung des PentameronSchultz anno 1999, S. 108, 6. Z.v.o.Das Märchen von dem Myrtenfräulein – Der HeidelbeerzweigSchultz anno 1999, S. 109, 11. Z.v.u.Das Märchen von dem WitzenspitzelSchultz anno 1999, S. 109, 11. Z.v.u.Das Märchen von RosenblättchenWerner (Quelle, S. 549, 3. Z.v.o.) weist auf Motive aus Schneewittchen und Dornröschen hin. – Die KüchenmagdSchultz anno 1999, S. 111, 3. Z.v.o.Das Märchen von dem Baron von Hüpfenstich – Der FlohSchultz anno 1999, S. 112, 5. Z.v.o.Das Märchen von dem DilldappSchultz (anno 1999, S. 113, 13. Z.v.u.) weist auf Motive aus Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack hin. – Der wilde MannSchultz anno 1999, S. 113, 5. Z.v.o.Das Märchen von Fanferlieschen SchönefüßchenRiley (S. 124 unten) verweist auf weiter führende Untersuchungen zu dem Märchen: O. Seidlin (Göttingen 1972), C. Träger (Leipzig 1977) und Jürg Mathes (1978). Schultz (anno 1999, S. 213) nennt noch Rolf Spinnler (Frankfurt am Main 1990). – Der Dracheund die Genovefa-Legende (Schultz anno 1999, S. 114, 3. Z.v.o.)Das Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf SöhnenRiley (S. 124 unten) verweist auf weiter führende Untersuchungen zu dem Märchen: H. Rölleke (1977 und Bonn 1980) sowie J. Zipes (1977). – Die fünf SöhneWeitere Quellen Brentanos sind: Das Märchen von den drei Brüdern aus Le Piacevoli notti (Straparola) sowie der Simplicissimus, der (Wilhelm Grimm), die Tell-Sage und der Laufner Don Juan (Schultz anno 1999, S. 116, 7. Z.v.o.).Das Märchen von Gockel und HinkelRiley (S. 124 unten) verweist auf weiter führende Untersuchungen zu dem Märchen: W. Schellberg (Münster 1903), K. Viëtor (1931), C. M. Rychner (Winterthur 1956), W. Frühwald (1962), V. Herzog (Zürich 1967), O. Seidlin (Bern 1973) und L. O. Frye (1978). Schultz (anno 1999, S. 213) nennt noch Ralf Simon (1992). – Der HahnensteinSchultz anno 1999, S. 117, 9. Z.v.u.Das Märchen von Komanditchenwahrscheinlich nach 1812 geschrieben (Schultz anno 1999, S. 124, 5. Z.v.u.)Schultz anno 1999, S. 124, 6. Z.v.u.Das Märchen von Schnürlieschen – Rahmenhandlung des PentameronSchultz anno 1999, S. 109, 8. Z.v.o.
Inhalt Das Märchen von den Märchen oder Liebseelchen Prinzessin Liebseelchen ist immer still und traurig und wird deshalb am Hof Trübseelchen genannt. Ihr Vater, der König von Schattenthanien, versucht sie durch viele lustige Inszenierungen zum Lachen zu bringen, doch ohne Erfolg. Schließlich kommt er auf die Idee, einen Öl-Springbrunnen auf dem Platz vor dem Palast bauen zu lassen, so dass am Neujahrstag seine ihm huldigenden Untertanen ausrutschen und dadurch seine Tochter erheitern. Dies gelingt schließlich: Eine als französische Mademoiselle Pimpernelle verkleidete Hexe fällt bei ihrem theatralischen Auftritt aus ihrer Sänfte, weil ihre Pagen ausgleiten. Wegen ihres Lachens verflucht Pimpernelle die Prinzessin: Du lachst über mich, Liebseelchen! Du sollst weinen über mich, Trübseelchen! Denn keinen andern Mann sollst du haben Als einen, der ist schon längst begraben: Aus dem kalten Grab von Marmorsteinen Sollst du den Prinzen Röhropp herausweinen! Diesen Fluch gibt dir die Mademoiselle Zephise Marquise de Pimpernelle.Quelle, S. 314, 5. Z.v.o. Liebseelchen reitet sogleich auf ihrem Schimmel aus der Stadt, um Röhropp zu suchen und zu erlösen. Auf dem Weg hilft sie drei alten Frauen; diese bedanken sich dafür mit drei Wünschelnüssen, die das Mädchen aus Notsituationen retten könnten. Die Prinzessin gelangt zum marmornen Bild eines Ritters und erfährt aus einer Inschrift, was zu tun ist, um den Prinzen aus seinem Todesschlaf zu wecken. Sie denkt an Trauriges und füllt mit ihren Tränen ein Krüglein fast bis zum Rand, dann schläft sie vor Erschöpfung ein. Die Mohrin Rußika hat sie beobachtet und nutzt die Situation aus, das Gefäß vollständig zu füllen, was ihr wegen ihrer Gefühlskälte bisher aus eigener Kraft nicht gelang. Sie weiß, dass sie als Lohn für die Befreiung Königin wird. Röhropp hält Wort und zieht mit ihr in einem prächtigen Triumphzug in sein Schloss. Liebseelchen ist zuerst verzweifelt, reist dann in die Residenzstadt, kauft sich gegenüber dem Palast ein Haus und macht mit durch die Nüsse herbeigezauberten Attraktionen, einen Papagei, eine goldene Hühnerschar und eine Puppe, welche goldenen Kleider spinnen kann, Rußika auf sich aufmerksam. Diese will die Kostbarkeiten unbedingt besitzen und droht dem Prinzen, ihren gemeinsamen Sohn, den niemand außer ihr sehen darf, zu töten, wenn er ihre Wünsche nicht erfüllt. Röhropp schickt zuerst Pagen und besucht beim dritten Mal selbst Liebseelchen, die durch seinen Bericht von dem Betrug erfährt. Die Spinnpuppe fordert jedoch von der Mohrin, für ihre Arbeit 50 Märchen (siehe Tabelle oben) zu hören, andernfalls würde sie die Wahrheit verraten. Der Prinz muss im ganzen Land nach Erzählerinnen suchen lassen. Zehn werden ausgewählt, um abends im Schlossgarten ihre schönsten Geschichten vorzutragen. Jungfer Elsefinger beginnt mit Das Märchen von dem Myrtenfräulein. Der Leser des Fragments stellt sich Fragen: Wie endet die Geschichte? Hat Rußika dem Prinzen Röhropp wirklich ein Prinzchen geboren? Dieser hat es bisher nie zu Gesicht bekommen, weil es angeblich vom Sonnenlicht blind wird. Folgt man Brentanos italienischer Vorlage, dann würde Liebseelchen als Letzte ihre eigene Geschichte erzählen und damit zur Rahmenhandlung zurückführen: Röhropp erfährt so die Wahrheit über seine Wiederbelebung, lässt zur Strafe Rußika lebendig begraben und heiratet seine Retterin.
Das Märchen von dem Myrtenfräulein Unglücklicherweise bleiben der Töpfer und seine Frau in sandigen Flachlande des Prinzen Wetschwuthverballhornter Wedgwood (Werner, Quelle, S. 548, 10. Z.v.u.) kinderlos. Da weht der Wind der Töpfersfrau ein junges Myrtenreis auf das Kopfkissen. Das Ehepaar pflanzt, hegt und pflegt das Zweiglein. Beide gewinnen die heranwachsende Myrte so lieb, dass sie ohne das Bäumchen nicht mehr leben könnten. Als der Prinz davon erfährt, wird er krank vor Sehnsucht nach dem Bäumchen. Das Töpferpaar weiß einen Weg. Es zieht samt Gewächs in den Palast der porzellanenen Hauptstadt. Zu seinem Entzücken wird der Prinz gewahr, dass das Myrtenfräulein, die Tochter des Töpfers und seiner Frau, in dem Bäumchen wohnt und es auch zeitweise verlassen kann. Neun Damen bei Hofe – jede glaubt, sie würde die Prinzessin werden – hintertreiben die beabsichtigte Hochzeit Wetschwuths mit dem Myrtenfräulein. Sie locken die Schöne aus ihrer Wohnung, hacken sie in Stücke und begraben die sterblichen Überreste. Nachdem der Prinz bei dem Töpfer und seiner Frau um die Hand der Tochter angehalten hat, erkennen die drei das Unglück. Durch Hege und Pflege ziehen sie aus dem Grabhügel ein neues Myrtenbäumchen. Endlich kann Wetschwuth das Myrtenfräulein heiraten. Die Frau schenkt ihm das kleine Myrtenprinzchen. Zur Strafe werden die neun Mordfräulein von der Erde verschlungen.
Das Märchen von dem Witzenspitzel miniatur|Witzenspitzel kehrt vom Kleiderraub ins Schloss zurück. Kurz zuvor ist der Löwe des Riesen bei der Verfolgung durch eine List des Edelknaben gegen das noch geschlossene Tor gerannt. Der kluge und geschickte Edelknabe Witzenspitzel vermag jeden Auftrag des Königs von Rundumherum zu erledigen und wird deshalb von diesem geliebt und beschenkt. Deshalb hat er viele Neider am Hof, die ihm seine Arbeit erschweren und ihm Misserfolge wünschen. Als Rundumherum zur Gebietserweiterung um die Königin des benachbarten Reiches, Frau Flugs, wirbt, bekommt er von dieser zur Antwort, sie habe noch weitere Verehrer. Wer am nächsten Montag um halb zehn als erster in der Kirche sei, den heirate sie. Die falschen Hofdiener raten nun dem König, zur Lösung der Aufgabe das schnelle Pferd Flügelbein seines Feindes, des Riesen Labelang, von Witzenspitzel stehlen zu lassen, und hoffen, dass dieser bei seiner Aktion umgebracht wird. Aber Witzenspitzel überlistet in der Nacht die Schlafenden und hindert die Diener, Löwe, Bär, Wolf und Hund, durch Fallen und Ablenkungen an der Verfolgung, als er mit dem Pferd davonreitet. Mit dem schnellen Flügelbein wird der König Sieger im Wettbewerb und damit Gemahl von Frau Flugs. Noch zweimal muss sich Witzenspitzel in ähnlicher Weise bewähren. Die Hofleute setzen dem König zuerst den Floh ins Ohr, die prächtigen, aus verschiedenen Pelzen, Federn bzw. Fischhäuten kunstvoll zusammengesetzten Kleider des Riesen zu entwenden, und dann, ihm sein Schloss wegzunehmen. Wieder entwickelt der Edelknabe listige, erfolgreiche Strategien, bei denen allerdings, beim Kleiderraub, die Tier-Diener durch den Jähzorn Labelangs sterben und, beim dritten Streich, die Riesenfamilie durch Witzenspitzel grausam getötet wird: Er hackt während der Abwesenheit des Hausherrn der Frau und ihrem Kind, also Unschuldigen, die Köpfe ab. Den Heimkehrenden begräbt er nach dessen Sturz in eine Fallgrube bei lebendigem Leibe. Als Belohnung darf er Prinzessin Flink, die Tochter der Königin aus erster Ehe, heiraten und mit ihr das Riesenschloss bewohnen.
Das Märchen von Rosenblättchen Die putzsüchtige Prinzessin Rosalina – das ist die Rosen liebende Schwester des Herzogs von Rosmital – will den Prinzen Immerundewig partout nicht heiraten. Eher würde sich ein Kürbis mit einem Rosenstock vermählen. In seiner Not wendet sich der Prinz an seine Tante, die große Zauberkünstlerin Nimmermehr. Die Zauberin führt der Prinzessin die Vermählung des Rosenstocks mit dem Kürbis vor. Rosalina muss ihre Verwandlung zur Kenntnis nehmen. Ihr ist, als wäre sie durch die Zauberkraft der Frau Nimmermehr ein Kürbis geworden. Aus Liebe zu Rosalina hat sich Immerundewig in einen Rosenstock verwandelt. Beider Kind, ein schönes kleines Mägdlein, nennt das Paar Rosenblättchen. Nach Jahren neidet die Mutter der Tochter die Schönheit und stößt ihr einen spitzen Kamm in den Kopf. Hernach legt Rosalina ihr Rosenblättchen in einem Hinterzimmer in einen gläsernen Kasten aus Kristall, versperrt das Zimmer, stirbt und wird unter dem verkümmerten Rosenstock begraben. Der Herzog von Rosmital vermählt sich mit einer schönen, aber nicht gutmütigen Dame. Die neugierige Herzogin kommt dem Geheimnis des verschlossenen Zimmers auf die Spur. Die Frau reißt Rosenblättchen den Kamm aus dem Kopfe. Das Mädchen kann seinen Zauberschlaf beenden, wird fortan von der Herzogin als Sklavin gehalten und arg misshandelt. Der Herzog von Rosmital erkennt den schlechten Charakter seiner Frau und schickt sie zu ihren Eltern zurück. Als Rosenblättchen einen vornehmen Prinzen heiratet, blüht der Rosenstock Immerundewig erneut auf. Das junge Paar wird von Rosenblättchens Eltern gesegnet. Dann entschwinden die Eltern in die Luft.
Das Märchen von dem Baron von Hüpfenstich