mini|Eduard Zuckmayer Eduard Zuckmayer (* 3. August 1890 in Nackenheim (Rheinhessen); † 2. Juli 1972 in Ankara, Türkei) war ein deutscher Musikpädagoge, Komponist, Chor- und Orchesterleiter, Dirigent und Pianist. Er war der ältere Bruder des deutschen Schriftstellers Carl Zuckmayer.Zuckmayer, Eduard. In: Deutsche Biographie, abgerufen am 8. November 2024

Familie mini|hochkant|Familie Zuckmayer im Juli 1906, von links: Carl sen., Amalie, Carl jun., Eduard Eduard Zuckmayer, der namentlich nach seinem Großvater mütterlicherseits getauft wurde, war der erstgeborene Sohn des wohlhabenden römisch-katholischen Weinkapselfabrikanten Carl Zuckmayer und dessen evangelisch-lutherischer Ehefrau Amalie Friederike Auguste (* 6. Juni 1869 in Mainz; † 29. August 1954 in Oberstdorf), geborene Goldschmidt,Geburtsurkunde der Amalie Friederike Auguste Goldschmidt, Nr. 914/1869, Standesamt Mainz; Zitiert nach: Vermerk auf der Heiratsurkunde Nr. 256/1888, Standesamt Mainz, Band II/1888 die am 30. Juni 1888 in Mainz geheiratet hatten.Heiratsurkunde Nr. 256/1888, Standesamt Mainz, Band II/1888; als Trauzeugen verzeichnet: für den Bräutigam dessen Vater, der Rechtsanwalt Jacob Joseph Zuckmayer, für die Braut deren Vater, der Weinzeitungs-Redakteur Eduard Goldschmidt Die Eltern der Mutter, der in Mainz ansässige Redakteur der Deutschen Weinzeitung, Eduard Goldschmidt (* 28. März 1842 in Bingen; † 12. August 1919 in Mainz),Sterbeurkunde Nr. 1297/1919 für Eduard Goldschmidt vom 13. August 1919, Standesamt Mainz und dessen Ehefrau Rosalia (geboren am 23. Februar 1843 in Mainz;Geburtsurkunde No. 204/1843 für Rosalia Canstadt, Standesamt Mainz † 19. März 1917 ebenda),Sterbeurkunde Nr. 532/1917 für Rosalia Goldschmidt, geborene Canstadt, vom 19. März 1917, Standesamt Mainz geborene Canstadt,Heiratsurkunde Nr. 21/1868 vom 12. Februar 1868, Standesamt Mainz; als Trauzeugen verzeichnet: für die Braut deren Onkel, der Fleischer Bernhard Metzger (geboren am 10. März 1825 in Mainz), außerdem die nicht mit den Brautleuten verwandten Trauzeugen: der Großherzogliche Gerichtsvollzieher Ferdinand Simon, der Privatier Tobias Lazarus Lehmeyer (geboren im Januar 1798; gestorben am 2. September 1871 in Mainz) und der Banquier [Bankier] Hugo Pollitz (geboren am 13. Mai 1841), alle in Mainz wohnhaftGeburtsurkunde Nro. 205/1825 des Bernhard Metzger, ausgestellt am 10. März 1825, Standesamt MainzSterbeurkunde No. 1599/1871 des Tobias Lazarus Lehmeyer, ausgestellt am 3. September 1871, Standesamt MainzGeburtsurkunde No. 538 des Hugo Pollitz, ausgestellt durch das Standesamt Mainz am 14. Mai 1841 waren in jungen Jahren vom Judentum zum Christentum (hier: Protestantismus) konvertiert; Eduard Goldschmidt war evangelischer Kirchenrat.Ursula Bopp und Frieder Stauder: Carl Zuckmayer und Nackenheim (= Nackenheimer Heimatkundliche Schriftenreihe, Heft 17). Heimat- und Verkehrsverein Nackenheim e. V. (Hrsg.), Verlag Incipit, Nackenheim 1998, ISBN 3-9803857-2-8, S. 11 Eduard Zuckmayer wurde im Sinne seines Vaters römisch-katholisch erzogen,Eduard Zuckmayer. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM). In: Universität Hamburg, Institut für Historische Musikwissenschaft, auf: uni-hamburg.de ebenso sein jüngerer Bruder Carl (* 27. Dezember 1896 in Nackenheim, Rheinhessen; † 18. Januar 1977 in Visp, Kanton Wallis, Schweiz). Ihr Onkel war der Politiker Joseph Zuckmayer.

Schule, Ausbildung und Studium

Ab seinem sechsten Lebensjahr erhielt Eduard Zuckmayer Klavierunterricht, mit zwölf Jahren fing er an, zu komponieren. Nach seiner Reifeprüfung begann er im Jahr 1908 kurzzeitig ein Studium der Rechtswissenschaften und der Musik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. 1909 nahm er in Berlin in Klavier und Komposition Privatunterricht bei dem Pianisten James Kwast und dem Komponisten Robert Kahn. Bis 1914 besuchte er am Konservatorium in Köln die Dirigentenschule Fritz Steinbachs und war ebenda Klavierschüler bei Lazzaro Uzielli.

Militärdienst im Ersten Weltkrieg

Von 1914 bis 1918 nahm er als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil, zuletzt als Angehöriger des XVIII. Armeekorps unter General Viktor Albrecht.Militär-Wochenblatt, Nr. 105/1918, Sp. 2568–2569 Das Kriegsende erlebte er als Leutnant der Reserve und Kompanieführer im 5. Rheinischen Infanterie-Regiment 65 (IR 65). Ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse, wurde er 1918, während der Rückzugskämpfe an der Westfront, schwer verwundet. Wie viele andere Kriegsteilnehmer berief sich Zuckmayer nach dem 30. Januar 1933 vergeblich auf seine Tapferkeitsauszeichnungen, in der Hoffnung, seinen Beruf im NS-Staat weiter fortführen zu können.

Wirken vor der Emigration

mini|hochkant|Schule am Meer im Loog auf Juist: 3. v. links Martin Luserke, Paul Reiner in dunklem Sakko mit Blick zum Fotografen in der Mitte der Gruppe sitzend, Eduard Zuckmayer mittig im Vordergrund mit dem Rücken zum Fotografen sitzend, 2. v. rechts Rudolf Aeschlimann, ca. 1929 mini|hochkant|Eduard Zuckmayer am Cembalo in der Schule am Meer, um 1930 mini|hochkant|Eduard Zuckmayer dirigiert vom Cembalo aus einige Mitglieder des Schulorchesters im Musiksaal der Bühnenhalle der Schule am Meer, ca. 1931 mini|hochkant|Eduard Zuckmayer dirigiert den Chor und das Orchester der Schule am Meer in deren schuleigener Theaterhalle, ca. 1931 1914 bestand er seine Prüfungen als Solopianist und Konzertdirigent mit der Note 1,0 und erlangte damit die Konzertreife. In Köln wurde er mit dem renommierten Franz-Wüllner-Preis ausgezeichnet. Er wirkte ab 1915 als Kapellmeister und Solorepetitor am Stadttheater Mainz. Die Frankfurter Zeitung und andere angesehene Zeitungen rühmten ihn als Dirigenten mit Charisma und einer großen pädagogischen Intuition, als aufkommenden Star am deutschen Musikhimmel.

Im Ersten Weltkrieg sollte er als Künstler in der Etappe eingesetzt werden, was er jedoch ablehnte. Stattdessen diente er zunächst kurzzeitig als Militärmusiker, bis er sich freiwillig für den militärischen Einsatz an der Front meldete. Beim Rückzug der deutschen Truppen aus Frankreich im Jahr 1918 wurde er schwerverwundet. Ein Geschoss zerschmetterte seinen untersten Rückenwirbel und die Sitzknochen, so dass die Splitter in den Darm eindrangen.

Von 1919 bis 1925 lebte Eduard Zuckmayer als freier Pianist, Dirigent und Musiklehrer in Frankfurt am Main. Am 14. April 1920 trat er beispielsweise mit dem Violinisten Max Strub im dortigen Saalbau auf.Stadtchronik 1920. In: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, auf: stadtgeschichte-ffm.de In Frankfurt am Main wurde er im Jahr 1922 von Paul Hindemith damit betraut, dessen Sonate in D für Violine und Klavier op. 11, Nr. 2 zusammen mit Strub uraufzuführen.Andreas Briner: Paul Hindemith. Atlantis, Zürich; Schott-Verlag, Mainz 1971, S. 22 Ulrike Bajohr (Red.): Bin jetzt Ton-Leiter in Ankara (Hörspiel). In: Deutschlandfunk, 17. April 2009

1923 war er Mitbegründer der Gesellschaft für Neue Musik Mainz-Wiesbaden.

Von 1923 bis 1925 leitete er eine Klavierklasse am Konservatorium in Mainz.

Eduard Zuckmayer begeisterte sich für die mit der Jugendmusikbewegung einhergehende Aufwertung der Laienmusik, distanzierte sich vom klassischen Musikbetrieb und brach die vielversprechende künstlerische Laufbahn als Konzertpianist ab.

Stattdessen folgte er 1925 dem Ruf des Sezessionisten der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald, Martin Luserke, ihm als Musikerzieher in das im selben Jahr sehr waghalsig gegründete Landerziehungsheim Schule am Meer auf die ostfriesische Insel Juist zu folgen. Zwischen Wattenmeer und Nordseestrand zählten beispielsweise Felicitas Kukuck, Werner Rings und Jens Rohwer zu seinen Schülern, zu seinen Kollegen u. a. Rudolf Aeschlimann, Fritz Hafner, Walter Jockisch, Friedrich Könekamp, Heinrich Meyer, das Ehepaar Anni und Paul Reiner, Günther Rönnebeck, Gerhart Sieveking sowie Kurt Sydow.

In diesem Internat, in dem „Sport, Laienspiel und Musik wichtige Elemente der pädagogischen Ausrichtung waren und Musikerziehung als »Brückenschlag zwischen Kunst und Leben« verstanden wurde“,Susanne Buchinger: „... und ich danke Gott, bei den Türken zu sein!“ Anmerkungen zu Leben und Werk Eduard Zuckmayers (1890–1972), hektografiertes Manuskript eines Vortrags zur Eröffnung der Ausstellung „Haymatloz“ im Ortsmuseum Nackenheim, 2012 lernte Zuckmayer auch die nominelle Ehefrau seines dortigen Kollegen Walter Jockisch, Gisela (1905–1985), geborene Günther,Carl Zuckmayer: Briefwechsel: Briefe 1935–1977. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004, ISBN 978-3-89244-627-9, S. 122. kennen, eine Journalistin, die ihm später mit ihrer vorehelichen Tochter Michele in die Türkei folgte, wo sie 1947 heirateten.

Im Laufe des Jahres 1933 zeichnete sich ab, dass die Schule am Meer unter der nationalsozialistischen Herrschaft keine Perspektive für einen Fortbestand als autonomes privates Internat haben würde. 1934 wurde die Schule unter dem Druck der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ und des Antisemitismus geschlossen. Zuckmayer wechselte an die Odenwaldschule in das südhessische Ober-Hambach, suchte aber offenbar nach weiteren Optionen. Seine Bewerbung als Musiklehrer an der im April 1934 neu gegründeten Quäkerschule Eerde in der niederländischen Provinz Overijssel, einer Exilantenschule für Diskriminierte und Verfolgte des NS-Staats, wurde aufgrund seiner ausbleibenden Beteiligung am obligatorischen praktischen Arbeiten auf dem Schulareal letztlich abgelehnt.Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. Eine Dokumentationscollage. In: Monika Lehmann, Hermann Schnorbach (Hrsg.): Aufklärung als Lernprozess. Festschrift für Hildegard Feidel-Mertz. dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-7638-0186-3, S. 95.

Im August 1935 schloss ihn die Reichsmusikkammer (RMK) aus „rassischen“ Gründen aus, weil seine Mutter jüdischer Herkunft war. Damit war ein sofortiges und vollständiges Berufsverbot auf musikalischem Gebiet verbunden. Zuckmayer musste sich neu orientieren, blieb aber noch bis 1936 an der Odenwaldschule.

Wirken nach der Emigration Exil in Ankara mini|hochkant|Eduard Zuckmayers Büro in Ankara Paul Hindemith, den Zuckmayer bereits aus den 1920er Jahren kannte, kehrte 1935 von seinem ersten Türkei-Aufenthalt zurück, traf sich mit Zuckmayer in Heppenheim an der Bergstraße und schlug ihm vor, in der Türkei zu arbeiten. Zuckmayer akzeptierte diesen Vorschlag und emigrierte im April 1936 in die Türkei.Ayhan Bakirdögen: Das Fenster zum Bosporus. In: Die Zeit, Nr. 5/2000, 27. Januar 2000. Auf dem Weg machte er in Brissago im Kanton Tessin am Lago Maggiore Zwischenstation bei Anni Reiner (1891–1972),Zeitgenössische Gästeliste Casa Reiner, Brissago, Kanton Tessin, Schweiz; maschinenschriftlich, undatiert, unveröffentlicht der emigrierten Witwe seines ehemaligen Kollegen Paul Reiner. In Ankara, wo sich eine Exilgemeinde namhafter deutscher Wissenschaftler und Künstler versammelt hatte, wurde Zuckmayer auf Empfehlung Paul Hindemiths zunächst Lehrer am Musiklehrerseminar (Musiki Muallim Mektebi) und am staatlichen Konservatorium (Devlet Konservatuar). Er war Leiter des Schulorchesters und des Madrigalchores und zudem Stellvertreter Hindemiths, der mit der Reform des türkischen Musiklebens beauftragt war.

1938 kam seine spätere Ehefrau, Gisela Jockisch (1905–1985), geborene Günther,Carl Zuckmayer: Briefwechsel: Briefe 1935–1977. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004, ISBN 978-3-89244-627-9, S. 122. zusammen mit ihrer Tochter Michaela „Michele“ nachgereist, weil Zuckmayer inzwischen von einer gesicherten Existenz in der Türkei ausgehen konnte. Im selben Jahr wurde er auch zum Leiter der Musikabteilung an der pädagogischen Hochschule Gazi Eğitim Enstitüsü berufen, aus der die heutige Gazi-Universität hervorging.

Internierung und Neubeginn