Die Erdkröte (Bufo bufo) ist ein häufiger und im paläarktischen Raum weit verbreiteter Froschlurch aus der Gattung der Echten Kröten innerhalb der Familie der Kröten (Bufonidae). Nach heutiger Auffassung handelt es sich wahrscheinlich nicht um eine einheitliche biologische Art, sondern um einen Komplex mehrerer Taxa, deren genaue systematische Stellung und Abgrenzung derzeit unklar ist.Dieter Glandt: Taschenlexikon der Amphibien und Reptilien Europas. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2010, ISBN 978-3-494-01470-8.
In der Erstbeschreibung nannte Carl von Linné die Art zunächst Rana bufo, ordnete sie also als „Frosch“ in der Gattung Rana ein.
Die Erdkröte wurde von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) zum Lurch des Jahres 2012 gekürt.
Merkmale mini|Paar der Mittelmeer-Erdkröte (weiße Flecken beim Weibchen) mini|Schwimmende Erdkröte
mini|Älteres Weibchen im Schreitgang
mini|thumbtime=142|Erdkröten im Laichgewässer (Video; Spieldauer 3:42 Min.) Die Körperlänge der Männchen beträgt in Mitteleuropa bis zu neun Zentimeter, die Weibchen werden bis zu zwölf Zentimeter lang. Weibliche südeuropäische Vertreter der (umstrittenen) Unterart Bufo bufo spinosus, die unter anderem spitze Hornwarzen und weiße Flecken aufweisen, können bis zu 15 Zentimeter Kopf-Rumpf-Länge erreichen. Ein laichbereites Weibchen der Nominatform kann ausnahmsweise mehr als 150 Gramm wiegen; die meisten erwachsenen Erdkröten in Mitteleuropa haben jedoch ein Gewicht ungefähr zwischen 30 und 50 Gramm (Männchen) bzw. zwischen 50 und 100 Gramm (Weibchen). Die relativ plumpen Tiere besitzen einen gedrungenen, oberseits von warzigen Hautdrüsen übersäten Körper mit einem breiten, kurzschnauzig gerundeten Kopf. An dessen Hinterseite fallen stark hervortretende, paarige, bohnenförmige Drüsen (Parotiden) auf, die Hautgifte zur Abwehr von Fressfeinden enthalten. Die Oberseite ist meist grau- bis rotbraun; die Männchen sind manchmal schwarzbraun oder auch hell-lehmfarben, während die Weibchen mehr Rotanteile haben. Es können auch, vorwiegend bei Männchen, verwaschen wirkende dunkle Flecken vorhanden sein. Die Unterseite ist bei beiden Geschlechtern schmutzigweiß und dabei durchgehend grau-schwarz gesprenkelt. Die Pupillen sind waagerecht elliptisch geformt, die Iris erscheint kupferfarben bis rotgolden („bernsteinfarben“). Erdkröten haben recht kurze Hinterbeine und bewegen sich auf allen vieren schreitend, bei Beunruhigung aber auch hüpfend vorwärts. Die Männchen können zur Paarungszeit auch an den braunen bis schwarzen Brunstschwielen der jeweils drei inneren Finger erkannt werden. Zudem haben sie kräftigere Vorderbeine, einen flacheren Kopf und bleiben im Durchschnitt kleiner als die Weibchen. Erdkrötenmännchen besitzen, anders als etwa Wechsel- oder Kreuzkröten, keine Schallblasen.
Verbreitung mini|Verbreitung von Bufo bufo (Bufo spinosus ist hier eingeschlossen) Die Erdkröte ist neben dem Grasfrosch, dem Teichfrosch und dem Teichmolch die häufigste Amphibienart in Europa. Sie ist auf fast dem gesamten Kontinent verbreitet und fehlt nur in Irland, auf Island und im äußersten Norden Skandinaviens. Dort erstreckt sich ihr Areal bis zum 68. nördlichen Breitengrad. Auch in den Mittelmeerländern hat die Erdkröte eine weite Verbreitung, fehlt aber auf vielen Mittelmeerinseln wie den Balearen, Korsika, Sardinien, Malta und Kreta. Die Situation in Russland ist insbesondere im asiatischen Teil noch unzureichend dokumentiert, doch ist die Erdkröte auch dort in einem weiten Bereich anzutreffen. Als östlichstes Vorkommen ist heute das sibirische Irkutsk am Baikalsee anzusehen; Angaben über Erdkröten im fernen Osten Russlands bis hin zur Insel Sachalin sowie Japan beziehen sich auf inzwischen ausgegliederte, frühere Unterarten (siehe unten). Auch die Angaben aus Nordwestafrika, im Norden von Marokko, Algerien und Tunesien, sowie von der Iberischen Halbinsel beziehen sich auf die von vielen Autoren inzwischen zur eigenen Art erhobenen Bufo spinosus. Sie gehört damit zu den am weitesten verbreiteten Amphibien überhaupt. In Deutschland kommt die Erdkröte nahezu flächendeckend von den Küsten bis in die Almregion der Alpen vor. Auf den meisten Nordseeinseln fehlt sie allerdings.
Unterarten, Taxa Die Erdkröte gehört in einen Artkomplex nahe verwandter und morphologisch ähnlicher Arten, der „Bufo bufo-Artengruppe“.R. F. Inger: Bufo of Eurasia. In: W. F. Blair (Hrsg.): Evolution in the Genus Bufo. University of Texas Press, Austin/London 1972, ISBN 0-292-72001-7, S. 102–118. Nach neueren Untersuchungen ist diese in eine östliche Artengruppe ostasiatischer Arten, darunter Bufo andrewsi, Bufo bankorensis, Bufo gargarizans, Bufo japonicus und Bufo minshanicusAMNH - American Museum of Natural History: Amphibian Species of the World und eine westliche Artengruppe, der auch Bufo bufo angehört, zu gliedern. Zur westlichen Artengruppe gehören neben Bufo bufo und ggf. Bufo spinosus zwei weitere Arten, die 2008 aus dem Talysch-Gebirge in Aserbaidschan und Iran beschriebene Bufo eichwaldiS. Litvinchuk, L. Borkin, D. V. Skorinov, J. M. Rosanov: A new species of common toads from the Talysh mountains, south-eastern Caucasus: genome size, allozyme, and morphological evidences. In: Russian Journal of Herpetology. Band 15, 2008, S. 19–43. und die auf den Kaukasus beschränkte „Kaukasuskröte“ (Bufo verrucosissimus).
Folgt man der Ausgliederung von Bufo spinosus als eigener Art, besitzt die Art außer der Nominatform Bufo bufo bufo keine Unterarten mehr.
Die im mediterranen Bereich Europas, Kleinasiens und Nordwestafrikas morphologisch unterschiedene Unterart Mittelmeer-Erdkröte (Bufo bufo spinosus), welche größer und mit spitzen Hornwarzen und weißen Flecken versehen sein soll, ist nach neueren Untersuchungen in der früheren Form nicht aufrechtzuerhalten. Nach phylogenomischen Untersuchungen, anhand des Vergleichs homologer DNA-Sequenzen und nach Vergleich von Allozymen wurden die Erdkrötenpopulationen der iberischen Halbinsel, Nordwestafrikas und Frankreichs (südwestlich einer Verbindungslinie zwischen Caen und Lyon) sowie der Kanalinsel JerseyJan W. Arntzen, John W. Wilkinson, Roland Butôt, Íñigo Martínez-Solano: A new vertebrate species native to the British Isles: Bufo spinosus Daudin, 1803 in Jersey. In: Herpetological Journal. Band 24, Nr. 4, 2014, S. 2099–2216. von Ernesto Recuero und Kollegen 2012 als Bufo spinosus zur eigenen Art erhoben.E. Recuero, D. Canestrelli, J. Vörös, K. Szabó, N. A. Poyarkov, J. W. Arntzen, J. Crnobrnja-Isailovic, A. A. Kidov, D. Coga˘lniceanu, F. P. Caputo, G. Nascetti, I. Martínez-Solano: Multilocus species tree analyses resolve the radiation of the widespread Bufo bufo species group (Anura, Bufonidae). In: Molecular Phylogenetics and Evolution. Band 62, 2012, S. 71–86, doi:10.1016/j.ympev.2011.09.008. Joan Garcia-Porta und Kollegen konnten anhand eigenständiger Daten dieselbe Differenzierung finden, behielten aber den Unterartrang der iberischen/nordafrikanischen Gruppe als Bufo bufo spinosus in neuer Abgrenzung bei.J. Garcia-Porta, S. N. Litvinchuk, P. A. Crochet, A. Romano, P. H. Geniez, M. Lo-Valvo, P. Lymberakis, S. Carranza: Molecular phylogenetics and historical biogeography of the west-palearctic common toads (Bufo bufo species complex). In: Molecular Phylogenetics and Evolution. Band 63, 2012, S. 113–130, doi:10.1016/j.ympev.2011.12.019. Obwohl es sich im Wesentlichen um morphologisch kaum unterscheidbare Kryptospezies handelt, sind nun auch morphologische Erkennungsmerkmale angegeben worden: Die bei Ansicht des Kopfs von oben divergent zueinander stehenden Parotiden sowie die Form der metatarsalen Tuberkel beim Männchen.J. Arntzen, J. McAtear, E. Recuero, J. Ziermann, A. Ohler, J. van Alphen, I. Martínez-Solano: Morphological and genetic differentiation of Bufo toads: two cryptic species in Western Europe (Anura, Bufonidae). In: Contributions to Zoology. Band 82, 2013, S. 147–169, doi:10.1163/18759866-08204001. Tiere aus dem östlichen Mittelmeergebiet, die früher ebenfalls zur Unterart spinosus gerechnet wurden, gehören hingegen zur Nominatform von Bufo bufo; hier waren auch Versuche erfolglos, morphologische Differenzierungsmerkmale zu finden.Natalija Čađenović, Tanja Vukov, Ester Popović, Katarina Ljubisavljević: Morphological differentiation of the common toad Bufo bufo (Linnaeus, 1758) in the central part of the Balkan Peninsula. In: Archives of Biological Sciences. Band 65, Nr. 2, 2013, S. 685–695, doi:10.2298/ABS1302685C. Die Tiere sind zwar im Süden etwas größer, aber die Merkmale variieren klinal.
Der Unterartstatus der in der zentralspanischen Sierra de Gredos beheimateten Bufo bufo gredosicola gilt als umstritten; möglicherweise handelt es sich lediglich um eine Hochgebirgsform von spinosus. Nach genetischen Untersuchungen ist die Unterart nicht gerechtfertigt.Inigo Martinez-Solano, Elena G. Gonzalez: Patterns of gene flow and source-sink dynamics in high altitude populations of the common toad Bufo bufo. In: Biological Journal of the Linnean Society. Band 95, 2008, S. 824–839, doi:10.1111/j.1095-8312.2008.01098.x.
Lebensraum mini|Erdkröte unter Wasser im Vierwaldstättersee Als Landlebensräume besiedeln sie ein breites Spektrum von Biotopen, das von Wäldern über halboffene Landschaften aus Wiesen, Weiden und Hecken bis zu naturnahen Gärten reicht. Besonders bevorzugt werden krautreiche Wälder (vor allem Laub- und Mischwälder) ohne völligen Baumkronenschluss; im geschlossenen Hochwald ist die Siedlungsdichte etwas geringer. Auch Überflutungsauen werden nicht völlig gemieden, sind aber weniger günstig. Im Vergleich zu anderen Amphibienarten kommt die Erdkröte häufiger auch in wechselfeuchten bis trockenen Wäldern vor. Streuobstwiesen und parkartige Landschaften werden wegen der abwechslungsreichen Strukturen besonders gerne bewohnt. Auch in trockeneren Habitaten (beispielsweise Weinbergen, Sandgruben) wird die Art angetroffen, meidet jedoch stark trockenwarme Stellen.
Ihr Auftreten in Siedlungsgebieten, Parks, Gärten, Schrebergärten, Hinterhöfen, feuchten Kellern, Ruinen und Friedhöfen rechtfertigt die Bezeichnung „Kulturfolger“. Sogar inmitten von Städten kann man Erdkröten antreffen. Ungeeignet als Lebensraum sind vor allem intensiv genutzte Ackerlandschaften ohne Feldgehölze, flurbereinigte Weinberge und großflächige Nadelholz-Monokulturen. Auch dort, wo großflächig Laichgewässer fehlen, kann die Art nicht existieren.
Als Fortpflanzungsgewässer werden vor allem mittelgroße bis größere Weiher, Teiche und Seen genutzt. Mit großer Stetigkeit werden Stillgewässer im Wald oder in Waldnähe besiedelt. Seichte und verlandende Kleingewässer werden von der Erdkröte aber gemieden; ein ausreichend großer freier Wasserkörper ist Voraussetzung für die Nutzung als Laichhabitat. Die Wassertiefe sollte dabei 50 Zentimeter nicht unterschreiten; ein schwacher Durchfluss wird toleriert. Wegen der Ungenießbarkeit der Larven laicht die Erdkröte im Gegensatz zu anderen Amphibien auch erfolgreich in Fischteichen.
Lebensweise Die Erdkröte ist ein wechselwarmes Tier, das im Allgemeinen dämmerungsaktiv ist. Tagsüber ruhen die Tiere unter Steinen, zerfallenen Mauern, Totholz, Laub, Gebüschen oder in selbst gegrabenen Erdlöchern.
Den Winter verbringen Erdkröten in selbst gegrabenen Erdhöhlen in der Winterstarre. Falls ihr Winterquartier kurz von Frost betroffen ist, überleben Kröten durch eine Art salzbasiertes Frostschutzmittel in ihrer Körperflüssigkeit. Es versagt erst, wenn die Temperatur mehrere Grad unter Null sinkt, was den Tod der Kröte bedeutet.Frühaufsteher in frostiger Zeit: Die Erdkröte BUND, Hessen, abgerufen am 1. September 2024
Fortpflanzung mini|links|100px|Entwicklungsstufen einer älteren Kaulquappe bis hin zur fertig metamorphosierten Kröte mini|Erdkrötenpaare beim Ablaichen (man beachte die zwischen die Zweige gespannten Laichschnüre); links ist allerdings eine Fehlpaarung aus Grasfrosch und Erdkröte zu beobachten.