Das Römerlager Dangstetten ist ein ehemaliges römisches Militärlager der XIX. Legion nebst einigen ihrer Auxiliartruppen. Es wurde nach den augusteischen Alpenfeldzügen (15 v. Chr.) angelegt und ausweislich von Münzfunden (9 v. Chr.) wieder aufgegeben. Das heute durch den Kiesabbau nicht mehr existente Bodendenkmal liegt in der Gemarkung Dangstetten, einem Ortsteil der Gemeinde Küssaberg im Landkreis Waldshut und befindet sich im Süden Baden-Württembergs, nahe der Grenze zur Schweiz.

Aufgrund des umfangreichen Befund- und Fundaufkommens wertet die provinzialrömische Archäologie Dangstetten als einen der wichtigsten Fundplätze: „Die zufällige Entdeckung von Bauresten bei Dangstetten im Jahre 1967 und die anschließende Rettungsgrabung erbrachte für die frührömische Geschichte Süddeutschlands völlig neue Erkenntnisse.“Dieter Planck: 500 Jahre Römerforschung in Baden-Württemberg in: Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau, Begleitband zur Ausstellung des Landes Baden-Württemberg im Kunstgebäude Stuttgart, Hrsg.: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Esslingen am Neckar 2005, S. 24. ISBN 3-8062-1945-1.

Entdeckung Der Garnisonsplatz wurde im Frühjahr 1967 durch den Heimatforscher und Mitarbeiter des Denkmalpflegeamtes Baden-Württemberg in Freiburg, Alois Nohl, entdeckt,Liselotte Noth: Funde zeugen von altem Heereslager. In: Südkurier vom 19. Dezember 2009; abgerufen am 30. Dezember 2009. zu einem Zeitpunkt, zu dem „etwa ein Viertel des gesamten Lagerareals […] von der Kiesgrube zerstört“ war.Gerhard Fingerlin: Rheinheim – Dangstetten. Ein Legionslager aus frührömischer Zeit, Sonderdruck der Fa. Gebr. Tröndle Kieswerk, Rheinheim-Dangstetten, aus Archäologische Nachrichten aus Baden, Heft 6, April 1971, S. 4. Gerhard Fingerlin, der damalige Leiter der Archäologischen Denkmalpflege, ließ aufgrund der Zusendung von Gefäßscherben durch Nohl das Areal für den weiteren Kiesabbau sperren. Durch Absprache mit der Firma, die den Abbau betrieb, gelang es, koordiniert und systematisch vorzugehen.

Da der bisher noch nicht zerstörte Bereich des Garnisonsplatzes von späterer Überbauung frei geblieben war, konnte in den folgenden Jahren nahezu die gesamte noch vorhandene Lagerfläche archäologisch ergraben werden. Die Ausgrabungen dauerten mit Unterbrechungen bis 1988 und lieferten wichtige Einblicke in Planstruktur und Bauweise eines römischen Militärlagers in der frühen Zeit römischer Operationen nördlich der Alpen.

Der Begriff „Römerlager“ Dangstetten sei bei Begehungen der Ausgrabungen zusammen mit dem Geschichtsverein Hochrhein entstanden. In Einladungen und kleineren Veröffentlichungen wurde der Fundplatz vom langjährigen Vorsitzenden Fritz Schächtelin so benannt.Fritz Schächtelin: Der Geschichtsverein Hochrhein e. V., Waldshut-Tiengen. Das Porträt eines südbadischen Geschichtsvereins. In: Heimat am Hochrhein. Jahrbuch des Landkreises Waldshut. 1992, S. 141. Er ist seither in der Öffentlichkeit fest verankert, zumal der wissenschaftliche Begriff Vexillationslager als Verbund verschiedenartiger Truppenteile nicht nachweisbar ist.

Lage Das römische Militärlager Dangstetten lag auf einer Hochterrasse am Hochrhein in einer bogenförmigen Niederung, die von der südlichen Hügelkette des Randen umschlossen und heute von der Gemeinde Küssaberg eingenommen wird. Es befand sich östlich der Straße von Rheinheim nach Dangstetten im Gewann „Auf dem Buck“.

In der Antike lag das Lager nördlich gegenüber einer vermutlich schon bestehenden Siedlung (die spätere Römerstadt Tenedo). Nach dem Flussübergang bauten die Römer vermutlich schon zur Zeit der Existenz des Lagers eine Brücke. Die Größenordnung des Lagers und die von der neueren Forschung auch angenommene Straßenbau-Aktivität zumindest bis zur „Wutach-Linie“ sowie die gleichzeitige Zerstörung des keltischen Oppidums in der Rheinschleife bei Rheinau machen umfangreiche logistische Maßnahmen plausibel:

Mit den Alpenfeldzügen „hatte Augustus die Voraussetzungen zur geplanten Eroberung Germaniens bis zur Elbe geschaffen. Zu diesem Zweck wurden die römischen Truppen bis 12 v. Chr. aus dem Inneren Galliens an den Rhein sowie in das Alpenvorland verlegt, von wo aus sie nach Osten und Norden vorstießen.“Martin Kemkes: Vom Rhein an den Limes und wieder zurück. Die Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. In: Hrsg.: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg: Roms Provinzen, 2005, S. 44.

Geschichte mini|Das Imperium vor den Alpenfeldzügen

Historischer Horizont Zur Zeit der Bildung des Brückenkopfes bei Dangstetten befand sich das römische Reich unter Kaiser Augustus nahe dem Höhepunkt seiner Macht – der Mittelmeerraum wurde bereits vollständig beherrscht. Den Osten hatte Oktavian (vor seiner Machterhebung als ‚Augustus‘) mit dem Sieg über seinen Konkurrenten Marcus Antonius und die ägyptische Königin Kleopatra VII. gesichert. Gallien – das keltische Kerngebiet – war bereits durch Gaius Iulius Caesar erobert worden und die letzte akute ‚Problemzone‘ war der Nordosten Europas, Germanien und Illyrien. Der strategische Ansatzpunkt konnte nur die Nahtstelle zwischen den beiden ‚ungesicherten‘ Bereichen sein: Das nördliche Voralpenland.

Das Zielgebiet mini|Keltisch-rätisches Gebiet vor den Alpenfeldzügen. Nur Augusta Raurica/Kaiseraugst als römische Gründung

Das Voralpenland wurde von keltischen und rätischen Stämmen bewohnt – die Kelten im westlichen Bereich waren bereits durch die Eroberung Galliens (58 bis 49 v. Chr.) unter römische Kontrolle geraten. Die keltischen Helvetier hatten 58 v. Chr. einen Auswanderungsversuch durch Südfrankreich (römische Provinz Gallia Narbonensis) in Richtung Atlantikküste unternommen, waren jedoch von Caesar in der Schlacht bei Bibracte westlich der Rhone vernichtend geschlagen und wieder in ihre Herkunftsregion zurückgeschickt worden. Cäsar wollte die keltische Voralpenregion möglichst als ‚Pufferzone‘ gegen die Germanen erhalten. Da die Helvetier stark dezimiert waren, wurden weite Gebiete (eventuell unter Einbezug des Schwarzwaldes) von einem römischen Geographen als Helvetier-Einöde beschrieben.

Die Räter im nordöstlichen Alpenvorland hingegen waren noch unabhängig und ihnen wurden auch zahlreiche Einfälle und Plünderungszüge ins römische Norditalien zugeschrieben.

Strategie unter Augustus „Seit den 20er Jahren [v. Chr.] wurde die Eroberung des Alpenraumes vorbereitet, eine längst überfällige Maßnahme, die schon Caesar geplant hatte. Soweit es die südlichen Alpenregionen betraf, spielte die Notwendigkeit, Oberitalien vor den Überfällen der Raeter zu schützen, gewiß eine Rolle, die Dimension des ganzen Unternehmens kann aber nicht nur mit defensiven Absichten erklärt werden. Die Alpen sind, strategisch betrachtet, vor allem ein Transitgebiet. Die Römer wollten die Pässe in ihre Hand bekommen, um rasch Truppen zwischen Italien, Gallien und den Donauländern verschieben zu können. Wäre es ihnen nur um die Sicherheit Italiens zu tun gewesen, hätte der Ausbau der Alpenrouten wenig Sinn ergeben, da er einem Angreifer die Überwindung der schützenden Gebirgskette nur erleichtert hätte. Die Römer wollten jedoch auch das nördliche Voralpengebiet besetzen, da sich sonst ein lästiger Knick in der Verbindung zwischen der Rheingrenze und den Truppen in Illyrien und Moesien ergeben hätte. Ferner konnte man die Germanen, die fortlaufend Gallien bedrohten, vom Voralpengebiet aus in der Flanke packen.“Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus, Band 33, Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 1986, S. 80. ISBN 3-8053-0886-8.

In letzter Konsequenz verfolgte Augustus eine defensive Strategie; der Norden konnte jedoch erst durch offensive Operationen gesichert werden. Das Unternehmen begann ab 25 v. Chr. durch zwei Feldzüge in den West- und Ost-Alpen zur Flankensicherung und darauf folgend 15 v. Chr. die Hauptoffensive zur Besetzung des Alpenvorlandes, die zur Einrichtung des Brückenkopfes zwischen den heutigen Ortschaften Dangstetten und Rheinheim führte.

Alpenfeldzug Ziel dieses Feldzuges, der als Zangenbewegung mit einer weiter im Osten operierenden Heeresgruppe unter Drusus angelegt wurde, war neben der Besetzung des Alpenvorlandes – mit der vorläufigen Abgrenzung entlang des Hochrheins – die Eroberung des Gebiets nördlich des Bodensees bis hin zur Donau. Damit war dann die Lücke zwischen dem bereits von Caesar eroberten Gallien und der römischen Provinz Noricum im Osten geschlossen und damit wurde auch eine schnelle Ost-West-Truppenverschiebung sowie der Zugriff auf Germanien von Süden her ermöglicht.

15 v. Chr. „fand der große Alpenfeldzug statt, an dem zwei Armeen mit jeweils zwei bis drei Legionen des gallischen bzw. des oberitalisch-illyriischen Heeres teilnahmen. 14 v. Chr. folgte schließlich die Unterwerfung der Ligurer in den Seealpen.“Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus, Band 33, Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 1986, S. 81.

mini|Nach den Alpenfeldzügen war das westliche Voralpenland ‚Helvetii‘ (unterer grüner Bereich) Gallien zugeordnet sowie der (lila) Bereich ‚Raetia et Vindelicia‘ besetzt.

Die westliche Heeresgruppe, die unter dem späteren Kaiser Tiberius von Gallien aus über Augusta Raurica operierte, konnte sich bereits auf eine römische Logistik im Helvetiergebiet stützen (mit Zentrum in Vindonissa/Windisch). Sie setzte nach einem Seegefecht über den Bodensee und traf danach auf die Armee des Heerführers Drusus, der die raetischen Stämme unterwarf und nach einer Schlacht gegen die Vindeliker das Land bis zum Donaubogen besetzte.

Die Einrichtung des Brückenkopfes mit dem Lager bei Dangstetten wurde von der Armee des Tiberius ausgeführt, zu dessen Einheiten die XIX. Legion zählte.

Brückenkopf Dangstetten Der Flussübergang mit dem Doppelkastell Kirchlibuck-Sidelen bei Bad Zurzach/Rheinheim wurde nicht aus kurzfristigen, taktischen Gründen vorgenommen – hier wurde eine ‚uralte‘ Handelsroute (und bereits ein ‚Heerweg‘) gesichert; mit einer weiteren Fährstelle bei Kadelburg und einer Rheinfurt bei Ettikon. Neben lokalen Überlieferungen bestätigen dies auch jüngere archäologische Forschungen (auch durch erneute Fundauswertungen):

„Dangstetten liegt direkt am rechtsrheinischen Ufer, an einem sicher schon früher genutzten Rheinübergang. Man darf sich die Frage stellen, ob das Lager allein für Operationen nach Norden genutzt wurde, oder ob nicht der Schutz der Wasserstraße Rhein mit dem Rheinübergang eine ebenso wichtige Rolle spielten.“ Und in Bezug auf das nahegelegene Vindonissa ist „stationiertes römisches Militär […] ab dem 2. Jahrzehnt v. Chr. gesichert. Offensichtlich hat man diesen […] Platz auch im Zusammenhang mit Versorgung und Logistik genutzt.“Stefanie Martin-Kilcher: Archäologische Spuren der römischen Okkupation zwischen Alpen und Hochrhein in: Gustav Adolf Lehmann/Rainer Wiegels: Über die Alpen und über den Rhein, Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Band 37, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2015, S. 270 und 261. ISBN 978-3-11-040830-0.

Das helvetische Alpenvorland war bis zur Höhe Bodensee schon ein bis zwei Jahrzehnte vor dem Feldzug mit einem Netzwerk römischer Stützpunkte versehen, die einen reibungslosen Ablauf zumindest des westlichen Heereszuges gewährleisteten; auch die geographischen Verhältnisse waren den Römern bekannt und der Rheinübergang entlang der ‚Hauptstraße‘ nach Norden langfristig vorbereitet.