Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch ist der Titel einer vierteiligen und aus insgesamt zehn Einzelbänden bestehenden Buchreihe des deutschen Schriftstellers Walter Kempowski. Die Bücher bestehen aus einer Collage von Tagebüchern, Briefen, autobiografischen Erinnerungen sowie Fotografien aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Neben bekannten Tagebüchern wie jenen von Thomas Mann oder Ernst Jünger sowie den Darstellungen führender Nationalsozialisten und Politikern der Alliierten umfasst die Collage zahlreiche zuvor unveröffentlichte Aufzeichnungen von Soldaten, Zivilisten, Widerstandskämpfern, Tätern und Opfern des NS-Regimes, die Kempowski seit Jahrzehnten in seinem privaten Archiv gesammelt hatte. In der chronologisch geordneten und unkommentierten Gegenüberstellung von Aufzeichnungen aus unterschiedlichen Perspektiven dokumentiert das Echolot die Gleichzeitigkeit einer Vielfalt von Ereignissen wie Sichtweisen während des Zweiten Weltkriegs.
Der erste Teil des Echolots erschien im Jahr 1993. Er umfasst in vier Bänden Einträge aus den Monaten Januar bis Februar 1943. Dieselben Monate im Jahr 1945 behandelte der zweite Teil, der 1999 unter dem Titel Fuga furiosa veröffentlicht wurde. Der 2002 erschienene Einzelband Barbarossa ’41 ist chronologisch gesehen der Beginn der Reihe und enthält Aufzeichnungen aus dem Zeitraum Juni bis Dezember 1941. Den Abschluss des Werks bildete der Abgesang ’45 aus dem Jahr 2005. Wiederum in einem Band fokussiert er sich auf vier Daten im April und Mai 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Erstausgaben aller Teile erschienen im Albrecht Knaus Verlag. Das Echolot wurde von der deutschsprachigen Literaturkritik sehr positiv aufgenommen und mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Es gilt neben Kempowskis Deutscher Chronik als Hauptwerk des Autors.
Inhalt
Januar und Februar 1943
mini|Großkundgebung im Berliner Sportpalast mit Plakaten zum Totalen Krieg am 18. Februar 1943 Der erste Teil des Echolots konzentriert sich in insgesamt vier Bänden auf den Zeitraum 1. Januar bis 28. Februar 1943. Kempowski kommentierte die Terminierung: „Damals hatte das Dritte Reich nach innen und außen den Höhepunkt seiner Macht erreicht und war im Begriff, ihn zu überschreiten […] – es ist überraschend, wie oft sich in Notizen und Briefen aus dieser Zeit schon die Frage findet: Ob das gut geht? Man hatte das Gefühl, daß der Bogen überspannt war: Und genau hier setze ich mit dem Echolot ein.“Volker Hage: Walter Kempowski. Bücher und Begegnungen. Knaus, München 2009, ISBN 978-3-8135-0337-1, S. 101. In den Zeitraum der Bände fällt die Casablanca-Konferenz, der Untergang der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad, die Sportpalastrede Joseph Goebbels’ mit dem Aufruf zum Totalen Krieg sowie die Hinrichtung der Geschwister Scholl aus der Widerstandsgruppe Weiße Rose.
Die Aufzeichnungen sind chronologisch geordnet, jeder Tag ergibt ein Kapitel. Dadurch liegt der Fokus weniger auf dem Verfolgen eines Einzelschicksals als in der vom Autor arrangierten Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Erfahrungen der verschiedenen Menschen. Längere Zwischentexte trennen die einzelnen Kapitel, auch sie nicht aus der Feder Kempowskis, von dem nur das Vorwort stammt. Der erste Eintrag jeden Tages stammt aus dem Bulletin von Adolf Hitlers Leibarzt Theo Morell. Die letzten Einträge sind den Notizen Heinrich Himmlers und dem Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von Danuta Czech entnommen.
Fuga furiosa. Winter 1945
mini|Flüchtlingstreck aus Ostpreußen im Februar 1945 Der zweite Teil des Echolots ist erneut auf vier Bände aufgeteilt und behandelt den Zeitraum vom 12. Januar bis zu den Bombenangriffen auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Dazwischen liegen Hitlers Rückzug in den Führerbunker, die Großoffensive der Roten Armee, die darauf folgende Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten sowie die Vergewaltigungen der deutschen Zivilbevölkerung, die Todesmärsche von KZ-Häftlingen und die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, der Untergang der Wilhelm Gustloff und die Konferenz von Jalta.
Kempowskis Absicht war, „Ursache und Wirkung direkt nebeneinander zu stellen. [Es] kreuzen sich die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen mit den langen Elendszügen der Häftlinge“, um die Leidenden zusammenzuführen. Dabei sah er sich als Chronist der in der deutschen Literatur zuvor wenig thematisierten Bombenangriffe und Flüchtlingsströme auch als Tabubrecher: „Wir müssen auch das erzählen dürfen.“ Neben den Einzelberichten aus dem ersten Teil sind auch offizielle Quellen in die Bände eingearbeitet: Zeitungsmeldungen, das Rundfunkprogramm und Wehrmachtberichte. Zudem wird die deutsche Perspektive um zahlreiche ausländische Aufzeichnungen ergänzt, die Kempowski seit Erscheinen des ersten Teils ausfindig gemacht hatte.
Barbarossa ’41
mini|Mobilmachung sowjetischer Truppen vor Leningrad 1941 In chronologischer Hinsicht kann der dritte Teil des Echolots als sein Prolog aufgefasst werden. Er kehrt zurück ins Jahr 1941. Gegenüber den vorigen Veröffentlichungen hat sich der Aufbau verändert: in lediglich einem Band werden drei größere Zeiträume betrachtet: 21. Juni bis 30. Juni 1941, 1. Juli bis 8. Juli 1941 sowie 7. Dezember bis 31. Dezember 1941. Titelgebend ist das Unternehmen Barbarossa, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni samt den Anfangssiegen in den folgenden Tagen. Es folgen der Beginn der Leningrader Blockade und der Rückzug der deutschen Armee im ersten Kriegswinter Ende 1941. Konsequenter als in den vorigen Bänden werden Berichte beider Kriegsparteien einander gegenübergestellt, kommen neben deutschen auch sowjetische Soldaten sowie die leidende Leningrader Bevölkerung zu Wort. Die Tageseinträge beginnen jeweils mit einem Zitat aus der Bibel, darauf folgen Aufzeichnungen berühmter Schriftsteller. Im Zentrum jedes Tageseintrags stehen die wiederkehrenden Tagebucheintragungen einiger direkt vom Krieg betroffener Menschen, etwa einer Mutter, deren Sohn gefallen ist, eines Arztes und mehrerer Soldaten an der Ostfront, darunter auch die Aufzeichnungen Jochen Kleppers. Am Ende stehen Verweise auf die nationalsozialistischen Verbrechen in Form des Tagebuchs von Adam Czerniaków und der Auschwitz-Aufzeichnungen Danuta Czechs, die teilweise etwa vom Tagebuch eines in der Einsatzgruppe A dienenden SS-Mannes ergänzt werden.
Abgesang ’45
miniatur|Symbolisches Zusammentreffen amerikanischer und sowjetischer Soldaten zum Elbe Day Auch der letzte Teil des Echolots beschränkt sich auf einen Band und wird in der ausführlichen Darstellung weniger letzter Kriegstage zum Epilog des Projekts. Der Band beginnt mit dem letzten Führergeburtstag am 20. April 1945. Es folgen der 25. April, der Elbe Day mit dem ersten Zusammentreffen alliierter Truppen, und der 30. April, der Tag des Suizids Adolf Hitlers. Beschlossen wird der Band durch ein umfangreiches Kapitel zum Kriegsende durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht sowie die Reaktionen bei den Siegermächten und der deutschen Bevölkerung am 8. und 9. Mai 1945.
Eingerahmt sind die Ereignisse durch zwei Gedichte, Ludwig Uhlands Frühlingsglaube („Nun muß sich alles, alles wenden.“) und Friedrich Hölderlins Der Frühling („Der Menschen Thätigkeit beginnt mit neuem Ziele,/ So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.“)
Technik der Collage
In der Motivation seines Werks berief sich Kempowski auf Walter Benjamins unvollendet gebliebene Pariser Passagen, die einst auch als reine literarische Montage von Zitaten geplant gewesen waren, und entlieh Benjamins Maxime: „Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen.“ Die Absicht hinter der Form war laut Dirk Hempel die Objektivierung des subjektiven Erlebens, die Einbettung des Einzelnen in ein Gesamtgeschehen, das Zusammensetzen einer historischen Wahrheit aus einem Mosaik von Einzelwahrheiten. Kempowski beschrieb dieses Verfahren mit einem Vergleich: „Wind ist nur am Kornfeld darzustellen, nicht am einzelnen Halm.“
Trotz des völligen Verzichts auf eine fiktionale Rede gestaltete Kempowski das gesammelte Material. Die einzelnen Tatsachenberichte werden durch seinen Schnitt parallel gesetzt, verstärkt oder kontrastiert, etwa wenn viele Fluchterlebnisse aufeinander folgen oder die Teestunde an die Fronterfahrung, die Geburtstagsfeier an KZ-Grausamkeiten anschließt. Auf diese Weise löst auch das eigentlich unkommentierte Erzählen beim Leser eine beabsichtigte Wirkung aus und lässt diesen Stellung beziehen. In dieser Gestaltung wurde Kempowski für Hempel zum Autor seiner Dokumentation und das Echolot zum literarischen Werk, das über eine reine Materialsammlung hinausreiche.Dirk Hempel: Autor, Erzähler und Collage in Walter Kempowskis Gesamtwerk. In: Carla Ann Damiano, Jörg Drews, Doris Plöschberger (Hrsg.): Was das nun wieder soll? Von Im Block bis Letzte Grüsse. Zu Werk und Leben Walter Kempowskis. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-887-6, S. 27–28, 31.
Sabine Kyora unterschied im Echolot diachrone und synchrone Texte. Zur ersten Kategorie zählte sie Aufzeichnungen wie jene von Thomas Mann oder des Schweizers Wilhelm Muehlon, die den Krieg von außen kommentieren und für den Leser eine Orientierungsfunktion über die Geschehnisse bieten. Manche Erzählstränge formieren sich zu einer fortlaufenden Handlung, etwa die Ereignisse um die Weiße Rose. Andere Texte bilden eher eine synchrone Einheit, indem etwa nacheinander geschnittene Berichte von Personen desselben Alters den Einblick in eine gemeinsame Generation und ihre unterschiedlichen Haltungen zum Nationalsozialismus bieten. Daneben stehen wiederum vereinzelte Textbruchstücke, die ohne Anfang und Ende Fragmente bleiben oder nur eine pointierte Einzelschilderung bieten, Texte, die Kyora dem anekdotischen Erzählen zuordnete.Sabine Kyora: „Weltgeschichte in der Nähe“. Zur Rolle von Subjekt und Geschichte(n) in Walter Kempowskis Echolot. In: Carla Ann Damiano u. a. (Hrsg.): Was das nun wieder soll? S. 164–168.
Wolfgang Struck urteilte, dass der Effekt, den die Gegenüberstellung von Alltag und Schrecken auslöse, weniger die Folge einer literarischen Komposition sei, als eine Konsequenz, dass die Textbruchstücke aus ihrem Zusammenhang gerissen, aus einer erklärenden, sinnstiftenden Biografie gelöst dem Leser ungeschützt vor Augen geführt werden. Allerdings ändere sich die Gewichtung im Verlauf des Projekts. So nehmen im abschließenden Band Abgesang ’45 Alltagssplitter einen immer geringeren Platz ein, was er sowohl in den zeitgeschichtlichen Umständen als auch in Kempowskis geändertem Auswahlverfahren begründet sah. Durch das Einarbeiten später entstandener autobiografischer Texte werde die Hermetik des kollektiven Erlebens im Augenblick aufgelöst und durch eine nachträgliche Selektion von Vergessen, Verdrängen oder bewusstem Auslassen ersetzt. Auch durch gestalterische Maßnahmen wie das Herunterzählen der Tage zum Kriegsende werde die Momentaufnahme der ersten Bände in eine historische Konstruktion überführt, die wenn auch keinen Sinn, so doch ein Ziel erhalte, verschiebe das „kollektive Tagebuch“ sein Gewicht in eine „kollektive Biographie“.Wolfgang Struck: „Im Garten lasse ich noch ein kleines Bunkerchen bauen“. Textarchitekturen in Walter Kempowskis Echolot. In: Dronske (Hrsg.): „Nun muß sich alles, alles wenden“. S. 26–29.
Stellung im Werk
mini|Walter Kempowski