mini|Porträt von Miguel Tacón, Lithographie von Luis Carlos Legrand für das Werk von Pedro Chamorro y Baquerizo: Estado Mayor General del Ejército Español (span.: Generalstab der spanischen Streitkräfte). Spanische Nationalbibliothek Miguel Tacón y Rossique (* 10. Januar 1775 in Cartagena, Murcia (Region); † 13. OktoberRodríguez, RAH. 1855 in Madrid) war Offizier bei den Land- und Seestreitkräften, Gouverneur, Präsident einer Real Audiencia, Generalkapitän und Senator in Spanien. Für seine keineswegs unkritisch anzusehenden Taten in Amerika und der Karibik erhielt er zwei Adelstitel und mehrere hohe Auszeichnungen.
Marine-Karriere Miguel Tacón, Sohn eines Gardemarin-Brigadegenerals, schrieb sich mit 14 Jahren als Fähnrich zur See zum Studium ein und verließ die Marineakademie zwei Jahre später als Leutnant zur See (alférez de fragata). Nach drei Jahren Einsatz vor der portugiesischen Südküste wurde er 1794 zum Oberleutnant zur See (alférez de navio) befördertRodríguez, RAH und Mendiburu, S. 2.. 1802 zum teniente de fragata (zu dem es heute kein Äquivalent mehr gibt; vgl. Armada Española#Offiziere) erhoben, nahm er an Kämpfen vor der nordafrikanischen Küste teil, was ihm sein erstes Kommando auf einer Brigg einbrachte. Nach Fahrten als Freibeuter gegen die Briten, kämpfte er in der Schlacht von Trafalgar. Sein Einsatz hier führte zum Aufstieg zum Kapitänleutnant (teniente de navío) und zur Aufnahme in den Santiagoorden.
Er wurde bald darauf bei einem nächtlichen Schiffsunfall verletzt, was zum Wechsel als Hauptmann bei den Streitkräften führte. Tacón erhielt jedoch die Befugnisse eines Oberstleutnants, da er auch zum Gouverneur der neugrenadiner Provinz Popayán ernannt wurde. Vor seiner Abreise Anfang Juni 1806 heiratete er Ana Polonia García y Socoli; aus der Ehe gingen zwei Kinder (Miguel und Maria del Carmen) hervor. Auf der Anreise wurde sein Schiff von Briten an der Mündung des Rio Magdalena aufgebracht, die ihn und seine Frau jedoch planmäßig in Cartagena de Indias anlanden ließen.
Gouverneur in Popayán Bereits nach dem Bekanntwerden des Volksaufstands in Madrid und der von Napoleon Bonaparte erzwungenen Abdankung von Carlos IV, mit dem Thronfolger Ferdinand, in Neugranada, unterdrückte Tacón in seinem Amtsbereich jegliche Versuche, Eigenständigkeit zu entwickeln. Die Machtübernahme der Patrioten um Juan Pio Montúfar y Larrea in Quito Anfang August 1809 bewog den Vizekönig Antonio Amar y Borbón und seine Berater in Bogotá im September ein Kontingent Truppen nach Quito zu schicken. Diesen Truppen schlossen sich auf Anweisung des Vizekönigs weitere Soldaten von Tacón in Popayán an, um die Selbstverwaltung von Quito zu beenden.
Tacón war von Amar ausdrücklich aufgefordert worden, eigene Initiativen zu starten, weswegen er Pasto besetzen ließ, um Quito anzugreifenMendiburu, S. 2.. Als die Quiteñer vom Anmarsch der Neugrenadiner erfuhren, entsandten sie Truppen, die im ersten Gefecht des Krieges auf dem Gebiet des späteren Großkolumbien, noch auf neugrenadiner Boden (bei Desaguadero am Titicacasee wurde einige Tage vorher gekämpft), besiegt wurdenRestrepo, S. 57–59.. Als Folge verhandelten die Patrioten um Montúfar in Quito mit den abgesetzten Gerichtspräsidenten über dessen Rückkehr ins Amt, zumal auch aus dem Süden des Gerichtsbezirks und vor allem aus Peru, weitere Truppenkörper anrückten.
Ende Juli 1810 traf der vom Regentschaftsrat eingesetzte Regionalkommissar Carlos Montúfar gleichzeitig mit Tacón in Popayán einLlano Isaza, S. 488.. Dieser überzeugte Tacón in den nächsten zwei Wochen – wie zuvor in Bogotá und den anderen Provinzhauptstädten auf seinem Weg – von der bis dahin verweigerten Einrichtung einer „Provisorischen Junta für Sicherheit“, der Tacón vorstand, um die Regierungsgeschäfte zu führen.Llano Isaza, S. 489, sowie Restrepo, S. 84. In diese nachfolgende Zeit fällt der Versuch der örtlichen Patrioten, Tacón mit dem Angebot, ihn zum General zu machen, zum Überlaufen zu bewegenMendiburu, S. 2f.. Seine Ablehnung zeigt, dass er sich nicht von der absoluten Monarchie lösen wollte, sondern lediglich Anweisungen aus dem Mutterland befolgte. Tacón ließ derweil in der gesamten Provinz mit Militärpräsenz und Gerichtsverfahren den Gedanken an Selbstbestimmtheit unterdrücken; er bereiste immer wieder seinen Amtsbereich, um selbst einzugreifen. Mit seinen Vorgaben und Personalentscheidungen für Pasto legte er die Grundlagen für den über das Kriegsende hinausgehenden Widerstand der Königstreuen in der Region.
Im Tal des Río Cauca, das damals bis zu den heutigen drei kleinen Departements Caldas, Riseralda und Quindío zur Provinz Popayán gehörte, hatte es schon lange vor den hier geschilderten Ereignissen Rivalitäten mit Hauptstadt der Provinz gegeben. Das aus Cali stammende Mitglied des Provinzrats Joaquín Caizedo y Cuero bereiste die Gegend, als Tacóns Widerstand gegen die Junta wuchs und regte damit die Gründung einer Junta in Cali, sowie die Schaffung einer neuen Provinz (Konföderation der Städte des Cauca-Tals, Ciudades Confederadas del Valle del Cauca) bei der Regierung in Bogotá anLlano Isaza, S. 491f., sowie Restrepo, S. 85.. Als Tacón davon erfuhr, löste er mit Unterstützung aus Pasto die Junta in Popayán aufLlano Isaza, S. 493 und Torrente, I, S. 127–128. und entsandte den von ihm in Pasto eingesetzten Kommandeur mit Truppen aus der Stadt und dem Tal des Río PatíaRestrepo, S. 93., um gegen die Patrioten vorzugehen. Cali reagierte mit der Aufstellung von Milizen und forderte dies auch von anderen Städten im Tal des Rio Cauca. Als die Regierung in Bogotá von der drohenden Eskalation erfuhr, rüstete sie einen Feldzug unter Antonio Baraya aus. Die Junta in Bogotá hatte dem Regentschaftsrat abgeschworen und sie teilte dies Tacón, ebenso wie die Ausrichtung des Feldzugs, im November mitLlano Isaza, S. 493.. Baraya erreichte Ende Dezember Cali, während Tacón von Popayán aus mit der Junta in Bogotá kommunizierteLlano Isaza, S. 494f..
Zu Beginn des Jahres 1811 entwickelte sich ein wenig einträglicher Briefwechsel zwischen Baraya und Tacón. Anfang Februar wurde die Junta der Konföderation der Städte des Cauca-Tals formell gegründet und am Ende des Monats brachen die Patrioten nach Popayán auf. Auf dem Weg und wegen einer Truppe aus dem heutigen Departement Huila, die mehrheitlich aus patriotisch gesinnten Indigenen bestand, kam es zu Gefechten, die einen Ausfall Tacóns verhinderten. Ende März konnte Tacón die Brücke über einen Fluss nahe Popayán (Río Palacé) trotz numerischer Überlegenheit gegen die von Atanasio Giradot geführte Vorhut Barayas nicht halten. Er musste vor dem Gros der Patrioten zurückweichen und gab Popayán auf, obwohl er immer noch über mehr Truppen verfügteRestrepo, I, S. 102f. und Baraya, S. 19f., sowie Llano Isaza, S. 503., (s. Erste Republik Kolumbien#Provinz Popayán). Tacón floh nach Pasto, wo er Anfang April eintrafLlano Isaza, S. 504.. Zuvor hatte er die Provinzkasse und die Einwohner in Popayán ausgeplündert; diese Praxis setzte er auf seinem Weg nach Süden fort. Im Juli schickte er einen Teil der Beute nach Barbacoas an die westlichen Ausläufer der Anden, wo er sie einlagerte und Truppen anwerben ließ. Tacón marschierte zur selben Zeit in den Norden des Gerichtsbezirks Quito, was die dortige Regierung zu einem Feldzug bewog. Tacón wurde in einem Gefecht geschlagen und zog sich zuerst nach Barbacoas zurück.
Obwohl Baraya klar sein musste, dass die Royalisten in Pasto einer ungehinderten Kommunikation der in Quito erneut an die Macht gekommenen Patrioten (vgl. Erste Unabhängigkeit von Ecuador#Erneute Übereinkunft nach Aufstand) entgegenstanden, blieb er bis Anfang Juli in Popayán, bevor er sich an die Verfolgung Tacóns machteLlano Isaza, S. 506.. Offenbar hatte er es nicht sehr eilig, denn die Quiteños waren Mitte Juli nicht weit südwestlich von Pasto. In Popayán blieb sein Stellvertreter Joaquín Caizedo y Cuero mit einigen Truppen zurück.
Mit den verbliebenen Kämpfern und den Rekruten aus Barbacoas marschierte Tacón Anfang August bis Almaguer, etwa auf halber Strecke zwischen Popayán und Pasto, um sich Baraya zu stellenRestrepo, S. 113 und Llano Isaza, S. 507.. Mitte August befand sich Tacón bereits wieder in Barbacoas, da seine Truppen aus Mangel an Moral desertiertenBaraya, S. 21.. Um das Heer der Neugrenadiner Union zu beschäftigen, schickte Tacón kleine Trupps in Tal des Río Patía, um dort die Bevölkerung aufzuwiegeln, während er selbst, wohl im Dezember, bis an die Küste vordrang. Baraya überließ Caizedo y Cuero einen Teil der Truppen, um einen Kleinkrieg gegen die Königstreuen im Tal des Río Patía zu führen. Aber auch nachdem der Feldzug aus Quito Mitte September Pasto erobert hatteRestrepo, S. 116 und Llano Isaza, S. 509., sah Baraya keine Veranlassung, sich um Tacón zu kümmern. Die Regierung in Bogotá beorderte Baraya im Dezember zurück, weil die Desertionen in seinem Heer zunahmen. Grund dafür war das Vorgehen gegen royalistisch gesinnte Einwohner im Tal des Río Patía, das einen zunehmend brutaler werdenden Krieg zur Folge hatte. Der bei Caizedo y Cuero verbliebene Rest rüstete Anfang 1812 einen Feldzug gegen Tacón aus und ein Teil eskortierte ihn zu Verhandlungen nach Quito. Der verbliebene Rest reichte nicht aus, als es im folgenden Mai zum Aufstand in Pasto kam und die Stadt erneut an die Königstreuen fiel.
Tacón hatte mittlerweile aus Guayaquil (das der peruanische Vizekönig José Fernando Abascal y Sousa unter seine Verwaltung hatte stellen lassen) etwas Unterstützung erhalten, mit der er sich die Region um den Hafen Tumaco sichern konnte. Ende Januar lief Tacón in eine Falle der Patrioten, die ihm der aus Neiva gekommene Kommandeur mit Truppen aus dem Cauca-Tal auf dem Río Iscuandé nordöstlich gestellt hatte. Die Niederlage Tacóns war derart umfassend, dass er zurück nach Tumaco floh und sich dort Anfang Februar nach Lima einschiffteRestrepo, S. 140f. und Llano Isaza, S. 512f.. Er soll über lediglich 25 Soldaten verfügt haben, als er an Bord gingPosadas, S. 502 und Torrente, I, S. 216. Letzterer Autor irrt allerdings beim Datum..
Militärdienst in Peru In Lima beförderte Vizekönig Abascal Tacón für seine Verdienste bei der Niederwerfung der Patrioten in Quito zum Obersten und entsandte ihn nach Oberperu. Nachdem dort die erste Expedition zur Befreiung Oberperus gescheitert war, rückte ein spanisches Heer unter dem Befehl von Juan Pio Tristan in der zweiten Jahreshälfte 1812 nach Nordargentinien vor, wobei sie von Manuel Belgrano zurückgeschlagen wurden (s. Expeditionen zur Befreiung Oberperus#Spanischer Gegenschlag in Nordargentinien). Anfang 1813 folgten die Truppen der Vereinigten Provinzen von Río de la Plata den Besiegten und besiegten diese erneut in Salta. Tacón, der lediglich bis Jujuy gekommen war, übernahm dort eigenmächtig die GarnisonGarcía Camba, I, S. 135.. Manuel Goyeneche, der die Spanier in Oberperu befehligte, beorderte ihn (und alle anderen spanischen Soldaten) zurück, da er den Südteil des Gerichtsbezirks Charcas aufgab, was zu seiner Entlassung führteMitre, S. 184f.. Die angesichts der spanischen Schwäche von Belgrano nach Oberperu gestartete zweite Expedition der Argentinier führte zum Aufstand in Cochabamba. Tacón und einige andere Kommandeure verhinderten die Aufspaltung des Heeres, bevor ein Nachfolger für Goyeneche eintrafGarcía Camba, S. 146.. Belgranos Vorstoß scheiterte erst am 1. Oktober nordwestlich von Potosí, in Vilcapguio, am neuen Oberkommandierenden, Joaquín de la Pezuela. Für seine Leistungen in dieser Schlacht als Kommandeur des linken spanischen FlügelsTorrente, I, S. 356 und Ramallo, S. 82. beförderte de la Pezuela Tacón zum Brigadegeneral und ernannte ihn zum GeneralstabschefPezuela, S. 36.. Nach einem weiteren Sieg de la Pezuelas in Ayohuma Mitte November, bei dem Tacón wieder den linken Flügel führteRamallo, S. 94., ließ dieser ihn als Interimsgouverneur von Potosí zurück, bis der Nachfolger eintrafPezuela, S. 46f..