mini|Frontzahntrauma an drei oberen Inzisiven (11,21 und 22) mini|Kronenfraktur 21; die rosa durchschimmernde Pulpa ist gut zu sehen; eventuell mit einer kleinen punktförmigen Pulpaeröffnung mini|Kronenfraktur 11 und 21 ohne Pulpaeröffnung; 11 ist bereits mit einer Füllung rekonstruiert worden

Als Frontzahntrauma oder Frontzahnverletzung wird die Verletzung der Frontzähne und der benachbarten Strukturen durch Gewalteinwirkung bezeichnet. Frontzähne sind Schneidezähne und Eckzähne. Beim Frontzahntrauma sind fast ausschließlich die oberen Schneidezähne betroffen und nur sehr selten die Eckzähne oder die unteren Schneidezähne. Ursächlich für ein solches mechanisches Trauma sind meist Schlag, Stoß oder Fall.

Traumatische Zahnverletzungen (sogenannte Zahnunfälle) betreffen fast ausschließlich die Frontzähne. Frakturen an Zähnen im Prämolaren- und Molarenbereich durch äußere Gewalteinwirkung sind sehr selten. Es muss sich dabei schon um einen äußerst starken Faustschlag oder Tritt handeln.

Die Frontzahntraumen werden in Zahnstauchungen, Zahnluxationen und Zahnfrakturen unterteilt, letztere nochmals in Kronenfrakturen und Wurzelfrakturen.

Als Vorbeugung gegen ein Frontzahntrauma wird bei einigen Sportarten ein Mundschutz getragen.

Häufigkeit und Ursachen

Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist seit Jahren ein deutlicher Anstieg von Frontzahntraumen zu verzeichnen. Ungefähr die Hälfte der Kinder erleidet Zahntraumen, bevor sie die Schule verlassen. In absehbarer Zukunft werden Zahntraumen die Anzahl von Zahnkaries und Parodontalerkrankungen übertreffen und zur wichtigsten Gefahr für die Zahngesundheit werden.Jens O. Andreasen, Frances M. Andreasen: Dental traumatology: quo vadis. Endod Dent Traumatol 1990;6:78–80

Die Verletzungen der bleibenden Zähne stellen bei Kindern mit einer Prävalenz von 22 % eine große Gefahr für die Zahngesundheit dar, die in Zukunft in ihrem Ausmaß Schäden etwa durch Karies und Parodontalerkrankungen noch übertreffen werden.

Ungefähr 30 % der acht- bis zwölfjährigen Kinder haben ein Frontzahntrauma der bleibenden Schneidezähne erlitten. Besonders die Schneidezähne des Oberkiefers sind wegen ihrer exponierten Stellung am häufigsten betroffen. Frontzahntraumen betreffen zu 90 % den Oberkiefer und nur zu 10 % die Unterkiefer-Frontzähne.

Die häufigsten Ursachen sind Fall, Sturz, Rohheitsdelikte (Faustschlag), Verkehrsunfälle, Haushaltsunfälle und andere (z. B. Huftritte). Bei den Stürzen sind Fahrradunfälle sehr häufig. Oft sind auch Spiel- und Sportverletzungen (z. B. beim Fußball mit einem anderen Spieler zusammengestoßen) für Frontzahntraumen ursächlich, wobei besonders moderne schnelle Sportarten wie Mountainbiking, Rollerblading, Skateboarding, Snowboarding zunehmend bei Frontzahntraumen vertreten sind. Typisch und sehr häufig sind auch Frontzahntraumen beim Eishockey. Beim Schwimmen werden die Frontzähne oft durch Stürze am Beckenrand geschädigt. In Australien ist das Surfen die häufigste Ursache für die Zahnintrusion. Eine Zeit lang mit dem Aufkommen der Modewelle der Alu-Tretroller waren diese eine häufige Unfallursache.

Der Häufigkeitsgipfel der traumatischen Zahnverletzungen der Milchzähne liegt im Alter von 18 bis 40 Monaten, da das Kleinkind in diesem Alter das Laufen erlernt und sehr mobil wird, andererseits jedoch noch sehr unvorsichtig ist und sich sehr unkoordiniert bewegt. Traumen der Milchzähne haben ihre Ursachen meist in Stürzen oder Zusammenstößen, während das Kind das Gehen und Rennen erlernt.

Ursächlich für Frontzahntraumen im Milchgebiss sind meist Stürze beim Spielen (an der Schaukel oder an der Rutschbahn gefallen), Treppenstürze oder auch einfach nur der unsichere Gang des Kleinkindes, beispielsweise über ein Hindernis gestolpert und dabei die Hände in der Hosentasche gehalten.

Klassifikation der Zahnverletzungen Am 13. Mai 2016 erschien eine neue S2k-Leitlinie der AWMF zur Therapie des dentalen Traumas bleibender Zähne., S2k-Leitlinie, AWMF. Abgerufen am 19. Juni 2016. Federführend: Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG).

+Klassifikation der Zahnverletzungen* Frakturen DislokationenSchmelzinfraktion: sichtbarer Riss des Zahnschmelzes ohne SubstanzverlustKonkussion keine Dislokation. keine Lockerung. lediglich Perkussionsempfindlichkeit.Kronenfraktur: begrenzt auf den Schmelz (= Schmelzfraktur)Lockerung; keine Dislokation; erhöhte Mobilität; Perkussionsempfindlichkeit; Blutung aus dem Sulcus möglich.Kronenfraktur (Schmelz. Dentin. ohne Pulpabeteiligung): Unkomplizierte Kronenfraktur. Schmelz-Dentin-Fraktur.Laterale Dislokation nach oral. oftmals Verkeilung in dieser Position. Aufbissstörung; Dislokation nach vestibulär mit oder ohne Verkeilung i. S. einer intrusiven Dislokation (Gemeinsam ist beiden Formen die Dislokation des Zahnes mitsamt der frakturierten festhaftenden bukkalen Lamelle.)Kronenfraktur (Schmelz. Dentin. mit Pulpabeteiligung): Komplizierte Kronenfraktur. Schmelz-Dentin-Fraktur mit Freilegung der Pulpa.Extrusion Dislokation nach inzisal. hochgradige Mobilität (Der Zahn hängt an der Pulpa oder an einigen dentogingivalen Fasern.)Kronen-Wurzelfraktur (mit und ohne Pulpabeteiligung) bis in die Wurzel extendierte Kronenfraktur: Mobiles Kronenfragment ist oftmals noch an der Gingiva befestigt. Exposition der Pulpa nicht zwingend.Intrusion Dislokation nach apikal; Verkeilung im Alveolarknochen; Diskrepanz zwischen Gingiva und Zahnumfang; Alveole bukkal aufgetrieben; Keine Perkussionsempfindlichkeit; keine Sulcusblutung; metallischer Perkussionsschall.Wurzelfraktur ohne Kommunikation zur Mundhöhle: Horizontale bzw. schräge Fraktur der Zahnwurzel; oftmals erhöhte Mobilität des koronalen Fragments, ggf. mit Dislokation.Avulsion; komplette Herauslösung des Zahnes aus seiner Alveole.Wurzelfraktur mit Kommunikation zur Mundhöhle: Horizontale bzw. schräge Fraktur der Zahnwurzel; oftmals erhöhte Mobilität des koronalen Fragments, ggf. mit Dislokation. Wurzellängsfraktur: vollständiger Längsriss mit Kommunikation zur Mundhöhle.  modifiziert durch Bastone nach WHOE. B. Bastone, T. J. Freer, J. R. McNamara: Epidemiology of dental trauma: a review of the literature. In: Australian dental journal. Band 45, Nummer 1, März 2000, S. 2–9, PMID 10846265 (Review).

Fraktur des bezahnten Alveolarfortsatzes Vertikale oder schräge Fraktur des Alveolarfortsatzes mit/ohne Verlauf durch das Alveolenfach, i. d. R. mehrere Zähne betreffend; mit/ohne Dislokation (Okklusionsstörung); auf Druck federnde Auslenkung möglich. Einrisse der gingivalen Schleimhaut i. d. R. interdental sichtbar; mit/ohne Blutung aus dem Sulcus.

Weichteilverletzungen (Lippe. Wange. Zunge) Begleitende Riss-/Quetsch-/Platzwunden der Weichgewebe in enger Lagebeziehung zur Einwirkung der traumatischen Kräfte; i. d. R. begleitet von stärkerer Blutung; mit/ohne Einsprengung von Fremdkörpern (Zahnfragmente. etc.).

Luxation mini|Intrusion (Einstauchung) eines Milchzahns mini|Extrusion (herausschieben) mini|Avulsion (ausgeschlagener Milchzahn) mini|Extrusion (Mitte), Avulsion (rechts) Bei der Luxation liegt eine Verschiebung oder ein Verlust des Zahnes vor, der Zahn ist teilweise oder vollständig aus der Alveole (Zahnfach) herausgelöst. Gleichzeitig ist der Zahnhalteapparat verletzt.

Eine Totalluxation ist das vollständige Fehlen des Zahnes in der Alveole, der Zahn wurde durch das Trauma vollständig aus der Alveole (Zahnfach) ausgeschlagen, diese ist leer. Diese Art des Zahnverluste wird auch als vollständige oder komplette Luxation, als Exartikulation oder als Avulsion (Avulsio = gewaltsames Ausreißen) bezeichnet.

Bei der Subluxation, auch als teilweise Luxation, unvollständige Luxation oder inkomplette Luxation bezeichnet, ist es zu einer traumatisch bedingten abnormen Stellungsänderung eines Zahnes gekommen. Diese geht mit einer deutlichen Beweglichkeit des Zahnes (Zahnlockerung) einher, die das normale Maß der Zahnbeweglichkeit weit übersteigt. Der Zahn steht jedoch noch an seiner normalen Position in der Zahnreihe.

Bei der lateralen Luxation ist der Zahn seitlich (meist nach vestibulär oder palatinal/lingual) verschoben.

Die Subluxation (unvollständige Luxation) und die laterale Luxation (vollständige Luxation) werden auch zur peripheren Luxation zusammengefasst und der zentralen Luxation gegenübergestellt.

Bei der zentralen Luxation, auch als Intrusion oder Impression bezeichnet, handelt es sich um ein Verschieben des Zahnes in den Kiefer, in die Alveole hinein. Der Zahn sieht kürzer als normal aus. Oft ist er sehr tief in die Alveole hineingedrückt. Eventuell ist er fast vollständig in die Alveole geschlagen worden und nicht mehr sichtbar. Der Knochen der Alveole ist dabei zwangsläufig durch die Zahnwurzel des in den Kiefer geschlagenen Zahnes komprimiert und frakturiert worden.

Bei einer Extrusion ragt der Zahn aus dem Zahnfach heraus. Er sieht länger als normal aus, ist stark beweglich und wird nur noch teilweise durch Wurzelfasern in der Alveole gehalten. Da beim Trauma keine direkten Zugkräfte am Zahn ansetzten, wie beispielsweise bei einer Zahnextraktion, ist die Verlängerung (Elongation) des Zahnes durch eine vorherige kurzzeitige laterale Luxation zu erklären, wobei durch einige noch erhalten gebliebene Fasern des Zahnhalteapparates (Sharpey-Fasern) der Zahn vor der Totalluxation bewahrt wurde.

Außer bei der zentralen Luxation (Intrusion) liegt bei einer Zahnluxation immer auch eine Lockerung des Zahnes vor. Diese gewaltsame Lockerung eines Zahnes geht immer mit einer vollständigen oder partiellen Zerreißung der Sharpey-Fasern (Haltefasern der Zahnwurzel) einher.

Stauchung (Kontusion)

Eine Zahnstauchung (Kontussion/Prellung, engl. dental concussion) ist eine starke Erschütterung des Zahnes, die mit einer Verletzung des Zahnhalteapparates (Quetschung des Desmodonts/Wurzelhaut), einem parodontalen Ödem und möglicherweise auch mit einem Pulpaschaden einhergeht. Meist liegt bei einer Zahnstauchung jedoch nur eine geringgradige Verletzung vor. Bei der Zahnstauchung ist der Zahn nicht gelockert, jedoch vorübergehend mehr oder weniger klopfschmerzhaft und Aufbissschmerzen können ausgelöst werden. Auch wenn keine Luxation (Lockerung) des Zahnes vorliegt und dieser in seiner korrekten anatomischen Position verblieben ist, kann dieser kurzzeitig einen Millimeter in seine Alveole gestaucht worden sein, was zur Schädigung des Zahnhalteapparates führen kann. Bei einer Zahnkontusion zeigt sich im Röntgenbild ein unauffälliger oder erweiterter Parodontalspalt, da eine Verletzung des Periodonts vorliegt.

Das Hauptproblem bei der Kontusion ist, dass sie anfangs, für einige Tage bis Wochen, zu einer negativen Vitalitätsreaktion führen kann. Also ist eine negative Sensibilitätsprüfung unmittelbar nach dem Unfall und auch in den ersten Wochen danach kein sicheres Zeichen für eine devitale Pulpa. Bei einer negativen Vitalitätsprobe muss diese daher regelmäßig, meist wöchentlich, wiederholt werden, da ein Zahn nach einer Stauchung gelegentlich nur vorübergehend negativ auf die Vitalitätsprobe reagiert und noch die Aussicht auf eine Besserung besteht. Auch bei positiver Vitalitätsprobe empfiehlt sich eine regelmäßige Vitalitätskontrolle in den ersten Wochen und Monaten.

Wegen einer möglichen später auftretenden Pulpennekrose sind langfristige Verlaufskontrollen angeraten, dazu gehört eine regelmäßige Sensibilitätskontrolle über mindestens ein Jahr und bei noch nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum (im Wechselgebiss) die Überwachung der Wurzelentwicklung mit Röntgenaufnahmen (Zahnfilm). Die Eltern sind über mögliche Spätzeichen einer Pulpennekrose aufzuklären: vestibuläre Schwellung vestibuläre Fistel Zahnverfärbung Aufbissschmerz Wurzelresorption