Tidaholms bruk („Tidaholm-Werk“ oder „Tidaholm-Mühle“), seit 1890 Tidaholms Bruk AB war ein schwedischer Industriekonzern mit Wurzeln, die bis ins Spätmittelalter reichen. Er war ein Eisenwerk und produzierte auch landwirtschaftliches Gerät, Möbel und Einrichtungsgegenstände, Pferdewagen und schließlich auch Nutzfahrzeuge und Omnibusse, die überwiegend unter dem Markennamen Tidaholm und seltener als Castor vermarktet wurden.

Unternehmensgeschichte Im 19. Jahrhundert mini|Hans Henrik von Essen (1820–1894)

Die Tidaholms Bruks entstanden auf Vulcanön, einer von zwei Inseln im Fluss Tidan, um einen mindestens seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Gutsbetrieb. Später wurde dort eine Schmiede errichtet, und allmählich schlossen sich weitere Betriebe an. Das Gut gehörte seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der adligen Familie von Essen. und umfasste auch eine Säge und eine Mühle. Die Familie bewohnte seit 1723 das Herrenhaus Kavlås bei Tidaholm und besaß ausgedehnte Ländereien. Seit 1799 bestand ein Recht zum Walzen von Eisen, weshalb dies als offizielles Gründungsdatum der Tidaholms bruks gilt. Die Besitzverhältnisse vor 1846 sind unklar. In diesem Jahr erwarben der Berufsoffizier Fredrik Ulrik von Essen (1788–1855), zuletzt Inspekteur der Kavallerie im Rang eines Generalmajors, und einer seiner Söhne, Hans Henrik von Essen (1820–1894) die Eisenhütte. Fredrik Ulrik von Essen ist auch der Vater des späteren Finanzministers und Reichsmarschalls Fredrik von Essen (1831–1921).

Auch für Hans Henrik war eine militärische Laufbahn vorgesehen. Er verließ die Armee im Rang eines Rittmeisters. Seit 1843 hatte er die Annefors-Eisenhütte gepachtet, die nur eine Meile nördlich vom heutigen Tidaholm lag, und die er später erwerben konnte. Am 27. Juni 1853 übernahm er den Betrieb in Tidaholm ganz. Er ersetzte die unrentable Schmiede durch eine Tischlerei mit Wagenbau. Tidaholms bruk stellte nun neben Fenstern auch Möbel her: Unter anderem richtete die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf ihre Wohnung mit Möbeln von Tidaholms Bruk einKjellgren-Ekman S. 12. Daneben florierte der Bau von Pferdegespannen: Es wurden seit dem 19. Jahrhundert bis 1921ein- wie auch zweiachsige Wagen für den Transport von Personen wie auch von Lasten gebaut, allein etwa 7000 einachsige Karren, davon allein etwa 5500 von einem Pferd ziehbare sogenannte „Tidaholmskarren“: ein- bis zweisitzige Karren zum Personentransport, gebaut ab 1878Kjellgren-Ekman S. 11.

Andere Geschäftsfelder mini|Vulcans Tändsticksfabriks A.B.: Die ehemalige Werkstatt zur Herstellung und Wartung der Maschinen für die Streichholzproduktion auf Vulcanon ist heute ein Museum

Die Familie von Essen hatte weit verzweigte Interessen in Industrie und Landwirtschaft. Dazu gehörte auch die von Hans Henrik von Essen 1869 mitbegründete Vulcan-Streichholzfabrik. Mit seinem britischen Geschäftspartner James Blackwood organisierte von Essen 1874 die Zellulose- und Papierfabrik Sphinz AB in Tidaholm, die von Blackwood geleitet wurde. 1876 war von Essen am Bau der Bahnstrecke Svensbro–Tidaholm beteiligt. Die Vulcan-Fabrik übernahm 1882 die Sphinz AB und wurde bis 1900 der größte Streichholzhersteller der Welt mit weit über 1000 meist weiblichen Angestellten.

Alfred von Essen 1890 wurde das Unternehmen als Tidaholms bruk Aktiebolag organisiert. Hans Henrik von Essen verstarb 1894 auf seinem Landsitz Helliden in Tidaholm, das er 1854 hatte erbauen lassen. Sein Sohn Alfred von Essen (1869–1937) trat seine Nachfolge an. Auch er investierte nicht nur in das Unternehmen, sondern auch in die Infrastruktur des Orts und insbesondere die bessere Anbindung von Tidaholm an die Eisenbahn. Davon profitierten natürlich auch seine bedeutendsten Betriebe Vulcan und Tidaholms bruk. Alfred von Essen war einer der Initiatoren der 1906 eröffneten Bahnstrecke Tidaholm–Vartofta und wurde der Vorsitzende der Betreibergesellschaft Tidaholms Järnvägsaktiebolag. Bereits 1895 erhielt Tidaholm den Status einer Minderstadt (Köping), was in Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Erfolg der verschiedenen Unternehmen gestanden haben dürfte. 1910 erhielt Tidaholm das Stadtrecht.

Automobile und Nutzfahrzeuge mini|Trittstufe mit Markenlogo an einem frühen Tidaholm-Lkw mini|Erhaltenes Löschfahrzeug der Feuerwehr Linköping (1924), wahrscheinlich Tidaholm TSL

Seit etwa 1902 experimentierte Tidaholms bruk mit Motorfahrzeugen. Nach einer Quelle entstanden zunächst Versuchsfahrzeuge, die für den Eigenbedarf des Werks und offenbar ohne Vermarktungsabsichten gebaut wurden. Als Konstrukteur wird ein im Unternehmen angestellter Mechaniker, Gottfrid Lindström, genannt. Dieser hatte in den 1890er Jahren mit seinen Brüdern David und Aron nahe Tidaholm eine Fahrradfabrik betrieben, ehe Gottfrid 1895 in die Vereinigten Staaten ging, wo er in Kontakt zu Automobilen und ihrer Herstellung kam. Als er 1902 nach Tidaholm zurückkehrte, brachte er viele Ideen mit. Ob ihn das Werk wegen dieser Ideen anstellte oder ob er seine Vorgesetzten vom Motorfahrzeug überzeugte, ist unklar.

Der Bau des ersten Lkw, genannt Tor oder Tor I, war nach einem halben Jahr abgeschlossen, obwohl selbst der Motor und der Vergaser eigene Konstruktionen waren. 1903 wurde das Fahrzeug erprobt und nach einer Quelle an eine Glasfabrik ausgeliefert. Diese gab das Fahrzeug zurück, weil es für die schlechten Straßen nicht geeignet war. Erst 1905 folgten ein weiterer Lkw, Tor II genannt. 1906 entstand ein kleineres Fahrzeug, das sowohl für den Personen- wie für den Warentransport geeignet war. Zu ersterem wurden seitliche Sitzbänke angebracht. Bis 1913 entstanden vereinzelt weitere Automobile, eines davon mit einem Bugatti-Motor.Leider sind dazu kaum Informationen vorhanden. Eine britische Quelle lässt die Möglichkeit offen, dass ein Bugatti Type 12 genannter Entwurf dieses Konstrukteurs für Tidaholms bruk angelegt wurde. Bislang konnten Bugatti Type 11 (für Deutz?) und 12 nicht zugeordnet werden. Das hier in Rede stehende Fahrzeug hatte die Chassisnummer 154 und wurde am 9. September 1915 an den Besteller, Södra Spårvägsbolag, geliefert. Der Vierzlindermotor mit 148 mm Bohrung und 150 mm Hub leistete 50 PS (Lieferverzeichnis THB 1915-1920). 1915 kann er nicht konstruiert worden sein, da Ettore Bugatti Ende Juli 1914 aus Deutschland zunächst nach Italien geflüchtet war, um sich dem Ersten Weltkrieg zu entziehen, und daher 1915 über keinerlei Werkstatt verfügte, um einen derartigen Motor herzustellen. Die Zylindermaße ähneln den Motortypen, die Bugatti bei der Gasmotorenfabrik Deutz in den Jahren 1907–09 entwickelte Es scheint, dass viele Motortypen (so auch dieser Bugatti-Motor, der vielleicht eher als Deutz-Motor bezeichnet werden müßte) als Einzelexemplare auf Bestellung und nach den Wünschen des Kunden gebaut wurden, sodass jedes ein Unikat gewesen sein muss.

Offenbar waren die Versuche mit Motorfahrzeugen so ermutigend, dass Tidaholms bruk nun an eine reguläre Produktion von Nutzfahrzeugen in kleinem Umfang dachte. Sie begann 1907. Der Markenname war von Anfang an Tidaholm. Zu dieser Zeit kann allerdings noch nicht von einer Serienfertigung ausgegangen werden, eher von der Fabrikation eines bestimmten Modells von Hand und mit hoher Verarbeitungsqualität. Erwähnt werden die früh eingeführte Austauschbarkeit der Bestandteile und Motorentestanlagen – beides damals keine Selbstverständlichkeit – und eine effiziente Fertigungskontrolle. Tidahomls bruk gewährte 6 Monate Garantie auf seine Fahrzeuge und bot als besondere Dienstleistung an, für einen vereinbarten Zeitraum einen erfahrenen Fahrer abzustellen, der den Kunden einwies. 1910 verlangte das Werk dafür 10 Kronen am Tag.

Ab 1915 wurde gelegentlich der Markenname Castor verwendet. Die Gründe dafür sind unklar. Unter diesen Modellen gab es einen Lkw, der zum offenen Bus umgebaut werden konnte und den Passagieren minimalen Wetterschutz bot. Zu dieser Zeit wurden auch Feuerwehr-Einsatzfahrzeuge angeboten.

mini|Restaurierter Eillastwagen Tidaholm TSL von 1927 1917 hatte das Unternehmen einen Höchststand von 200 Angestellten. In den schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ging der Bestand nach einer Quelle bis auf 10 zurück, erholte sich aber wieder und erreichte um 1920 wieder 200 Mitarbeiter. 1912 waren sieben Nutzfahrzeuge nach Schweden eingeführt worden; 1920 waren es bereits 2.437. Die Feuerwehrorganisation von Jönköping bestellte 1922 fünf Fahrzeuge. Zu dieser Zeit wurden Dreiseitenkipper auf dem Fahrgestell des Tidaholm T4 angeboten, und mit dem TSL Eillastwagen – heute würde man ihn „Transporter“ nennen – war ein unkompliziertes und zuverlässiges leichteres Nutzfahrzeug erhältlich, das sich zu einem großen Erfolg entwickelte. Die Leistung des Vierzylinders wird recht unterschiedlich mit 26, 40 oder 45 PS angegeben, wobei möglicherweise später stärkere Motoren verwendet wurden. Ein elektrischer Anlasser gehörte zur Ausstattung.

mini|Zwei dieser Feuerwehr-Löschzüge der Feuerwehr Umeå sind Tidaholm, wahrscheinlich vom Typ TSL. Aufnahme des Stadtarchivs Umeå, ca. 1929 Zu den Neuerungen von 1923 gehörten eine 15 Meter lange Ausziehleiter und eine automatische Heckentriegelung für den Kipper. Weiterhin wurden Tidaholm-Fahrzeuge auch in größeren Stückzahlen an die schwedische Armee, die Post und andere Regierungsstellen geliefert. Die Geschäftsleitung lotete immer wieder andere Marktsegmente aus. Ein mit Generatorgas angetriebener und hauptsächlich mit Holz befeuerter Motor war ab 1924 lieferbar, erreichte aber keine nennenswerten Stückzahlen, eine Erfahrung die auch andere, wie die britischen Nutzfahrzeughersteller Gilford und später auch Sentinel machen mussten. 1926 wurden fünf Omnibusse an einen der Stockholmer Verkehrsbetriebe ausgeliefert. 1929 wurden hydraulische Zweikreisbremsen, Mehrstoffmotoren und eine schwere Sechszylinderreihe eingeführt, letztere auf Wunsch mit Schlafabteil und Nutzlasten bis 9 t. Dieser Lkw war mit dreiachsig, mit angetriebenen Hinterachsen lieferbar. Konstrukteur war Allan Lindström, ein Neffe von Gottfrid Lindström, der die ersten Tidaholm-Motorfahrzeuge entwickelt hatte.

1931 beschaffte einer der Stockholmer Verkehrsbetriebe sehr elegante Busse mit Aufbauten der Schwedischen Eisenbahnwerkstätten „Svenska Järnvägsverkstäderna“ auf dreiachsigen Tidaholm-Fahrgestellen. Zuletzt machte das Unternehmen 1932 auf sich aufmerksam, als es einen riesigen, möglicherweise „Bulldog“ genannten, Omnibus mit zwei angetriebenen Hinterachsen und Platz für 72 Passagiere anbot. Das Fahrzeug galt mit 10,5 Meter Länge als größter in Skandinavien hergestellter Bus. Nur wenige wurden hergestellt.

Niedergang mini|Ehemaliger Bahnhof in Tidaholm

Hohe Entwicklungskosten und der Einbruch der Verkäufe in der Folge der Weltwirtschaftskrise hatten zu einer Kontrolle durch die Hausbank geführt. Diese geriet jedoch selber in Schwierigkeiten und wurde schließlich von der Stockholms Enskilda Bank übernommen, hinter der die Familie Wallenberg stand. Diese kontrollierte bereits Tidaholms schärfsten Mitbewerber, Scania-VABIS. In Tidaholm war bereits im Oktober 1933 spekuliert worden, dass diese Konstellation zu Problemen führen könnte, denn auch Scania war angeschlagen, und die neue Konkurrenz durch Volvo machte sich bemerkbar. Das für Tidaholm schlimmste Szenario trat schließlich ein; Tidaholms bruk wurde zu Gunsten von Scania-VABIS aufgegeben. Bereits im Dezember 1933 wurde das Werk geschlossen, wovon etwa 340 Arbeitnehmer betroffen waren. Die meisten Immobilien wurden von der Stadt Tidaholm erworben, die Maschinen übernahm Scania-VABIS. Der Ort Tidaholm wurde somit besonders hart getroffen, weil kurz zuvor bereits Ivar Kreugers Streichholz-Imperium zusammengebrochen war.

Alfred von Essen verstarb 1937. Vom riesigen Besitz konnte das Haupthaus des Schlosses Helliden aus Mitteln seiner Witwe Ella von Essen (1869–1950) gehalten werden. Sie verlebte hier ihren Lebensabend.

Pferdegezogene Fahrzeuge