mini|hochkant|Wilhelm Jensen (1906) Wilhelm Hermann Jensen (* 15. Februar 1837 in Heiligenhafen (Holstein); † 24. November 1911 in München-Thalkirchen) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Leben
Wilhelm Jensen wurde als uneheliches Kind des Kieler Bürgermeisters Schwen Hans Jensen (1795–1855) und der Dienstmagd Engel Dorothea Bahr († 1861) geboren. Die unverheiratete und kinderlose Pauline Moldenhawer adoptierte das Kind im Alter von drei Jahren. Gefördert wurde Wilhelm Jensen in dieser Phase durch einen Vormund, der offenbar die Hinterlassenschaft des Vaters verwaltete. Zu seinen Eltern hatte der Sohn zeitlebens keinen Kontakt.Doris Tillmann, Johannes Rosenplänter (Hrsg.): Kiel Lexikon. Wachholtz, Neumünster 2011, Lemma Jensen, Wilhelm Hermann, S. 161.
In Kiel besuchte Jensen die Gelehrtenschule. Sein letztes Schuljahr absolvierte er – gemeinsam mit Emanuel Geibel – auf dem Katharineum zu Lübeck bis zum Abitur Michaelis 1856.Hermann Genzken: Die Abiturienten des Katharineums zu Lübeck (Gymnasium und Realgymnasium) von Ostern 1807 bis 1907. Borchers, Lübeck 1907 (Digitalisat), Nr. 539 Danach studierte Jensen von 1856 bis 1860 zunächst Medizin, dann Philosophie und Literatur in Kiel, Würzburg und Breslau. Während seines Studiums wurde er 1856 Mitglied der Burschenschaft Teutonia zu Kiel.Jensen, Wilhelm. In: Teutonia KielHelge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 367–370. 1861 wurde Jensen in den Fächern Philosophie und Literatur zum Dr. phil. promoviert.
Auf eine briefliche Bitte um Unterstützung durch seine Landsleute Friedrich Hebbel und Emanuel Geibel vermittelte Geibel, der in München wohnte, 1863 eine freundliche Einladung in diese Stadt. Dort unternahm Jensen seine ersten schriftstellerischen Versuche. 1864 lernte er auf der Fraueninsel im Chiemsee seine spätere Ehefrau Marie Brühl kennen. Nach der Heirat 1865 zog das Ehepaar nach Stuttgart, wo Jensen im Jahr 1868 ein Redakteur der Schwäbischen Volkszeitung wurde.Schwäbische Volkszeitung. In: Wißner-Verlag.
In Stuttgart begegnete sich Jensen und Wilhelm Raabe. Gemeinsam kommentierten sie den Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866. Obwohl sich ihre Wege schon bald wieder trennten, blieben sie auch über große räumliche Distanz in lebenslanger Freundschaft verbunden. 1869 übernahm Jensen die Leitung der Flensburger Norddeutschen Zeitung in Flensburg. Drei Jahre später übersiedelte er nach Kiel, von dort im Jahr 1876 nach Freiburg im Breisgau. Hier lernte er den Maler Emil Lugo kennen, mit dem ihn ebenfalls eine enge Freundschaft verband. Kurz nach dem Einzug erlag Jensens in Freiburg geborener zweiter Sohn dem Keuchhusten, der die ganze Familie befiel. Nur Marie Jensen kämpfte zu dieser Zeit mit einer anderen Erkrankung, die sie ebenfalls in Lebensgefahr brachte.Paul Malthan: Wilhelm Raabes Begegnungen mit Freiburg. In: Badische Heimat 60, Freiburg im Breisgau 1980, S. 25–34. 1880 wohnte Jensen in Freiburg in der Luisenstraße 11.Adreßbuch der Stadt Freiburg für das Jahr 1880, S. 157.
Theodor Storm widmete Wilhelm Jensen ein Gedicht mit dem Anfangsvers „Es ist der Wind, der alte Heimatslaut“ und gab diesem Gedicht den Titel „An Wilhelm Jensen“. Es erschien um 1885.Gedicht bei Aphorismen.de, abgerufen am 22. Oktober 2017.
Die Familie Jensen wohnte ab 1888 in München und hatte seit 1895 einen Sommersitz im „Häusle“ in St. Salvator bei Prien am Chiemsee. Zwischen 1892 und 1901 unternahmen die Jensens mit Emil Lugo vier Reisen nach Italien. mini|Grabstätte Wilhelm und Marie Jensen Das Gemeinschaftsgrab von Wilhelm und Marie Jensen (gest. 1921) liegt neben demjenigen Lugos auf dem Friedhof der Fraueninsel, auf der Wilhelm und Marie sich kennengelernt hatten.
Nachkommen
Wilhelm Jensen und Marie Brühl (1845–1921) heirateten am 13. Mai 1865 in Wien. Die Ehefrau war eine Tochter des Kritikers Johann August Moritz Brühl (1819–1877). Das Ehepaar hatte sechs Kinder, von denen zwei Kinder früh starben: Dorothea (1867–1937) ⚭ Carl Christian Mez (1866–1944), Professor der Botanik Paul (1868–1952) ⚭ 1905 Elsbeth Reinhardt Maina (1870–1940), Malerin ⚭ Eduard Heyck (1862–1941), Professor der Geschichte Katharina (1874–1945) (seit 1892 Freiin von Saalfeld) ⚭ Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen (1859–1941)
Werk
Jensens Werk ist geprägt von historischen Themen. In seinen Romanen, Novellen, Gedichten und Theaterstücken zeigt er sich als ein der Aufklärung verbundener, freiheitlich denkender, gegen Etikette und Prüderie sich auflehnender Mensch, der gegenüber den christlichen Konfessionen kritisch eingestellt ist. Jensen selbst gehörte keiner Konfession an. In seinen Werken zitiert er bisweilen die Mythologien anderer Kulturen wie der Germanen und Griechen. Mehrfach bezieht er ausdrücklich Stellung gegen antisemitische Tendenzen (z. B. Die Juden von Cölln, 1869) (vgl. Richter, o. J.), wohl auch, weil sein Schwiegervater Moritz Brühl ein konvertierter Jude war. Jensens ausgeprägt nationale Gesinnung war zugleich Ausdruck einer Opposition gegen selbstherrliche Fürstenmentalität und Kleinstaaterei. In seinen Schriften und Gedichten spürt man seine Sensibilität für psychische Prozesse. In vielen seiner Werke findet man die Schilderung von Träumen oder Tagträumen, die vom Erzähler häufig als „sinnlos“ abgetan werden, deren Zusammenhang mit dem Handlungsgeschehen jedoch für den Leser leicht erkennbar ist.
Ein zentrales Motiv seines über 150 Bände umspannenden Werkes ist die Schilderung der Beziehung eines Mannes zu einer Frau, die eineinhalb bis zwei Jahre jünger ist als er. Die beiden zeigen zunächst häufig geradezu Abneigung gegeneinander, die sich dann im Laufe der Zeit löst und in Liebe umschlägt. Bisweilen endet die Geschichte mit dem Tod der Frau und/oder des Mannes oder mit der dauernden Trennung der beiden. Als Datum dieses Ereignisses wird wiederholt der 2. Mai angegeben – das Todesdatum der als Jensens Jugendfreundin identifizierten Clara Louise Adolphine Witthöfft (* 16. November 1838; † 2. Mai 1857). Verschiedentlich hat der Dichter selbst geäußert, dass der frühe Tod der Jugendfreundin ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet und sein Schaffen geprägt hat. Wilhelm Jensen scheint ein Melancholiker gewesen zu sein, der zwar ein sehr lebendiges Dasein mit verbindlichen, engen Freundschaften und einem ausgeprägten Familiensinn führte, sich jedoch auch häufig, in sich selbst versunken, dem Treiben seiner Erinnerungen, inneren Bilder und Gedanken überließ, was dann in seine Romane, Novellen und Gedichte einfloss. Bezeichnend für diese Wanderung zwischen zwei Welten ist das Gedicht Fern hinüber (In: Aus wechselnden Tagen, 1878, S. 137 ff).
Gradiva (1903) und Freuds Interpretation
Sein Lebensthema hat Jensen wohl am gekonntesten in der Novelle Gradiva gestaltet. Der Anstoß zu dieser 1903 in Buchform erschienenen Novelle kam von der Arbeit des Archäologen Friedrich Hauser, der im selben Jahr das von Jensen in der Novelle beschriebene Reliefbruchstück einer schreitenden jungen Frau, der Gradiva, mit weiteren Reliefbruchstücken in Zusammenhang brachte und seine Geschichte erhellte. Jensen entwickelt in seinem typischen (selbst)ironischen Stil ein Szenario, das einen etwas weltfremden Archäologen in den Ruinen von Pompeji auf den vermeintlichen Geist einer beim Vesuv-Ausbruch verstorbenen jungen Römerin griechischer Herkunft stoßen lässt. Die in Wirklichkeit höchst lebendige junge Dame erkennt bald, dass sie es mit einem etwas verworrenen Gegenüber zu tun hat, und bringt ihn mit schelmischem Geschick wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Dabei entpuppt sie sich als die alte Jugendfreundin des jungen Gelehrten.
Sigmund Freud versuchte anhand dieser Novelle eine erste größere psychoanalytische Literaturinterpretation (Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“, 1907). Er bescheinigt dem Dichter darin, verschiedene Träume präzise dargestellt zu haben. In seinem Deutungsversuch glaubt Freud, aus der Novelle die Verliebtheit des Dichters in eine mit einem Spitzfuß körperlich behinderte Schwester herauslesen zu können.
Nachwirkungen In seinem 1926 erschienenen Lübeck-Roman Die Großvaterstadt setzte Ludwig Ewers unter anderem Jensen, in der Person des Axel Feddersen, ein literarisches Denkmal.
In Freiburg im Breisgau, wo Jensen zwölf Jahre mit seiner Familie gelebt hat, wurde eine Straße nach ihm benannt.Straßenverzeichnis der Stadt Freiburg, abgerufen am 29. November 2016. Auch in seinem Geburtsort Heiligenhafen, in München und in Prien wurden Straßen nach ihm benannt.
Im Riesebusch bei Bad Schwartau wurde eine der dortigen Quellen nach ihm benannt.
Die Novelle „Gradiva“ wurde 2007 von dem französischen Autor und Regisseur Alain Robbe-Grillet verfilmt.
Werke (Auswahl)
Magister Timotheus. Novelle, 1866 Die Juden von Cölln. Novelle, 1869 Unter heißerer Sonne. Novelle, 1869 Gedichte. Kröner, 1869 Nordlicht. 3-bändige Novellen-Sammlung (darin Band 1: Karin von Schweden, Jensens weitaus erfolgreichstes Buch, das insgesamt eine Auflage von über 260.000 erreichte), 1872 Eddystone. Novelle, 1872 Sonne und Schatten. Roman. 1873 (Darstellung anhand von Briefen, die aus drei sehr unterschiedlichen Perspektiven das Geschehen berichten.) Nymphäa. Novelle, 1874 (Deutliche Anklänge an die 'Gradiva'.) Aus wechselnden Tagen. 1874 (Darin S. 137 ff: Fern hinüber. Prägnante Darstellung von Jensens anhaltender Bindung an seine verstorbene Jugendliebe.) Um den Kaiserstuhl: ein Roman aus dem Dreissigjährigen Kriege. 1878 (spielt auf der Kastelburg zu Waldkirch und in der Festung Breisach) Holzwegtraum. Ein Sommernachtsgedicht. Hallberger, Stuttgart 1878 Karin von Schweden. Die unsterbliche schwedische Mädchengestalt. Berlin, 1878 Nach Sonnenuntergang. Roman. Silvester Frey, Berlin 1879 Die Pfeifer von Dusenbach. Eine romantische Erzählung. Elischer, Leipzig 1884 Aus den Tagen der Hansa. Drei Novellen, 1885 Aus stiller Zeit. 4-bändige Novellen-Sammlung. 1881–1885 (darin in Band 3, 1884: Jugendträume. Nach Jensen selbst in einem Brief an Freud: Eine biografisch geprägte Darstellung vom Tod seiner Jugendliebe, in der Novelle – wie in der Realität – am 2. Mai.) Am Ausgang des Reiches. 1886 Der Schwarzwald. 1890 In Zwing und Bann. Roman. Pierson, Dresden 1892 Hunnenblut – Eine Begebenheit aus dem alten Chiemgau. Leipzig, 1892 Übermächte. 2 Novellen, 1892 (Darin: Der rote Schirm, der deutlich auf Jensens Lebensthema, das melancholische Sich-Erinnern an eine verstorbene Jugendliebe, verweist. In diesem Zusammenhang zitiert Jensen mehrfach Hölderlin. S. Freud und C.G. Jung hatten diese Novelle ausdrücklich in ihren Deutungsversuch einbezogen.) 2015 in leicht modernisierter Fassung sowie in englischer Sprache bei Createspace/Amazon erschienen als „Übermächte“ / „Superior Powers“ Astaroth. Mentha. Zwei Novellen aus dem deutschen Mittelalter. Breslau, 1893 Aus See und Sand. Roman. Leipzig, 1897 Nacht- und Tagesspuk. 2 Novellen, 1900 (Darin: Der verwunschene Garten, der deutliche Anklänge an das 'Gradiva'-Motiv enthält.) Heimat. Roman. Reißner, Dresden 1901 Der Schleier der Maja. Leipzig, 1902 Der Hohenstaufer Ausgang. Geschichte und Dichtung. Reißner, Dresden und Leipzig 1902 Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestück. Reißner, Dresden und Leipzig 1903 Vor drei Menschenaltern. Ein Roman aus dem holsteinischen Land. Reißner, Dresden 1904 Die Nachfahren. Ein geschichtlicher Roman. Elischer, Leipzig 1909 Deutsche Männer. Roman aus dem Jahre 1809. Grethlein, Leipzig 1909 Fremdlinge unter den Menschen. Roman. Reißner, Dresden und Leipzig 1911 (Auch hier, wie in Der rote Schirm, mehrfacher Bezug auf Hölderlin, dessen Benennung des Mondes als die Fremdlingin unter den Menschen titelprägend war.)
Literatur
Waldemar Barchfeld: Wilhelm Jensen als Lyriker. Coppenrath, Münster in Westfalen 1913. Heinrich Conrad: Wilhelm Jensen als Vertreter des historischen Romans. Univ. Diss., Gießen 1923.