mini|Kulintangbrett
Kulintang, auch kolintang, bezeichnet eine Reihe horizontal gelagerter Buckelgongs, die auf der südphilippinischen Insel Mindanao als führendes Melodieinstrument gespielt wird. Das gesamte, durch große aufgehängte Gongs und Trommeln ergänzte Ensemble heißt ebenfalls kulintang. Es gehört zu der in Südostasien verbreiteten Gong- und Glockenspielkultur und ist unter diesem Namen mindestens seit Anfang des 18. Jahrhunderts im Zusammenspiel mit der Trommel tifa auch in der höfischen Musik der Nordmolukken verbreitet.
Namens- und formverwandt ist das kulintangan im malaysischen Bundesstaat Sabah auf Borneo. Es ist nicht zu verwechseln mit dem Kastenxylophon kolintang in der Region Minahasa in Nordsulawesi. In Tana Toraja in Südsulawesi kann kolintang ein Metallophon bedeuten.
Verbreitung Ihre heutige Form erreichte diese Musikform, indem man den Klängen klobige Gongs hinzufügte, die man der Kultur der Sunda-Inseln entnahm und die Instrumente zu einer musikalischen Gruppe zusammenschloss. Die Beziehung, die zwischen dieser Form der Musik und den verschiedenen einheimischen Kulturen besteht, ist sehr ausgeprägt und reicht weiter zurück, als der Einfluss des Islams, des Christentums oder der westlichen Welt.Kristina Benitez: The Maguindanaon Kulintang: Musical Innovation, Transformation and the Concept of Binalig. University of Michigan, Ann Harbor 2005. Man entlockt dem Instrument seine Töne, indem man mit zwei hölzernen Klöppeln auf die Buckel am Kopf der Gongs schlägt.
Die Verbreitung des Kulintang reicht quer durch die unterschiedlichsten Sprach- und Volksgruppierungen. So wird anstatt des Begriffs Kulintang bei den Maranao und den Sulawesi die Bezeichnung Kolintang verwendet, die Völker von Sabah und dem Sulu-Archipel benutzen dagegen den Begriff Kulintangan, während bei den im Inland lebenden Molukken der Name Totobuang geläufig ist.Usopay H. Cadar: The Role of Kolintang Music in Maranao Society. In: Asian Music. Vol. 27, No. 2. (Spring-Summer, 1996), S. 80–103.
Im 20. Jahrhundert erweiterte sich der Begriff Kulintang und wurde zu einer Bezeichnung für ein vollständiges Maguindanao Ensemble, das sich aus insgesamt fünf oder sechs Instrumenten zusammensetzt.Usopay Hamdag Cadar: Maranao Kolintang Music and Its Journey in America. Asian Music 27, 1996, S. 131–146. Üblicherweise wird eine solche Musikgruppe als Basalen oder Palabunibuyan bezeichnet. Der letztgenannte Name bezeichnet „ein Ensemble aus lauten Instrumenten“ bzw. „musizieren“ oder in diesem Fall „musizieren mit einem Kulintang.“
mini|Die Karte zeigt die Verbreitung der Kulintang-Musik in Südostasien Das Kulintang gehört zu einer größeren Familie, respektive einem Kollektiv einer „Glockenspiel Kultur“, die sich vor allem in Südostasien verbreitet hat. Zusammenfassend kann man die verschiedenen traditionellen Gruppen, die mit Gonginstrumenten musizieren, geographisch in drei Hauptgruppierungen einordnen. Neben dem Kulintang sind hierbei der Gamelan des westlichen Indonesiens zu nennen, sowie das Pi Phat aus Thailand, Burma, Kambodscha und Laos, die allesamt ihre Gongs weder von Blas- noch von Saiteninstrumente begleiten lassen. Wie die beiden anderen wird die Kulintangmusik hauptsächlich in einem Orchester gespielt und besteht aus verschiedenen rhythmischen Anteilen, die einander angereiht vorgetragen werden. Die Musik basiert auf Pentatonik, einer Tonleiter, die nicht aus 7, sondern lediglich aus 5 Tönen besteht. Trotzdem unterscheidet sich die Kulintangmusik in vielen Aspekten von der Gamelanmusik, wie zum Beispiel sehr maßgebend durch die Art, wie sich die Melodien aufbauen. Bei dem Gamelan bewegt sich die Musik innerhalb eines Rahmens von stützenden Tönen und es fordert für das Einsetzen jedes Instrumentes vorgeschriebene Zeitintervalle. Der musikalische Rahmen der Kulintangmusik gestaltet sich dagegen weitaus flexibler, besitzt keinerlei einsetzende Intervalle und spricht der Improvisation eine vorherrschende Bedeutung zu.
Da derlei Kulintang-ähnliche Ensembles in verschiedenartigen Zusammenstellungen und in unterschiedlichen Sprachen existieren, findet sich eine weite Variation an Begriffen für diesen waagerecht aufgebauten Satz von Gongs. Alleine der Ursprungsbegriff Kulintang ist ebenso unter den Namen Kolintang, Kolintan, Kulintangan,R. Anderson Sutton: Reviewed Work: „Sama de Sitangkai“ by Alan Martenot and Jose Maceda. In: Ethnomusicology. 27, 1983. Kwintangan, K’lintang oder Gong Sembilan, Gong Duablas, Momo, Totobuang, Nekara,Margeret J. Kartomi: Is Malaku still musicological „terra incognita.“ An overview of the music-cultures of the province of Maluku. In: Journal of Southeast Asian Studies. 25 (1994), S. 141–173. Engkromong, Kromong/Enkromong und als Kakula/Kakula nuada. anzutreffen.
Kulintang-artige Instrumente werden von den Maguindanao, den Maranao, den Illanun, den Kalagan, den Kalibugan und neuerdings von den T'boli, den B‘Laan und den Subanao aus Mindanao gespielt, von den Tausūg, den Samal, den Sama/Badjao, den Yakan und den Sangir/Sangil aus Sulu, von den Bewohnern von Ambon, den Banda-Inseln, auf Seram, auf Ternate, auf Tidore und von den Kei aus Maluku, von den Bajau, den Suluk, den Murut, den Kadazan-Dusan, den Kadayah sowie den Paitanic-Völkern von Sabah, wie auch von den Malaien von Brunei, den Bidayuh und den Iban/Sea Dayaks von Sarawak, den Bolaang Mongondow und den Kailinese/Toli-Toli aus Sulawesi und von anderen Gruppen in Banjermasin und Tanjung auf Kalimantan und Timor.
Instrumente Aufbau mini|links|Bild eines Kulintanginstrumentes.
Das Instrument mit dem Namen Kulintang (oder unter seinen anderen Bezeichnungen) besteht aus einer Reihe/einem Satz von 5 bis 9 kleinen, erhabenen, gestaffelt arrangierten, topfförmigen Gongs, die horizontal auf einem Brett entsprechend ihrer Tonhöhe angeordnet sind, wobei derjenige mit dem tiefsten Klang sich links vom Spieler befindet.
Die Gongs liegen in dem Instrument aufrecht aneinandergereiht und werden von zwei Stricken/Schnüren eingefasst, die parallel zum Längsrahmen verlaufen. Bambus- bzw. Holzstöcke oder -stäbe, die senkrecht quer über dem Rahmen eingefasst sind, unterteilen die Gongs und bilden einen Kulintangsatz mit dem Namen Pasangan.
mini|Die verschieden großen Kulintanggongs aus Bronze. mini|Zum Schlagen der Gongs wird ein leichter Klöppel benutzt. Die Gongs können zwei, drei oder nur 1/8 Pfund (747 g, 1120 g bzw. 46,1 g) wiegen und haben einen Durchmesser von 7 – 10 Zoll (17,8 cm – 25,4 cm) bei einer Höhe von 4 – 5 Zoll (10,2 cm – 12,7 cm). Traditionell werden sie aus Bronze gefertigt, aber aufgrund des Mangels an Bronze sind ebenso Messing-Gongs mit nur wenig schlechteren Klängen gebräuchlich.
Das Brett des Kulintanginstruments wird von den Maguindanaos als Antagan bezeichnet, was so viel wie „gruppiert“ heißt, wobei es bei den Marano unter dem Begriff Langkonga bekannt ist. Es kann recht prunklos gestaltet sein, so dass es lediglich aus einfachen Bambus- bzw. Holzlatten gefertigt ist oder aber es ist reich mit künstlerischem Design verziert und mit traditionellen Okir-Motiven oder Arabesken versehen.
mini|links|200px|Jeder der Kulintanggongs besitzt seinen individuellen Namen mini|Auf dem Sulu-Archipel spielt man das Kulintang auf dem Boden.
Technik Um das Kulintang zu spielen, schlägt man mit zwei hölzernen Klöppeln auf den Buckel am Kopf der Gongs. Während des Kulintangspiels sitzen die Maguindanao und die Maranon immer auf einem Stuhl, während die Tausūg/Suluk, aber auch andere Gruppen, die das Kulintangan verwenden, gemeinschaftlich auf dem Boden sitzen.An Introduction to the Traditional Musical Instruments of Sabah. Sabah State Muzium, Kota Kinabalu 1992. Bei moderneren Formaten wirbeln die Künstler während der Darbietung mit den Schlägern umher, jonglieren sie in der Luft, variieren das Arrangement der Gongs entweder vor oder noch während des Spiels, kreuzen beim Spielen die Hände oder fügen dem Vortrag schnelle Feuerstöße hinzu, um auf diese Art die Grazie und die Kunstfertigkeit des Spiels hervorzuheben.
Gussverfahren Die Gongs für das Kulintang werden mittels des Wachsausschmelzverfahrens hergestellt, einem Verfahren, das für das Gießen individueller Gongs eine verlorene Form verwendet, die zerstört werden muss, um den Guss freizugeben.Usopay H. Cadar, Robert Garfias: Some Principles of Formal Variation in the Kolintang Music of the Maranao. In: Asian Music. Vol. 27, Nr. 2. (Spring - Summer, 1996), S. 105–122. In der ersten Phase werden Replikas des Gongs entweder aus Bienenwachs (Talo) oder Kerzenwachs (Kandila) erstellt. Die Wachsform wird mit einer speziellen Mixtur aus fein gepuderter Kohle und Lehm behandelt, mit der die Wachsoberfläche mittels einer Bürste bezogen wird. Die Schichten werden dann zum Trocken in die Sonne gelegt. Danach wird die komplette Form in einem Backofen erhitzt, bis das Wachs weggeschmolzen und die Kohle-Lehm-Mixtur ausgehärtet ist, so dass schließlich eine hohle Hülle übrig bleibt. Die geschmolzene Bronze wird anschließend über eine Mündung in den Hohlraum dieser ausgehärteten Form eingegossen und danach bis zu einem bestimmten Grad abkühlen lassen, wobei die Kohle-Lehm-Schicht zerbricht und den neuen Gong freigibt. Der Gong wird anschließend veredelt, gereinigt und unter Umständen von dem Panday (dem Gonghersteller) gekennzeichnet. Zum Abschluss wird das fertige Produkt durch den so genannten Tongkol-Prozess weiter veredelt. Hierbei wird der Buckel des Gongs mit dem Hammer entweder von innen bearbeitet, um die Tonhöhe leicht zu erhöhen, oder man beschlägt ihn von außen, um ihn tiefer klingen zu lassen.
Der richtige Klang findet sich alleine durch das Gehör des Bearbeiters, wobei der Spieler eine Reihe von Gongs anschlägt, um die melodische Kontur zu finden, die dem jeweiligen Gong eigen ist.
Methoden des Stimmens mini|Beim Tongkol-Prozess wird ein Hammer zum Stimmen des Gongs verwendet.
Im Gegensatz zu westlichen Instrumenten gibt nirgendwo auf den Philippinen einen Stimmsatz zu Kulintangsätzen.Adelaida Reyes Schramm: Music from the Tausūg of Sulu: Moslems of the Southern Philippines. In: Asian Music. 2, 1971. Es existieren somit deutliche Variationen zwischen jedem Satz. Diese Unterschiede begründen sich durch die Machart, die Größe und die Form. Zudem gibt die stetige Beanspruchung bei der Verwendung jedem Kulintangsatz eine spezifische Tonhöhe, einen einmaligen Nachklang und eine einzigartige Klangfarbe.Jose M. Maceda: The Music of Maguindanao in the Philippines. University Microfilms, Ann Arbor 1963.
Trotz der vernehmbaren Abstimmungsunterschiede sind durchaus Übereinstimmungen innerhalb der Kontur zu vernehmen, hört man dieselbe Melodie auf verschiedenen Kulintang-Sätzen. Diese Gemeinsamkeiten resultieren aus der gleichartigen Intervallbeziehung von mehr oder weniger abstandsgleichen Klangweiten zwischen den Tönen jedes Gongs.Thomas M. Kiefer: Music from the Tausūg of Sulu: Moslem of the Southern Philippines. Anthology Record and Tape Corporation, New York 1970.
Die Methoden der Instrumentenstimmung unterscheiden sich daher deutlich von den bekannten Methoden zum Stimmen eines Instrumentes, da man die Töne weder anzugleichen versucht, noch sich auf ein System von Standardtönen bezieht. Stattdessen legt man zum Stimmen bestimmte gleichartige Muster von langen und kurzen Intervallen zugrunde. Eine Methode, wie sie ebenso bei Gamelan-Orchestern des westlichen Indonesiens zu finden ist. Obgleich die Künstler der Maguindanao, der Maranao und der Tausūg kein Prinzip einer Tonleiter besitzen, da ihre Gewichtung auf dem Konzept einer rhythmischen Spielart basiert, finden sich bei ihnen die Pélog- und Slendro-Tonleitern des westlichen Indonesiens. Dennoch reichen ihnen ihre eigenen davon abweichenden Pentatonik- bzw. Heptatonik-Tonleitern zumeist aus.
Notationssystem mini|links|Beispiel einer Kulintang Ziffernnotation.