Ein Kräuterbuch (auch Herbar bzw. lateinisch Herbarius; italienisch Erbario oder Erbario farmaceutico, englisch Herbal) ist ein in erster Linie als Fachbuch konzipiertes pharmakognostisches Nachschlagewerk für Ärzte und Apotheker, das (oft mit Abbildungen, Herbarium pictum) Heilpflanzen und sonstige Arzneidrogen beschreibt und deren Anwendung erläutert. Sind auch Pflanzen („Kräuter“) die bestimmende Gruppe, so werden ebenfalls arzneilich verwendete Tiere, Mineralien sowie tierische und menschliche Produkte behandelt. Auch im seinerzeit weit verbreiteten Gart der Gesuntheit von 1485 wird unter Kraut bzw. Kräutern (kruter) eine Arzneidroge verstanden, die aus dem Pflanzen-, Tier- oder Mineralreich stammt.Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 18–19. Das Wort „Kräuterbuch“ (von niederländisch „Cruijdeboeck“) wurde erstmals im 16. Jahrhundert gebräuchlich.Frank J. Anderson: An illustrated history of the herbals. New York 1977. Für die Antike grundlegend war das Werk von Dioskurides, für das Mittelalter der „Macer“.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 9–16 und 28–30.
Geschichte Antike Die Geschichte der Kräuterbücher lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen.Charles Singer: The herbal in antiquity. In: Journal of hellenic Studies. Band 47, 1927, S. 1–52. Als frühestes Kräuterbuch im Sinne einer eigenständigen und komplexen DrogenmonographieThomas Richter: Melissa officinalis L.: Ein Leitmotiv für 2000 Jahre Wissenschaftsgeschichte. (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. 64). Königshausen & Neumann, Würzburg 1998, ISBN 3-8260-1645-9, S. 24. (Dissertation Würzburg 1997) gilt das im 4. Jahrhundert v. Chr. entstandene Rhizotomikón des griechischen Arztes Diokles von Karystos. Das älteste erhaltene Kräuterbuch ist der reich illustrierte, spätantike Wiener-Dioskurides-Kodex, ein Geschenk der Bürgerschaft von Honoratae an die Aristokratin Anicia Juliana in Konstantinopel (vor 512), dessen Vorlage im ersten Jahrhundert entstanden war.Pedanius Dioskurides – Der Wiener Dioskurides: Codex medicus Graecus 1 der österreichischen Nationalbibliothek. (Glanzlichter der Buchkunst, Band 8/1) Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1998. Kommentar von Otto Mazal S. 4. Im 4. Jahrhundert entstand ein fälschlich dem Apuleius zugeschriebenes, später vielbenutztes illustriertes KräuterbuchPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 17. (Herbarius). Solche und ähnliche Werke bleiben jedoch bis in das Spätmittelalter eher Ausnahmen, erst seit Beginn der Neuzeit werden Kräuterbücher durchgehend illustriert.
Mittelalter Eine bedeutende frühmittelalterliche Quelle ist der Liber de cultura hortorum (Hortulus), ein um 840 verfasstes Lehrgedicht in Hexametern des Reichenauer Abtes Walahfrid Strabo. Etwa zur gleichen Zeit wurde von dem Abt Hrabanus Maurus das auch den ersten mittelalterlichen Kräuterbücher zuzuordnende 19. Buch von De rerum naturis geschrieben. Beide Werke behandeln etwa 23 Heilpflanzen.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 17–21. Ebenfalls ein Lehrgedicht und durch den Hortulus beeinflusst ist der Macer floridus. Der Verfasser, Odo von Meung, lebte im 11. Jahrhundert. Maßgeblichen Einfluss gewann auch das Circa instans,Vgl. Jürg Blome: Fachnomenklatorische Untersuchungen zu einem der ältesten bebilderten Kräuterbücher Mitteleuropas. (Kurzfassung der Philosophischen Dissertation: Transkription, Übersetzung und systematisch-botanische Bearbeitung der in der Basler Universitätsbibliothek aufbewahrten Kräuterbuch-Handschrift 'Circa instans' (Mscr. K II 11) aus dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts. Basel 1978) In: „gelêrter der arzeniê, ouch apotêker“. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Willem F. Daems. Hrsg. von Gundolf Keil, Horst Wellm Verlag, Pattensen/Hannover; jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg 1982 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 24), ISBN 3-921456-35-5, S. 551–588. – Das von Blome behandelte Circa instans stammt aus Thüringen. das um 1150 in Salerno entstand. Als erstes deutschsprachiges Kräuterbuch gilt das Prüller KräuterbuchBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 49–50 (Das ›Prüller Kräuterbuch‹). aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Auch die Physica der Äbtissin Hildegard von Bingen und deren Rezeption in lateinischen und deutschen Werken zählt zur Gattung der Kräuterbücher.Barbara Fehringer[-Tröger]: Das „Speyerer Kräuterbuch“ mit den Heilpflanzen Hildegards von Bingen. Eine Studie zur mittelhochdeutschen „Physica“-Rezeption mit kritischer Ausgabe des Textes (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Beiheft 2). Königshausen & Neumann, Würzburg 1994.
Um 1288 entstand das lateinisch Liber de virtutibus herbarum betitelte Kräuterbuch (Herbarius) bzw. Arzneibuch des italienischen Mönchs Rufinus (von Genua), Abt des Klosters Tyrus, das unter anderem Anteile des Circa instans, des Macer floridus und, eine nicht überlieferte lateinische Fassung benutzend,Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 15. des Pedanios DioskuridesVgl. etwa Pedacii Dioscoridis Anazarbaei Kraeuterbuch […]. Ins Deutsche übersetzt von Johannes Danzius. Petrus Uffenbach, Frankfurt am Main 1610; Neudruck Grünwald bei München 1964. enthält.Lynn Thorndike, Francis S. Benjamin Jr. (Hrsg.): The herbal of Rufinus [= Liber De virtutibus herbarum …], edited from the unique manuscript. Chicago 1945; anastatische Nachdrucke ebenda 1946 und 1949 (= [nur die Nachdrucke] Corpus of mediaeval scientific texts. Band 1).ww.wyrtig.com: A Timeline of Early Sources of Information about Gardens and Plants.
Zu den bezüglich ihrer Pflanzenillustrationen stärker an der Naturbeobachtung orientierten mittelalterlichen Handschriften gehören das Erbario CarrareseFelix Andreas Baumann: Das Erbario Carrarese und die Bildtradition des Tractatus de herbis. Ein Beitrag zur Geschichte der Pflanzendarstellung im Übergang vom Spätmittelalter zur Frührenaissance. Bern 1974 (= Berner Schriften zur Kunst. Band 12). (Ms. Egerton 2020 im Britischen Museum, um 1400) und der Codex Roccabonella (Cod. lat. 59.2548 in der Biblioteca Marciana in Venedig, um 1419/1420). Der Text des in Padua hergestellten Erbario Carrarese geht auf den Liber aggregatus in medicinis simplicis des Pseudo-Serapion zurück, die Ausstattung mit Illustrationen auf das Ms. Egerton 747 des Circa instans. Verfasser der auch Rinio-HerbarVgl. Ettore de Toni: Il libro dei semplici di Benedetto Rinio. In: Memorie della Pontificia Accademia Romana dei Nuovi Lincei, Ser. II. Band 5, 1919, S. 171–279, Band 7, 1924, S. 275–398, und Band 8, 1925, S. 123–264. genannten, von dem Maler Andrea Amadio illustrierten, Kompilation Codex Roccabonella, für die es keine direkte Textvorlage gibt, dessen Illustrationen jedoch mit denen des Erbario Carrarese weitgehend übereinstimmen, war wahrscheinlich der Arzt Niccolo RoccabonellaM. Minio: Il quattrocentesco codice “Rinio” integralmente rivendicato al medico Nicolo Roccabonella. In: Atti del Ist. Ven. die Sc., Lettere ed Arti, Classe di Sc. morali e Lettere. Band 111, 1952/1953, S. 49–64. aus Conegliano.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 169–172, 178 f., 218 und 241.
Spätmittelalter und Frühe Neuzeit Nach Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern konnten Bücher hergestellt werden, die – im Gegensatz zu Handschriften – einigermaßen erschwinglich waren und daher weit größere Verbreitung fanden: Gerade die Kräuterbücher, die landessprachlich veröffentlicht wurden (und nicht in Latein, der Sprache der Gelehrten) waren ein verlegerischer Erfolg. In Frankreich, England und anderen europäischen Ländern, ganz besonders aber in Deutschland, sind zahlreiche Ausgaben von der Frühen Neuzeit bis in das 18. Jahrhundert erschienen.
Zu den ersten gedruckten Kräuterbüchern gehören eine um 1471 herausgebrachte Ausgabe des im 13. Jahrhundert entstandenen Liber de proprietatibus rerumDe proprietatibus rerum. Köln: Drucker der Flores Sancti Augustini (Jan Veldener). Vielmehr Johann Schilling (Solidi) auf Kosten von William Caxton, um 1471 (). des Bartholomaeus Anglicus (auch Bartholomäus Glanville), der einen alphabetisch geordneten Abschnitt über Pflanzen enthält, und als erster Kräuterbuch-Druck überhaupt ein 1477 von Anton Koberger herausgebrachter AuszugJohannes G. Mayer: Die ersten gedruckten Kräuterbücher und das Angelika-Wasser der Donaueschinger Taulerhandschrift. In: Würzburger Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Medizin-, Pharmazie- und Standesgeschichte aus dem Würzburger medizinhistorischen Institut, [Festschrift] Michael Holler zum 60. Geburtstag. (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. 38). Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-8260-1113-9, S. 156–177; hier: S. 158 f. aus Das puch der natur von Konrad von Megenberg.Agnes Arber: Herbals. Their origin and evolution. Cambridge 1912, S. 10.
Bereits zuvor – im Jahr 1484 – hatte Schöffer den Herbarius moguntinus („in Mainz gedrucktes Kräuterbuch“) herausgegeben, der lange als das erste im deutschsprachigen Raum gedruckte Kräuterbuch galt. Allerdings hatte der Buchdrucker Bartholomäus Ghotan bereits 1483 in Magdeburg das als pharmakologisch-nosologisches Handbuch angelegte Promptuarium medicinaePeter Seidensticker (Hrsg.): Das Promptuarium medicinae: Magdeburg: Bartholomäus Ghotan 1483. (= Corpus herbariorum. Band 1). Schauenburg, Lahr 1990, ISBN 3-7946-0263-3. als ersten niederdeutschen (elbostfälischen)Peter Seidensticker: ‚Promptuarium medicinae‘ (‚Beredicheyt der artzedige‘, ‚[Schone] Arstedyge boeck‘). In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 7, Sp. 864–867. Kräuterbuch-Druck herausgegeben.
mini|Alraunenmännchen aus dem Kräuterbuch Gart der Gesundheit. Mainz 1485