mini|Reste der Grundwasser-Filterstation der Anlage Weser mini|Aufenthaltsgebäude der Anlage Weser mini|Gesprengte Eisenbahnbrücke der Anlage Walo II an der Bomlitzmündung Die EIBIA G.m.b.H. für chemische Produkte war ein deutsches Chemie- und Rüstungsunternehmen, das in Bomlitz in der südwestlichen Lüneburger Heide ansässig war. Es entwickelte sich von 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit fünf Produktionsanlagen an drei Standorten zum größten Produzenten des Deutschen Reiches für Schießpulver.
Rechtsform und Entwicklung Die Eibia wurde als Tochterunternehmen der Firma Wolff & Co. in Bomlitz gegründet, war aber dem Reichswehrministerium gegenüber verantwortlich. Verwaltende Rechtsnachfolgerin ist heute die IVG Immobilien in Bonn.
Zweck der Eibia war der (scheinbar rein) privatwirtschaftliche Betrieb von Rüstungsfabriken, die zuvor im Auftrag des Oberkommandos des Heeres (OKH) durch die Firma Wolff & Co. als Bauherrin errichtet worden waren. Das OKH übergab die Anlage dann der vom Heereswaffenamt übernommenen Treuhandfirma Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH (kurz Montan G.m.b.H.) in München, die sie dann der Eibia für 30–50 % des Gewinns aus der Pulverfabrikation verpachtete. Diese Rechtskonstruktion, Montan-Schema oder auch Rüstungsviereck genannt, diente der Tarnung der staatlichen Intervention, hielt aber auch die jeweiligen Anlagenerbauer, in diesem Fall die Firma Wolff & Co., aus dem späteren Betriebsablauf heraus.Johannes Böhm, Demontage der Pulver- und Sprengstoff-Werke EIBIA G.m.b.H - Bomlitz-Dörverden-Liebenau, Benefeld 1950, in: Staatsarchiv Stade, Bestand 98/0540
Die Firma Wolff & Co. verfügte damals über eine fast hundertzwanzigjährige Erfahrung in der Pulverfabrikation und hatte sich im Ersten Weltkrieg auch bei der Herstellung von militärischen Sprengstoffen einen Namen gemacht. Ihr technischer Stand war dem Reichswehrministerium deshalb bekannt. Das Oberkommando des Heeres trat bald nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten an die Firma heran, um eine erneute Fertigung für das Militär zu vereinbaren. Nach einer erfolgreichen aufwändigen Versuchsphase wurde am 26. Oktober 1938 die Eibia G.m.b.H. gegründet. Anfänglich war sie organisatorisch noch von der Muttergesellschaft abhängig, überflügelte diese dann aber rasch an Größe und Produktionsvolumen. Der Name nimmt Bezug auf die Eibe, der eine Bedeutung bei der Waffenherstellung bei den Germanen nachgesagt wird.Andrea Hesse, Prädikat "Bestbetrieb" – die Eibia GmbH für chemische Produkte in Bomlitz, Münster 1995, S. 15
Die Eibia war zu Kriegsende Betreibergesellschaft dreier großer Produktionsanlagen; zum einen bei Bomlitz (Tarnname: Anlage Walo IIDer Name bezieht sich auf Graf Wale von Askanien, den Gründer des Klosters Walsrode (im Jahr 986), dessen Sitz zuvor die Hünenburg im Mündungswinkel zwischen Warnau und Böhme südlich der Anlage Walo II war), zum anderen an der Mittelweser bei Dörverden (Anlage Weser) und Liebenau (Anlage Karl). Außerdem hatte zuvor die Firma Wolff & Co. an ihrem Stammsitz in Bomlitz in der Versuchsphase, die der Firmengründung der Eibia seit Juni 1935 vorausgegangen war, zwei kleinere Betriebe (Anlagen Waldhof und Walo I) im Auftrag des OKH errichtet. Die Eibia übernahm diese kleineren Betriebe mit ihrer Gründung. Eine Abteilung der Anlage Walo II befand sich außerdem nördlich von Bomlitz (Löverschen).
Produktionsanlagen Die Produktionsstandorte der früheren Eibia liegen in Nachbarschaft der Muttergesellschaft in Bomlitz. Die späteren Anlagen sind zur schiffbaren Weser hin orientiert. Wegen der Anlage unterirdischer Bauten ist allen Standorten gemeinsam, dass ihr Untergrund sandig ist (mit allenfalls geringen Lehmlagen) und dazu einen großen Grundwasserflurabstand aufweist. In Bomlitz ist dies durch die Lage an der Oberkante von Steilhängen, die ins Bomlitz- und ins Warnautal hinabführen, gegeben. In der Eickhofer Heide bei Liebenau und Steyerberg sorgen die bis zu 50 Meter aufragenden Endmoränen der Heisterberge für Baugrund ohne Staunässe. Lediglich der Standort Dörverden erlaubte angesichts nur vereinzelter alter Binnendünen kaum unterirdische Bauten. Überdies erschwerte dort ein fehlendes Gesamtgefälle die Wahrung eines typischen Eibia-Bauprinzips, nach welchem der Produktionsablauf dem natürlichen Hanggefälle folgte, um gefährliche Pumpvorgänge zu minimieren. Die einzelnen Anlagen wurden mit großen Sicherheitsabständen erstellt, auch um die Wirkung von Luftangriffen zu minimieren. Die rund 1200 Gebäude der fünf Eibia-Anlagen waren zum größeren Teil oberirdisch, rund 100 waren unterirdisch und etwa 270 umwallt. Fast alle Gebäude, bis auf einige Verwaltungsgebäude, wurden in Waldgebieten errichtet und erhielten massive, weit vorkragende Beton-Flachdächer, die mit Bäumen bepflanzt wurden. Die Wege waren meist als geschwungene Hohlwege, teilweise auch im Tunnel angelegt, um Explosionswirkungen zu begrenzen. Der Elektro- und Handkarrenbetrieb erforderte geringes Gefälle und machte vereinzelt sogar Serpentinen notwendig.
Auch die äußere Verkehrsinfrastruktur wurde ausgebaut und ergänzt. Bemerkenswert bei den Bomlitzer Eisenbahnanlagen war ein leistungsfähiger Ein-Richtungs-Betrieb, der die Werkbahn Wolff, die Heidebahn zwischen Walsrode und Honerdingen, sowie die Bahnstrecke Bremervörde–Walsrode zwischen Walsrode und Cordingen einbezog. Die Anlagen nahe der Mittelweser erhielten neben dem Bahn- und Straßennetz auch je einen Hafen. Die vom OKH getragenen Investitionskosten betrugen 380 Millionen Reichsmark.Johannes Böhm, Demontage der Pulver- und Sprengstoff-Werke EIBIA G.m.b.H - Bomlitz-Dörverden-Liebenau, Benefeld 1950, in: Staatsarchiv Stade, Bestand 98/0540
Die Produktionsanlagen sind punktuell später noch erweitert worden, zum Teil allerdings auch in reduzierter Form errichtet worden. Mangels ausreichender Nachfrage nach Nitrocellulose-Pulver (NC-Pulver) wurde bei der Anlage Weser nur die halbe vorgesehene Kapazität realisiert. Unter anderem wurde der Weiterbau des zweiten 7500-kW-Kraftwerkes eingestellt.
Für die Verwaltung und den Eibia-Gesundheitsdienst in Benefeld wurden außerhalb des Betriebes an Stelle des Hofes Nonnenwald Gebäudekomplexe betont ziviler Architektur errichtet. Die Verwaltung der Anlage Weser war im schlossartigen Heysenhof zwischen Dörverden und Hassel untergebracht, die der Anlage Karl im Schloss Eickhof bei Liebenau. Für die Arbeiter wurden Wohnlager errichtet, die sich in ihren Standards sehr unterschieden. Sie reichten von der Siedlung für Facharbeiter und Ingenieure (Warnautalsiedlung in Benefeld) über standardisierte Doppel- und Reihenhaussiedlungen hin zu Steinbarackenlagern und schließlich Holzbarackenlagern.
Technische Daten der Eibia-Anlagen Standort Bomlitz Dörverden Liebenau /Steyerberg Tarnnameder Anlage Waldhof Walo I Walo II(Fertigung) Walo II,Abt. Löverschen Weser(m. Abt. Diensthop) Karl Örtlichkeit Fuchsberg Fuhrenkamp Lohheide Großer Löverschen Drübberholz Eickhofer Heide Lage Grundbesitzvorher Wolff & Co. örtlicheBauern örtlicheBauern (?) örtliche Bauern v. Eickhof-Reitzenstein,örtliche Bauern Bauzeit 1935–1936 1937–1938 1938–1940 (?) 1939–1941 1939–1941 Baubeteiligte (max) (?) (?) 3000 (?) (?) 4000 Fläche (ha) 36 32 180 78 425 1350 Geb. aufstehend 67 27 168 198 250 Geb. umwallt 28 13 56 68 104 Geb. unterird. 26 11 38 7 21 Geb. unbezeichnet 87 30 17 Gebäude gesamt 121 51 262 87 303 392 Kraftwerke (kW) 5000 2 × 7500 7500 2 × 7500 Wasserversorgung Böhme Böhme Böhme (?) Weser, 40 Brunnen Weser, 64 Brunnen Bahnkörper (km) 1 1,5 9 8,5 11,5 42 Straße (km) (?) (?) 20 6,5 21 84 heutigeNutzung Werk Fuchsberg,Dow Wolff Cell. Kläranlage, Waldbad, Schulzentrum Erholungsgebiet Eibia-Lohheide, Industrieanlagen Sperrgebiet, gewerbl. Lager Gewerbe- und Industriegebiet, Wolfcenter, Erholungsgebiet Sperrgebiet, Milit. Restnutzung, chem. IndustrieOxxynova, davor Degussa-Hüls AG, davor Dynamit Nobel AG Siedlungen,Wohnlager Benefeld: Lohheide-Nord u. -Süd, Steinlager,Cordingen, Vorwalsrode Dörverden: Steinlager Liebenau: Stein ISteyerberg: Stein II Arbeiterlager Benefeld:Ein sechs Wochen lang bestehendes KZ-Außenlager war wahrscheinlich wegen des Arbeitskräftebedarfs beim Aufbau der Eibia-Anlagen in Benefeld angelegt worden, es war aber organisatorisch nicht den Eibia-Lagern zugeordnet. an der Westerharler Str.,Hilperdingen, Graesbeck Drübber: Todt-LagerStedorf: Wiebe-LagerWesten Liebenau:Ein Polizei-Gewahrsamlager/Arbeitserziehungslager war wegen des Arbeitskräftebedarfs beim Aufbau der Pulverfabrik in Liebenau angelegt worden, es war aber organisatorisch nicht der Eibia zugeordnet. Liebenau ISteyerberg: Reeser L.und Liebenau II
Bau- und Betriebsablauf Ursprünglich waren die drei großen Eibia-Betriebe Walo II, Weser und Karl als „Schattenwerke“ geplant gewesen; das heißt, sie sollten erst im Mobilmachungsfall ihren Betrieb aufnehmen. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges lag aber vor der Fertigstellung der Betriebsanlagen, so dass die Produktion sofort aufgenommen wurde. Für ihren Bau waren jeweils bis zu 70 Firmen beauftragt. Dazu kamen der Reichsarbeitsdienst (RAD) und nach Kriegsbeginn zahlreiche Zwangsarbeiter aus verschiedenen europäischen Ländern. Es zeichnet sich ab, dass sich die Bedingungen beim Bau der einzelnen Anlagen deutlich unterschieden. Der Bau der Bomlitzer Anlagen begann noch vor dem Zweiten Weltkrieg, wogegen die Anlagen an der Mittelweser währenddessen entstanden. Dadurch war hier der Bauablauf von vornherein durch Zwangsarbeit geprägt. Bei der Anlage Weser oblag die Bauausführung weitgehend der Organisation Todt, für die im Westen, nahe der heutigen B215, ein Zwangsarbeiterlager eingerichtet worden war. Bei der Anlage Karl bei Liebenau war der Anteil ausländischer Arbeiter mit über 80 % besonders hoch, was von staatlichen Stellen als Sicherheitsrisiko kritisiert wurde (bei ähnlichen Betrieben lag der Anteil um 50 %). Der äußerst schlechte Gesundheitszustand der zugewiesenen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion machte sie weitgehend arbeitsunfähig. Bereits in der Bauphase starben mindestens 600 von über 2000 von ihnen, vor allem an Ruhr, Typhus und Tuberkulose.Martin Guse: Die Pulverfabrik Liebenau 1938 bis 1945 – Ein Überblick, 2005 PDF-Version
1940 richtete die Gestapo Hannover am Ortsrand von Liebenau ein Arbeitserziehungslager für etwa 250 bis 500 Häftlinge ein, das nicht zuletzt als disziplinierende Bedrohung für die Zwangsarbeiter zu fungieren schien. Die dortigen Lagerbedingungen waren denen eines Konzentrationslagers wohl ähnlich.Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Verden in: Staatsarchiv Stade, Bestand Rep 171 Verden acc 66/88 (in den 60er Jahren) Es wurde im Mai 1943 nach Lahde verlegt. Auch in Benefeld wurde 1944 ein Lager außerhalb der Eibia-Lager eingerichtet. Ab August 1944 wurden im KZ Bergen-Belsen weibliche Häftlinge vor allem aus dem KZ Auschwitz-Birkenau eingeliefert, die zum Teil in Außenkommandos weiterverteilt wurden; das im September 1944 errichtete KZ-Außenlager Benefeld bestand jedoch nur sechs Wochen.