Täuschung und Fälschung in der Wissenschaft beziehen sich auf unwahre Behauptungen, erfundene oder gefälschte Forschungsergebnisse, die aus Nachlässigkeit, Fahrlässigkeit oder vorsätzlich, also in täuschender Absicht von Wissenschaftlern publiziert werden, also um Wissenschaftliches Fehlverhalten. Hierzu gehören insbesondere Fälschungen von Daten und Messergebnissen, (komplett erfundene Daten, Vervielfachung der erhobenen Daten, um größere Stichproben vorzutäuschen, Manipulation von Abbildungen, Verheimlichen unliebsamer Daten, bei Regressionsverfahren das Entfernen von Ausreißern) sowie wahrheitswidrige Aussagen und Schlussfolgerungen in Publikationen.Katharina Hölter: So dreist wird in der Wissenschaft betrogen Welt Online vom 24. November 2014

Das Nicht-wahrhaben-Wollen von Forschungsergebnissen, die der herrschenden Meinung widersprechen oder widersprüchlich scheinen, eine tendenziöse Berichterstattung sowie das Weglassen von Daten stellen minder schwere, für den Wissenschaftsbetrieb gleichwohl schädliche Verhaltensweisen dar. Charles BabbageReflections on the Decline of Science in England, 1830, Kapitel 5, Abschnitt 3 On the frauds of observers, Online bei Gutenberg. führte 1830 mit Forging (Fälschen oder Erfinden von Ergebnissen und Beobachtungen), Trimming („Datenmassage“; bewusste Manipulation von Messwerten) sowie Cooking („Schönung“ von Ergebnissen durch das Weglassen abweichender Messwerte) eine Klassifikation der Täuschungsformen ein, die bis heute Gültigkeit hat.

Zur Täuschung, aber nicht der Fälschung im engeren Sinne zählen Plagiate und die Veröffentlichung der Arbeit von Ghostwritern unter eigenem Namen, da die veröffentlichten Informationen in diesen Fällen – abgesehen von der Autorenangabe – korrekt sind. Beispiele für solche Fälle können unter Liste deutscher Dissertationen mit Plagiaten nachgelesen werden. Umgangssprachlich wird auch von Betrug gesprochen, damit sind juristisch jedoch Vermögensdelikte gemeint, weshalb Täuschung der korrekte Begriff ist.

Die Wissenschaft war nie frei von Fällen der Täuschung und der Fälschung. Innerhalb der wissenschaftlichen Community wird heute in diesen Fällen auch von einer Vertrauenskrise der Wissenschaft gesprochen und darüber diskutiert, ob und wie dadurch das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft beeinträchtigt wird.Wissenschaft in der Vertrauenskrise? Wissenschaft und Gesellschaft auf helmholtz.de von 2014 Einige Fälle erregten dabei Aufsehen in der Öffentlichkeit, wurden zum Skandal und erschütterten so dieses Vertrauen.Susanne Billig und Petra Geist: Betrug in der Wissenschaft: Tricksen, täuschen, fabulieren Deutschlandfunk Kultur vom 25. Februar 2016 Neben „populistischer Skepsis“ seien auch grundlegende Systemvorbehalte dafür verantwortlich. Die sozialen Medien seien Kanäle, wo schlechte Erfahrungen aus dem Wissensbetrieb schneller bekannt und auch skandalisiert werden.Corina Niebuhr: Vertrauenskrise in der Wissenschaft? MERTON Onlinemagazin des Stifterverbandes vom 9. November 2017.

Aktuellere Erscheinungen von wissenschaftlichem Fehlverhalten bestehen in der zunehmenden Zahl an KI-generierten und an Paper-Mill-manipulierten Veröffentlichungen, vor allem in Wissenschaftszweigen mit besonders hoher Profitabilität (etwa in der Biomedizin und in den Ingenieurwissenschaften). Seit Mitte der 2010er steigt die Herausforderung für wissenschaftliche Verlagsunternehmen, derartige Betrugsfälle zu entlarven, obwohl gerade sie zu den Profiteuren gehören.Florian Sturm: Wie Betrug die Wissenschaft überschwemmt. Online-Artikel unter spektrum.de vom 30. Dezember 2025. Abgerufen am 1. Januar 2026.

Ursachen und Motivation Die Ursachen und Motivationen für Täuschung und Fälschung in der Wissenschaft sind einerseits individuell zu suchen. In Betracht kommen dabei häufig Ruhm und Ehre, die Forscher mit der Publikation neuer und sensationeller Erkenntnisse zu gewinnen suchen. Auf der anderen Seite können auch ein Publikationszwang („Publish or perish“) und der Bedarf an Fördermitteln dazu führen, dass Versuchsdaten und Ergebnisse erfunden oder geschönt werden. Dabei spielte die zunehmende Bedeutung von Metriken aus der Bibliometrie und Szientometrie und deren Missbrauch durch die Forschungsbewertung eine wichtige Rolle.Diana Hicks, Paul Wouters, Ludo Waltman, Sarah de Rijcke, Ismael Rafols: Bibliometrics: The Leiden Manifesto for research metrics. Nature 520, 429–431 (2015). https://doi.org/10.1038/520429a (Link zum Volltext, abgerufen am 30. November 20)

Die Sozialpsychologin Jennifer Crocker von der Ohio State University nahm die Fälschungen ihres Fachkollegen Diederik Stapel zum Anlass, der Frage nachzugehen, „warum jemand mit offensichtlicher Intelligenz, Ehrgeiz und Talent durch gefälschte Daten alles auf Spiel setzt.“Jennifer Crocker: The road to fraud starts with a single step. In: Nature. Band 479, 2011, S. 151, doi:10.1038/479151a. Sie verglich das Fehlverhalten mit dem 1963 publizierten Milgram-Experiment: Hier wie dort sei offenbar der erste, kleine, von den ethischen Normen abweichende Schritt als ethisch akzeptabel rationalisiert und damit zum ‚Normalzustand‘ erhoben worden. Jeder weitere Verstoß gegen die Normen erscheine dann – bezogen auf den neuen ‚Normalzustand‘, der beispielsweise im Weglassen von Quellennachweisen und unpassend erscheinenden Messergebnissen bestehen könne – wenig gravierend. Auf diese Weise könne allmählich immer stärker von den Normen abgewichen werden, ohne dass es vom Täter als Verstoß gegen die in der Gesellschaft gültige Moral wahrgenommen werde.

Unter dem Titel Wie Betrug die Wissenschaft überschwemmt wurden im Dezember 2025 auf Spektrum.de die Ergebnisse einer Recherche von Florian Sturm veröffentlicht, die vom Hofschneider-Recherchepreis für Wissenschafts- und Medizinjournalismus der Stiftung Experimentelle Biomedizin unterstützt war. Laut Sturm lässt die künstliche Intelligenz „das Fälschungsproblem buchstäblich explodieren“. Elsevier halte die Ursachen des Problems für „systemisch“. Sturm zufolge kämen zahlreiche Faktoren zusammen: „Fehlanreize in einem überforderten System, Karrieredruck vor allem beim Nachwuchs, das Ego und Machtstreben etablierter Forschender – und, das sagen zahlreiche Expertinnen und Experten, mit denen Spektrum gesprochen hat: das Profitstreben großer kommerzieller Verlage.“ Sturm beschließt seine Recherche mit einer Bemerkung zum Verhältnis von Profitstreben und Erkenntnis: „Veränderung ist möglich. Aber sie erfordert Mut und wahrscheinlich einige radikale Schritte. Vor allem von denen, die das gegenwärtige System finanzieren und am stärksten davon profitieren. Denn wenn Profit wichtiger bleibt als Erkenntnis, steht nicht nur die Wissenschaft auf dem Spiel – sondern unser Vertrauen in die Wahrheit selbst.“

Nach der Aufdeckung von Fälschungen steht oft die Frage im Raum, warum die Fehler so lange unentdeckt blieben. Dabei handelt es sich teilweise jedoch nicht einfach um ein blindes Vertrauen in die Wissenschaft und ihre Forschungsergebnisse. Manchmal stehen strukturelle Mängel des Forschungsbetriebs einer Aufdeckung von Missständen im Weg, ein „Mangel an Abwehrkraft“:Ed Yong: The data detective. Uri Simonsohn explains how he uncovered wrongdoing in psychology research. In: Nature. Band 487, Nr. 7405, 2012, S. 18–19, doi:10.1038/487018a. Wissenschaftler vertrauen in der Regel darauf, dass Fälschungen entdeckt werden, sobald Fachkollegen die angeblichen Studienergebnisse zu reproduzieren versuchen, dies aber misslingt. Tatsächlich ist es aber „nahezu unmöglich, Wiederholungen (oder gescheiterte Wiederholungen) in hochrangigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu veröffentlichen“.Jennifer Crocker, M. Lynne Cooper: Addressing Scientific Fraud. In: Science. Band 334, Nr. 6060, 2011, S. 1182, doi:10.1126/science.1216775. „Allen gefällt die Tatsache, dass Whistleblower existieren, aber niemand kann sie leiden.“ Universitäten und Forschungseinrichtungen fürchten um ihren Ruf, wenn bekannt wird, dass in ihrem Haus wissenschaftliche Fehler gemacht werden. Fachbereiche und Kollegen fürchten das Ausbleiben von Forschungsgeldern, wenn sie keine positiven Ergebnisse im Sinne der Geldgeber vorweisen können (siehe auch Problematik von Gutachten). Falls es sich bei dem Fälscher um einen Professor oder eine einflussreiche Koryphäe des Fachs handelt, sind Mitarbeiter und Kollegen für die eigene Karriere auf ein gutes Einvernehmen mit dem Fälscher angewiesen. Umgekehrt kann das Renommee der Mitarbeiter und Schüler leiden, wenn eine Fälschung ihres Vorgesetzten entdeckt wird, auch wenn sie selbst gar nicht daran beteiligt waren. Insbesondere wenn es sich bei einer fälschenden Koryphäe um den Leiter einer auf Jahre angelegten Projektgruppe handelt, würde ein Auffliegen des Schwindels meist auch zum Ende des Projektes und somit zu einer ungewissen Zukunft für die nachgeordneten Projektmitarbeiter führen.

Im Falle des Anthropologie-Professors Reiner Protsch versuchte eine interne Universitätskommission zu ergründen, warum Protschs Umfeld sein Verhalten jahrzehntelang tolerierte. Eine Mischung aus Angst, Ignoranz und falsch verstandener Solidarität, so die Diagnose, habe ein konsequentes Vorgehen von Fachbereich und Hochschulleitung gegen den Professor verhindert. Der Kommissionsbericht kritisiert, „dass die fehlende Sensibilität und Entschiedenheit bei Mitarbeitern, Kollegen, Dekanen sowie bei Hochschulleitung und -verwaltung konsequentes Handeln zu einem früheren Zeitpunkt vereitelt“ habe. Pressemitteilung Nr. 37/2005 der Universität Frankfurt vom 17. Februar 2005 (aus Webarchiv). Zudem habe man „Ausmaß und Tragweite des Fehlverhaltens von Protsch offensichtlich falsch eingeschätzt und es deshalb nicht konsequent verfolgt.“ Dieses Versagen der Universitätsangehörigen habe dazu geführt, dass Protsch „das Amt eines Universitätsprofessors in hohem Maße missbraucht und sich fachlich wie durch seine Amtsführung hierfür disqualifiziert“ habe.Pressemitteilung Nr. 38/2005 der Universität Frankfurt vom 17. Februar 2005.

Die vergleichsweise hohe Quote von Täuschungsfällen im Bereich der Medizin und Biowissenschaft wird mit niedrigeren Standards der Hochschulausbildung erklärt: Mediziner arbeiteten praxisbezogener und würden nicht zum Forscher, sondern zum Therapeuten ausgebildet, was zu geringerer naturwissenschaftlicher Erfahrung und einer höheren Toleranz bezüglich methodischer Fehler und Unsauberkeiten führe.

Prävalenz nach Gender Eine 2025 erschienene Studie untersuchte rund 65.000 zwischen 1971 und 2025 zurückgezogene Publikationen. Die Autoren der Studie werteten dabei auch die Gruppe der aus ethischen oder rechtlichen Gründen zurückgezogenen Paper aus. In Übereinstimmung mit vorangegangenen Studien zeigte sich, dass Publikationen von Autorinnen weniger häufig aufgrund von wissenschaftlichem Fehlverhalten oder Betrug zurückgezogen werden mussten: Während Frauen etwa 30–40 % der Erstautorenschaft stellten, sind nur 16,6 % des wissenschaftlichen Fehlverhaltens auf sie zurückzuführen.

2021 betrachtete eine Studie eine über alle wissenschaftlichen Disziplinen repräsentative Stichprobe von 113 aufgrund von Betrug und Plagiaten zurückgezogenen Publikationen. Fälschungen und Plagiate waren bei 59,2 % der männliche Autoren der Grund für eine Rücknahme der Publikation, während dieser Grund bei Frauen 28,6 % ausmachte.

2013 kam eine Untersuchung US-amerikanischer Publikationen aus den Biowissenschaften zu dem Schluss, dass Männer für zwei Drittel der Fälle von Wissenschaftsbetrug verantwortlich sind. Damit waren männliche Autoren überproportional häufig für wissenschaftliches Fehlverhalten verantwortlich.

Gegenmaßnahmen