mini|Martin Vogt Martin Vogt (* 3. April 1781 in Kulmainhttps://data.matricula-online.eu/de/deutschland/regensburg/kulmain/Kulmain004/?pg=24 in der Oberpfalz; † 18. April 1854 in Colmar im Elsass) war ein Organist, Cellist und Komponist. Er wirkte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich.
Leben Martin Joseph Vogt wurde als Sohn des Lehrers, Organisten und Gutsverwalters Ambrosius Vogt in Kulmain geboren. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr erhielt er die musikalische Ausbildung im Elternhaus. Als zehnjähriger Sängerknabe erregte er Aufsehen mit seinen Auftritten in Klöstern. Dazu bemerkte er, „dass die Arien so wohl gefielen, dass man mich fast auf den Händen vom Chor wegtrug“. Das Reisen zu den Klöstern in vierspännigen Pferdekutschen machte auf den damaligen Sängerknaben ebenfalls Eindruck. In der um 1850 geschriebenen Autobiografie charakterisierte Martin Vogt seine eigene musikalische Familie wie folgt:
Von 1791 bis 1794 erhielt Martin Vogt vielseitigen Musikunterricht in der Klosterschule Michelfeld. Von 1794 bis 1799 besuchte er das Jesuitenseminar St. Paul in Regensburg mit mehr als tausend Studenten verschiedener Richtungen. Hier wurde er von Pater Sebastian Brixi auf der Orgel unterrichtet. Nachdem der Hauptorganist dieses Seminars ausgeschieden war, wurde dem 15-jährigen Vogt die Stelle anvertraut. Schon damals galt er Kenner des Generalbasses. In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Kompositionen, Stücke für Gesang und Orchester. Während der Ferien zogen die Musikstudenten vielfach von Kloster zu Kloster und waren dank ihres musikalischen Beitrags gerngesehene Gäste.
Während der Wanderjahre ab 1799 nahm Vogt am Musikleben in Österreich teil, unter anderem in Wien und Salzburg. 1806 floh er von Salzburg in die Schweiz, um der drohenden Einziehung in die napoleonische Armee zu entgehen. Auf der Reise in die Schweiz musizierte er in vielen Klöstern wie Ottobeuren, St. Trudpert,Meinrad Walter: Die Orgel – Mein Lieblingsinstrument. Schwabenverlag, Ostfildern / Carus, Stuttgart 2005, ISBN 3-7966-1146-X / ISBN 3-89948-055-4, S. 19–20 (Wettstreit an zwei Orgeln in St. Trudpert) Einsiedeln, Muri, Mariastein und St. Urban, wo er vier Jahre verblieb. In seinen Erinnerungen kommen neben den süddeutschen, österreichischen und Schweizer Städten auch Prag, Budapest, Venedig und Padua vor.
Erst ab 1812 fühlte er sich frei im damals französischen Arlesheim, dank einer festen Anstellung (ohne Militärverpflichtung) als Domorganist und Schullehrer. Von hier aus reiste er regelmäßig nach Basel für weitere Musikaktivitäten. Dort kam er in Kontakt mit bekannten Musikern und wurde von diesen in Arlesheim auch besucht, so von Fränzl und Peter von Winter in München, Carl Maria von Weber, Louis Spohr, Bernhard Romberg sowie Franz Xaver Mozart, dem Sohn des von ihm besonders verehrten Mozart.
Von 1823 bis 1837 übernahm er die Stelle des Musikdirektors in der Kathedrale St. Gallen und des Musiklehrers am katholischen Gymnasium. In der letzten Phase seines Lebens, von 1837 bis 1854, war er Domorganist und Chorleiter in der Münsterkirche St. Martin von Colmar.
Ausbildung und Arbeit (Autobiografie bis 1820) mini|Arlesheim bei Basel, Domkirche mini|Arlesheim 1812–1823, Domorganist auf Silbermann-Orgel und Musikaktivitäten in Basel Die Autobiografie von Martin Vogt entstand am Ende seines Lebens und beschreibt die erste Hälfte seiner Laufbahn von 1781 bis 1821. Ein früherer Verleger gab ihr den Titel Erinnerungen eines wandernden Musikers. Die Schrift ist ein Zeitdokument des bewegten Musiklebens aus dieser Epoche. Im Jahr 1803, während der napoleonischen Kriegswirren, wurden alle bayerischen Klöster aufgehoben und teilweise zerstört. Das Jesuitenseminar St. Paul in Regensburg, wo er seine Orgelausbildung von Pater Brixi erhielt, wurde 1809 dem Erdboden gleichgemacht.
Wien In Wien lernte er den bekannten Cellisten Joseph Franz Weigl kennen. Dieser war der erste Cellist im Orchester des Fürsten Esterházy, das durch Joseph Haydn geleitet wurde. Da Vogt wenig Geld hatte, bot ihm Weigl kostenlose Lektionen für das Cello an. In kurzer Zeit beherrschte Vogt dieses Instrument so gut, dass die beiden Cellisten als Duo auftraten und Konzerte gaben. An Ostern 1800 spielten sie in Klosterneuburg und andern Orten. Dazu bemerkte Martin Vogt: „Ich wurde als junger Violoncellist allgemein bewundert, mit dem Ersuchen, ja doch so oft hieher zu kommen.“
Salzburg Ab 1803 folgte die letzte Phase seiner musikalischen Ausbildung im Kloster St. Peter in Salzburg. Hier war Michael Haydn Orchesterdirigent und gleichzeitig Kapellmeister in der Domkirche. Martin Vogt erhielt von ihm Unterricht in der Kompositionslehre und als Dirigent. In Salzburg ging es dem 22-jährigen Musiker wirtschaftlich sehr gut, da er auch als Cellist angestellt war bei den Winterkonzerten sowie im Theater, wo wöchentlich zwei Opern aufgeführt wurden. In der Stadt Salzburg wäre er gerne geblieben, wenn er 1806 nicht gezwungen gewesen wäre, das Land aus militärischen Gründen zu verlassen. Den militärischen Marschbefehl, der erst im Heimatort Kulmain angekommen war, hatte sein Vater nach Salzburg weitergeleitet.
St. Urban Nach vielen Zwischenstationen in Süddeutschland und der Schweiz führte eine Anstellung in der Klosterschule St. Urban zu einem vierjährigen Arbeitsaufenthalt, von 1808 bis 1811. Diese Schule war am Ende des 18. Jahrhunderts das erste Lehrerseminar der Schweiz und hatte eine bedeutende Musikkultur. Der Musikautor Wilhelm Jerger schrieb über St. Urban im 18. Jahrhundert von „einer einstmals bedeutsamen örtlichen Musikpflege, von der man selbst in der Schweiz nur wenig weiß“. Auch der bekannte Schweizer Musiker Xaver Schnyder von Wartensee (1786–1868), der seinen Onkel, den Komponisten Benignus Schnyder von Wartensee (1754–1834), im Kloster St. Urban besuchte, kam 1802 zur Feststellung, dass sich „unter den Mönchen so viele Musiker befanden, dass das zur Messe nötige Orchesterpersonal aus ihnen besetzt werden konnte“. Von Martin Vogt stammt die Bemerkung: „Durch die vielen Gäste, die immer nach Sankt Urban kamen, wurden nun meine Kompositionen in der Schweiz bekannt, und hätte ich alle Bestellungen befriedigen wollen, so hätte ich Tag und Nacht schreiben müssen.“ Im letzten Abschnitt wird über die Gründung seiner Familie in St. Urban berichtet.
Arlesheim und Basel Im Jahr 1812 verlegte Martin Vogt seine Tätigkeit in das damals französische Arlesheim, wo er von der Militärverpflichtung befreit war. Dank seines virtuosen Orgelspiels regelte der Generalvikar und Domherr Franz Xaver von Mahler die Anstellung mit dem französischen Bürgermeister von Arlesheim. In diesem Dorf mit dem Dom und einer Orgel von Johann Andreas Silbermann war er Organist und Schullehrer.
Sein musikalisches Milieu aber war Basel, wo er sich drei Tage pro Woche am Musikleben beteiligte: im städtischen Orchester als angestellter Cellist, als privater Musiklehrer (u. a. für die Tochter des Musikdirektors) und gelegentlich auch als Organist auf der J.-A.-Silbermann-Orgel der Peterskirche.
1815 wurde Arlesheim der Schweiz zugeteilt und 1819 erhielten Martin Vogt und seine Familie das Bürgerrecht von Arlesheim. Damit wurde er auch Schweizer Bürger. Während dieser Zeit, dem Höhepunkt seiner musikalischen Karriere, erhielt er seriöse Angebote, sich mit seiner Familie in London oder Paris niederzulassen. Die Angebote waren die Folge seiner erfolgreichen Orgelkonzerte in Basel und Bern. Nach diesen Berichten endet die Autobiografie der ersten Hälfte seines Lebens. In Arlesheim verblieben die ältesten Söhne Joseph und Martin. siehe auch
St. Gallen mini|St. Gallen, Domkirche und ehemaliger Klosterbezirk mini|St. Gallen, heutige Domorgel. Vogt war 1823–1837 Domorganist auf der Franz-Frosch-Orgel und Musiklehrer am katholischen Gymnasium Von 1823 bis 1837 arbeitete Martin Vogt in St. Gallen, als Organist in der barocken Kathedrale und als Musiklehrer am katholischen Gymnasium. Laut einem Zeitdokument war er „Professor der Tonkunst und des Elementar-Unterrichts der Vokal- und Instrumental-Musik“.Regimentsbuch der XXII Kantone schweizerischer Eidgenossenschaft. Schaffhausen 1828, S. 164 (Digitalisat) Der Zeichnungslehrer Antonio Moretto, der für seine Deckenübermalungen in der Kathedrale bekannt geworden ist, war ein Lehrerkollege Vogts.
Neben dem Unterricht in St. Gallen bildete Martin Vogt auch Organisten von andern Kantonen aus. Darüber schreibt Annerös Hulliger: „Es gelang dem Pfarrer (im Kanton Bern), dem jungen Schulmeister Peter Minnig aus Latterbach 1826 Unterricht bei Martin Vogt, dem damaligen St. Galler Domorganisten zu ermöglichen, damit der ‚fertige Organist‘ dereinst seine orgelspielenden Berner-Kollegen auch in der Kunst des Orgelspiels unterweisen könnte.“Annerös Hulliger: Kleinode bernischen Orgelbaus und Musik einheimischer Komponisten. Bern 2007, S. 110–112.
In den 1830er Jahren veränderten sich die Arbeitsumstände von Vogt, da er mit unerwarteten politischen und musikalischen Konflikten konfrontiert wurde. Während er in Basel durch den Musikdirektor Johann Tollmann gefördert und durch bekannte Musiker und Komponisten in Arlesheim besucht worden war, kam er in St. Gallen in eine andere Umgebung. In der Schweizergeschichte werden die 1830er Jahre als die Zeit der Regeneration umschrieben, als eine Erneuerung der kirchlichen und staatlichen Machtverhältnisse. Der politische Streit wurde vor allem zwischen konservativen und liberalen Parteien geführt. Durch den Wahlsieg der Liberalen in 1833 wurden die Professoren des Gymnasiums, zu dem Vogt gehörte, durch Leute der siegreichen Partei ersetzt.
Im Weiteren geriet er in den Einflussbereich der Greith-Familie, die von 1831 bis 1882 die kirchliche, erzieherische und kulturelle Politik in St. Gallen wesentlich mitbestimmte. Vogt erhielt einen starken Gegenspieler in der Person von Carl Johann Greith, der im Historischen Lexikon der Schweiz 2007 als „geistig hervorragendster Bischof der Schweiz im 19. Jahrhundert“ bezeichnet wird. Carl Johann Greith legte den Charakter der Kirchenmusik fest und sorgte dafür, dass sein Bruder Franz Josef Greith in 1833 und dessen Sohn Karl Greith in 1861 die wichtigsten Musikerstellen am Dom und an der Mittelschule erhielten.Hansjörg Gerig: Die Geschichte der Orgeln auf der Westempore in der Kathedrale St. Gallen von 1805 bis heute. In: St. Galler Orgelfreunde (Hrsg.): OFSG-Bulletin, 3/2008, S. 33.Alfred Disch: Franz Josef Greith von Rapperswil 1799–1869. Rapperswil 1982. Die Greiths setzten sich ein für eine streng cäcilianische Musikrichtung im vokalen Bereich, für die Erhebung der moralischen Kraft des Textes und für das Aufleben der alten kirchlichen Gesänge. In Aussprachen wandten sie sich gegen den „Wust an Sinnlichkeit“ und gegen den Einzug der Instrumentalmusik, die zu Leichtsinn und unkirchlicher Gesinnung geführt haben soll. In St. Gallen hatte das Prinzip der „Wortbetontheit“ lange Zeit Vorrang erhalten vor der „Musikbetontheit“ (Autonomie der Musik). Unter diesen Umständen war die Musikauffassung von Martin Vogt nicht mehr gefragt, was zu einer Abreise ins französische Elsass führte.
Vogts älteste Tochter Anna Maria (1815–1873) heiratete in der Ostschweiz und hatte mehrere Kinder. Ihr Mann war seit den 1850er Jahren auch an der St. Galler Politik beteiligt. Ein Enkelkind von Anna Maria, Dr. Josef Müller (1872–1947), war ebenfalls im Klosterbezirk tätig, als langjähriger Stiftsbibliothekar.Stadtarchiv St. Gallen.
Colmar Im Jahr 1837 nahm Martin Vogt seine Musiktätigkeit in Colmar auf, dem damaligen Zentrum der bekannten Orgelkultur im Elsass. Wahrscheinlich war er schon während der St. Galler Zeit über den neuesten Stand der Entwicklungen informiert. Der frühere Wohnsitz Arlesheim, wo noch ein Teil seiner Familie wohnte, gehörte ebenfalls zu dieser Region.