mini|Hebräisches Tetragramm
JHWH () ist der Eigenname des Gottes Israels in der hebräischen Bibel (Tanach). Zu Beginn der Zehn Gebote stellt sich dieser Gott seinem Volk wie folgt vor:
Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe.Du sollst keine andern Götter haben neben mir.
In der Bibel ist JHWH der gnädige Befreier und gerechte Bundespartner des erwählten Volkes Israel und zugleich der Schöpfer, Bewahrer, Richter und Erlöser der ganzen Welt. Er wird dort auch mit dem Gattungsbegriff Elohim („Götter“) oder El („Gott“) bezeichnet und mit verschiedenen Attributen verbunden.
Das Judentum vermeidet traditionell das Aussprechen des Gottesnamens und verwendet als Ersatzlesungen die Worte Adonai („mein Herr“; eigentlich Plural) oder HaSchem („der Name“). Seit der Spätantike wurden deren Vokalzeichen dem Gottesnamen JHWH in Bibelhandschriften hinzugefügt. Dessen ursprüngliche Aussprache ist unbekannt.
Das Tetragramm Langform Der biblische Gottesname besteht aus den vier hebräischen Konsonanten Jod, He, Waw, He. Er wird daher auch Tetragramm (Vierfachzeichen) genannt. In der heutigen Biblia Hebraica Stuttgartensia erscheint dieser Name 6828-mal.Frants Buhl (Hrsg.): Wilhelm Gesenius: Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. 2. Band. (1949) Nachdruck: Literaricon, Treuchtlingen 2023, ISBN 978-3-96506-273-3, S. 446 JHWH ist damit der weitaus häufigste biblische Eigenname. Da dieser im Tanach nie mit anderen Namen kombiniert ist, gilt er als der eigentliche Gottesname.
Auch alle außerbiblischen Belege dieses Namens bezeichnen damit Israels Gott. Ein außerisraelitischer JHWH-Kult ist unbelegt; dieser Name gehörte nicht zum traditionellen Pantheon der Region Kanaan.Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz: Grundinformation Altes Testament. 6. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8252-5086-7, S. 59–192, hier S. 127
Die Mescha-Stele (~840 v. Chr.) nennt JHWH als von Kemosch, dem Volksgott der Moabiter, besiegten Volksgott im Nordreich Israel, setzt dort also einen etablierten JHWH-Kult voraus.Christian Molke: Der Text der Mescha-Stele und die biblische Geschichtsschreibung. Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-55807-4 Inschriften jenes Jahrhunderts aus Kuntillet ʿAdschrud nennen JHWH neben den kanaanäischen Fruchtbarkeitsgöttern Ba’al und Aschera sowie Ortsnamen wie smrn. Sie belegen einen JHWH-Tempel in der Stadt Samaria und einen zeitweisen Synkretismus im Nordreich.Manfred Weippert: Synkretismus und Monotheismus: Religionsinterne Konfliktbewältigung im Alten Israel. In: Manfred Weippert: Jahwe und die anderen Götter, Tübingen 1997, S. 1–24, hier S. 14f. Auch eine Inschrift aus Hirbet el-Kom verbindet JHWH mit der Göttin Aschera, der Gemahlin des Hauptgottes El im Pantheon der vorisraelitischen Religion Kanaans. Somit rückte JHWH im Gebiet der Israeliten an Els Stelle als Hauptgott und nahm dessen Eigenschaften an oder wurde mit ihm identifiziert.Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz: Grundinformation Altes Testament. Göttingen 2019, S. 128
Geschäftsbriefe aus Arad und Lachisch (8.–6. Jahrhundert v. Chr.) verwenden nur noch den Gottesnamen JHWH als stilisierten Gruß, Segenswunsch oder Schwurformel, etwa: „JHWH möge meinen Herrn hören lassen [gute Nachricht] gerade jetzt“ oder „So wahr JHWH lebt!“Dirk Schwiderski: Handbuch des nordwestsemitischen Briefformulars: Ein Beitrag Zur Echtheitsfrage der aramäischen Briefe des Esrabuches. De Gruyter, Berlin 2000, ISBN 3-11-016851-0, S. 46, S. 64 und öfter Demnach vollzog sich bis dahin in Israel eine Abkehr von synkretistischer Monolatrie zugunsten des exklusiven JHWH-Glaubens.Othmar Keel (Hrsg.): Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land, Band 4, Teil 1: Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 3-525-50177-3, S. 547
In Keilschrift ist der selbständige Gottesname JHWH bisher nicht belegt.Manfred Weippert: Jahwe. In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie Band 5, Berlin 1976–1980, S. 248
Kurzformen Ähnlich buchstabierte Gottesnamen sind im Alten Orient lange vor den ältesten überlieferten Bibeltexten belegt. Tontafeln aus Ugarit (15. Jahrhundert v. Chr.) nennen einen jw als „Sohn des El“.John I. Durham: Proclamation and Prescence. Mercer University Press, Macon (Georgia) 1983, ISBN 0-86554-101-9, S. 53 und Fn. 20–22 Eine altägyptische Ortsnamensliste aus der Zeit von Amenophis III. (1402–1363 v. Chr.) nennt „das Land der Schasu-Nomaden von jhw“. Dieses Wort wird oft als Gottesname gedeutet, weil die Liste auch andere Ethnien nach ihren Göttern benennt. Eine Liste aus der Zeit von Ramses II. (1279–1213 v. Chr.) gibt als Wohngegend dieser Nomaden s-rr an: Dies wird auf das südöstlich von Palästina gelegene Gebirge Seir gedeutet. Da einige Bibelstellen den Seir als Herkunftsort JHWHs nennen, wird seine Identität mit jhw vermutet.Reinhard Müller: Jahwe als Wettergott: Studien zur althebräischen Kultlyrik anhand ausgewählter Psalmen. De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 3-11-020731-1, S. 243, Fn. 50
Von etwa 550 bis 410 v. Chr. verehrten jüdische Soldaten in einem Tempel auf der Flussinsel Elephantine in Ägypten Jhw (JHWH) als Hauptgott neben ägyptischen, babylonischen und nordwestsemitischen Göttern.Reinhard Gregor Kratz: „Väterliche Gesetze“ und das Gesetz des Mose: Die Rolle der Tora im judäischen Aufstand gegen Antiochos IV. Mohr Siebeck, Tübingen 2024, ISBN 978-3-16-162741-5, S. 48 Eid- und Segensformeln in damaligen Elephantine-Papyri verbinden die Namen ägyptischer Lokalgötter wie Anat und Chnum mit den Namen Jhw und Jhh, die für JHWH stehen.Anke Joisten-Pruschke: Das religiöse Leben der Juden von Elephantine in der Achämenidenzeit. Harrassowitz, Wiesbaden 2008, ISBN 3-447-05706-8, S. 60, 90, 210
Die Kurzformen jw, jh, jhw, jhh und hjw sind in und außerhalb der Bibel immer theophorer („Gott-tragender“) Bestandteil von Personennamen, meist als erste Silbe, seltener als letzte und nie in der Wortmitte. Die Vorsilbe Jhw- (vokalisiert Jeho- oder Jahu-) verkürzte sich zu Jw- (Jo- oder Ja-), die Nachsilbe -jhw verkürzte sich zu -jh (-jah) oder -jw (-jo oder -jaw).Stig I. L. Norin: Sein Name allein ist hoch: Das Jhw-haltige Suffix althebräischer Personennamen untersucht mit besonderer Berücksichtigung der alttestamentlichen Redaktionsgeschichte. Wallin & Dalholm, Lund (Schweden) 1986, ISBN 91-40-05113-7, S. 17 Solche Namen sind archäologisch ab etwa 950 v. Chr. belegt und bezeichnen immer Israeliten und Judäer, frühestens ab 500 v. Chr. in Elephantine eventuell auch Perser und Ägypter.Dietz Otto Edzard, Erich Ebeling, Bruno Meissner (Hrsg.): Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie, Band 5: Ia –Kizzuwatna. Berlin 1999, S. 247f.
Nur die seltene Kurzform Jh erscheint in der Bibel für sich, etwa im Lied am Schilfmeer () und im Ausruf Hallelu Jah („lobet Gott!“) in einigen Psalmen.Klaus Seybold: Der Segen und andere liturgische Worte aus der hebräischen Bibel. Theologischer Verlag, Zürich 2004, ISBN 3-290-17320-8, S. 89–93
Etymologie Frühere Alttestamentler versuchten, die Langform JHWH aus den Kurzformen abzuleiten. Godfrey Rolles Driver (1928) sah den ekstatischen Ausruf „Jah“ im Lied am Schilfmeer als Ursprung,Godfrey Rolles Driver: The original form of the name „Yahweh“: evidence and conclusions. In: Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft (ZAW) 46, Alfred Töpelmann, Gießen 1928, S. 7–25 Bernardus Dirks Eerdmans (1948) die zweisilbige Kurzform Ja-Hu. Er deutete sie als Lautmalerei von Blitz und Donner, sah JHWH also ursprünglich als Gewittergott.Bernardus Dirks Eerdmans: The Name Jahu. In: Pieter Arie Hendrik De Boer (Hrsg.): Oudtestamentische Studiën. E. J. Brill, Leiden 1948, S. 22–29 Auch Sigmund Mowinckel (1961) sah Ja Hu als Ursprungsform, erklärte sie aber mit Bezug auf Verse wie und als emphatischen Kultruf („Oh Er!“).Sigmund Mowinckel: The Name of the God of Moses. Hebrew Union College Annual (HUCA) 32/1961, S. 121–133; referiert bei G. Parke-Taylor: Yahweh: The Divine Name in the Bible. Wilfrid Laurier University Press, Waterloo (Ontario) 2006, ISBN 978-0-88920-652-6, S. 56
Die Gesetze der hebräischen Sprache erklären jedoch eher die Kurzformen aus der Langform als umgekehrt: In Verben gehen geschlossene Silben oft in offene über, während Namensendungen als Matres lectionis wegfallen können.Ernst Jenni, Claus Westermann (Hrsg.): Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament. Christian Kaiser, München 1984, ISBN 3-290-11259-4, Spalte 544 Die Langform wird aus den Verben hwh oder hjh abgeleitet. Hwh bedeutet im Altarabischen „fallen“, „wehen“ oder „lieben, begehren“.Frants Buhl (Hrsg.): Wilhelm Gesenius: Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. 2. Band. (Nachdruck) Treuchtlingen 2023, S. 447 Im 19. Jahrhundert deuteten manche Exegeten den Namen daher kausativ als „der Fällende“, „der Wehende“Otto Eißfeldt: JHWH. In: Kurt Galling (Hrsg.): Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 3 (H–Kon). 3., völlig neu bearbeitete Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 1965, S. 523 oder übersetzten ihn imperfektisch mit „Er fährt durch die Lüfte, er weht“.Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte. (1894) 10. Auflage, De Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-269843-6, S. 23, Fn. 1 Auch sie hielten JHWH ursprünglich für einen Wettergott.Reinhard Müller: Jahwe als Wettergott: Studien zur althebräischen Kultlyrik anhand ausgewählter Psalmen. De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 3-11-020731-1, S. 3; Othmar Keel (Hrsg.): Orte und Landschaften der Bibel Band 4,1. Göttingen 2007, S. 203
Meist wird die Langform als Form des hebräischen Verbs hjh oder seines aramäischen Äquivalents hwh für „sein“ in der dritten Person Singular Imperfekt aufgefasst.Rainer Albertz: Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende der Königszeit. 2. Auflage, Göttingen 1996, ISBN 3-525-51671-1, S. 85f. Diese Form ähnelt einigen babylonischenMartin Rose: Jahwe: zum Streit um den alttestamentlichen Gottesnamen. Theologischer Verlag, Zürich 1978, S. 33f. oder amoritischen Personennamen.Dietz Otto Edzard, Erich Ebeling, Bruno Meissner (Hrsg.): Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie Band 5: Ia – Kizzuwatna. De Gruyter, Berlin 1976–1980, ISBN 3-11-007192-4, S. 252 Da hjh auch „leben, existieren, dasein, wirksam werden“ bedeutet, übersetzte Wolfram von Soden (1966) JHWH mit „Er ist“, „Er erweist sich“ (als gegenwärtig, mächtig, helfend).Wolfram von Soden: Jahwe: Er ist, Er erweist sich. In: Wolfram von Soden, Hans Peter Müller (Hrsg.): Bibel und Alter Orient. Altorientalische Beiträge zum Alten Testament. (1985) Nachdruck: De Gruyter, Berlin 2019, ISBN 3-11-086715-X, S. 78–88 William Foxwell Albright (1968) und andere übersetzten JHWH als Kausativ von hebräisch hjh im Sinne einer Schöpfungsaussage: „Er, der Sein schafft“, „der ins Dasein ruft“, „der veranlasst zu werden“.William Foxwell Albright: Yaweh and the Gods of Canaan: A Historical Analysis of Two Contrasting Faiths. (1968) Nachdruck: Pennsylvania State University Press, Pennsylvania 1994, ISBN 0-931464-01-3, S. 146–148; David Noel Freedman, Michael P. O’Connor: JHWH. In: Ernst Jenni, Claus Westermann (Hrsg.): Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament III. (1982) Nachdruck: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2020, ISBN 3-534-27211-0, S. 533–553, hier S. 533f.