Als Männerrechtsbewegung (, MRM) wird eine in den 1970er Jahren in Nordamerika aus einem Flügel der sogenannten Men’s Liberation Männerbewegung entstandene Strömung bezeichnet. Während die Men’s Liberation-Bewegung profeministisch eingestellt ist, vertritt die Männerrechtsbewegung antifeministische bis frauenfeindliche Positionen. Sie wird größtenteils als Gegenreaktion zum Feminismus aufgefasst.Francis Dupuis-Déri: Le « masculinisme » : une histoire politique du mot (en anglais et en français). In: Recherches féministes. Band 22, Nr. 2, 2009, , , S. 97–123, doi:10.7202/039213ar (Volltext auf https://www.erudit.org/): As for the anti-feminists, they cannot agree on how best to identify themselves, wavering among “masculinist”, “masculist”, “hominist”, “humanist”, or expressions such as “activist for the rights of men” or “of fathers.” Der Perspektive der Männerrechtsbewegung liegt die Annahme zugrunde, dass Männer zahlreichen gesellschaftlich nicht ausreichend anerkannten Ungerechtigkeiten in rechtlicher, sozialer und psychologischer Hinsicht unterworfen seien.
Historischer Überblick Antifeministische Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Antifeministische Ideologien und Organisationen bildeten sich in Europa und den USA zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als Reaktion auf Emanzipationsforderungen und die im späten 19. Jahrhundert entstandene Frauenbewegung.Antifeminism. In: Bonnie G. Smith (Hrsg.): The Oxford Encyclopedia of Women in World History. Band 1. Oxford University Press, 2008, ISBN 978-0-19-514890-9, , S. 115 ff.: „Antifeminism was the response to changes or threats of change that resulted from feminist reform movements. […] Antifeminist Activism: Antifeminism was distinguishable from the pervasive misogyny“Ute Planert: Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-35787-7, , S. 11 f., doi:10.13109/9783666357879.toc Sie formierten sich vor allem in Bewegungen, die etwa gegen das Frauenwahlrecht oder das Frauenstudium kämpften und die traditionelle Rolle des weiblichen Geschlechts festschreiben wollten. Die frühen antifeministischen Männer- und Väterrechtsgruppen in den USA im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert weisen Parallelen zu der Männerrechtsbewegung ab den 1970er Jahren auf.Michael Kimmel: Men’s Responses to Feminism at the Turn of the Century. In: Gender & Society. Band 1, Nr. 3, 1987, , , S. 261–283, doi:10.1177/089124387001003003.
Männerrechtsbewegung im Wien der Zwischenkriegszeit Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg kam in der deutschen und österreichischen Gesellschaft die Rede von einer „Krise der Männlichkeit“ auf. Schlüsselkomponente dieser „Krise“ war die Frauenerwerbstätigkeit. 1919 wurde in Österreich ein Gesetz erlassen, wonach Frauen bestimmte Arbeitsstellen zu verlassen hatten, um den aus dem Krieg heimgekehrten Männern Platz zu machen und eine „gesunde Ordnung“ wiederherzustellen.Maureen Healy: Vienna and the Fall of the Habsburg Empire: Total War and Everyday Life in World War I. Cambridge University Press, Cambridge (England)/New York 2004, ISBN 0-521-83124-5, , S. 272. In den 1920er Jahren entstanden verschiedene antiemanzipatorische Männerbünde. Der bekannteste ist der Bund für Männerrechte, der 1926 in Wien gegründet wurde und in dem sich Männer aller Konfessionen vorwiegend aus der Mittelschicht befanden.Elisabeth Malleier: Jeder Sieg der Frauen muss ein Sieg der Freiheit sein, oder er ist keiner. Jüdische Feministinnen in der Wiener bürgerlichen Frauenbewegung und in internationalen Frauenfriedensorganisationen. In: Frank Stern, Barbara Eichinger (Hrsg.): Wien und die jüdische Erfahrung 1900–1938. Akkulturation, Antisemitismus, Zionismus. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2009, ISBN 978-3-205-78317-6, , S. 285, (doi:10.26530/oapen_437175). Ein konkreter Anlass war das 1925 verabschiedete Bundesgesetz zum Schutz des gesetzlichen Unterhaltsanspruches. Die Männerrechtler sahen sich als Kämpfer gegen eine „auf die Spitze getriebene Emanzipation“, beklagten die „Verkümmerung des Vaterrechts“ und beschworen die Schreckensvison eines „Weiberstaates“ herauf. Neben der Angst, von Frauen von ihren Arbeitsplätzen verdrängt zu werden, konzentrierten sie ihren Kampf gegen die Unterhaltszahlung an geschiedene Ehefrauen und ledige Kinder. Ihre Ideen verbreiteten die Männerrechtler ab 1929 in mehreren Zeitschriften mit Titeln wie Notwehr und Männerrechtler-Zeitung, in denen die „Versklavung der Männer durch feministische Gesetze“ beklagt und gegen „die Frau im Berufsleben“ zu Felde gezogen wurde. Ab 1933 wurden unter dem Austrofaschismus Forderungen, die die antifeministischen Männerrechtler gestellt hatten, auf breiter gesellschaftlicher Basis umgesetzt.Elisabeth Malleier: Der „Bund für Männerrechte“. Die Bewegung der „Männerrechtler“ im Wien der Zwischenkriegszeit. In: Wiener Geschichtsblätter. Band 58, Nr. 3, 2003, , , S. 208 ff.
Vorläufer der Männerrechtsbewegung in den USA Ende der 1960er Jahre traten in den USA Aktivisten in Erscheinung, die Männerrechte und Väterrechte forderten.Molly Dragiewicz: Equality with a Vengeance: Men’s Rights Groups, Battered Women, and Antifeminist Backlash. Northeastern University Press, Boston 2011, ISBN 978-1-55553-738-8, , S. 13 f. Eine Gruppe, die 1960 als Divorce Racket Busters (dt. etwa: „Scheidungsbetrügereien-Enthüller“) von zwei Männern gegründet wurde und sich 1961 in United States Divorce Reform umbenannte, versuchte die ihrer Meinung nach Männer benachteiligenden Scheidungsgesetze in Kalifornien zu ändern. Als die Scheidungsraten in den späten 1960er Jahren weiterhin anstiegen, verbreiteten sich die „Scheidungsreformer“ im ganzen Land. Einer ihrer Wortführer, Charles V. Metz, argumentierte in seinem Manifest Divorce and custody for men (Scheidung und Sorgerecht für Männer) von 1968, Männer hätten ihre Autorität ungerechtfertigt den Frauen überlassen. Richard Doyle, der die Bewegung weiter anstieß und zahlreiche Organisationen gründete, behauptete in seinem Buch The Rape of the Male Männer litten in den Händen von Frauen mehr als Metz es beschrieben hatte.Jocelyn Elise Crowley: The Politics of Child Support in America. Cambridge University Press, Cambridge (England)/New York 2003, ISBN 0-521-53511-5, , S. 169 f. Viele der unter dem Begriff Fathers' Rights entstandenen Gruppen argumentierten nun, der Feminismus habe die traditionelle Kernfamilie zerstört, indem er Frauen ermutige, ihre Ehemänner zu verlassen und nach Selbstverwirklichung zu streben.Judith A. Baer: Fathers' Rights Movement. In: dies.: Historical and Multicultural Encyclopedia of Women's Reproductive Rights in the United States. Greenwood Publishing, Westport (Connecticut) 2002, ISBN 0-313-30644-3, , S. 81.
Beginn der deutschen Männerrechtsbewegung in den 1970er Jahren In den 1970er Jahren entwickelte sich auch im deutschsprachigen Raum eine neue Form des organisierten Antifeminismus:Thomas Gesterkamp: Für Männer, aber nicht gegen Frauen – Essay, Kapitel: Historische Parallelen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 40/2012), Online bpb, S. 3. die maskulinistische Bewegung oder der „Maskulinismus“.Melissa Blais, Francis Dupuis-Déri: Masculinism and the Antifeminist Countermovement. In: Social Movement Studies. Band 11, Nr. 1, Januar 2012, S. 22. download. Francis Dupuis-Déri ist Professor für Politische Wissenschaften an der Université du Québec à Montréal (UQAM), an der Melissa Blais promovierte. Maskulinismus machte geltend, dass die Lösung von Problemen der Männer darin bestünde, den Einfluss des Feminismus zurückzuweisen und Männlichkeit aufzuwerten. Die antifeministische Männerrechts- und Väterbewegung im deutschsprachigen und englischsprachigen Raum reklamierte in weiten Teilen die männliche Dominanz und rekonstruiert männliche Hegemonie. Dies geschah als Protest gegen die vermeintliche Benachteiligung von Männern durch Einforderung von Männerrechten.Cilja Harders, Heike Kahlert, Delia Schindler (Hrsg.): Forschungsfeld Politik: Geschlechtskategoriale Einführung in die Sozialwissenschaften (Politik und Geschlecht), V.S. Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, ISBN 3-8100-4074-6, S. 75. „Maskulismus“ als Selbstbezeichnung antifeministischer Männerrechtler definiert Michail A. Xenos (Savvakis) „als ‚vollkommene […] Abweisung‘ der Anliegen des Feminismus“.Hinrich Rosenbrock: Die antifeministische Männerrechtsbewegung. 2012, S. 26. Unter den Begriff „antifeministische Männerrechtsbewegung“ werden untersucht: MANNdat, WGvdL, Agens, FemokratieBlog, Söhne des Perseus, IGAF, wikimannia u. a.; vorgestellt werden die Schlüsselfiguren: Arne Hoffmann, Monika Ebeling, Gerhard Amendt, Eckhard Kuhla, Eugen Maus, Christine Hamprecht, manifold, Detlef Bräunig, Michail Savvakis.
Männerrechtsbewegung im 21. Jahrhundert Mit der zunehmenden Popularität des Internets organisierte sich auch die Männerrechtsbewegung im Netz in der sogenannten Manosphere. Einer Analyse einschlägiger englischsprachiger Internet-Communities aus dem Jahre 2020 zufolge ist in den letzten Jahren dort aber die Zahl an klassischen Männerrechtsaktivisten gesunken, während radikalere antifeministische Strömungen wie Incels oder MGTOWs stärkeren Zulauf erfahren.
Männerrechtsbewegung im englischsprachigen Raum In den Vereinigten Staaten entstand die Männerrechtsbewegung aus der Men’s Liberation Movement, die ihrerseits eine Reaktion auf die zweite Welle der Frauenbewegung war.Bethany M. Coston, Michael Kimmel: White Men as the New Victims: Reverse Discrimination Cases and the Men’s Rights Movement. In: Nevada Law Journal. 13, Mai 2013, S. 368–385.Judith Lowder Newton: From Panthers to Promise Keepers: rethinking the men’s movement. Rowman & Littlefield, Lanham 2005, ISBN 0-8476-9129-2, S. 190/196. Frühe Anführer des Men’s Liberation Movement räumten ein, dass Männer institutionelle Macht haben, betonten aber gleichzeitig den Preis, mit dem eine bestimmte Konstruktion von Männlichkeit verbunden sei. Sie nutzten die später vielfach kritisierte „sex role theory“ als wichtigstes diskursives Mittel. So wurde insbesondere dahingehend argumentiert, dass die männliche Geschlechterrolle mit genauso negativen Folgen für Männer verbunden sei wie die weibliche Geschlechterrolle für Frauen. Mitte bis Ende 1970er Jahre spaltete sich die Men’s Liberation Movement in zwei Lager auf. Einerseits entstand eine antifeministische Männerrechtsbewegung, andererseits eine profeministische Männerbewegung.
Vertreter und Organisationen mini|Warren Farrell Warren Farrell, einer der bedeutendsten Vertreter der Männerrechtsbewegung, artikulierte in seinem Buch The Myth of Male Power (1993) die Grundlagen des Männerrechtsdiskurses. Herb Goldbergs Text The Hazards of Being Male: Surviving the Myth of Masculine Privilege (1976) übernahm eine ähnlich kanonische Rolle innerhalb der Bewegung. Waren Goldberg und insbesondere Farrell Mitte der 1970er ideologisch noch in der Men’s Liberation Movement angesiedelt, so brachen sie Ende der 70er und Anfang der 80er mit dieser Tradition und formulierten zunehmend ihren eigenen Diskurs in Form eines antifeministischen Backlash. Weitere wichtige Vertreter der Männerrechtsbewegung sind Richard Doyle, Autor von The Rape of the Male (1976)Christopher P. Mason: Crossing Into Manhood: A Men’s Studies Curriculum. Cambria Press, Youngstown 2006, ISBN 1-934043-30-3, S. 16. sowie der Playboy-Kolumnist Asa Baber, ein langjähriger Aktivist, dessen Artikel über Männer ein wichtiges Sprachrohr der Männerrechtsbewegung bilden.Michael S. Kimmel: Manhood in America: A Cultural History. 2. Ausgabe. Oxford University Press, New York 2006, ISBN 0-19-518113-1, S. 302.