mini|Franz West (2009)

Franz West (* 16. Februar 1947 in Wien; † 25. Juli 2012 ebendaDer Standard: Künstler Franz West gestorben vom 26. Juli 2012, abgerufen am 18. September 2018) zählte zu den bedeutendsten zeitgenössischen bildenden Künstlern Österreichs. Er lebte und arbeitete in Wien und machte sich vor allem im Bereich des dreidimensionalen Gestaltens (Plastik, Environments, Rauminstallationen) einen Namen, aber auch Performances, Grafiken und Plakate finden sich in seinem Œuvre.

Leben Franz West wuchs als Sohn einer Zahnärztin und eines Kohlenhändlers in einer Wohnung im Karl-Marx-Hof im 19. Wiener Gemeindebezirk auf, in welchem seine Mutter ihre Zahnarztpraxis betrieb. Wests um 17 Jahre älterer Halbbruder väterlicherseits war der Wiener „Arbeiterdichter“, Schauspieler und Performancekünstler Otto Kobalek (1930–1995), ein Wiener Original im Umfeld von Helmut Qualtinger. Durch die brüderliche Freundschaft verbrachte Franz West häufig Zeit in Wiener Lokalen und Cafés, die von anderen Kunstschaffenden frequentiert wurden. Der Einstieg in sein künstlerisches Schaffen erfolgte zunächst autodidaktisch. Mittels der abonnierten Kunstzeitschriften sowie -bücher seiner Eltern verschaffte er sich einen Einblick in die Kunstwelt. Ab 1977 studierte West an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Bruno Gironcoli. Er war mit der Künstlerin Tamuna Sirbiladze verheiratet.

Künstlerisches Werk Erste Ausstellungen erfolgten in den 1980er-Jahren, aber seine Beschäftigung mit der Skulptur hatte schon früher mit den sogenannten Passstücken begonnen. Es handelte sich um freie Formen aus Gips, Gaze, Papiermaché, die von der Präsentationsfläche genommen und - eventuell im Sinne von Prothesen - quasi verwendet werden können. So wollte er unter anderem Neurosen verbildlichen:

Kommunikation und Interaktion mit und durch die Kunst war stets ein Grundthema seiner Arbeiten. Ab 1987 entstanden Sitzmöbel aller Art, verfremdet, ironisiert, aus Fertigteilen oder mit Stoff bespannt. Auch die Möbelstücke der letzten Jahre thematisieren die Frage der Grenze zwischen Kunstobjekt und Gebrauchsgegenstand, die seit dem frühen 20. Jahrhundert ein stets für Diskussionen sorgendes Thema der Bildenden Kunst geworden ist. 1993 gestaltete West den österreichischen Beitrag für die Biennale Venedig. Von 1992 bis 1994 hatte er eine Professur an der Städelschule, Frankfurt am Main, inne.Franz West. Austria-Forum (AEIOU) Werke des Künstlers waren 1992 auf der documenta IX und 1997 auf der documenta X in Kassel zu sehen.

mini|hochkant|Eine der Vier Larven (Aluminium und weiße Lackfarbe) auf der Stubenbrücke in Wien Ab den 1990er Jahren produzierte Franz West farbige Außenskulpturen aus Aluminium und Epoxydharz, welche zu einem charakteristischen Bestandteil seines Werkes werden sollten. Die amorphen Figuren wurden sowohl in Innenstädten als auch in ländlichen Gegenden aufgestellt und können als Erweiterung von Franz Wests Idee, die betrachtende Person auf einen Dialog einzuladen, gesehen werden. So sollten die Skulpturen ohne Podest oder sonstige Abtrennung meist zugängiglich platziert werden. Zu seinen frühesten Außenskulpturen gehört die Etude de couleur (1991–93), ein bunt gestaltetes Pissoir, welches anlässlich der gleichnamigen Ausstellung auf dem Dach der Villa Arson installiert wurde und den Besuchern die Möglichkeit gab, mit Blick über Nizza auf dem Ausstellungsgelände zu urinieren.Villa Arson - Franz West, Hg. v. Villa Arson, Nizza 1997 Besondere Bekanntheit erlangten Wests Vier Larven aus dem Jahr 2001. Die mehrteilige Aluminiumskulptur inkludiert eine Texttafel mit Heraklit-Zitat („Denen, die in dieselben Flüsse steigen, fliessen immer neue Wasser zu und (immer neue) Seelen entsteigen dem Nass.“), sowie vier über 2,5 Meter große, abstrahierte Köpfe, jeweils mit anderer Mimik. Die Vier Larven wurden an jedem Eckpfeiler der Stubentorbrücke in Wests Heimatstadt Wien installiert, wo sie bis 2021 ausgestellt waren.Wien - ORF: West-Skulpturen verlassen Stubenbrücke veröffentlicht am 8. Juni 2021, abgerufen am 16. April 2024. Eine seiner größten Außenskulpturen ist die bis zu über acht Meter hohe, mehrteilige Skulpturengruppe Les pommes d'Adam, welche unter anderem anlässlich der Foire internationale d’art contemporain (FIAC) 2007 auf dem Place Vendôme in Paris gezeigt wurden.Christine Marcel, Mark Godfrey, Martin Prinzhorn et al.,Franz West, Hg. v. Éditions du Centre Pompidou, Paris 2018, S. 129

Franz West publizierte im Jahr 1995 anlässlich der Frankfurter Buchmesse das Künstlerbuch Otium, welches durch den Edition Unikate-Verlag herausgegeben wurde.Eva Badura-Trsika (Hg.), Franz West, Proforma: Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien 1996, S. 122 Darin befinden sich über ein Diktaphon aufgenommene und durch eine Schreibmaschine transkribierte Überlegungen des Künstlers. Dabei entstandene Fehler überarbeitete er mit Farbe und Tipp-Ex, sodass eine Art skulpturaler, mehrschichtiger Text entstand. Das Künstlerbuch beinhaltet ebenfalls Gedichte des Halbbruders Otto Kobalek und wurde im Auftrag des ORF im Jahr 2017 als Hörspiel umgesetzt. Der Titel Otium bezieht sich auf das Zitat „Mihi otium est“, was ins Deutsche etwa mit „Der Müßiggang ist mir eigen“ übersetzt wird und für Franz West bereits in den frühen 70er Jahren zu einer Art Mindset wurde. Georg Fritsch, Franz West. Works 1970-1985, Collection Hummel, Wien 2018, S. 49

Für die Saison 2009/2010 in der Wiener Staatsoper gestaltete Franz West im Rahmen der von museum in progress konzipierten Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ das Großbild „Drei – Vom Vorgang ins Temperament“.

2011 wurde ihm für sein Lebenswerk der Goldene Löwe der Biennale von Venedig zuerkannt.

Ehrengrab mini|hochkant|Ehrengrab von Franz West und Tamuna Sirbiladze auf dem Wiener Zentralfriedhof Franz West erhielt ein Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof (Gruppe 33 G).Ehrengrab für Künstler Franz West am Wiener Zentralfriedhof – Vienna Online, 26. Juli 2012 Die rosarote Grabskulptur wurde von ehemaligen Assistenten des Künstlers angefertigt. Zu diesem Zweck wurde eine viel kleinere von Franz West geschaffene Skulptur vergrößert. Die Entscheidung dazu war nach dem Tod von Franz West von dessen Witwe und der Franz West Privatstiftung getroffen worden.Johann Werfring: Wo der Tod in Wien den Tourismus belebt. In: Wiener Zeitung, 2. November 2018, S. 18.

Streit um das Erbe Im Januar 2021 erging vom OGH ein Urteil zum Nachlass des Künstlers. Seine Werke sollten endgültig an die, vom Künstler gegründete, Privatstiftung übertragen werden. Am 20. Juli 2012 hatte er „am Krankenbett eine Unterschrift unter jenes Dokument gesetzt, das die Franz West Privatstiftung begründete. Denn die Erhaltung, die wissenschaftliche Betreuung und Verbreitung seines künstlerischen Lebenswerkes wollte er explizit Professionisten überlassen – nicht jedoch seiner Familie, die er aber als Begünstigte einsetzte.“Olga Kronsteiner: OGH beendet Erbstreit um den Nachlass von Franz West., In: Der Standard, 29. Januar 2021, abgerufen am 19. Dezember 2023. Die Verlassenschaft Wests hatte dagegen geklagt. Bis sein letzter Wille umgesetzt werden konnte, „bedurfte es nicht eines oder zweier, sondern sogar dreier Urteile des Obersten Gerichtshofs (OGH). Das jüngste datiert vom 21. November 2023 und zieht nun endgültig“ einen Schlussstrich unter den Erbrechtsstreit, „wie die Franz West Privatstiftung aktuell auf ihrer Website bekanntgab.“Olga Kronsteiner: Jahrelanger Streit ums Erbe: Der lange Weg zu Franz Wests letztem Willen., In: Der Standard, 13. Dezember 2023, abgerufen am 19. Dezember 2023. Somit ist die von West gegründete Stiftung für den Nachlass zuständig. Ob die Ansprüche der Kinder, die jetzt auf den Pflichtteil klagen, womöglich verjährt sind, bleibt zu klären.Das Erbe von Franz West ist endgültig entschieden., In: Webseite der Franz West Privatstiftung, ohne Datum, abgerufen am 19. Dezember 2023.

Einzelausstellungen (Auswahl) mini|Flause, 1998, Aluminium mini|Generally (2007), München mini|hochkant|Skulpturen von Franz West, im Hintergrund das Schloss Belvedere in Wien, 2015 1996: Museum moderner Kunst, Stiftung Ludwig Wien, 20er Haus, Wien 1997: Museu Serralves, Porto 1997: Museum of Modern Art, New York 1998: Middelheimmuseum, Antwerpen 2000: Franz West – Die Aluskulptur im Schloßpark Ambras, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Innsbruck, 2000 2000: Renaissance Society, Chicago 2000: Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2001: Museum für angewandte Kunst (MAK), Vienna 2002: Deichtorhallen, HamburgInformationen zu Franz West anlässlich der Werkschau Franz West – Appartement, Deichtorhallen, Hamburg, 2001 2003: Kunsthaus Bregenz, Bregenz 2003: Whitechapel Art Gallery, London 2004: Galeria Juana de Aizpuru, Madrid 2005: Vancouver Art Gallery, Vancouver, Kanada. 2005: Gagosian Gallery, Beverly Hills 2006: Galerie Gisela Capitain, Köln 2007: Mario Sequeira Gallery, Braga 2008: Museum für angewandte Kunst (MAK), auf MAK.at Wien 2008: Galerie Eva Presenhuber in der Galerie Eva Presenhuber, Zürich 2008: Baltimore Museum of Art, Baltimore 2009: Los Angeles County Museum of Art, Los Angeles 2009: Fondation Beyeler, Basel 2009/10: Museum Ludwig, Köln 2010: Museo d’Arte Contemporanea Donna Regina, Neapel 2010/11: Kunsthaus GrazFranz West. Autotheater. Köln – Neapel – Graz – Retrospektive im Kunsthaus Graz (25. September 2010 bis 9. Januar 2011), Graz 2011/12: Franz West: Room in London.Mitteilung zur Ausstellung, abgerufen am 31. August 2014., Institute of Contemporary Arts, London 2013: Wo ist mein Achter? Museum Moderner Kunst (MUMOK), WienAusstellung vom 23. März–26. Mai 2013. PDF. Online auf mumok.at.. Danach: Museum für Moderne Kunst (MMK), Frankfurt am Main. 2013: Mostly West: Franz West & Artist Collaborations, Inverleith House, Royal Botanic Garden Edinburgh, Edinburgh. 2014: Franz West: Where is my eight?, The Hepworth Museum, Wakefield, West Yorkshire, England. 2014: Franz West: Early Work, Hauser & Wirth, Somerset. 2016/17: Franz West-ARTISTCLUB, 21er Haus, Wien.Jeden Morgen ein Spiegelei für die Skulptur in FAZ vom 2. Januar 2017, Seite 13 2017: Franz West. Works 1970–2010, Gagosian Gallery, Genf. 2018/19: Franz West Retrospektive, Centre Georges-Pompidou, Paris, und Tate Gallery, London. 2020: Franz West, Interaktion und Kontemplation, Kunstraum Grässlin, St. Georgen. 2021: Franz West, Últimas Décadas, Zentrum für zeitgenössische Kunst Málaga, Málaga. 2022: Franz West, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Wien. 2023: Franz West, David Zwirner, Paris. 2023: Franz West, David Zwirner, Los Angeles. 2023: Franz West, Privat. Gebrauchsanleitung im Aktionismusgeschmack, Wien. 2023: Franz West: Papier, Frieze Art Fair, Gagosian, London.

Auszeichnungen 1986: Otto-Mauer-Preis 1988: Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst 1993: Skulpturenpreis der Generali Foundation 1998: Wolfgang-Hahn-Preis, Museum Ludwig, Köln 2011: Goldener Löwe für das Lebenswerk, Biennale von Venedig 2011: Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst

Literatur Kristine Bell (Hrsg.): Franz West – Early work [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Zwirner & Wirth (ab 2010 lediglich als Galerie David Zwirner geführt), 30. Oktober 2004 – 8. Jänner 2005.] Zwirner & Wirth, New York 2004. Franz West: Franz West – Displacement and Condensation. [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung in der Gagosian Gallery London, 12. September – 21. Oktober 2006.] Gagosian Gallery, London 2006, ISBN 1-932598-36-7 Franz West, Benedikt Ledebur: Extroversion – a Talk / ein Gespräch.Extroversion im Verlag Schlebrügge [Erschienen anlässlich der Beteiligung von Franz West an der Ausstellung ILLUMInations, kuratiert von Bice Curiger im Rahmen der 54. Biennale di Venezia 2011, an der West den goldenen Löwen für sein Lebenswerk verliehen bekommen hat.] Schlebrügge.Editor, Wien 2011, ISBN 978-3-902833-00-6