Die Straßenbahn Lyon (französisch Tramway de Lyon) wurde 2000 als Ergänzung der Métro von Lyon wieder eingeführt. Heute gibt es im zweitgrößten französischen Ballungsraum ein 76 Kilometer langes Straßenbahnnetz, auf dem sieben Linien eingerichtet sind. Bereits von 1894 bis 1957 bestand in Lyon ein Straßenbahnbetrieb.
Erste Straßenbahn 1880–1957 mini|Straßenbahn-Triebwagen an der Place Carnot mini|„Train Bleu“ der Vorortbahn nach Neuville-sur-Saône im Musée de l'automobile Henri-Malartre 1837 verkehrten in Lyon die ersten Pferdeomnibuslinien. 1855 gründete Gustave Delahante zusammen mit Leopolde Lehon und Lacroix Saint-Pierre die Compagnie lyonnaise d’Omnibus. 1862 eröffnete die erste Standseilbahn, die später auf Zahnradbetrieb umgebaut und 1978 als Linie C in das Métronetz integriert wurde.Zur Geschichte des alten Netzes siehe Groneck, Straßenbahnen, S. 117f. Am 21. Juni 1879 wurde die unter Einfluss der Stadt stehende Compagnie des Omnibus et Tramways de Lyon (OTL) gegründet. Die OTL eröffnete am 11. Oktober 1880 die erste Pferdebahnstrecke zwischen Bellecour und Pont d’Ecully. In den folgenden Jahren konnte sich die OTL als bedeutendster Verkehrsträger im öffentlichen Personennahverkehr etablieren; 1881 betrieb sie zehn Linien mit einer Streckenlänge von knapp 44 Kilometern. Für den Betrieb standen 76 doppelstöckige Pferdebahnwagen mit offenem Oberdeck sowie 1000 Pferde zur Verfügung.
1893 eröffnete die Compagnie des Tramways de Sainte-Foy, ursprünglich Betreiber einer Standseilbahn, eine neue, von Anfang an elektrisch betriebenen Straßenbahn. Die OTL elektrifizierte ihr Netz zwischen 1894 und 1899; dabei wurden die vorhandenen Pferdebahnwagen umgebaut und mit geschlossenem Oberdeck weiterverwendet. 1922 verkehrten etwa 400 Triebwagen auf 22 Linien; das Streckennetz hatte eine Länge von 386 Kilometern; knapp 153 Millionen Fahrgäste wurden befördert. Neben der OTL bestanden insbesondere im Vorortverkehr konkurrierende Verkehrsunternehmen, die im Gegensatz zur normalspurigen OTL überwiegend auf Meterspur verkehrten. Die Vorortbahnen entstanden häufig als dampfbetriebene Kleinbahnen, die später elektrifiziert wurden. Zu den bekanntesten Vorortbahnen zählte die Strecke ins 13 Kilometer nördlich gelegene Neuville-sur-Saône, auf der nach einer Modernisierung in den 1930er Jahren als „Train Bleu“ bezeichnete vierachsige Mitteleinstiegswagen mit bis zu sechs Beiwagen verkehrten.
1924 reagierte die OTL auf die aufkommende Konkurrenz von Omnibusunternehmen mit der Beschaffung von 50 Omnibussen. 1936 wurde die erste O-Bus-Linie von der OTL eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt war das Straßenbahnnetz veraltet und seine Stilllegung für die 1940er Jahre vorgesehen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde 1941 das gesamte Verkehrsnetz an die Stadt Lyon und das Département Rhône übergeben und fortan unter dem Namen Transports en Commun de la Région Lyonnaise (TCRL) betrieben. Da alle Omnibusse für militärische Zwecke beschlagnahmt waren, trug während des Krieges die Straßenbahn die Hauptlast des Verkehrs. Bei ihrem Rückzug sprengten deutsche Truppen nahezu alle Flussbrücken in Lyon, so dass das Straßenbahnnetz bei Kriegsende vorübergehend in vier Teile zerfiel.
Bis 1946 konnten die Kriegsschäden am Straßenbahnnetz provisorisch beseitigt werden. Eine Modernisierung der Straßenbahn, auf der überwiegend 1914 erbaute Wagen verkehrten, hielten die Stadt und der Verkehrsbetrieb für zu kostspielig. Die Stilllegung der letzten innerstädtischen Straßenbahnlinie erfolgte am 30. Januar 1956, der Vorortbetrieb nach Neuville-sur-Saône wurde am 1. Juli 1957 eingestellt.
Der Weg zur Wiedereinführung der Straßenbahn mini|400px|Karte der Métro-, Straßenbahn- und Obusinien in Lyon, Stand Mai 2009 Nach der Stilllegung der Straßenbahn wurde der O-Bus zum bedeutendsten Nahverkehrsmittel in Lyon. 1957 verfügte Lyon mit 344 Fahrzeugen und 21 Linien über einen der weltweit größten O-Bus-Betriebe. Bis in die 1970er Jahre wurde die Mehrzahl der O-Bus-Linien auf Dieselbetrieb umgestellt. Steigende Einwohnerzahlen sowie eine allgemeine Zunahme des Verkehrs führten zu einer Rückbesinnung auf den Schienenverkehr, zunächst in Form einer Métro: 1963 wurde die Planung eines U-Bahn-Netzes aufgenommen; nach dem Baubeginn 1973 gingen im Mai 1978 drei Métrolinien in Betrieb; Betreiber war die 1967 gegründete Transports en Commun Lyonnais (TCL). Nach der Inbetriebnahme einer vierten Métrolinie im September 1991 und mehreren Streckenverlängerungen war das U-Bahn-System im Oktober 2007 gut 30 Kilometer lang.
Vor dem Hintergrund von Kostensteigerungen und Verzögerungen beim Bau der vierten Métrolinie wurde Mitte der 1990er Jahre eine Abkehr vom groß angelegten weiteren Ausbau der U-Bahn diskutiert.Zur Planungsgeschichte siehe Groneck, Straßenbahnen, S. 120ff. Zudem erschien die Métro für weitere Verkehrsachsen angesichts deren geringeren Fahrgastaufkommens überdimensioniert. Ein 1996 unter Beteiligung der Bürger diskutierter Verkehrsentwicklungsplan sah drei verschiedene Möglichkeiten vor: einen Ausbau der U-Bahn im bisherigen oder in beschleunigtem Tempo oder den Ausbau von Oberflächenverkehrsmitteln. Hierzu wurden elf Verkehrskorridore benannt, die – aufbauend auf Hauptachsen des U-Bahn-Systems – das Stadtgebiet feinmaschiger erschließen sollten und in denen ein besonders attraktiver Personennahverkehr angeboten werden sollte. Nach weiteren Planungen, in denen auch die Betriebsform spurgeführter Busse untersucht wurde, entschied sich Lyon im November 1996 grundsätzlich für die Wiedereinführung der Straßenbahn. Im April 1999 startete der Bau der Straßenbahn, nachdem seit Mitte 1997 vorbereitende Bauarbeiten durchgeführt worden waren; am 22. Dezember 2000 gingen die ersten beiden Linien in Betrieb.
Straßenbahn heute Streckennetz Linie 1 mini|hochkant|links|Zug der Linie 1 unterquert den Bahnhof Perrache mini|Metro und Straßenbahn (2026) mini|Triebwagen der Linie 1 vor der Universitätsbibliothek in La Doua mini|Wagen der Linie 1 auf einer Brücke über die Rhône, im Hintergrund das Musée des Confluences Die im Dezember 2000 eröffnete, 9,4 Kilometer lange Linie 1 verbindet den am südlichen Rand der Innenstadt gelegenen Fernbahnhof Perrache mit dem Hauptcampus La Doua der Universität Lyon I in der Stadt Villeurbanne.Groneck, Straßenbahnen, S. 122f. Die Haltestelle Perrache, an der auch die Métrolinie A endet, ist in einen Parkhaus- und Busbahnhofs-Komplex integriert. Nach Querung der Rhône verläuft die Strecke am östlichen Ufer nach Norden, wechselt dann in teilweise enge Nebenstraßen und erreicht über den Fernbahnhof Part-Dieu die Métrostation Charpennes. Von Charpennes verläuft die Strecke nach Nordosten, durchquert zentral den Universitätscampus La Doua und endet an der Haltestelle IUT Feyssine.
Der Bau der Linie 1 wurde kontrovers diskutiert, da sie im mittleren Abschnitt weitgehend parallel zur Métrolinie B verläuft.Groneck, Straßenbahnen, S. 122. Die diskutierte Verlängerung der Métrolinie B bis in den Universitätscampus unterblieb, da man sich von der Straßenbahn mit ihren geringeren Haltestellenabständen eine bessere Erschließung versprach. Zudem wäre die Verlängerung der Métrolinie mit einem aufwändigen Umbau der Métrostation Charpennes verbunden gewesen.
Im September 2005 wurde die Linie 1 von Perrache um 1,5 Kilometer in südliche Richtung bis Montrochet verlängert; im Februar 2014 gingen weitere 2,3 Kilometer bis zur Station Debourg der Métrolinie B in Betrieb. Die Streckenverlängerungen erschließen die südliche Spitze der Halbinsel zwischen Rhone und Saône und sollen zur städtebaulichen Aufwertung des bislang gewerblich sowie für Verkehrsanlagen genutzten Gebietes beitragen.Groneck, Straßenbahnen, S. 128; Eröffnungsdaten bei www.trams-in-france.net und Eine der Zwischenstationen erschließt das Musée des Confluences.
Linie 2 mini|Südlich der Haltestelle Perrache – links das bis März 2021 genutzte Wendegleis (Stumpfgleis) der Linie 2, rechts ein Zug der Linie 1 mini|Straßenbahnwagen der Linie 2 an der Haltestelle Porte des Alpes Die ebenfalls im Dezember 2000 eröffnete, 14,9 Kilometer lange Linie 2 erschließt die südöstlich von Lyon gelegenen Städte Bron und Saint-Priest.Groneck, Straßenbahnen, S. 123, 127f. Ausgangspunkt in Lyon war bis 2021 die gemeinsam mit der Linie 1 benutzte Haltestelle Perrache; am 24. März 2021 wurde sie in südlicher Richtung auf den Gleisen der Linie 1 um drei Haltestellen bis Hôtel de Région verlängert, wo sie eine Endschleife erhielt.Blickpunkt Straßenbahn 3/2021, S. 132 Nach der Überquerung der Rhône folgt die Linie 2 der Avenue Berthelot. In diesem Straßenzug, zuvor eine Hauptverkehrsstraße, wurde die Zahl der Fahrspuren von sechs auf zwei reduziert und eine Einbahnstraßenregelung eingeführt, um Platz für einen eigenen Bahnkörper zu schaffen. Nach drei Kilometern biegt die Strecke nach Nordosten ab, um die Métrostation Grange Blanche der Linie D als wichtige Umsteigestation anzuschließen. Im weiteren Verlauf wird die Stadt Bron erschlossen und ein Campus der Universität Lyon II durchfahren, ehe die Strecke vorläufig an der Station Porte des Alpes in der Stadt Saint-Priest endete. Im Oktober 2003 wurde die Strecke um 4,7 Kilometer bis nach Bel Air, ebenfalls in Saint-Priest gelegen, verlängert.
mini|Wagen der Linie 3 an der Haltestelle Part-Dieu mini|Wagen der Linie 3 vor dem ehemaligen CFEL-Bahnhof in Villeurbanne
Linie 3 Die im November 2006 eröffnete, 14,6 Kilometer lange Linie 3 verläuft im Gegensatz zu den anderen Linien weitgehend außerhalb des Straßenraums:Christoph Groneck: Zwei Jahre Straßenbahnbetrieb in Lyon: Bilanz und Ausblick. In: Stadtverkehr, Heft 2/2003, , S. 31–34, hier S. 34. Christoph Groneck: Lyon: Netzausbau geht weiter. In: Stadtverkehr, Heft 7–8/2009, , S. 42–47, hier S. 44. Genutzt wird die Trasse einer stillgelegten Eisenbahnstrecke der Privatbahn Chemin de fer de l’Est de Lyon (CFEL) vom Bahnhof Part-Dieu in die östlich Lyons gelegene Gemeinde Meyzieu, die zuletzt nur noch sporadisch im Güterverkehr genutzt wurde. Bei der Planung der Strecke bereiteten die etwa 30 Bahnübergänge, zum größeren Teil in dicht bebautem Gebiet, besondere Schwierigkeiten. An der Zwischenstation La Soie kann in die hier endende Métrolinie A umgestiegen werden. Entlang der Linie 3 entstanden sechs Park-and-ride-Anlagen mit insgesamt 1215 Parkplätzen. Die Lage der Endhaltestelle in Lyon auf der Ostseite des Bahnhofs Part-Dieu wurde kritisiertGroneck, Netzausbau, S. 44., da sich alle anderen Haltestellen westlich des Bahnhofs befinden und somit lange Umsteigewege entstanden. Ursprünglich verband eine von Part-Dieu nach Norden führende eingleisige Betriebsstrecke die Linie 3 mit dem restlichen Straßenbahnnetz. Inzwischen ist sie zweigleisig und wird von der Linie 4 bedient.
2025 wurden zwei zusätzliche Haltestellen im bestehenden Verlauf eingefügt:
am 6. Januar Meyzieu Lycée Colonel Beltram zwischen Meyzieu Gare und Meyzieu Z.I. und am 17. Februar Décines Roosevelt zwischen Vaulx-en-Velin La Soie und Décines Centre (auch von Linie 7 bedient).
Linie 4 Hauptaufgabe der im April 2009 eröffneten, 16 Kilometer langen Linie 4 ist die Erschließung der Gemeinde Vénissieux.Groneck, Netzausbau, S. 42f. An der Station Jet d'eau kann in die Linie 2 umgestiegen werden; an der Haltestelle Gare de Vénissieux besteht eine Übergangsmöglichkeit zur Métrolinie D. Im Gemeindegebiet von Vénissieux wurde eine kurvenreiche Trassenführung gewählt, so dass der 300-m-Radius um die Haltestellen 33.000 Einwohner und 6200 Arbeitsplätze umfasst. Der überwiegende Teil der Strecke wurde als Rasengleis gestaltet.