mini|Illustration von Edward von Steinle
Die Mährchen vom Rhein sind vier Erzählungen, die Clemens Brentano von 1810 bis 1812Schulz, S. 469, 18. Z.v.o. schrieb, aber zu Lebzeiten nicht veröffentlichte.Schultz anno 1999, S. 90, 6. Z.v.o. 1846 gab Görres die Rheinmärchen postum bei Cotta in Stuttgart und Tübingen heraus.Schillbach in der Quelle, S. 455, 21. Z.
Während das erste und zweite Märchen zusammengehören, sind das dritte und vierte eigenständig. SchultzSchultz anno 1999, S. 100, 13. Z.v.o. nennt das zweite bis vierte Auslösemärchen. Die drei Erzähler – der Müller Radlauf, Frau Marzebille und ein Mainzer SchneiderSchultz anno 1999, S. 100, 11. Z.v.o. – müssen den Vater Rhein jeder mit einem Märchen unterhalten, um einen im Rhein versunkenen geliebten Menschen (Ameley, Ameleychen und Garnwichserchen) zurückzubekommen.
Inhalt Das Rheinmährchen mini|Illustration von Edward von Steinle
Der junge Müller RadlaufBrentano behält die Schreibung des Namens nicht bei. Zum Beispiel schreibt er manchmal Radlof. wohnt zusammen mit seinem Star, dem schwarzen Hans, in einer einsamen Mühle am Rhein, dort, wo jetzt Rüdesheim liegt.Quelle, S. 13 Der zahme Vogel ist dem Müller einfach so zugeflogen. Einmal träumt Radlauf von einem wunderschönen Jungfräulein, das ihm eine köstliche alte Krone aufsetzt. Der Müller erwacht, tritt hinaus auf den Mühldamm, schaut stromaufwärts und erblickt HattoQuelle, S. 48, 3. Z., den König von Mainz, der auf einem goldenen Schiff daherkommt. An seiner Seite sitzt seine einzige Tochter Prinzessin Ameley. Von Trier aus nähert sich auf dem Rhein Prinz Rattenkahl, Ameleys künftiger Bräutigam, mit der alten Königin von Trier an Bord. Bei der Begegnung der beiden Schiffe fällt Ameley „aus Schrecken über“ das „unangenehme Aussehen“ des Bräutigams ins Wasser. Der König verspricht dem Retter der verunglückten Tochter die Königskrone und obendrein die Prinzessin zur Frau. Radlauf springt in den Rhein. Mit letzter Kraft und vom Vater Rhein – einem „gar ehrwürdigen großen und starken Greis“ mit langem grünen Schilfbart – unterstützt, rettet er Ameley. Als er sie in seine Mühle führt, ist von den beiden königlichen Schiffen nichts mehr zu sehen. Radlauf, der eigentlich jeden Tag gebranntes Mehl und Rührei isst, setzt der Prinzessin Starenbraten vor.
Der schwarze Hans kann auf einmal sprechen, kurz bevor er sich mit einer goldenen Haarnadel, die er unter dem Flügel trägt, ersticht: Einst war ich Fürst von Staarenberg,...Quelle, S. 31, 9. Z. ...Ade du schöne Ameley Verzeih mir meine Schwätzerei Das schönste Grab wird mich beehren, So du mich willst sogleich verzehren, Der Müller soll auch essen mit, Ich wünsch euch guten Apetit.Quelle, S. 32, 8. Z. Nachdem ein jeder das halbe Herz des Selbstmörders verspeist hat, empfinden die beiden Esser große Liebe füreinander. Als der Müller die Prinzessin nach Mainz bringt, will der König von seinem Versprechen nichts mehr wissen. Radlauf wird aus Mainz gejagt. In seiner Mühle angekommen, hilft ihm Vater Rhein – wiederum im Traum – weiter. Der Müller erwacht, tritt hinaus, schneidet sich eine Rohrpfeife und begibt sich damit zum Prinzen Rattenkahl ins Bingerloch. Dort angekommen, erhält er vom Rattenkönig Hilfe unter einer Bedingung. Radlauf muss den Prinzen Rattenkahl und seine Frau Mutter, die im Bingerloch ertrunken sind, auf der Rheininsel neben der Unglücksstelle begraben. Nach getaner Beerdigung begibt sich der Müller nach Mainz. Ameley warnt den Geliebten vor ihrem tückischen Vater. Radlauf pfeift eine Mäusearmee gegen das Königspaar herbei. Der König hat aber alle Mainzer Katzen wegfangen lassen, siegt und lässt den Müller in den Kerker werfen. Die Mäuseplage verursacht im Mainzer Land Hungersnot. Radlauf wird vom Rattenkönig befreit und liest daheim in der Mühle das Testament des Fürsten von Staarenberg. Darin ist der weitere Weg des Müllers vorgezeichnet. Mit dem Siegelring des Staren am Finger begibt sich Radlauf in den Schwarzwald zum Grubenhansel.
Mit so einer Rohrpfeife, wie sie dem Müller Radlauf während seiner Inhaftierung weggenommen worden war, wird großer Schaden angerichtet. Prinz Mausohr von Trier, der kleine Bruder Rattenkahls, pfeift in Mainz ein Lied. Darauf tanzen die schöne Ameley und alle Mainzer Kindlein in den Rhein und versinken darin. Mausohr besiegt Hatto. Der König muss Mainz den Rücken kehren, darf sich aber auf einer Rheininsel einen Turm bauen lassen. Hatto hatte während der oben genannten Mäuseplage hungernde Mainzer einsperren lassen. Dafür bekommt er nun die verdiente Strafe. Nachdem ihn seine Frau mit der Katze verlassen hat, werden die Ratten mutig. Nachts dringen sie in den Turm ein und fressen den König auf.
Die Mainzer Kinder bleiben unauffindbar. Zu den wehklagenden Mainzer Eltern zählen auch die gute Frau Marzebille und ihr Mann, der arme Fischer Petrus. Deren kleine Tochter Ameleychen ist mit den anderen Kindern ertrunken. Marzebille ist mit dem Goldfischchen befreundet. Dieses berichtet ihr, die Kindlein und auch Ameley lebten noch in einem gläsernen Haus tief unten im Rhein, vom alten grauen Wassermann bewacht. Der spreche zu den Fischen: Leise, Leise, plätschert nicht, Wecket mir die Kinder nicht, Die da rings in gläsernen Wiegen In dem süßen Schlummer liegen.Quelle, S. 104,14. Z. Genau an jenem Ort sind noch ganz andere Wunder versammelt. Dort unten liegt auch „der Niebelungen Hort“, behütet von „Frau Lureley“, der „Zauberinne“. Ihr Schloss ist, „von außen schroff ein Felsenstein/ Umbraußet von dem wilden Rhein“Quelle, S. 109, 18. Z.. Zudem residiert Vater Rhein dort. Er verspricht Errettung aller versunkenen Menschlein unter einer Bedingung. Jedes Mal, nachdem ihm oben auf der Erde jemand ein Märchen erzählt hat, gibt er eines der Kinder frei. Alle betroffenen Mainzer Eltern überlegen sich in froher Erwartung ein Märchen. Der Müller Radlauf, aus dem Schwarzwald zurückgekehrt, wird König von Mainz und bestimmt: „Das Wappen dieses Landes sei von nun an ein Rad, weil ich ein Müller war.“Quelle, S. 121, 28. Z. Der neue König eröffnet den Märchenreigen. Um seine Ameley zu erretten, erzählt er dem Vater Rhein das folgende Märchen.
Erster Morgen am Rhein. Radlauf erzählt seine Reise mini|300px|Illustration von Edward von Steinle
Während seines Aufenthaltes im Schwarzwald erfährt der Müller von seiner fürstlichen Abkunft.Quelle, S. 123 Radlauf stammt direkt vom Mond ab. Fräulein Mondenschein, die Tochter des Mondesmannes, heiratete gegen den Willen ihrer Großmutter väterlicherseits den Mondenschäfer Damon. Das ist der erste Fürst von Staarenberg. Jener Fluch der Großmutter, die über dem Tierkreis wohnt, lautete: „Ein Bergknappe, ein Vogelsteller, ein Kohlenbrenner, ein Müller mögen eure Nachkommen werden.“Quelle, S. 186, 25. Z. Frau Mondenschein brachte Johannes zur Welt. Der zweite Fürst von Staarenberg, das ist Radlaufs Ururgroßvater, betätigte sich in der Tat als emsiger Bergmann und wurde Grubenhansel genannt. Johannes hatte nämlich sein Volk zu Bergleuten gemacht und am Stein der Weisen laboriert. Johannes heiratete Fräulein Edelstein, die Tochter der Frau Erde. Frau Edelstein gebar Veit. Der dritte Fürst von Staarenberg fing wirklich Vögel und wurde Veit der Vogler oder auch Kautzenveitel genannt. Veit heiratete Fräulein Phönix Federschein, die Tochter der Frau Luft. Durch den Willen des Geschicks musste Frau Federschein alle vier Wochen Vogelgestalt annehmen. Die riesengroße Eule war in der kritischen Zeit ihr Todfeind. Frau Federschein brachte Jakob zur Welt. Der vierte Fürst von Staarenberg betätigte sich wirklich als Köhler und wurde der Kohlenjockel genannt. Jakob heiratete Fräulein Phosphor Feuerschein. Das Paar bekam mehrere Kinder. Christel, einer der Söhne, arbeitete tatsächlich als Müller am Rhein und nahm sich die blonde Lureley zur Frau. Zwei ihrer vier Söhne werden Fürsten – der schwarze Hans und der Müller Radlauf.
Mit der zeitweiligen Verwandlung der Staarenberger in Vögel hat es die folgende Bewandtnis. Damon, der erste Fürst von Staarenberg, war längere Zeit mit Frau Mondenschein in einer Höhle eingesperrt gewesen und hatte währenddessen Eier aus Starennestern geplündert. Bei der Gelegenheit hatte er das Schicksalsei der Starenkönigin Aglaster verzehrt. Ein Starenprinz konnte nicht ausgebrütet werden. Aglaster verdammt ausgewählte Staarenberger so lange zur Starenart, bis ein später Erbe freiwillig stirbt. Ein weiterer Grund für die Verwandlung in einen Star ist Hansens Geschwätzigkeit. Überhaupt sind alle Ehen der Staarenberger Fürsten mit einem Betrachtungstabu der jeweiligen Melusinen-Gattin belastet. Die Gattinnen nennen den Tabubruch Verrat.Quelle, S. 260, 16. Z. Wer als Mensch hingesehen und die periodische Verwandlung der Frauen in die Nixen- oder auch Vogelgestalt erstaunt wahrgenommen hat, wird bestraft. So wird Lureleys Sohn Georg für seine Neugier in eine weiße Maus und der Sohn Phillip in einen Goldfisch verwandelt. Nachdem Christel die Fischgestalt unterhalb der Brust seiner Frau gesehen hat, nimmt sie ihn zur Strafe das Gedächtnis. Der Fürst meint fortan, er sei ein Müller. Aber er mahlt nicht nur. Dieser fünfte Staarenberger verlässt die schöne Lureley, als Hans vier und Radlauf sechs Jahre alt sind. Christel zeugt mit der Königin von Trier die Prinzen Rattenkahl und Mausohr. Vater Rhein kümmert sich um Radlauf. Der gute Alte bestimmt den Wassermann zum Erzieher. Hans wächst mit der Prinzessin Ameley auf. Er liebt sie. Ameley mag ihn, aber seine Schwatzhaftigkeit ist ihr zuwider. Sie stellt ihn auf die Probe. Von der goldenen Haarnadel, die Ameley ihm schenkt, soll er schweigen. Der notorische Schwätzer Hans besteht die Probe nicht. Plötzlich verwandelt er sich in einen Star und fliegt davon.
Der Tabus sind viele in dem Märchen. Auf der Fahrt über einem Schwarzwaldsee, als in einer Starenprozession Hansens Überreste beigesetzt werden, gelangt Radlauf während eines Sturmes in das Unterwasserreich der Lureley. Die Nixe gibt sich ihm als seine Mutter zu erkennen und warnt: Weitere Eröffnungen und Fortdauer des Wiedersehensglückes seien nur möglich, wenn der Sohn die Mutter in keiner Weise unterbreche.
Das Märchen des Müllers geht zu Ende. Vater Rhein gibt dem König Radlauf von Mainz seine Braut Ameley zurück. Das Paar heiratet. Radlauf hatte zu Ende des allerersten Rheinmärchens die gute Frau Marzebille als nächste bestimmt, die ihr Kind Ameleychen erlösen darf. Sie erzählt pflichtgemäß das folgende Märchen.
Mährchen vom Murmelthier