mini|300px|Der Neubau der Blechbüchse als Teil der Höfe am Brühl am neu gestalteten Richard-Wagner-Platz im April 2014 mini|Westseite des Neubaus der Blechbüchse. Im Hintergrund ist der Nordeingang der Hainstraße in Richtung Marktplatz Leipzig zu sehen. Blechbüchse ist die volkstümliche Bezeichnung des ehemaligen Konsument-Warenhauses am Brühl in der Richard-Wagner-Straße 20 in Leipzig.
Geschichte
Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges mini|hochkant|„Kaufhaus Brühl“ kurz nach der Eröffnung 1908 mini|links|hochkant|Erster Bauabschnitt des Kaufhauses, 1908 Die gebürtigen Schweizer Paul Messow und Victor Waldschmidt eröffneten im Dezember 1877 in Dresden den Schweizer Bazar Messow & Waldschmidt. Seit März 1890 firmierte das expandierende Warenhausunternehmen nur noch unter Messow & Waldschmidt und eröffnete Filialen in Pirna, Zittau, Breslau und in der Leipziger Katharinenstraße.
Im Jahr 1907 erwarb der Leipziger Architekt Emil Franz Hänsel ein Gebäude samt Grundstück am Brühl Nr. 1, das bis dahin Eigentum der Familie Kees gewesen war, und ließ es umgehend abreißen. Mit Hänsel als Architekt und Bauherr wurde auf dem Gelände, auf dem sich ehemals unter anderem mit dem Haus Zum roten und weißen Löwen die Geburtsstätte Richard Wagners befunden hatte, innerhalb eines Jahres ein siebengeschossiger Kaufhausbau errichtet, in dem Messow & Waldschmidt am 3. Oktober 1908 das Kaufhaus Brühl G.m.b.H. offiziell eröffneten, Geschäftsführer waren Heinrich Hirschfeld und Walter Riess. Die auf vier Etagen verteilte und etwa 8000 Quadratmeter umfassende Verkaufsfläche mit mehr als 250 fest angestellten Mitarbeitern wartete mit zahlreichen Spezialabteilungen auf, zum Beispiel mit Bereichen für Babyartikel, Berufsbekleidung oder Lebensmittel. Damit zählte das Kaufhaus zu den größten damaligen Einrichtungen dieser Art im mitteldeutschen Raum.
mini|Kaufhaus Brühl nach der Erweiterung von 1912 (zeitgenössische Reklamemarke)
Nachdem Paul Messow im Jahr 1909 verstorben war, wurde Walter Riess, der 1910 Messows Tochter Gertrud geheiratet hatte, alleiniger Direktor und der zuvor im Stammhaus Dresden tätige Otto Mühlstein sowie Salomon Sigismund Hirschfeld wurden zu Geschäftsführern bestellt. Unter Riess’ Leitung wurde das Warenhaus erweitert. Im Jahr 1912 wurde das danebenliegende Grundstück erworben und durch Umbauten dem Kaufhaus angegliedert. Die so erweiterten Verkaufsräume wurden im Mai 1915 eröffnet, nachdem es erhebliche bauliche Verzögerungen durch den Beginn des Ersten Weltkriegs gegeben hatte. Ab 1927 kam es durch die Eingliederung eines dritten Grundstückes erneut zu einer Vergrößerung der Verkaufsfläche und es wurde erstmals in einem Leipziger Warenhaus eine Rolltreppe installiert. Der bisherige sogenannte Erfrischungsraum als Spezialabteilung nahm mit etwa 700 Sitzplätzen Restaurantcharakter an, hinzu kamen weitere Einrichtungen wie Friseursalons oder eine Postagentur. 1928 bedienten etwa 600 Angestellte die Kunden des Kaufhauses auf fast 20.000 Quadratmetern Verkaufsfläche.
Als Folge der antijüdischen nationalsozialistischen Politik prangten im April 1933 erstmals Plakate mit der Aufforderung, nicht bei Juden zu kaufen, an den Schaufenstern. Infolge der Arisierung wurde nach dem Erlass des Gesetzes über die Umwandlung von Kapitalgesellschaften vom 5. Juli 1934 die Kaufhaus Brühl G.m.b.H. aufgelöst und ihr Vermögen von der Messow & Waldschmidt GmbH übernommen. Im April 1936 wurden die bisherigen Geschäftsführer Riess, Meiser und Pelz abberufen und der Kaufmann Rudolf Knoop aus Köln-Braunsfeld sowie der Justitiar Walter Ahlburg aus Berlin-Dahlem zu Geschäftsführern bestellt. Ab dem 12. September 1936 war der Besitzwechsel endgültig vollzogen; das Unternehmen hieß nun Rudolf Knoop & Co. GmbH.
Während der schweren Luftangriffe am 4. Dezember 1943 wurde das Kaufhaus durch Phosphorbomben stark beschädigt und musste geschlossen werden.
Seit 1946 mini|links|Nach dem Krieg als „Kaufhaus des Friedens“ wiedereröffnetes Konsum-Kaufhaus, 1951 Nach dem Volksentscheid in Sachsen am 30. Juni 1946 wurde die Firma Rudolf Knoop & Co. GmbH entschädigungslos enteignet. Der neue Besitzer, das Land Sachsen, übertrug 1947 das Kaufhaus der wieder gegründeten Konsumgenossenschaft Leipzig. In den folgenden Jahren wurden die Stahlbetonkonstruktion sowie das völlig zerstörte Dach des Gebäudes notdürftig wiederhergestellt, um die statische Sicherheit zu gewährleisten.
mini|Konsument-Warenhaus, 1972 mini|Logo des „Konsument-Warenhauses am Brühl“ Am 1. Januar 1965 musste die Leipziger Konsumgenossenschaft das Kaufhaus an das Zentrale Handelsunternehmen »konsument« (ZU Konsument) abgeben.Statistisches Jahrbuch VdK 1968 Konsument betrieb ab 1966 den Wiederaufbau des nach dem Krieg nur provisorisch instandgesetzten Hauses und brachte eine Metallfassade an, die seitdem das Stadtbild prägte. Diese geschwungene fensterlose Fassade, strukturiert durch viele hyperbolische Paraboloidelemente aus Aluminium, konzipierte der Künstler und Metallgestalter Harry Müller. Für die Innengestaltung zeichneten die Leipziger Architekten Walther, Böhme, Dick, Graf, Kurth und Winzer verantwortlich. Der eigentliche Kaufhaustrakt erstreckte sich auf dem alten Grundriss, an der Rückseite des Gebäudes entstand ein achtgeschossiges Verwaltungs- und Lagergebäude. Abgeschlossen wurde das Ensemble durch einen ebenfalls neu errichteten Flachbau, in dem auf etwa 1.000 Quadratmeter ein Lebensmittelmarkt untergebracht wurde. Auf fünf Geschosse verteilt standen im eigentlichen Kaufhaus nun 11.500 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung, lediglich das Erdgeschoss sowie die obere Etage im Restaurant-Bereich waren mit Tageslicht versehen. Am südlichen Eingang wurde eine Gedenktafel angebracht, die auf das Geburtshaus Richard Wagners hinweist. 1968 wurde das Haus als Konsument-Warenhaus am Brühl als größtes Warenhaus der DDR offiziell eröffnet. Die „Blechbüchse“ – von der Bevölkerung auf Grund der Aluminiumfassade so genannt – wurde sehr schnell zu einem der architektonischen Wahrzeichen Leipzigs.
mini|Karstadt-Warenhaus (Interim), 2006 Nach der Wiedervereinigung Deutschlands blieb das Warenhaus im Besitz des Verbandes der Konsumgenossenschaften (VdK), welcher mit der Horten AG das Joint Venture „Horten-konsument“ als 50/50-Beteiligung gegründet hatte. Diese Horten-konsument GmbH führte das Geschäft bis zum Jahr 2001 weiter.Jahresbericht VdK eG 1991–1995; Wirtschaft & Markt, Sonderheft „Unter einem Dach“ Nach einer kurzen Zeit unter der Bezeichnung Kaufhof wurde die Immobilie von der Zentralkonsum eG und der zugehörige Grund und Boden von einer jüdischen Eigentümergemeinschaft gemeinsam an Hertie/Karstadt verkauft, die das Gebäude bis Oktober 2006 als Interim benutzte.Kaufvertrag, Archiv der Zentralkonsum eG, Grundbuchamt der Stadt Leipzig Im Jahr 2007 fanden in dem sonst ungenutzten Warenhausgebäude zwei Ausstellungsprojekte statt: die Designers’ Open und die 14. Leipziger Jahresausstellung. leipziger-jahresausstellung.de
Abriss im Jahr 2010 mini|Blechbüchse vor dem Abriss, 2009 Um Baufreiheit für ein neues Einkaufszentrum am Brühl zu schaffen, wurde das Gebäude des ehemaligen Konsument-Warenhauses abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Am 8. Februar 2010 begannen die Entkernungs- und Abrissarbeiten, LVZ Online. die Aluminiumfassade wurde bis zum 17. März 2010 demontiert und in Berlin eingelagert, um sie am Neubau wieder anzubringen. LVZ Online.
Nach der vollständigen Freilegung der größtenteils stark zerstörten alten Hänsel-Fassade des Kaufhauses Brühl kam es im April 2010 zu heftiger Kritik und Protesten bezüglich der Abrisspläne. Aufgerufen hatte dazu der Leipziger TV-Moderator Renato Bodenburg. Nach seiner Protestaktion am 8. April 2010 folgten die Organisation einer Menschenkette und wöchentliche Unterschriftensammlungen gegen den Abriss. LVZ Online. Bürgerinitiative Kaufhaus Brühl. Wie nun viele andere forderte Bodenburg statt des Abrisses und der späteren Wiederanbringung der Aluminiumfassade die Erhaltung der historischen Bausubstanz. Am 17. April versammelten sich rund 250 Menschen an der Baustelle, um mit einer Menschenkette gegen den Abriss der älteren Fassade zu demonstrieren. Auch Leipziger Politiker unterstützten den Vorschlag. l-iz. In: LVZ Online, 17. April 2010; abgerufen am 19. April 2010. Der überregional viel beachtete Vorschlag von Bodenburg, beide Fassaden zu erhalten, wurde gemeinsam mit Niels Gormsen (1990–1995 Baudezernent und Stadtplanungschef in Leipzig) im Detail erarbeitet, er fand in späteren Entwürfen jedoch keine Beachtung mehr.Dankwart Guratzsch: Fall „Blechbüchse“. In Leipzig kämpft Jugendstil gegen DDR-Moderne. Welt Online, 21. Mai 2010; abgerufen am 5. Juli 2010.Erich Loest: Dornröschen und viel Blech. Wegducker gegen Bewahrer: Was hinter dem Streit um eine Kaufhausfassade in Leipzig steckt. In: Die Zeit, Nr. 23/2010. Vorgeschlagen wurde, den Altbau mit seiner Steinfassade an ursprünglicher Stelle zu erhalten und die Aluminiumfassade am anderen Ende des Baukomplexes, am Hallischen Tor, neu aufzubauen. Letztlich wurde der Kompromiss einer Vitrinenlösung getroffen, deren Konzeption vom Architekturbüro Grüntuch Ernst entworfen wurde. Dabei sollte entsprechend der Vorgabe des Denkmalschutzes ein 15 Meter breites Stück der alten Hänsel-Fassade erhalten und in das neue Gebäude integriert werden. Wie in einer Vitrine sollte es nach innen und durch eine Glaswand nach außen hin sichtbar sein. mfi management für immobilien AG, Pressemitteilung, 14. Mai 2010; abgerufen am 25. August 2010. Im Januar 2011 gab es Medienberichte, wonach sich die sächsische Denkmalschutzbehörde gegen die Vitrinenlösung entschieden habe. Das 15 Meter breite Stück der Fassade sollte zwar erhalten bleiben, jedoch nun doch nicht von außen sichtbar sein. Videobericht zur wahrscheinlichen Aufgabe der Vitrinenlösung. Leipzig-Fernsehen, 1. Februar 2011; abgerufen am 18. November 2011.
Anfang Juli 2010 waren die Abrissarbeiten der Blechbüchse beendet. Nur das beschriebene 15 Meter breite Fassadenstück blieb – während der Bauarbeiten durch eine Stahlkonstruktion gestützt – erhalten. Heute befindet es sich wieder hinter der Aluminiumhülle.
Neubau als Teil der Höfe am Brühl
mini|links|Rohbau der Blechbüchse als Teil der Baustelle der Höfe am Brühl im Januar 2012 Im April 2008 wurde bekannt gegeben, dass das neue Einkaufszentrum den Namen Höfe am Brühl tragen soll. l-iz.de Die Ausschreibung zu dem Bauprojekt ging an das Berliner Architekturbüro Grüntuch & Ernst.1. Preis Wettbewerb Brühl-Arcarden. Baunetz.de, 7. November 2007; abgerufen am 16. Dezember 2008. Der Bau wurde durch das Immobilienbüro mfi realisiert.
mini|Der fertiggestellte Neubau der Blechbüchse als Teil des neuen Einkaufszentrums nach dessen Eröffnung im September 2012 Mit dem Aushub der Baugrube wurde Ende August 2010 begonnen. Am 9. Dezember 2010 wurde der Grundstein gelegt. Ein Jahr später wurde am 8. Dezember 2011 Richtfest gefeiert. LVZ Online. Beginnend am 4. März wurden die 480 restaurierten charakteristischen Aluminiumplatten an bisheriger Stelle und in gleicher Formgebung am Neubau angebracht.Leipzig bekommt die Blechbüchse zurück. Alu-Platten werden seit Freitag montiert. LVZ Online, 3. März 2012; abgerufen am 4. März 2012. stadtbild-leipzig.de, Baustellendokumentation mit Bildern. Die Fertigstellung des Einkaufszentrums war ursprünglich zum Jahresende 2011 geplant.Klaus Staeubert: Baustart für „Höfe am Brühl“. Aushub der Baugrube beginnt. In: LVZ Online, 25. August 2010; abgerufen am 25. August 2010. Die Eröffnung fand jedoch erst am 25. September 2012 statt.Matthias Puppe, Felix Kretz: Der große Ansturm. Zum offiziellen Verkaufsstart kamen gestern schon mehr als 100.000 Kunden in die Höfe am Brühl. In: Leipziger Volkszeitung, 26. September 2012, S. 15