Die Paul Ecke Ranch ist ein US-amerikanisches Gartenbauunternehmen mit deutschen Wurzeln. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Encinitas im südkalifornischen San Diego County und Produktionsstätten hauptsächlich in Guatemala ist der weltgrößte Züchter von Weihnachtssternen (Euphorbia pulcherrima, im Handel auch Poinsettie genannt) und etablierte diese Pflanzen als die heutige weltweite „Weihnachtspflanze“ schlechthin.
Geschichte Auswanderung nach Amerika, Beginn des Schnittblumenanbaus Der Magdeburger Lehrer Albert Ecke († 1919), ein Anhänger der Ideen der Lebensreformbewegung, der später in Baden-Baden ein Sanatorium für Vegetarier besaß, war 1902 mit seiner Familie – bestehend aus Ehefrau Henrietta, geborene Moehring, und den vier Kindern Hans, Margarete, Paul und Frieda – nach Amerika ausgewandert. Sie wollten dort eigentlich nur kurz Zwischenstation auf dem Weg zu den Fidschi-Inseln (nach anderen Angaben Samoa) machen, um ebenfalls wieder ein Sanatorium zu eröffnen. Nach anfänglichen wirtschaftlichen Problemen kehrten die Eckes für kurze Zeit noch einmal nach Deutschland zurück, siedelten sich 1906 aber erneut in der Hayworth Avenue in Hollywood, nordöstlich von Los Angeles im damaligen Vorort Eagle Rock (heute nach Los Angeles eingemeindet) an. Etwa um das Jahr 1911 entschied sich Albert Ecke, dort eine Ranch für die Produktion von Milch sowie Anbau von Obst, Gemüse und anderen Nutzpflanzen zu gründen.
Da Albert Eckes Neigung eher den Pflanzen galt, versuchte er sich mit dem Anbau verschiedenster Kulturen. Unter anderem fielen ihm und seinem Sohn Paul die in der Gegend wachsenden, als Wildpflanze mehrere Meter hohen Weihnachtssterne auf. Die Pflanze stammt eigentlich aus den tropischen Laubwäldern Mittel- bis Südamerikas und war bereits 1828 vom ersten US-Botschafter in Mexiko, dem Arzt und Botaniker Joel Roberts Poinsett, als Zierpflanze in die USA gebracht worden, wo sie an zusagenden Standorten vielfach verwilderte. Die Eckes beobachteten, wie die großen Hochblätter der Kurztagspflanze sich zur Weihnachtszeit blütenartig rot färbten. Sie kamen auf die Idee, die Pflanzen auf den Feldern der Farm anzubauen und die langen Zweige in der Vorweihnachtszeit als frische Schnittblume an Straßenständen zu verkaufen. 1915 erwarb Albert Ecke hierzu 5 Acres Land im Nachbarort El Monte.Diane Welch: From Germany to Encinitas: Ecke family poinsettias, San Diego Union-Tribune, 10. Dezember 2006
mini|Weihnachtssterne
Besonders Albert Eckes Sohn Paul (Paul Ecke I; geboren 1895 im heutigen Magdeburger Stadtteil Cracau, verheiratet am 31. Dezember 1924 mit der aus Kurzrickenbach in der Schweiz stammenden Magdalena Maurer (1905–1981),Ecke family's generosity goes well beyond namesake, UTSanDiego.com, 23. Dezember 2007 mit der er drei Kinder hatte; gestorben 1991 in Encinitas, Hamburger Abendblatt, 26. Juni 1991), der nach dem Tod des Vaters 1919 den Betrieb übernahm, hatte es die Idee angetan, die Pflanze in Nordamerika als Weihnachtssymbol zu propagieren, wie sie es in Mexiko bereits war (dort heißt die Pflanze „Flor de Nochebuena“ – „Blume der Heiligen Nacht“). Zur Verkaufsförderung gab er ihr den Namen „Christmas Star“ – „Weihnachtsstern“ (zuvor war die botanische Gattungsbezeichnung „Euphorbia“ und ab 1836 „Poinsettia“ gebräuchlich). Der Erfolg der Idee war durchschlagend, Zeitungen und Zeitschriften begannen, über die Poinsettie zu berichten und die Nachfrage war bald so groß, dass Paul Eckes Sohn (Paul Ecke II) den Vertrieb an Gärtnereien in ganz Kalifornien aufbaute und eigene Läden auf dem Sunset Boulevard und Hollywood Boulevard eröffnen konnte, wodurch die Bekanntheit weiter stieg.
Aus dem Gebäude am Hollywood Boulevard, in dem Ecke einst seine Packerei für den Versand hatte, wurde später erst ein Lebensmittelladen, in den 1960ern das Revuetheater Largo, anschließend das Stripteaselokal Phone Booth und 1973 schließlich der berühmt gewordene Rock-Club The Roxy Theatre, in dem zahlreiche Musikergrößen auftraten und Bruce Springsteens Karriere begann.Family Nurtures an Enduring Holiday Symbol, Los Angeles Times, 19. Dezember 2004, Rock Cellar Magazine, April 2013. Abgerufen am 4. April 2024.
Umzug von Hollywood nach Encinitas Als sich mit steigender Bedeutung von Hollywood als Zentrum der Filmindustrie das Siedlungsgebiet der Stadt immer mehr ins Umland ausdehnte und die Grundsteuer entsprechend stieg, verlegte Paul Ecke 1923 die Ranch nach Encinitas. Bis in die Mitte der 1960er Jahre lag das Hauptgeschäft der Paul Ecke Ranch noch im Feldanbau von kompletten Poinsettia-Mutterpflanzen, die im Herbst abgeerntet und per Eisenbahnwaggons an weiterkultivierende Gärtnereien im ganzen Land vermarktet wurden.
Nebenher bereiste Paul Ecke die Staaten, um weiteren Gärtnereien die Anzuchtmethode beizubringen und sie von seiner Idee zu überzeugen, die Poinsettie als Weihnachtssymbol zu vermarkten.
Beginn der Züchtungsarbeit mini|„Weihnachtsstern-Baum“ in San Diego, Kalifornien Bereits Paul Ecke senior begann mit der Züchtungsarbeit. Obwohl er 1920 erstmals versuchte, Poinsettia im Topf zu ziehen, waren die ersten Sorten noch nicht für diese Kultur geeignet. Die Triebe waren extrem lang, kaum verzweigt, brachen sehr leicht ab, verloren ihre bunten Hochblätter leicht und verblassten außerhalb des Gewächshausklimas schnell. Erst durch weitere Züchtungsarbeit, an der ebenfalls deutsche Züchter beteiligt waren, erreichte Paul Ecke Ende der 1950er Jahre, dass die Pflanzen auch für die heute vorherrschende Zimmerkultur geeignet wurden. Durch Aufpropfen von verzweigungsfreudigen Sorten auf einen unverzweigten Stamm erzielte er ein wesentlich attraktiveres, buschigeres und kompakteres Wuchsbild als bei der Wildform. Die sichere Verzweigung erzielte er, indem er die Knospenbildung in den Blattachseln – die Voraussetzung zur Bildung von Seitentrieben ist – mittels Infektion mit bestimmten Phytoplasmen (Bakterien, die ansonsten für Pflanzenkrankheiten mit Zwerg- und Besenwuchssymptomen verantwortlich sind), künstlich anregte.
Umstellung auf Gewächshausanbau von Topfpflanzen Anfang der 1960er Jahre trat Paul Ecke junior (Paul Ecke II; * 14. Dezember 1925, † 1992 (englisch)), der an der Ohio State University Gartenbau studiert hatte, in den Betrieb ein. Er überzeugte seinen Vater, auf den Anbau im Gewächshaus umzustellen. Ecke junior übernahm 1963 die alleinige Geschäftsverantwortung, etablierte in der Folge den Weihnachtsstern fest als Topfpflanze und züchtete rund 30 Sorten. Daran war unter anderem der Ungarndeutsche Franz Frühwirth (englisch). Abgerufen am 4. April 2024. wesentlich beteiligt. Durch die Gewächshauskultur nahm das Geschäft einen großen Aufschwung, der Anbau von Schnittblumen wurde Mitte der 1960er Jahre weitgehend eingestellt. Der Vorteil war, dass nun nicht mehr die ganzen Mutterpflanzen, sondern nur noch die wesentlich kleineren Stecklinge zu den Weiterkultur-Gärtnereien verschickt werden mussten, was den Einsatz der schnellen Luftfracht möglich machte, die zudem den internationalen Vertrieb erleichterte. Die Anstrengungen zur Bewerbung der Poinsettie in den Medien als quasi elementarer Bestandteil von Weihnachten wurden verstärkt. Unter anderem schickte Ecke Gratispflanzen an Fernsehstationen, die so von Millionen Haushalten zwischen Thanksgiving und Weihnachten als Dekorationsvorbild auf dem Bildschirm wahrgenommen wurden. Da die Weihnachtsausgaben der Frauenzeitschriften bereits im Sommer entwickelt wurden, steuerte Ecke einige Kulturen durch künstliche Verdunklung so, dass die Rotfärbung bereits zu diesem frühen Zeitpunkt einsetzte, und schickte davon Gratisexemplare an die Redaktionen. Ecke trat sogar in landesweiten Fernsehshows auf, beispielsweise in der Tonight Show und in den Bob Hope Christmas Specials.
Da durch die Umstellung auf Stecklinge und Gewächshausanbau große Freilandflächen überflüssig geworden waren, gründete die Familie Ecke Anfang der 1980er Jahre zu deren Vermarktung und Entwicklung für eine Bebauung das Unternehmen Carltas Company. Unter anderem gab Carltas das Land für den Freizeitpark Legoland California in Carlsbad.Website der Carltas Company Legoland musste für das Grundstück nichts direkt bezahlen, allerdings erfuhren die umgebenden Grundstücke infolge der Legoland-Ansiedlung und der dazu erfolgten Erschließungsmaßnahmen eine erhebliche Wertsteigerung, von der Carltas profitierte.Poinsettia farming dynasty provides lasting lessons, S. 2, UTSanDiego.com, 27. April 2013
Diversifizierung, Produktionsverlagerung und Internationalisierung, Lizenzierung 1991 übernahm Paul Ecke III (* 1955) die Geschäftsführung. Er diversifizierte das Unternehmen und nahm unter der Marke The Flower Fields, eine Vermarktungskooperation mit dem Unternehmen Yoder Brothers (heute Aris Horticulture), Frühlingspflanzen ins Produktspektrum auf. Mit weiteren Unternehmen wurden ebenfalls Kooperationen vereinbart. 2006 übernahm die Paul Ecke Ranch einen der führenden Geranien-Produzenten der USA, Oglevee. Ecke ist seither das einzige Unternehmen in den USA, das aktiv Züchtungsarbeit in gleich zwei der wichtigsten Gewächshauskulturen des Zierpflanzenbaus betreibt. Unter der Dachmarke The Flower Fields werden inzwischen mehrere hundert Sorten von Beet- und Balkonpflanzen vermarktet.
Außerdem gründete er in Encinitas ein Zentrum für Biotechnologie, in dem mit Hilfe der Gentechnik beispielsweise Pflanzen mit geringerem Licht-, Wasser-, Nährstoff- und Pflegebedarf, höherer Schädlingsresistenz und längerer Blühdauer entwickelt werden sollen. Um schneller neue Sorten zu entwickeln, werden bei Ecke zudem mittels Röntgenbestrahlung und Behandlung mit unterschiedlichen chemischen Substanzen künstlich Erbgutmutationen hervorgerufen. Außerdem wird mit Kreuzungen von Pflanzen verschiedener Gattungen (zum Beispiel Weihnachtssterne mit Fleißigen Lieschen) experimentiert.Destiny Irons: , Encinitas Magazine, Holiday 2007 Feature Story
Als in den 1990er Jahren Wissenschaftler die Kultivierungsmethode der Eckes publizierten,Lee et al. (1997): Phytoplasma induced free branching in commercial poinsettia cultivars. In: Nature Biotechnology, 15, S. 178–182.Porträt von Ing-Ming Lee, American Phytopathological Society verlor die Familie Ecke ihr quasi-Monopol für Weihnachtssterne in den USA.The bloom is off the poinsettia. Los Angeles Times, 23. Dezember 2008 (englisch) Konkurrenten begannen, kostengünstiger in Zentralamerika zu produzieren. Daraufhin begann Ecke 1997, ebenfalls Zuchtbetriebe im Urwald Guatemalas aufzubauen und die Produktion ganz dorthin zu verlagern. Guatemala ist heute mit pro Jahr rund 300 Millionen Setzlingen der größte Weihnachtsstern-Exporteur der Welt, die Paul Ecke De Guatemala ist hierbei das marktführende Unternehmen. Über die eigenen Farmen in Guatemala hinaus lässt Ecke über Anbauverträge mit externen Partnern auch in Mexiko und Costa Rica produzieren. In den USA selbst findet bei Paul Ecke praktisch keine Produktion mehr statt, in Encinitas wird nur noch für den regionalen Markt im Großraum Los Angeles/Südkalifornien angebaut.
Ecke Europe, der in Hillerød/Dänemark ansässige europäische Zweig des Unternehmens, vermarktet weltweit die Lizenzen für Ecke-Poinsettiensorten. Dabei werden die sogenannten Elite-Stecklinge (bestes, als krankheitsfrei getestetes Material) ausschließlich an Lizenznehmer geliefert, die in der Ecke Poinsettia Group zusammengeschlossen sind. Andere Stecklinge werden auch über die für mehrere Pflanzenzuchtunternehmen tätige Lizenzierungsagentur PLA International weltweit an Jung- und Fertigpflanzenproduzenten verkauft. In Zusammenarbeit mit der italienischen Lazzeri Agricultural Group produziert Ecke Europe außerdem selbst Elite-Stecklinge und Mutterpflanzen. (englisch)