mini|Kondratjew-Zyklen|330x330px Die Kondratjew-Zyklen (ältere Transkription: Kondratieff-Zyklen) beschreiben den Kern einer von dem sowjetischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew entwickelten Theorie zur zyklischen Wirtschaftsentwicklung, die Theorie der Langen Wellen. Ausgangspunkt für die Langen Wellen sind Paradigmenwechsel und die damit verbundenen innovationsinduzierten Investitionen: Es wird massenhaft in neue Techniken investiert und damit ein Aufschwung hervorgerufen. Nachdem sich die Innovation allgemein durchgesetzt hat, verringern sich die damit verbundenen Investitionen drastisch und es kommt zu einem Abschwung. In der Zeit des Abschwungs wird aber schon an einem neuen Paradigma gearbeitet.Kondratieff Waves in the World System Perspective. In: Leonid E. Grinin, Tessaleno C. Devezas, Andrey V. Korotayev (Hrsg.): Kondratieff Waves: Dimensions and Perspectives at the Dawn of the 21st Century. Uchitel Publishing House, Volgograd 2012, S. 23–64. Ob diese Zyklen tatsächlich existieren und ob ein kausales Verhältnis zu den empirisch nur schwer zu identifizierenden Innovationszyklen besteht, ist umstritten.
Entwicklung mini|Historische Entwicklungszyklen seit der Steinzeit|330x330px Einige behaupten, dass diese Logik noch erweitert werden könne und klassifizieren die Perioden menschlicher Entwicklung nach der dominierenden Allzwecktechnologie beginnend mit der Steinzeit. Einschließlich dieser unterscheiden die Autoren drei verschiedene langfristige Phasen mit jeweils unterschiedlichen langen Wellen. Die erste konzentrierte sich auf die Umwandlung von Material, darunter Stein, Bronze und Eisen. Die zweite, oft als industrielle Revolution bezeichnet, war der Umwandlung von Energie gewidmet, einschließlich Wasser-, Dampf-, Elektro- und Verbrennungskraft. Die jüngste Phase schließlich zielt auf die Informationsverarbeitung ab. Es begann mit der Verbreitung von Kommunikation und gespeicherten Daten und ist nun in das Zeitalter der Algorithmen eingetreten, das darauf abzielt, automatisierte Prozesse zu schaffen, um die vorhandenen Informationen in verwertbares Wissen umzuwandeln.
Kondratjew veröffentlichte 1926 in der Berliner Zeitschrift Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik seinen Aufsatz Die Langen Wellen der Konjunktur. Hierin stellte er anhand empirischen Materials aus Deutschland, Frankreich, England und den USA fest, dass die kurzen Konjunkturzyklen (siehe auch Schweinezyklus) von langen Konjunkturwellen überlagert werden. Diese 40 bis 60 Jahre dauernden Langen Wellen bestehen aus einer länger andauernden Aufstiegsphase und einer etwas kürzeren Abstiegsphase. Die Talsohle wird durchschnittlich nach 52 Jahren durchschritten.
Kondratjew konnte zu diesem Zeitpunkt zweieinhalb solcher Langen Wellen feststellen, wobei er davon ausging, dass sich die dritte Welle Ende der 1920er Jahre ihrem Ende zuneigen würde, was mit dem Börsenzusammenbruch und der Weltwirtschaftskrise auch eintraf. Ursache für diese Langen Wellen sieht er in Gesetzesmäßigkeiten des Kapitalismus, während neue Techniken nicht Ursachen, sondern Folgen der Langen Wellen seien.
Charakteristika der einzelnen Wellen sind, dass in den Aufschwungsperioden die Jahre mit guter Konjunktur überwiegen und in den Abschwungsphasen – wenn ein Überhang an Rezessionsjahren herrscht – meist wichtige Entdeckungen und Erfindungen gemacht werden, so genannte Basisinnovationen. Diese treten stets dann auf, wenn ein Mangel, beziehungsweise ein durch weitergehende Produktivitätssteigerung nicht mehr zu befriedigender Bedarf, entstanden sei.
Die Errichtung der europäischen Eisenbahnen wurde demnach deshalb entscheidend vorangebracht, weil die bislang vorhandenen Transportmöglichkeiten (Pferdegespanne auf Landstraßen und ähnliches) nicht mehr in der Lage waren, die bereits industriell hergestellten Waren ausreichend auf den Märkten zu verteilen.
Joseph Schumpeter Joseph Schumpeter prägte 1939 in seinem Werk über Konjunkturzyklen für diese Langen Konjunkturwellen den Begriff der Kondratjew-Zyklen und stellte heraus, dass die Basis für diese Langen Wellen grundlegende technische Innovationen seien, die zu einer Umwälzung in der Produktion und Organisation führen. Er prägte für diese den Begriff der Basisinnovationen, wobei er offenließ, was zu deren Entstehung und damit zu einem neuen Kondratjew-Zyklus führt. Für ihn war hierbei nicht die Entdeckung einer Basisinnovation ausschlaggebend, sondern deren breiter Einsatz.
Weitere In letzter Zeit haben sich u. a. Leo Nefiodow und Erik Händeler sowie international Christopher Freeman und Carlota Pérez mit den Kondratjew-Zyklen beschäftigt. Schwerpunkt ist oft die Herausarbeitung eines aktuellen fünften und eines zukünftigen sechsten Kondratjew.Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. St. Augustin 1996. Die „internationale“ Schule besteht hauptsächlich aus Neo-Schumpeterianern, wenn auch nicht alle Neo-Schumpeterianer Zyklentheoretiker sind.
Andrei Korotajew behauptet in einer Arbeit aus dem Jahr 2010, die Anwesenheit von Kondratjew-Wellen im globalen Bruttoinlandsprodukt festgestellt zu haben.Andrei Korotajew, Sergey V. Tsirel: A Spectral Analysis of World GDP Dynamics: Kondratiev Waves, Kuznets Swings, Juglar and Kitchin Cycles in Global Economic Development, and the 2008–2009 Economic Crisis. In: Structure and Dynamics. Band 4, Nr. 1, 2010, S. 3–57.
Richard Easterlin verband demografische mit ökonomischen Ursachen. Er erklärte die Geburtenraten durch das relative Einkommen der Elterngeneration im Vergleich zur Großelterngeneration. Je größer dieses relative Einkommen, desto höher die Geburtenraten. Das Einkommen einer Generation hängt wiederum von ihrer Größe ab. Je größer eine Generation, etwa in Folge eines Baby-Booms, desto schwieriger ihre Lage auf dem Arbeitsmarkt, desto niedriger ihr Einkommen im Verhältnis zur vorherigen Generation. Auf das Geburtentief während der Weltwirtschaftskrise folgte nach dieser Easterlin-Hypothese der Baby-Boom bis in die 1960er Jahre – die niedrig besetzten Jahrgänge der 1930er Jahre hatten wegen ihrer Knappheit vergleichsweise günstige Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt –, dem dann wieder niedrige Geburtenraten folgten – die Babyboom-Generation machte sich gegenseitig auf dem Arbeitsmarkt Konkurrenz und musste vergleichsweise niedrige Einkommen hinnehmen. Für die 1980er Jahre hatte Easterlin einen neuen Aufschwung erwartet.Easterlin RA (1978), What will 1984 be like? Socioeconomic implications of recent twists in age structure Demography 15: 397–432. PMID 738471, DOI: 10.2307/2061197Thomas Weiß (1986), Ökonomische Bestimmungsgrößen der Fertilität in westlichen Industrieländern. Materialien zur Bevölkerungswissenschaft, Sonderheft 5. Herausgeber: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, ISSN 0178-918X. Zu Easterlin: S. 86–98.
Anwar Shaikh ermittelt lange Wellen auf der Grundlage der Bewegung des Preisniveaus in den USA und Großbritannien, wobei das Preisniveau in Preise in Gold umgerechnet wird. Tiefpunkte langer Wellen gab es demnach 1895, Ende der 1930er Jahre, Anfang der 1980er Jahre und schließlich ermittelt Schaikh 2018 als neuen Tiefpunkt.Schaikh, Anwar (2016). Capitalism – competition, conflict, crises. New York: Oxford University Press. S. 727, 749. Einteilung der ökonomischen Entwicklung in Kondratjew-Zyklen Über den zeitlichen Ablauf der Kondratjews besteht generell Einigkeit, wenn auch mit einigen Abweichungen.
Periode (ca. 1780–1840): Frühmechanisierung; Beginn der Industrialisierung in Deutschland; Dampfmaschinen-Kondratjew. Es gibt Vermutungen, dass es in England schon einen früheren Zyklus gab. Periode (ca. 1840–1890): Zweite industrielle Revolution Eisenbahn-Kondratjew (Bessemerstahl und Dampfschiffe). In Mitteleuropa Gründerzeit genannt. Periode (ca. 1890–1940): Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew (auch Chemie) Periode (ca. 1940–1990): Einzweck-Automatisierungs-Kondratjew (Basisinnovationen: Integrierter Schaltkreis, Kernenergie, Transistor, Computer und das Automobil) Periode (ab 1990): Informations- und Kommunikations-Technik-Kondratjew (globale wirtschaftliche Entwicklung)
mini|Reales Wachstum der Welt und der OECD-Staaten nach Weltbank-Daten und OECD-Daten.
Seit der vierte Zyklus, das „Wirtschaftswunder“, bis 1990 ausgeklungen ist und die Wachstumsraten kleiner wurden, ist seit 1990 ein Steigen der Wachstumsraten bemerkbar geworden. Das weltweite Wirtschaftswachstum mit Wachstumsraten von 5 % ab 2004 ist damit genauso hoch wie zu Zeiten des Wirtschaftswunders.
Als Technologien, die einen möglichen sechsten Kondratjew-Zyklus dominieren könnten, wurden verschiedene Möglichkeiten ins Spiel gebracht: Biotechnologie Nanotechnologie Robotik bzw. künstliche Intelligenz Kernfusionsenergie Technologie der Ressourceneffizienz und regenerativen Energien, des Energiesparens, der EnergieeffizienzRalf Fücks: Intelligent wachsen. Die grüne Revolution. München 2013, S. 164–169.Allianz Global Investors: Der „grüne“ Kondratieff. April 2013. Psychosoziale Gesundheit und Kompetenz Mobiles Internet, Cloud-Computing, Internet der DingeUBS Investment Research: The New Global Economy. Juli 2013; McKinsey Global Institute: Disruptive Technologies. Advances that will transform life, business and the global economy, Mai 2013.
Nefiodow vertritt seit 1996 die These, dass die nächste Basisinnovation im Gesundheitsbereich liege. In seinem Buch Der sechste Kondratieff vertritt er die Auffassung, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und Volkswirtschaften in Zukunft zunehmend von ihrer Gesundheitskompetenz bestimmt sein wird. Händeler trat der Ansicht bei und modifizierte sie dahingehend, dass produktionshemmende Faktoren wie Burnout und innere Kündigung nicht nur durch medizinische und psychologische Maßnahmen präventiv und therapeutisch eingedämmt werden müssten, sondern durch eine für die Humanressourcen insgesamt schonendere Unternehmenskultur.
Erik Brynjolfsson argumentiert, dass KI eine „General Purpose Technology“ ist. Gemeinsam mit Andrew McAfee hält KI als Treiber eines neuen Zyklus mit tiefgreifenden wirtschaftlichen Transformationen. Ähnlich argumentiert Mariana Mazzucato.
Theorien der Langen Wellen Seit langer Zeit wird versucht, die Kondratjew-Zyklen mit einer Theorie zu unterlegen. Dies gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, weswegen es bisher auch noch nicht möglich war, eine allgemein gültige und zufriedenstellende Theorie zu entwickeln. Einer der Gründe könnte sein, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vom ersten bis zum aktuellen fünften Kondratjew zu stark geändert haben.
Es bestehen vier Kriterien, die eine Theorie der Langen Wellen erfüllen muss:
Kausalität: letztlich muss immer und ausschließlich die Innovationstätigkeit ausschlaggebend für den wirtschaftlichen Aufschwung sein. Zyklizität: die Theorie muss zeigen, dass es zu Zyklen von 45 bis 60 Jahren kommt. Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen: die Auswirkung auf die gesamte Volkswirtschaft geschieht nicht durch einzelne Innovationen, sondern durch die Verknüpfung vieler unterschiedlicher Innovationen über die Grenzen von Wirtschaftssektoren hinweg. Zeitliche Wiederkehr: es muss gezeigt werden, dass sich die Innovationen oder ihre Determinanten zyklisch verhalten.
Exponierte Vertreter der Theorien bezüglich der Langen Wellen sind insbesondere Schumpeter, Freeman und Mensch.
Schumpeter Eine frühe Theorie der Langen Wellen lieferte Schumpeter, vor allem in seinem Werk Business Cycles von 1939.