mini|hochkant|Hitler in seiner typischen Rednerpose (1927)
Die Psychopathographie Adolf Hitlers vereint diejenige psychiatrische (pathographische) Fachliteratur, die die These behandelt, Adolf Hitler (1889–1945) sei psychisch erkrankt gewesen.
Bereits zu seinen Lebzeiten, aber auch weit über seinen Tod hinaus wurde Hitler immer wieder mit klinisch relevanten Störungsbildern wie Hysterie, Psychopathie oder megalomaner und paranoider Schizophrenie in Verbindung gebracht. Unter den Psychiatern und Psychoanalytikern, die bei Hitler eine psychische Störung diagnostiziert haben, befinden sich namhafte Persönlichkeiten wie Walter C. Langer und Erich Fromm. Andere Forscher, wie Fritz Redlich, haben in ihren Untersuchungen im Gegenteil den Eindruck gewonnen, dass Hitler nicht psychisch gestört war.
Problematik der Psychopathographie und der Hitler-Psychopathographie Dem öffentlichen Interesse entsprechend, das der Privatperson Hitler bis heute entgegengebracht wird, erzielen Hitler-Psychopathographien Medienwirksamkeit. Die Pathographie ist in der Psychiatrie jedoch nicht nur schlecht beleumundet, sondern gilt auch als unethisch. Auf die Problematik einer Diagnostik ex post, bei der das wichtigste Mittel der Befunderhebung – die psychiatrische Exploration – nicht möglich ist, wurde schon oft hingewiesen;zum Beispiel Susanne Hilken: Wege und Probleme der Psychiatrischen Pathographie. Karin Fischer, Aachen 1993 Hans Bürger-Prinz urteilte sogar, dass jegliche Ferndiagnostik außergewöhnlicher Persönlichkeiten einen „verhängnisvollen Missbrauch der Psychiatrie“ darstelle.Hans Bürger-Prinz: Ein Psychiater berichtet. Hoffmann & Campe, 1971, ISBN 3-455-00740-6 Wie fehleranfällig die Methode ist, lässt sich bereits angesichts der erheblichen Bandbreite von psychiatrisch relevanten Störungen erahnen, die Hitler nach und nach zugeschrieben worden sind.Wolfgang Wippermann: Faschismus und Psychoanalyse. Forschungsstand und Forschungsperspektiven. In: Bedrich Loewenstein (Hrsg.): Geschichte und Psychologie. Annäherungsversuche, Pfaffenweiler, 1992, S. 266; Nikolas Dörr: Kennzeichnend für die Problematik vieler der im Folgenden aufgeführten Pathographien ist auch eine fehlende oder grob verkürzte Auseinandersetzung mit der Fülle von Publikationen, die andere Autoren zu diesem Thema bereits vorgelegt haben.
Im Falle von Hitler birgt die Psychopathographie besondere Probleme. Erstens müssen Autoren, die über Hitlers persönlichste Angelegenheiten schreiben, mit der Gefahr umgehen, dass ein voyeuristisches Lesepublikum ihnen unkritisch jede noch so dünn belegte Spekulation abnimmt – so wie dies etwa im Falle von Lothar Machtans Buch Hitlers Geheimnis (2001) geschehen ist.Lothar Machtan: Hitlers Geheimnis: Das Doppelleben eines Diktators, Berlin: Fest, 2001, ISBN 3-8286-0145-6; Lothar Machtan: Hitlers Geheimnis perlentaucher.de Noch schwerer wiegt zweitens die von einigen Autoren vorgebrachte Warnung, dass eine Pathologisierung Hitlers dazu führen könne, ihn wenigstens zum Teil von seiner Verantwortung zu entbinden.Armbruster (2009) Andere haben befürchtet, dass sich durch eine Pathologisierung beziehungsweise Dämonisierung Hitlers umgekehrt leicht alle Schuld auf den wahnsinnigen Diktator verlagern lasse, während die irregeleiteten „Massen“ und die Machteliten, die ihm zugearbeitet hatten, entlastet würden.Als ein Volk ohne Schatten! In: Die Zeit, Nr. 48/1986 Berühmt geworden ist Hannah Arendts Wort von der „Banalität des Bösen“; im Hinblick auf Adolf Eichmann hat sie 1963 geurteilt, dass psychische Normalität und die Fähigkeit zum Massenmord bei einem nationalsozialistischen Täter überhaupt kein Widerspruch seien.; zu einer ähnlichen Auffassung gelangt Harald Welzer in seinem Buch Die Einschätzung, dass Massenmörder nicht normal sein können, findet sich dagegen z. B. bei Rolf Pohl und bei Joachim Perels. In einer 2015 erschienenen Biografie hat zuletzt Peter Longerich herausgearbeitet, wie Hitler seine politischen Ziele als starker Diktator, also mit Durchsetzungskraft, hoher Risikobereitschaft und unumschränkter Gewalt umgesetzt hat.Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler, München 2015, ISBN 978-3-8275-0060-1 Einige Autoren haben grundsätzlich den Sinn von Versuchen in Frage gestellt, Hitler – zum Beispiel mit psychologischen Mitteln – zu erklären.Der jüdische Theologe und Holocaust-Überlebende Emil Fackenheim unter anderem war der Auffassung, dass ein so radikales Böses wie das Hitlers von Menschen nicht erklärt werden könne, sondern höchstens von Gott, und der schweige sich darüber aus (Emil Fackenheim and Yehuda Bauer: The Temptation to Blame God. In: Rosenbaum (1999)) Am weitesten ging dabei Claude Lanzmann, der solche Versuche als „obszön“ bezeichnete, sie als der Holocaustleugnung benachbart empfand und nach der Fertigstellung seines Films Shoah (1985) immer wieder scharf angriff; besonders kritisierte er Rudolph Binion, in dessen Schrift er den Versuch sah, Hitler nicht nur zu erklären, sondern geradezu zu entlasten. Claude Lanzmann and the War Against the Question Why. In: Rosenbaum (1999), S. 251–266; Claude Lanzmann: Hier ist kein Warum. In: Stuart Liebman (Hrsg.): Claude Lanzmann’s Shoah: Key Essays, Oxford University Press, 2007, ISBN 0-19-518864-0; Claude Lanzmann, Cathy Caruth, David Rodowick: The Obscenity of Understanding. An Evening with Claude Lanzmann. In: American Imago, 48, 1991, S. 473–495
Wie etwa Jan Ehrenwald (1978) aufgezeigt hat, ist in der Psychiatrie häufig die Frage vernachlässigt worden, wie ein möglicherweise psychisch gestörter Hitler diejenige große und begeisterte Anhängerschaft habe gewinnen können, die seine Politik bis 1945 mitgetragen hat.Jan Ehrenwald: The ESP Experience: A Psychiatric Validation, Basic Books, 1978, ISBN 0-465-02056-9, Abschnitt Hitler: Shaman, Schizophrenic, Medium? Hans-Ulrich Wehler hat wiederholt kritisiert, dass psychohistorische Untersuchungen, die historische Aspekte vernachlässigen, generell wenig Wert besitzen können.Hans-Ulrich Wehler: Geschichte als historische Sozialwissenschaft. Frankfurt am Main, 1973, S. 103; Hans-Ulrich Wehler: Zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse, in: ders. (Hrsg.): Geschichte und Psychoanalyse, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1974, S. 21. Manche Autoren haben darauf hingewiesen, dass es selbst im Falle einer so schwerwiegenden Krankheit wie der Schizophrenie Beispiele von Betroffenen gebe, die eine Anhängerschaft gefunden und außerordentlich stark beeinflusst haben (Charles Manson, Jim Jones).Coolidge u. a. (2007) Bereits früh wurde auch die Position vertreten, dass Hitler seine Psychopathologie durchaus im Griff gehabt und seine Symptome sogar bewusst eingesetzt habe, um die Gefühle seines Publikums wirkungsvoll zu nutzen.z. B. Murray (1943) Wieder andere Autoren haben vermutet, dass Hitlers Anhängerschaft selbst psychisch gestört gewesen sei;zum Beispiel Langer (1943); William Eckhardt: The Values of Fascism. In: Journal of Social Issues, 24, 1968, S. 89–104; Hyman Muslin: Adolf Hitler. The Evil Self. In: Psychohistory Review, 20, 1992, S. 251–270; Joseph Berke: The Wellsprings of Fascism: Individual Malice, Group Hatreds and the Emergence of National Narcissism, Free Associations, Vol. 6, Part 3 (Number 39), 1996; Zvi Lothane: Omnipotence, or the delusional aspect of ideology, in relation to love, power, and group dynamics. In: American Journal of Psychoanalysis, 1997, 57 (1), S. 25–46 Nachweise für diese These fehlen bisher.Psychologische Untersuchung von Naziführern haben nicht ergeben, dass diese gestört waren (Eric A. Zillmer, Molly Harrower, Barry A. Ritzler, Robert P. Archer: The Quest for the Nazi Personality. A Psychological Investigation of Nazi War criminals Routledge, 1995, ISBN 0-8058-1898-7) Eine Annäherung an die Frage, wie Hitlers individuelle Psychopathologie mit dem Enthusiasmus seiner Gefolgschaft verzahnt gewesen sein könnte, wurde erstmals 2000 von dem interdisziplinären Autorenteam Matussek/Matussek/Marbach versucht.
Hysterie Hitler im Reservelazarett Pasewalk (1918) Es ist bislang nicht nachgewiesen, ob Hitler jemals von einem Psychiater untersucht wurde. Oswald Bumke, Psychiater und Zeitgenosse Hitlers, geht davon aus, dass dies niemals der Fall war.Oswald Bumke: Erinnerungen und Betrachtungen. Der Weg eines deutschen Psychiaters, 2. Aufl. Richard Pflaum, München, 1953. Zitiert nach: Jan Armbruster: Die Behandlung Adolf Hitlers im Lazarett Pasewalk 1918: Historische Mythenbildung durch einseitige bzw. spekulative Pathographie, in: Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie, Band 10, Heft 4, 2009, S. 18–23, hier: S. 22 Der einzige Psychiater, dem Hitler nachweislich persönlich begegnet ist, war der Münchner Professor Kurt Schneider – er war jedoch nicht Hitlers Arzt.Schneider machte flüchtig Hitlers Bekanntschaft, als dieser im Schwabinger Krankenhaus einen alten und zu diesem Zeitpunkt geistig verwirrten Parteigenossen aus der Frühzeit seiner politischen Aktivität besuchte.
Ernst Günther Schenck: Patient Hitler. Eine medizinische Biographie, Droste, Düsseldorf, 1989, ISBN 3-8289-0377-0, S. 514 Während ärztliche Dokumente erhalten sind, die Rückschlüsse auf Hitlers körperlichen Gesundheitszustand erlauben, fehlen psychiatrische Unterlagen vollständig, die eine Beurteilung seines psychischen Zustandes ermöglichen würden.Armbruster (2009); Fritz Redlich Hitler. Diagnose des destruktiven Propheten, Werner Eichbauer, Wien, 2002, ISBN 0-19-505782-1; Schenck: Patient Hitler
Im Mittelpunkt der Spekulationen um eine mögliche psychiatrische Bewertung Hitlers zu seinen Lebzeiten steht sein Aufenthalt im Schützenhaus Pasewalk Ende 1918. Hitler gelangte nach einer Senfgasvergiftung, die er sich in einer Abwehrschlacht in Flandern zuzog, in dieses Lazarett. In Mein Kampf erwähnt er diesen Lazarettaufenthalt im Zusammenhang mit seiner schmerzhaften vorübergehenden Erblindung und mit dem „Unglück“ und „Wahnsinn“ von Novemberrevolution und Kriegsniederlage, wovon er während seiner Genesung Kenntnis erhalten und was eine erneute Erblindung ausgelöst habe. Hitler und seine frühen Biographen verschafften diesem Erblindungs-Rückfall große Aufmerksamkeit, da er auf publikumswirksame Weise den Wendepunkt benennt, an dem sich Hitler berufen gefühlt habe, Politiker zu werden.Adolf Hitler: Mein Kampf, 13. Auflage, 1933, S. 220–225