mini|Ulf Erdmann Ziegler (2008) Ulf Erdmann Ziegler (* 1959 in Neumünster) ist ein deutscher Schriftsteller.
Leben Ziegler studierte visuelle Kommunikation in Dortmund, später Neuere Deutsche Literatur, Linguistik und Psychologie an der Freien Universität in Berlin, Abschluss Magister. Anfang der 1990er Jahre arbeitete er als Kunstredakteur der taz. Er veröffentlichte essayistische Arbeiten zur Kunst und Fotografie. Sein erster Roman, Hamburger Hochbahn, belegte im April 2007 den ersten Platz der SWR-Bestenliste und gelangte auf die Shortlist des Aspekte-Literaturpreises. Sein 2012 erschienener Roman Nichts Weißes, über den Lebensweg einer Typografin, die nach der perfekten Schrift sucht, gelangte auf die Shortlist des Deutschen BuchpreisesAufräumen mit Vorurteilen Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Deutschlandradio Kultur vom 12. September 2012 (abgerufen am 12. September 2012) und zugleich auf die Shortlist zum Wilhelm-Raabe-Literaturpreis im gleichen Jahr. Sein 2014 erschienener Roman Und jetzt du, Orlando! erzählt „von Schein und Sein im glitzernden London des Millenniums“.Und jetzt du, Orlando! auf suhrkamp.de 2018 folgte der Erzählband Schottland und andere Erzählungen.
Ziegler lebt in Frankfurt am Main.
Werk
Hamburger Hochbahn. Roman. Der Debütroman Hamburger Hochbahn gelangte im Monat seines Erscheinens, April 2007, auf Platz eins der SWR-Bestenliste. Er erzählt von der Midlife-Krise eines Hamburger Architekten namens Thomas Schwarz während eines Aufenthaltes in St. Louis, Missouri (USA), wenige Wochen nach dem 11. September 2001. „Erst durch die Reise nach Amerika“, schreibt Beate Tröger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „findet der Erzähler in Zieglers Roman einen klareren Blick auf die eigene Lebenswirklichkeit in Deutschland, die sich hierzulande vor Reiseantritt nur diffus dargestellt hatte. Soziologische, philosophische und architektonische Thesen und Theorien von Baudrillard über Luhmann bis zu Oswald M. Ungers werden anzitiert, um eine Grammatik der Denk- und Lebenswelten im Roman zu entwickeln.“Die berühmten weißen Nudeln. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24. Mai 2007. „Es geht um einen Zeitraum von etwa 25 Jahren“, fasste Martin Lüdke in der ZEIT zusammen. „Geschichte löst sich nicht in Geschichten auf, wobei nicht die erzählten Episoden, sondern die Entwicklung, die sie bezeichnen, im Vordergrund stehen.“Leute, baut auf dieses Land! Ulf Erdmann Zieglers erstaunlicher Roman „Hamburger Hochbahn“ erzählt mal eine andere Geschichte der BRD. In: Die Zeit. 26. April 2007. Der Roman spielt in St. Louis, Hamburg, Braunschweig, Leipzig, Lüneburg und auf der dänischen Insel Bornholm. Im Zentrum steht eine Freundschafts- und Konkurrenzgeschichte zwischen den Figuren Thomas Schwarz und Claes Philip Osterkamp, der das Architekturstudium sausen lässt und in Hamburg bei den Grünen Karriere macht. Das „Modell des kleinstädtischen Inzests, um es einmal zuzuspitzen, lässt sich nicht in die Glücksspirale einer Metropole übertragen“, erklärte für den Deutschlandfunk Detlef Grumbach. „Gesättigt an gesellschaftlicher Wirklichkeit und reich an individuellen Erfahrungen zeichnet der Autor das Porträt einer Generation.“Großartiges Debut. Kunstkritiker Ulf Erdmann Ziegler startet als Autor. In: Deutschlandfunk Büchermarkt. 16. April 2007. Der Leser erfahre „von den Kämpfen, den Albträumen, den Irritationen, den Anpassungszwängen, den hypertrophen Schmeicheleien und der kalten Ignoranz, die den Alltag und die surrealen beruflichen und privaten Dauerläufe bestimmen“, schrieb der leitende Literaturredakteur des NDR, Wend Kässens, in der Frankfurter Rundschau. Von St. Louis aus „sieht man, dass die westliche Welt einige sehr schöne und lebenswerte Flecken hat - aber auch solche von größter Ödnis und Verkommenheit.“Vom Flüchten und vom Bleiben. Ulf Erdmann Zieglers Romandebüt „Hamburger Hochbahn“ erzählt vom Erwachsenwerden eines selbststilisierten Taugenichts. In: Frankfurter Rundschau. 4. April 2007.
Der Roman löste Jubel und auch Zweifel aus. Beate Tröger kritisierte die „ausladenden, ausgefeilten Wendungen“ des Buchs, „als müsste noch einmal schreibend nachvollzogen werden, was schon denkend klar wird: dass jedes Welterklärungsmodell, jeder Versuch, das eigene Sozialisationsgefüge sinnhaft werden zu lassen, Bruchstellen aufweist und an Grenzen stößt“. Roman Bucheli in der NZZ sah das anders: „Mit grossem Geschick und äußerst souverän ordnet Ulf Erdmann Ziegler seinen Stoff zu immer dichter gewirkten Mustern. Man merkt es seinem glänzenden Débutroman an, dass der 1959 geborene Autor nicht auf geradem Weg zum Schreiben gekommen ist; freilich erzählt er mit einer Beschwingtheit, als hätte er nie anderes getan. Man muss allerdings genau hinschauen, um zu sehen, wie fein das Erzählte verwoben ist, wie punktgenau die verschiedenen Ebenen verfugt sind.“Verwandlungen. Ulf Erdmann Zieglers hinreissendes Romandébut „Hamburger Hochbahn“. In: Neue Zürcher Zeitung. 10./11. März 2007.
Wilde Wiesen. Autogeographie. Das zweite literarische Buch des Autors, versehen mit der literarischen Gattungsbezeichnung „Autogeographie“, wurde vom 23. Oktober 2007 bis zum 24. November 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorabgedruckt. Die zehn Kapitel benennen Orte oder häufig nur Ortsteile: Lindenthal, Einfeld, Pillnitz, Neumünster, Orschel-Hagen, Tungendorf, OK City, Neukölln, Schwedenschanze, Dorstfeld. Gleich nach dem Erscheinen meldete sich in der Neuen Zürcher Zeitung Roman Bucheli zu Wort.Das Alphabet der Herkunft. Ulf Erdmann Ziegler schreibt eine „Autogeographie“. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. Dezember 2007. Er erinnerte an die „überschwängliche Prosa“ des Debütromans und fand „Wilde Wiesen“ „im Ton nun ganz anders, spröder, nüchterner“ im Vergleich. Er deutete die unterlegte Ortskunde als Reise vom Wir zum Ich. „Das Kind hatte in der Schule nach einer neuen Methode lesen und schreiben gelernt“, vermerkt der Literaturkritiker. „Statt einzelner Buchstaben lernte es gleich ganze Wörter. Es begann mit dem scheinbar leichtesten Wort: ,ich‘. Erst allmählich machen der Reihe nach das Kind, der Heranwachsende und auch noch der junge Mann die bittere Erfahrung, dass es das schwierigste aller Wörter ist. Davon erzählt Ziegler in nur scheinbar unspektakulären Geschichten: Wie die kindliche Selbstgewissheit Stück für Stück erschüttert wird, wie sie unter dem Dauerbeschuss früher Lebensstürme zerbröselt und wie zuletzt in mühseliger Schreibarbeit das Ich Stück für Stück als Bricolage, nach einem von Claude Lévi-Strauss geprägten Begriff, wieder zusammengesetzt (oder vielleicht besser: erfunden) wird.“
Der Literaturredakteur Dirk Knipphals in der taz konnte in Wilde Wiesen „beim Lesen einen neuen, bislang noch nicht eingeübten Ton erspüren: Ulf Erdmann Ziegler will einem diese Zeit nicht nahebringen, sondern im Gegenteil weit wegrücken. (…) Mit dem Außenseiterblick eines begabten Kindes, das sich damals letztlich hoffnungslos daran abarbeitete, in der bundesrepublikanischen Realität heimisch zu werden, lässt sich im Rückblick ein ganzes Land rekonstruieren.“ Die zehn Ortskapitel „sind individuelle Versuche des Erzählers, sich nach Außenseiter- und Fremdheitserfahrungen, die ihm die Normalität der Bundesrepublik vermittelte, so etwas wie ein eigenes Leben zu suchen. Davon könnte man noch einmal ausführlicher erzählen. Die Darstellung dieser Fremdheitserfahrungen selbst ist, wenngleich in vielen Details ein spezieller, einzelner Fall, unbedingt überindividuell geglückt.“Kaugummiautomaten und Neubausiedlungen. Geschichten aus einer verlorenen Zeit. Ulf Erdmann Ziegler erzählt in „Wilde Wiesen“ von Kindheit und Jugend in der Provinz und rückt die alte Bundesrepublik in die Ferne. In: Die Tageszeitung. 26. Januar 2008.
Der Gegenspieler der Sonne. Gedankenklötze. Essays. Als drittes Buch des Autors veröffentlichte der Wallstein Verlag einige Essays, in denen zeitgenössische Streitfragen verhandelt werden, gesellschaftliche und ästhetische. Der Titel verdankt sich Zieglers Kampagnenartikeln gegen das europäische Verbot der häuslichen Glühbirne. Der Band enthält einen Kommentar zu einer Trennungsangelegenheit von Woody Allen und Mia Farrow; eine szenische Beschreibung des Abends, an dem Lady Di starb; ein „kleines Lexikon explosiver Begriffe“ (zum Angriff auf das World Trade Center) und ein „Plädoyer für die Abschaffung der Fußgängerzone“. „Die autonomen Texte haben als Feuilletons nicht nur das, was man Pointe nennt, etwas wie Salz oder Rosinen, sondern auch eine markante Referenzhöhe“, war in einer Besprechung der Frankfurter RundschauAlles könnte anders sein. Ulf Erdmann Ziegler legt mit seinen Essays dem Lärm der Einzelheiten „Gedankenklötze“ in den Weg. In: Frankfurter Rundschau. 8. Dezember 2009. zu lesen. „Ulf Erdmann Ziegler versteht es, anders anzukommen als ein Läufer am Ziel. Er liebt Umwege, ist nicht außer Atem und selbstbestimmt. Wenn er sich neu umsieht, erwidert er Blicke. Oder bringt die Dinge zum Sprechen.“
Nichts Weißes. Roman. Der Roman erzählt die Geschichte eines legasthenischen Mädchens aus dem Rheinischen, deren Vater im großen Stil Werbung macht. Es nimmt sich vor, die ideale Schrift zu entwickeln. Daran hält es fest, bis es Mitte der 1980er Jahre erwachsen wird: „Marleen Schuller, so heißt die junge Frau, studiert in Kassel Typografie, absolviert aber zuvor im Schwäbischen ein Praktikum bei einem Bleisatz-Künstler und wird zuletzt, statt das Studium abzuschliessen, in Paris bei einem Schriftgestalter vollends in die Geheimniss der Typografie eingeführt.“Die Buchstabenmönchin. Ulf Erdmann Zieglers Roman „Nichts Weisses“ porträtiert eine junge Frau und ist ein Lob der Typografie. In: Neue Zürcher Zeitung. 18. September 2012. Steffen Richter bemerkt im Tagesspiegel die Verzahnung von Zeitgeschichte und Stilwillen: „Denn das eine ist Marleen, das andere ist die Post-68er-Bundesrepublik, die sich sacht in ihrem Leben spiegelt. Etwa im Willen zur Substitution von Sinn durch Sinnlichkeit nach dem 68er Theorie-Überschuss, in der sexuellen Libertinage in Kasseler Studientagen oder einfach in der erfolgreichen Karriere der eigensinnigen Frau Schuller. Alltag überblendet die historischen Haupt- und Staatsaktionen.“Schule der Leichtigkeit. „Nichts Weißes“: Ulf Erdmann Ziegler gedenkt der alten Bundesrepublik. In: Der Tagesspiegel. 16. September 2012.
Hubert Winkels wunderte sich in der ZEIT über die Montage der Motive und deren spezifisch katholische und im Allgemeinen religiöse Codierung, inklusive der Popularisierung des Tampons: „o.b. und Eucharistie, Menstruationsblut und Blut der Wandlung, Kommunionkinder und Charles Wilps Afri-Cola-Nonnen hinter beschlagenen Glasscheiben, Sex im Aschram und der heilige Yogi, Letraset-Buchstaben und die Heilige Schrift, Katechismus und Werbetexte im Düsseldorf der siebziger, achtziger: […] Die puristische Moderne und die Überlieferung des Abendlandes sind das Spannungsfeld des Buches. Und es ist von Anfang an klar, dass dieses Verhältnis sich in Übergängen, Spiegelungen, Konversionen, Übersetzungen und geheimen Identitäten ausdrückt, nicht in Gegensätzen und Ausschlüssen.“Keiner wäscht reiner. Ulf Erdmann Zieglers Roman erkundet die weißen Geheimnisse der deutschen Vergangenheit. In: Die Zeit. 20. September 2012. „Ulf Erdmann Ziegler dekliniert in seinen Büchern die Medien durch, mit denen wir die Welt und das, was man Wirklichkeit nennt, wahrnehmen. Die Medien, mit und in denen wir leben, ob Architektur, Fotografie, Schrift, werden bei ihm zu lebensstrukturierenden Systemen“, fasste Ulrich Rüdenauer in der taz die Rolle des Romans im Kontext des Werks zusammen.Lehrjahre einer Buchstabenmönchin. In „Nichts Weißes“ spiegelt Ulf Erdmann Ziegler die Gutenberg-Galaxis kurz vor ihrem Ende lässig in der Vita der Romanheldin. In: Die Tageszeitung. 23. August 2012.