Die Estnische Marine ( Eesti Merevägi) ist der maritime Teil der estnischen Streitkräfte. Das Herzstück des Verbandes ist die Minenkriegsabteilung (Miinisõja divisjon) mit der EOD Tuukrigrupp – einer Taucherabteilung für Kampfmittelbeseitigung.
Geschichte Die Zeit vor 1940 Die Eesti merejõud, als Vorläufer der heutigen Marine, wurden am 21. November 1918 aufgestellt. Im Dezember desselben Jahres wurde Johan Pitka zum Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte ernannt. Die Gründung und Entwicklung der estnischen Marine basiert größtenteils auf der britischen Marine, welche als Verbündeter Estlands während des Estnischen Freiheitskrieges im Golf von Finnland operierte. Die ersten estnischen Marineschiffe, die Zerstörer Lennuk und der Zerstörer Wambola, wurden von der Royal Navy übergeben, nachdem die der russischen Baltischen Flotte angehörigen Schiffe 1919 erbeutet wurden. Beide Schiffe wurden 1933 an Peru weiterverkauft.
Küstenbatterien Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begann das Russische Kaiserreich, Küstenfestungen und maritime Festen in Estland, welches 1721 nach dem Großen Nordischen Krieg annektiert wurde, zu errichten. Tallinn, historisch ein wichtiges Handelszentrum zwischen dem Osten und Westen, wurde einer der Hauptstützpunkte der Baltischen Flotte des Kaiserreichs. Ein systematisches Küstenverteidigungsnetzwerk – die Seefestung Imperator Peter der Große – und die Installation von Marinegeschützen wurden befohlen, die Konstruktionsarbeiten begannen Ende 1890 und waren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nicht abgeschlossen worden.
Während des Estnischen Freiheitskrieges und nach dem Frieden von Dorpat begann die Estnische Marine mit dem Wiederaufbau und der Weiterentwicklung des Küstenverteidigungsnetzwerks. Von 1918 bis 1940 investierte Estland Millionen Estnische Kronen in die Erneuerung der Küstenverteidigung. Im Jahr 1939 präsentierten die Küstenbatterien eine beachtliche Marinestreitkraft und gehörten zu den Elitetruppen der Estnischen Marine. Während des Zweiten Weltkrieges und der folgenden sowjetischen Okkupation ist wenig von den Küstenverteidigungslinien und Festungen erhalten geblieben. Heute können einige Gebäude und Feuerstellungen, allen voran die am besten erhaltenen auf der Insel Aegna, besichtigt werden.
Marineinfanterie Das historische Meredessantpataljon war ein kurzlebiges Marineinfanteriebataillon der estnischen Streitkräfte, welches der Marine unterstellt war. Es wurde von den Besatzungen der estnischen Kriegsschiffe rekrutiert und war in Tallinn stationiert.
Flottille auf dem Peipussee Beim Unabhängigkeitskrieg erbeutete Estland 1919 zumeist auf der zugefrorenen Emajõgi eine Anzahl Kanonenboote; die von 1919 bis 1940 eine Division auf dem Peipussee, der den Großteil der Ostgrenze Estlands bedeckte, bildeten. Basen bestanden in Kallaste und Mustvee.
Hierzu gehörten: Kanonenboot Vanemuine – Flaggschiff im Peipussee Kanonenboot Ahti Kanonenboot Tartu Kanonenboot Uku Kanonenboot Ilmatar Kanonenboot Taara Kleine Kanonenboote Kõu und Maru
Neuaufbau nach 1993 Seit der Neugründung der Estnischen Streitkräfte am 3. September 1991 waren die ersten Monate und Jahre der Estnischen Marine geprägt von Aufräumarbeiten und dem Wiederaufbau der militärischen Infrastruktur (primär auf der 1994 von Russland übernommenen Marinebasis in Tallinn). Erschwerend zu der Tatsache, dass die Seestreitkräfte neu aufgebaut werden mussten, kam der Punkt, dass Estland (trotz geringer Größe und begrenzter Ressourcen) begonnen hatte Marineverbände aufzubauen, die unabhängig voneinander Aufgaben in den Bereichen des Seeamtes und des Grenzschutzes übernahmen. Diese waren bereits etabliert, als das Hauptquartier der Streitkräfte am 1. Juli 1993 begann, erste Strukturen für den Wiederaufbau der Marine zu schaffen und man am 1. Februar 1994 Roland Leit zum Befehlshaber der Seestreitkräfte ernannte.First Years of the Re-establishment of Estonia’s Naval Defence, abgerufen am 5. April 2020 (englisch) Dieser äußerte sich in einem Interview mit Jane’s Defence Weekly am 9. Juli 1994 wie folgt über die Probleme beim Wiederaufbau:
Vor diesem Hintergrund der fehlenden Möglichkeiten und Notwendigkeiten ist es nicht verwunderlich, dass der Aufbau nur sehr langsam voranging und man bei der Ausrüstung des Verbandes zunächst auf Spenden aus dem Ausland angewiesen war. So erhielt man beispielsweise 1994 mit der Komet und Meteor aus Deutschland sowie der Mallemukken aus Dänemark Schiffe, die dort nicht mehr benötigt wurden und/oder als veraltet galten, die in Estland aber noch einige Jahre betrieben wurden. Dies galt auch für die Minensuchboote, die in den nächsten Jahren (ebenfalls aus Deutschland) zugingen. Neben diesen Schiffen, die hauptsächlich im Bereich der Minenbekämpfung eingesetzt waren, nutzte die Marine in den ersten Jahren Patrouillenboote sowjetischer und finnischer Herkunft.
Entwicklung im 21. Jahrhundert Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts (insbesondere seit dem NATO-Beitritt des Landes im Jahr 2004) sind die Bewaffnung und die Ausrüstung der Seestreitkräfte kontinuierlich verbessert worden. So hat man weitere Schiffe (entweder als Spende aus dem Ausland oder gebraucht in Deutschland, Großbritannien oder Dänemark erworben) in Dienst gestellt, die die veralteten Einheiten nach und nach ersetzten. Dabei bemühte man sich die vorhandenen finanziellen Ressourcen zielgerichtet einzusetzen und sich primär auf die Minenbekämpfung zu konzentrieren. Daher verfügt man inzwischen über eine Minenschiff- und eine Taucherabteilung, deren technische Ausstattung vergleichbar mit der anderer NATO-Partner ist.
Nach der Modernisierung der Flotte, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wurde sich in den letzten Jahren auf Erhaltungsmaßnahmen und Investitionen im Bereich der Infrastruktur konzentriert. So war schon im Verteidigungsentwicklungsplan für die Jahre 2013–2022 nur der Erhalt und die Modernisierung der Minenabwehrdivision (drei Minenjagdboote, Tauchergruppe und ein Hilfsschiff) vorgesehen. Ab 2018 wurde begonnen die drei Minenjagdboote der Sandown-Klasse zu modernisieren. Diese Modernisierung sorgte dafür, dass die Schiffe bis 2035 einsatzfähig bleiben.Estonia complements ammunition stores Onlinemeldung auf news.postimees.ee vom 13. Oktober 2020, abgerufen am 14. Oktober 2020 (englisch) Zuvor wurde bereits Miinisadam (die Marinebasis in Tallinn) modernisiert, so dass die Lebens- und Trainingsbedingungen dort für alle Soldaten nun aktuellen (NATO-)Standards entsprechen.
Zu einer weiteren großen Veränderung kam es zum Jahreswechsel 2022/2023. Zum 3. Januar 2023 wurde vier Schiffe des Polizei- und Grenzschutzamtes und deren Aufgaben in die Marine eingegliedert. Damit verbunden war u. a. die Übernahme der gesamten Küstenüberwachung und die Kontrolle der Seegrenzen durch die Marine.Four former PPA vessels now under naval command Onlinemeldung und Bildergalerie auf news.err.ee vom 3. Januar 2023, abgerufen am 8. Januar 2023 (englisch)
Befehlshaber Folgende Personen waren Kommandanten der estnischen Marine:
Name Dienstzeit Bemerkung N.N. Johan Pitka (1872–1944) 16. Dezember 1918 bis 28. November 1919 N.N. Hermann von Salza (1885–1946) 1925–1932 N.N. 1932 ff. Roland Leit (1928–2017) 1994–1998 Jaan Kapp (* 1956) 1998–2003 Ahti Piirimägi & Peeter Ivask 2003–2007 kommissarisch, im Wechsel Igor Schvede (* 1970) 21. November 2007 bis 22. Juli 2012 zuvor bereits kommissarisch Sten Sepper (* 1971) 23. Juli 2012 bis 23. November 2016 Jüri Saska (* 1974) 1. Februar 2017 bis 28. Juni 2024 kommissarisch bereits seit 23. November 2016 Ivo Värk (* 1974) seit 28. Juni 2024
Aufgaben und Organisation Aufgaben Die estnische Marine hat den Auftrag, die territorialen Gewässer der Republik Estland zu beschützen. Im Falle einer Krisensituation muss sie in der Lage sein, Häfen, Küsten und Unterwasserkommunikationseinrichtungen zu verteidigen und mit verbündeten Truppen zu kooperieren.
Die höchste Priorität nimmt für die Marine die Entwicklung von Ressourcen und Fähigkeiten zur Minenabwehr ein. Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges wurden in der Ostsee mehr als 80.000 Minen verlegt. Seit 1995 haben mehrfach Minenräum-Operationen in Kooperation mit anderen Marineverbänden der Ostseeregion in estnischen Gewässern stattgefunden, um diese Minen aufzuspüren und zu beseitigen und somit an einer sicheren Seeschifffahrt beizutragen.
Organisationsstruktur Seit 1. Januar 2023 (Eingliederung des bis dahin eigenständigen Marinestabs in die Flotte) gliedert sich die Marine wie folgt: Lahinguteeninduse divisjon (Unterstützungsabteilung) Miinisõja divisjon (Minenkriegsabteilung) Tuukrigrupp (Minentaucher) Lahinguteeninduse divisjon (Patrouillenschiffabteilung) Rannikukaitse divisjon (Küstenüberwachungsabteilung) Mereväekool (Marineschule)
Häfen und Stützpunkte 100px|rechts
Die Merejõud hat etliche Marinestützpunkte und Kriegshäfen betrieben, wobei sich die meisten an der Westküste und an den Inseln befunden haben. Bis 1939 gab es mehr als zehn größere und kleinere Kriegshäfen und Marinebasen, zum Beispiel Aegna, Paldiski, Virtsu, Rohuküla, Mõntu, Kuressaare, Kõiguste, Papissaare poolsaar, Jaagurahu, Tagalaht, Küdema, Sõru, Kärdla, Kallaste, Mustvee und der Hafen von Tallinn.
Derzeit wird von der Lahinguteeninduse divisjon als einziger Stützpunkt der Militärhafen Miinisadam, welcher sich im nördlichen Tallinn befindet, betrieben. Miinisadam ist dabei Sitz des Hauptquartiers der Marineeinheiten und Stützpunkt der Flotte.
Minenkriegsabteilung 100px|rechts
Der Flotte der Minenkriegsabteilung gehören derzeit vier Schiffe an, welche in zwei Arten (drei Minenjagd- und ein Hilfsschiff) unterteilt werden können.Miinisõja divisjon, abgerufen am 29. Juli 2023 (estnisch) Zum Bereich der Flotte gehören neben den Kriegsschiffen auch die Minentaucher (Tuukrigrupp). Der Verband entstand aus der Miinilaevade Divisjon, was sich bis heute im Wappen widerspiegelt.
Minentaucher 90px|rechts
Die Hauptaufgabe der Minentaucher der Tuukrigrupp besteht darin, Sprengkörper an der Wasseroberfläche und unter Wasser zu suchen, zu identifizieren und unschädlich zu machen. Sie können jedoch auch Schiffsrümpfe auf Beschädigungen untersuchen.
Zur Erfüllung dieser Aufgaben stehen der Tauchergruppe moderne amagnetische Taucheranzüge und Taucherausrüstung zur Verfügung, mit denen bis in eine Tiefe von 55 Meter für bis zu 4 Stunden getaucht werden kann. Für Behandlungen gegen Barotrauma steht eine mobile Dekompressionskammer zur Verfügung. Die Ausbildung zum Minentaucher erfolgt am Baltic Naval Diving Training Centre in Liepāja, Lettland.Miinituukrid, Info auf der Internetseite der Estnischen Marine, abgerufen am 12. Februar 2021 (estnisch)
Patrouillenschiffabteilung 100px|rechts
Die Patrull-laevade divisjon entstand im Januar 2023 durch die Eingliederung maritimer Aufgaben sowie der größeren Schiffe und Boote des Polizei- und Grenzschutzamtes. Derzeit gehören zur Abteilung drei Schiffe, die für Patrouilleaufgaben sowie zum Teil für die Schadstoffbekämpfung eingesetzt werden können.Patrull-laevade divisjon, abgerufen am 29. Juli 2023 (estnisch)
Ausbildung Im Jahr 2003 hat die Marine die Mereväekool, ihr international als Centre of Naval Education and Training (CNET) bezeichnetes Ausbildungszentrum, eröffnet. Diese hat die Aufgabe, die Marineausbildung zu koordinieren, vereinheitlichen, überwachen und weiterzuentwickeln sowie die Versorgung des Marinepersonals sicherzustellen. An dieser Marineschule werden neben Kommunikationspersonal auch Marinespezialisten ausgebildet. Zudem werden auch Englisch-Sprachlehrgänge angeboten.