Präsenz hat die phänomenologische Bedeutung von Anwesenheit und Gegenwart in einer jeweils räumlichen sowie zeitlichen Sichtweise. In der Umgangssprache bezeichnet das Wort Präsenz die Ausstrahlungskraft einer Person.Duden: Das Fremdwörterbuch. Mannheim 2007, Lemma Präsenz.

Etymologie Das Fremdwort Präsenz für „Anwesenheit“ und „Gegenwart“ wurde im 17. Jahrhundert aus dem gleichbedeutenden frz. présence entlehnt, das auf lat. praesentia für „Gegenwart“ zurückgeht und aus lat. praesens für „gegenwärtig“ entstand.Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007, Lemma präsentieren.

Auch im Deutschen bleibt – wie in den romanischen Sprachen – die Indifferenz von räumlichen und zeitlichen Erscheinungsweisen erhalten. Das Wort Präsenz wird meist in solchen Zusammenhängen verwendet, in denen Anwesenheit oder Gegenwart von etwas in besonderer Weise auffällig erscheinen oder hervorgehoben werden soll. Anders als französisch présence führt Präsenz außerdem eine Implikation von Verfügbarkeit mit sich und ist dann wohl als Substantivierung des vergleichsweise jungen Adjektivs „präsent“ zu verstehen: Etwas ist präsent, wenn es – aufgrund von räumlicher Anwesenheit oder zeitlicher Gegenwart – unmittelbar zur Verfügung steht.Wolfgang Pfeifer (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München 2000

Anwesenheit (räumlich) und Gegenwart (zeitlich) sind in den romanischen Sprachen und dem Englischen, wie auch schon im lateinischen praesens ununterschieden. Die Wortbildung lässt sich nur umständlich wieder zurück ins Deutsche auflösen: Präsent ist etwas deshalb, weil keine Zeit vergeht, bis es zur Verfügung steht, und es vergeht dafür deshalb keine Zeit, weil es anwesend ist. Die scheinbare Tautologie entsteht durch die Auflösung der enthaltenen Einheit der Differenz von Raum und Zeit. Im Deutschen bleibt es zudem ohne Hilfswörter schwierig, Räumliches ohne zeitliche und Zeitliches ohne räumliche Metaphern zu beschreiben.

Allgemeines Das Abstraktum Präsenz wird definiert als das Gefühl, sich in einer Umgebung aufzuhalten.Jonathan Steuer, Defining virtual reality: Dimensions determining telepresence, in: Journal of communication 42 (4), 1992, S. 75 f. Sie ist das „Zugegensein“Friedrich Kluge/Elmar Seebold, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 2011, S. 720 etwa des Lesers von einem Roman. Präsenz meint die Erfahrung oder das Erleben des Daseins in einer medienvermittelten Umwelt.Wijnand A Ijsselsteijn/Giuseppe Riva, Being there: The experience of presence in mediated environments, in: Giuseppe Riva/Fabrizio Davide/Wijnand A Ijsselsteijn (Hrsg.), Concepts, effects and measurements of user presence in synthetic environments, 2003, S. 3–16 Präsenz kann auch bei geringer Immersion möglich sein.Tilo Hartmann/Saskia Böcking u. a., Rezeptionsstrategien und Rezeptionsmodalitäten, 2005, S. 22 Soziale Präsenz verweist auf den Zustand, sich zusammen mit anderen in einer Umgebung zugegen zu fühlen.Joy van Baren/Wijnand A Ijsselsteijn, Measuring Presence: A Guide to Current Measurment Approaches, 2004, S. 1 Marvin Minsky prägte 1980 den Begriff der Telepräsenz als die Teleoperation an voneinander entfernten Orten.Marvin Minsky, Telepresence, in: OMNI magazine, 1980, S. 45–52

Das Wort „Präsenz“ hat im Rahmen der COVID-19-Pandemie neue Aktualität erlangt, denn zur Vermeidung persönlicher Kontakte soll beispielsweise auf Präsenzunterricht oder sonstige Veranstaltungen zu Gunsten von Videokonferenzen, Webkonferenzen oder Online-Veranstaltungen verzichtet werden.

Verwendungen Verfügbarkeit Früh lässt sich die Verwendung des Wortes Präsenz im militärischen Sprachgebrauch („präsent!“ = ‚zur Stelle‘, also Zur-Verfügung-stehen; siehe auch Präsenzdienst in Österreich). Unter der militärischen Präsenz wird heute zumeist die Friedensstärke einer Armee oder das in einen Militäreinsatz entsandte Truppenkontingent verstanden. Präsenz wird in der Alltagssprache im Sinne von Geistesgegenwart („ich bin präsent“ = „mein Geist steht zur Verfügung“) verwendet. Im Beruf bezeichnet die Präsenzpflicht eine Pflicht zur zeitlichen Präsenz am Arbeitsort, also die Pflicht, dort während der Arbeitszeit anwesend und verfügbar zu sein. Es kann sich dabei einerseits um eine Erwartung als Teil der Organisationskultur handeln (auch Präsenzkultur oder Anwesenheitskultur genannt), andererseits auch eine entsprechende rechtliche, üblicherweise im Arbeitsvertrag festgelegte Pflicht des Arbeitnehmers. Am Arbeitsplatz wird – neben der zeitlichen und räumlichen Verfügbarkeit – besonders von Führungskräften auch eine „motivationale Verfügbarkeit“ bis hin zu einer Ausschließlichkeit der Karriere und einer „Hingabe“ an das Unternehmen verlangtA. Bultemeier et al.: Der Karrieremechanismus moderner Unternehmen. In: Isabell M. Welpe, Prisca Brosi, Lisa Ritzenhöfer et al. (Hrsg.): Auswahl von Männern und Frauen als Führungskräfte: Perspektiven aus Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Politik, Springer, 2015, ISBN 978-3-658-09469-0, Kapitel 40.3.4 „Karriereintegration: Die Ausschließlichkeit der Karriere“, S. 444 ff. (siehe hierzu auch: Greedy Institutions und Hyperinklusion). Nicht alle Formen der Arbeitsorganisation bringen eine Präsenzpflicht mit sich. So ist die Vertrauensarbeitszeit ein Modell, bei dem normalerweise ausdrücklich keine Präsenzpflicht vorausgesetzt wird; bei Telearbeit kann entweder keine Präsenzpflicht oder aber eine anders geartete Präsenzpflicht wie zum Beispiel eine Pflicht zur Anwesenheit am Heimarbeitsplatz (Heimarbeit) bestehen.

Der Siebten Familienberichts der Bundesregierung (2006) stellte fest, dass eine Anwesenheitskultur dominiere, bei der Mitarbeiter in ihrer Motivation an der kontinuierlichen Präsenz am Arbeitsplatz gemessen würden. Eine mit einer Präsenzkultur oft verbundene „dominante männerbündische Arbeitskultur“ hat laut den Aussagen dieses Berichts zur Folge, dass in Führungskreisen weniger Frauen präsent sind, dass familial begründeter Arbeitszeitreduktion bei Männern Widerstand entgegengesetzt wird, und dass „in Führungskreisen gesellschaftlich wichtige Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die mit dem Alltag der meisten Menschen – Familien, Kindern, Alten und in anderer Weise ausgegrenzten Personen – nicht das Geringste zu tun haben“.

Es gibt noch andere Zusammenhänge, in denen Präsenz die Verfügbarkeit von etwas bezeichnet.

In einer Präsenzbibliothek ist ein Buch nicht nur einfach anwesend oder gegenwärtig, sondern „präsent“, weil so der Modus seiner Verfügbarkeit besonders zum Ausdruck gebracht werden kann: Es wird nicht ausgeliehen, und das sichert sein ‚Zur-Hand-Sein‘, denn es ist immer da. Aber die ständige Anwesenheit des Buches im Regal ist für einen Nutzer genauso wenig interessant wie die Zeit, die es dort verbringt. Präsenzbibliothek bietet sich als Bezeichnung jedoch an, als mit der Konnotation der Verfügbarkeit ein instrumenteller Nutzen beschrieben wird. Im Fall des Buches interessiert sich der Nutzer einzig für die jederzeitige Zugriffsmöglichkeit.

Hervorhebung Präsenz, die man jemandem zuschreiben kann, bezieht sich auf ein Auffälligwerden seiner Anwesenheit bzw. Gegenwart. Wie schon oben angedeutet, können militärische Patrouillen genauso wie Polizeistreifen Präsenz zeigen. ‚Jederzeitigkeit‘ (s. o.) und Auffälligkeit hängen im Falle der gezeigten Präsenz zusammen. Die Jederzeitigkeit (oder ‚Allgegenwart‘) von Gesetz und Ordnung muss durch Auffälligkeit demonstriert werden, da das Gesetz nicht (auch nicht in Gestalt der Polizei) jederzeit überall sein kann (obwohl es das per Definition müsste, da es immer und überall gilt). Überhaupt scheint in verwaltungstechnischer Hinsicht der Bedarf am Begriff Präsenz stets im selben Maße zuzunehmen, als Komplexität und Größe der Strukturen eine ständig gleichzeitige Anwesenheit im eigentlichen Sinne unmöglich machen.

Präsenz (Person) Erscheint jemand in Gesellschaft als in besonderer Weise auffällig, spricht man von Präsenz auch im Zusammenhang mit einzelnen Personen. Jemand kann Präsenz gewinnen durch die Art wie er oder sie spricht, sich an Gesprächspartner richtet usw. Gemeint ist weniger bloße Verhaltensauffälligkeit, als eher eine Art von individueller Ausstrahlung. Präsenz „haben“ heißt, man wird aufgrund seines Auftretens von anderen als irgendwie ‚verstärkt anwesend‘ empfunden, und dieser Eindruck ist von einer gewissen sozialen Relevanz. Ob damit im konkreten Fall ein Hervortreten von körperlichen, personalen oder sozialen Attributen gemeint sein soll, ist eine weiterführende Frage. Die Kategorie „Präsenz“ stellt die Antwort aber in den Kontext solcher Parameter wie Zeit (gleichzeitig/ungleichzeitig), Raum (nah/fern), Hervorhebung (auffällig/unauffällig) und Macht (verfügbar/unverfügbar).

Medienpräsenz und Absenz Ähnlich wie in sozialen Systemen können Personen auch in Mediensystemen eine Präsenz, also eine Medienpräsenz erzielen: Ein Politiker wird sich bemühen, in den Medien präsent zu sein, sich insbesondere durch häufiges oder spektakuläres Auftreten eine Aufmerksamkeit zu sichern. Die Präsenz von Politikern wird im Internet von verschiedenen Unternehmen gemessen., abgerufen am 4. August 2013 Präsenz ist auch in diesem Sinne so etwas wie ‚verstärkte Anwesenheit‘. Als Anwesender auffällig werden heißt, in jenem Raum anwesend zu sein, der von den Medien als Öffentlichkeit gesehen wird.

Im Zusammenhang mit den Funktionen der Massenmedien lässt der Begriff Präsenz seine postmoderne Bedeutung erkennen. Es ist auch das Wort einer Epoche, in der es auf eine Anwesenheit in den Medien ankommen kann. Wer präsent sein will, möchte für sich das Gegenteil, nämlich die Absenz im Sinne einer medialen Abwesenheit möglichst ausschließen können.

Nach Anwesenheit oder Abwesenheit kann in dieser Weise erst gefragt werden, wenn auch die Möglichkeit besteht, faktisch aus den Medien zu verschwinden, obwohl man weiterhin existiert. Als bestimmte Person (nicht: als real existierender Mensch) gibt es dafür in komplexen, modernen Gesellschaften durchaus Grund zur Befürchtung, z. B. für einen Politiker. Ein Politiker, der „nicht präsent in den Medien“ ist, existiert nicht (als solcher). Wenn er aufhört, sich zu präsentieren, verschwindet er (und zwar: „von der Bildfläche“, wie es in einer ebenfalls jüngeren deutschen Redewendung anschaulich heißt).

Onlinepräsenz

Bühnenpräsenz und Ko-Präsenz

Im Theater wird – aus der Sicht der Zuschauer – von Bühnenpräsenz gesprochen. Damit wird nicht einfach die Tatsache bezeichnet, dass ein Darsteller auf der Bühne als ‚anwesend‘ oder ‚gegenwärtig‘ auffällt. Auch um ‚Verfügbarkeit‘ scheint es bei dem Phänomen auf den ersten Blick nicht zu gehen. Der Ausdruck bezeichnet vielmehr die Qualität einer Person, oder ihre Begabung, in Bühnensituationen eine besondere ‚Ausstrahlung‘ zu besitzen (auch: ‚Sendung‘), besonders ‚sicher‘ zu wirken oder ‚natürlich‘ aufzutreten.

Was genau Bühnen-Präsenz mit „Präsenz“ im eigentlichen Sinne zu tun hat, bleibt allerdings unklar. Das Konzept erscheint insbesondere deshalb erklärungsbedürftig, weil Bühnen an sich schon die Auffälligmachung von Personen bezwecken. Bühnenpräsenz wäre also die Eigenschaft, in dieser auffälligen Situation noch zusätzlich aufzufallen. Vielleicht aber auch eigentlich: dort eben nicht mehr als besonders hervorgehoben aufzufallen. Die Frage, was Bühnenpräsenz ist, sollte demnach von Soziologie und Theatertheorie näher erklärt werden.