mini|Die evangelisch-lutherischen Christen in Siebenbürgen (österreichische Volkszählung 1850) mini|Die Evangelische Kirche in Siebenbürgen um 1904
Die Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien, meist abgekürzt als Evangelische Kirche A.B. in Rumänien, ist eine evangelisch-lutherische konfessionelle und sprachliche Minderheitskirche von mittlerweile nur noch ca. 11.448 Mitgliedern (Stand 2019), die vornehmlich die deutschsprachigen Evangelischen in Siebenbürgen (siehe Siebenbürger Sachsen) und in der Hauptstadt Bukarest umfasst. Der Bischofssitz ist Hermannstadt. Seit dem 27. November 2010 ist Reinhart Guib Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Verkündigungssprache ist deutsch. Der Name der Kirche nimmt Bezug auf das Augsburgische Bekenntnis von 1530, eine der grundlegenden Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirchen.
Geschichte Anfänge
mini|Kirchenburg von Birthälm, bis 1868 Bischofskirche mini|Die Margarethenkirche von Mediaș, Schauplatz der ersten Evangelischen Synode Siebenbürgens (1545)
Die Reformation in Siebenbürgen begann als Stadtreformation. Schon Anfang der 1520er Jahre war die deutsche Reformationsbewegung in Siebenbürgen bekannt. Die Humanisten und Reformatoren Johannes Honterus und Valentin Wagner vertraten zunächst eine Mittelstellung zwischen den Extrempositionen der katholischen Kirche und der Reformationsbewegung. Ihre Reformen galten der Philologie, Ethik und Pädagogik. 1542 wurde in Kronstadt die Liturgiereform durchgeführt, 1543 erschien das Reformationsbüchlein für Kronstadt und das Burzenland von Honterus. 1550 beschloss die Nationsuniversität die Hinwendung der gesamten Rechtsnation auf dem Königsboden zur lutherischen Lehre.Harald Roth (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten. Band: Siebenbürgen (= Kröners Taschenausgabe. Band 330). Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-33001-6. Die erste Kirche, in der nach dem neuen Glauben verkündigt wurde, war die Schwarze Kirche in Kronstadt. 1553 wurde mit Paul Wiener der erste evangelische Bischof eingesetzt. 1572 führte die Kirche die lutherischen Bekenntnisschriften ein und verlegte den Bischofssitz von Hermannstadt nach Birthälm (bis 1868). 1563 hatte eine Synode in Mediaș festgelegt, dass Kandidaten für ein Gemeindeamt „von hinreichender Bildung“ (mediocriter eruditi) sein sollten; die Kriterien hierfür waren nur vage definiert. Dauer und Inhalt des Studiums waren nicht festgelegt. Oft kehrten die Studenten nach einem kurzen Aufenthalt an einer – meist deutschen evangelischen – Universität nach Siebenbürgen zurück und wurden dort erst einmal als Lehrer tätig, bevor sie kirchliche Ämter übernahmen. Die evangelische Kirche A.B. blieb jahrhundertelang die Volkskirche und auch die Hüterin des deutschsprachigen Schulwesens der Siebenbürger Sachsen – eine Rolle, die sie auch in jüngster Zeit wieder vermehrt wahrnimmt.
19. Jahrhundert Bis ins frühe 19. Jahrhundert blieben die traditionell engen Kontakte zu deutschen Universitäten erhalten. Lutherische Theologen aus Siebenbürgen studierten häufig in Deutschland. Im Zuge der Karlsbader Beschlüsse von 1819 untersagte die österreichische Regierung das Studium an deutschen Universitäten; das Verbot dauerte bis 1830 an. Unbeschränkter Zugang österreichischer Studenten zu deutschen Universitäten war erst ab 1848 wieder möglich. Um die theologische Ausbildung auch weiterhin zu gewährleisten, wurde 1821 in Wien unter Leitung von Johann Wächter eine evangelische theologische Lehranstalt gegründet, an der zukünftig auch lutherische Gelehrte aus Siebenbürgen ausgebildet wurden. Die unzureichende Bildung des lutherischen Klerus führte zu Reformbemühungen, die auf universitär-theologischem Gebiet zunächst nicht durchzusetzen waren und sich daher auf die Reform des Gymnasialwesens konzentrierten. Ab 1837 wurde ein abgeschlossenes Theologiestudium zur Voraussetzung für die Wahl zum Gemeindepfarrer.
1876 wurde die Kirche praktisch zur Nachlasswalterin der aufgelösten Nationsuniversität. Sie besaß auf dem Königsboden ausgedehnte Güter, Waldungen – den sog. Kirchengrund – und Hunderte von Immobilien in Form von Kirchen, Pfarrhäusern, Schulgebäuden, Stadthäusern (darunter das Brukenthalpalais in Hermannstadt), die Sammlung Brukenthal usw. Dieser Besitz wurde (mit Ausnahme der Kirchengebäude) 1946, teilweise auch schon in den 1930er Jahren, vom rumänischen Staat enteignet. Im Jahr 1921 trennten sich die ungarisch geprägten Gemeinden und konstituierten sich als selbständige Kirche, womit seitdem zwei lutherische Kirchen in Siebenbürgen bzw. Rumänien bestehen. Die ungarisch geprägte Kirche hat heute den Namen Evangelisch-Lutherische Kirche in Rumänien.
1930–1944 mini|Die evangelisch-lutherischen Christen in Rumänien (Volkszählung 1930)
Zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland gewann die nationalsozialistische „Erneuerungsbewegung“ in Rumänien ab etwa 1930 zunehmend die Unterstützung ärmerer Bauern und ab 1935 politischen Einfluss. Die „Deutsche Volksgemeinschaft in Rumänien“ (DVR) unter Fritz Fabritius stand mit ihrem nazistisch inspirierten „Volksprogramm“ im Konflikt mit der radikaleren nationalsozialistischen „Deutschen Volkspartei Rumäniens“ (DVR) von Alfred Bonfert und Waldemar Gust. Böhm (2008) stellt dar, wie beide Organisationen sich in der Zwischenkriegszeit darauf konzentrierten, „die Aufmerksamkeit der Rumäniendeutschen nicht zu zersplittern“, indem sie ihre Polemik an „Freund-Feind-Verhältnissen“ orientierten. Zu diesen Feinden zählten neben Hans Otto Roth, Rudolf Brandsch und dem Banater Schwaben Kaspar Muth auch der evangelische Bischof Viktor Glondys, die sich stereotypen, undifferenzierten Hasstiraden ausgesetzt sahen. Bischof Glondys hatte sich schon 1931 in einer Predigt gegen eine rassistisch verfremdete „völkische Theologie“ ausgesprochen. Zugleich war es ihm ein Anliegen, die Streitigkeiten unter den Gläubigen beizulegen.
Am 14. Januar 1936 schloss der VDR auf Fabritius’ Anordnung einen „Burgfrieden“ mit der Kirchenleitung. Die DVR erkannte diesen jedoch nicht an und kämpfte weiter erbittert gegen Glondys, das Landeskonsistorium sowie die „Volksgemeinschaft“ (VDR). Evangelische Pfarrer wie Friedrich Benesch, die sich offen zur nationalsozialistischen Ideologie bekannten, wurden ihres Amtes enthoben. Um innerkirchliche parteipolitische Konflikte zu vermeiden, gab das Landeskonsistorium am 14. Februar 1936 das Rundschreiben Z924/37 heraus, in dem die „Angestellten in Kirche und Schule sowie alle Kandidaten und Studierenden der Theologie und des Lehramtes“ angewiesen wurden, „ihre Zugehörigkeit zu sämtlichen politischen Parteien und Gruppierungen zu lösen und aus der parteipolitischen Front unverzüglich zurückzutreten.“ Wer den Gehorsam verweigerte, solle seines Amtes enthoben werden. Die entlassenen Pfarrer fanden sich schon ab August 1935 in so genannten „Volksabenden“ zusammen und entwarfen ein eigenes Programm in 15 Punkten. Unter Berufung auf Artikel 7 und 28 des Augsburger Bekenntnisses behaupteten sie, das Rundschreiben von 1936 sei „im Sinne des reformatorischen Bekenntnisses unevangelisch.“ Nach Böhm (2008) spielte diese Gruppe bis 1944 eine „verhängnisvolle und kirchenfeindliche Rolle“ in Rumänien.
Im August 1940 erlitt Bischof Glondys einen schweren Schlaganfall und wurde bis zum 30. November im Ausland medizinisch behandelt. Am 27. September 1940 wurde der radikale Nationalsozialist Andreas Schmidt von der SS-Zentrale in Berlin zum „Volksgruppenführer“ der Deutschen in Rumänien ernannt. Am 9. November 1940 wurde die „NSDAP der Deutschen Volksgruppe in Rumänien (DViR)“ gegründet, deren Alleinvertretungsanspruch sich auch auf die Evangelische Kirche erstreckte. Im Februar 1941 wurde Glondys zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Ab 1941 betrieb sein Nachfolger Wilhelm Staedel die konsequente „Gleichschaltung“ des Kirchenamts. Widerstand fand er im von Bischofsvikar D. Friedrich Müller geführten „Verteidigungsring“.
Kommunistische Herrschaft und Ceaușescu-Diktatur Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebten in Rumänien etwa 240.000 Siebenbürger Sachsen, eine Minderheit von etwa 1 % Anteil an der Bevölkerung des Landes. Die sich nach 1948 etablierende kommunistische Herrschaft brauchte auf diesen, zudem international noch weitgehend isolierten Bevölkerungsteil – im Gegensatz zur römisch-katholischen und rumänisch-orthodoxen Kirche – politisch kaum Rücksicht zu nehmen. Die von Moskau gesteuerte kommunistische Religionspolitik brachte eine Zeit schwerer Verfolgungen, aber auch Anpassungsversuche der Kirchenleitung an die Forderungen der kommunistischen Machthaber. Als „Kollaborateure Hitlers“ diffamiert, wurden von Januar 1945 bis Dezember 1949 zwischen 70.000 und 80.000 Rumäniendeutsche in die Sowjetunion deportiert, nochmals im Juni 1951 etwa 40.000 Menschen in die Bărăgan-Steppe. Gedenktafeln in zahlreichen Siebenbürger Kirchen erinnern an die Verluste aus dieser Zeit.
Während sich die rumänisch-orthodoxe Kirche mit dem kommunistischen Staat arrangieren konnte und im Gegenzug für ihre Unterstützung des Regimes begrenzte Privilegien genoss, war das religiöse Leben der Evangelischen Kirche A.B. weitgehend auf die Kirchenmauern beschränkt und unterlag staatlichen Enteignungen ebenso wie der Überwachung und den Schikanen der Securitate. In dieser Zeit spielte die Kirche eine wichtige Rolle beim Erhalt der kulturellen Identität der Siebenbürger Sachsen. Den Bischöfen Friedrich Müller-Langenthal (1945–1969) und Albert Klein (1969–1990) gelang es, die Evangelische Kirche durch innere Reformen wieder zu festigen und – nicht ohne Kompromisse mit den kommunistischen Machthabern – zu leiten. Von innerer Bedeutung war vor allem das Wiedererscheinen der „Kirchlichen Blätter“, der ältesten und bedeutendsten Publikation, ab 1973. Die enge persönliche Zusammenarbeit mit den Evangelischen Kirchen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR sowie dem Ökumenischen Rat der Kirchen und im Lutherischen Weltbund sicherte der Siebenbürger Kirche ideelle und materielle Unterstützung von außen. Insbesondere die allen Bedürftigen zukommende Tätigkeit des Diakonischen Werks sowie die Bemühungen Kleins um die ökumenische Zusammenarbeit mit anderen Konfessionen stärkten die Position der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien.Details und Einzelnachweise in den entsprechenden Artikeln zu Friedrich Müller-Langenthal und Albert Klein.
1970er Jahre bis heute mini|Die evangelischen Christen in Rumänien (Volkszählung 2002). Südlich und östlich der Karpaten sind auch Evangelikale mitgerechnet mini|Küche und Lieferwagen des Dienstes „Essen auf Rädern“ im Innenhof der Margarethenkirche von Mediaș, Juni 2017