mini|„Zigeunererfassung“ in Polizeibegleitung. Robert Ritter bei der Feldarbeit (Bild der RHF) mini|„Zigeunererfassung“, Aufbau der Genealogien (Bild der RHF) Die 1936, also zur Zeit des Nationalsozialismus, gegründete Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle (kurz RHF) des Reichsgesundheitsamts unter der Leitung von Robert Ritter erarbeitete schwerpunktmäßig und in enger Zusammenarbeit mit der Polizei die Begutachtungen von ca. 30.000 vor allem im Deutschen Reich lebenden „Zigeunern“. Die RHF lieferte so die pseudowissenschaftliche Grundlage für die Ermordung und Zwangssterilisation Tausender Sinti und Roma.Das Reichsgesundheitsamt im Nationalsozialismus. Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, 11. September 2001, Presseerklärung 27/2001
Daneben wurden KZ-Häftlinge und Insassen von Jugendkonzentrationslagern begutachtet. Sitz der RHF war zunächst Tübingen, der Wohnort Ritters, dann die Reichshauptstadt Berlin. Vor Kriegsende erfolgte die Auslagerung u. a. zur Sicherheitspolizeischule Drögen in Fürstenberg/Havel rund 100 km nördlich von Berlin. In unmittelbarer Nähe lagen das Jugend-KZ Uckermark und das KZ Ravensbrück.
Nach 1945 wurden in der Bundesrepublik das von der RHF geschaffene „Zigeunersippenarchiv“, also die „Planungsunterlagen des Völkermordes“ (Benno Müller-Hill), weiter durch die Polizei genutzt. Keiner der Mitarbeiter der RHF wurde für seine Tätigkeit disziplinar-, standes- oder strafrechtlich belangt.
Gründung, organisatorische Zugehörigkeit, Finanzierung und Ziele mini|Gedenktafel, Unter den Eichen 82, in Berlin-Dahlem
Die RHF wurde im August 1936 auf Veranlassung des Leiters der Abteilung Volksgesundheit im Reichsministerium des Innern, Arthur Gütt, als Institut des Reichsgesundheitsamtes gegründet. Leiter wurde der Tübinger Arzt Robert Ritter,Bestandsbeschreibung des Bundesarchivs R 165, Name Gütt ergänztGernot Haupt: Antiziganismus und Sozialarbeit, Frank & Timme, Berlin, 2006, S. 124. er wurde am 1. April 1936 für seine neue Aufgabe freigestellt.
Schon die Institutsbenennung als Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle zeigt ihre pseudowissenschaftlicheHenke 1993, S. 66. und rassenideologische Ausrichtung. Denn die RHF war in Wahrheit kein theoretisches Institut, sondern hatte die Aufgabe, ihre „Forschung“ in die „erbpflegerische Praxis“ überzuleiten.Bestandsbeschreibung des Bundesarchivs
Ritter wurde wegen seines rassenhygienischen Standpunkts, den er seit Anfang der 1930er Jahre vertrat, als Leiter ausgewählt. Schon 1933/34 war er auf die Idee verfallen, versteckte „Zigeunerpopulationen“ in Württemberg aufzudecken. Auf dem internationalen Bevölkerungskongress, der 1935 unter der Leitung Eugen Fischers in Berlin stattfand, hielt er den Vortrag „Erbbiologische Untersuchungen innerhalb eines Züchtungskreises von Zigeunermischlingen und asozialen Psychopathen'“.Robert Ritter: Erbbiologische Untersuchungen innerhalb eines Züchtungskreises von Zigeunermischlingen und „asozialen Psychopathe“. In: Hans Harmsen, Franz Lohse (Hrsg.): Bevölkerungsfragen. Bericht des Internationalen Kongresses für Bevölkerungswissenschaft. Berlin 26. August – 1. September 1935. München 1936, S. 713–718. Auch die praktische Seite kannte Ritter; er leitete in Tübingen seit 1934 eine Eheberatungsstelle, deren Träger neben der Nervenklinik auch die Ortsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene war. 1936 war er zum stellvertretenden Amtsarzt in Tübingen und damit zum Mitglied des Erbgesundheitsgerichtes aufgestiegen.Zimmermann 2004, S. 294. Ritters Habilitation mit dem Titel Ein Menschenschlag. Erbärztliche und erbgeschichtliche Untersuchungen über die durch 10 Geschlechterfolgen erforschten Nachkommen von ‚Vagabunden, Jaunern u. Räubern‘ (erschienen 1937) steht paradigmatisch für seine rassenhygienischen und erbdeterministischen Ideen. Diese wurden von den universitär orientierten Rassenhygienikern als drittklassig eingeschätzt.Zimmermann 2004, S. 305.
Die exakte Bezeichnung der RHF und ihre organisatorische Zuordnung wandelten sich im Laufe der Zeit. 1938 berichtete Ritter im Reichs-Gesundheitsblatt aus der „Abteilung für Erb- und Rassenpflege des Reichsgesundheitsamtes“ als Leiter der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“.Robert Ritter: Zur Frage der Rassenbiologie und Rassenpsychologie der Zigeuner in Deutschland. In: Reichs-Gesundheitsblatt Nr. 22/1938, dokumentiert In: Joachim S. Hohmann.: Zigeuner und Zigeunerwissenschaft 1980, S. 205. Die RHF war zu diesem Zeitpunkt der 1937 von Ferdinand von Neureiter gegründeten und auch von diesem geleiteten „Kriminalbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes“ untergeordnet, mit der sie 1940, nach der Berufung von Neureiters an die Reichsuniversität Straßburg, unter der Leitung Ritters zum „Kriminalbiologischen Institut beim Reichsgesundheitsamt“ fusionierte.
1940 gab Ritter als Amtsbezeichnung an: „Leiter der rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamts“.Robert Ritter: Primitivität und Kriminalität. In: Monatshefte für Kriminalbiologie und Strafrechtsreform. Heft 9/1940, S. 15. Ab 1941 lautete die Bezeichnung „Rassenhygienische und Kriminalbiologische Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes“.Robert Ritter: Die Aufgaben der Kriminalbiologie und der kriminalbiologischen Bevölkerungsforschung. In: Kriminalistik 4/1941. S. 38. Die Bezeichnung auf den von der RHF bis mindestens 1944 erstellten „Gutachterlichen Äußerungen“, die als individuelle Rassegutachten für „Zigeuner“ dienten, blieb weiterhin „Rassenhygienische Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes“ (Leiter: Robert Ritter).Briefkopf Gutachterliche Äußerung 2543 vom 14. Juli 1941, wiedergegeben bei Gilsenbach 1993, S. 188; Briefkopf Gutachterliche Äußerung 16468 vom 27. April 1942, wiedergegeben bei Gilsenbach 1988, S. 108; Briefkopf Gutachterliche Äußerung 17691 vom 14. Oktober 194?, wiedergegeben bei Hase-Michalik/Kreuzkamp S. 83. Ritter wurde 1941 zusätzlich Leiter des „Kriminalbiologischen Institutes der Sicherheitspolizei und des SD“ (KBI)Dietmar Sedlaczek: Das Jugend-KZ Moringen. (PDF; 130 kB) Moringen 2004Hohmann 1991, S. 30. Hohmann nennt abweichend den Anfang des Jahres 1942. und hatte damit sowohl im Reichsgesundheitsamt als auch im Reichssicherheitshauptamt eine Leitungsfunktion inne. Die Verwendung des Wortes Institut statt „Forschungsstelle“ hatte einen taktischen Grund, „Forschung“ wurde von vielen Dienststellen im Dritten Reich als nicht unmittelbar kriegswichtig angesehen, die Folge konnte etwa die Verweigerung von Zurückstellungen vom Kriegsdienst oder von finanziellen Mitteln sein. Ritter bezeichnete die Zusammenarbeit von RHF und KBI zunächst als Arbeitsgemeinschaft,Robert Ritter: Das Kriminalbiologische Institut der Sicherheitspolizei. In: Kriminalistik 11/1942. S. 117–119. ließ aber 1944 die Mitglieder der RHF in das als kriegswichtig eingestufte KBI übernehmen.
Aufgrund der oft nur leicht voneinander abweichenden Bezeichnungen und der personellen Kontinuität wird in der Literatur auch die Bezeichnung Forschungsstelle Ritter ohne institutionelle Zuordnung verwendet.
Schwerpunkt der Arbeit der RHF bildete die Erfassung und Begutachtung der deutschen und österreichischen „Zigeuner“ (Ritter) und „Zigeunermischlinge“ (Ritter). Die Erfassung fand in enger Kooperation mit verschiedenen Polizeibehörden statt.
Die Finanzierung wurde auch über „Drittmittel“ gesichert. Die RHF bzw. Ritter gehörten von 1935 bis Frühjahr 1944Hohmann 1991, S. 140. 1935: 1500 RM für die erbbiologischen Untersuchungen an den vor Ritter als versteckte „Zigeunerpopulation“ verdächtigten Würtemberger zu den bevorzugten Beihilfeempfängern der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).Forschergruppe zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1920–1970: Bericht zur Abschlusskonferenz am 30. und 31. Januar 2008 in Berlin. (PDF; 1,5 MB) S. 57.Müller-Hill 1988, S. 15, weitere Förderungen 1938; 1500 RM ebd. S. 16, 194X 15.000 RM ebd. S. XY, daneben wurde Ausrüstung (Fotoapparate, anthropometrische Messgeräte) an Ritter entliehen. Die DFG-Gutachter waren Ernst Rüdin und Robert Eugen Gaupp. Befürwortet wurden Ritters Förderanträge vom Präsidenten des Reichsgesundheitsamtes Hans Reiter. Weitere Gelder schoss der Reichsforschungsrat (RFR) zu.Forschergruppe zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1920–1970: Bericht zur Abschlusskonferenz am 30. und 31. Januar 2008 in Berlin (PDF; 1,5 MB), S. 72.
Mitarbeiter der RHF Das Personal der RHF bestand aus Rassenkundlern, Volkspflegerinnen, Ärzten, Genealogen, Fotografen, Stenotypistinnen und weiteren Hilfskräften: Robert Ritter (Leiter, Arzt, „Fliegende Arbeitsgruppe“) Eva Justin (Krankenschwester, Ritters Stellvertreterin, „Fliegende Arbeitsgruppe“) Sophie Ehrhardt (Anthropologin, „Fliegende Arbeitsgruppe“) Adolf Würth (Anthropologe „Fliegende Arbeitsgruppe“) Gerhart Stein (Arzt, SA-Mann, „Fliegende Arbeitsgruppe“) Karl Moravek (Anthropologe, „Fliegende Arbeitsgruppe“)nach Müller-Hill 1988, S. 156f. (PDF; 2,1 MB) Ruth Kellermann, geborene Hesse (Rassen- und Volkskundlerin, „Fliegende Arbeitsgruppe“)Paul Behrens: Prozeß: „Vollzigeuner und Mischlinge“. In: Die Zeit, Nr. 7/1986 Frau Callies(s), Volkspflegerinnach Ritter Bericht an Reichsforschungsrat BA R 73 14005, Schreiben vom 5. November 1942, Bericht an DFG 23. März 1943 Ruth Helmke, Genealoginnach Ritter Bericht an Reichsforschungsrat BA R 73 14005, Schreiben vom 5. November 1942 Frau Betznach Ritter Bericht an Reichsforschungsrat BA R 73 14005, Schreiben vom 6. März 1944 Fräulein Olboeternach Ritter Bericht an Reichsforschungsrat BA R 73 14005, Schreiben vom 6. März 1944, an DFG 23. März 1943 Fräulein Lützkendorfnach Ritter Bericht an DFG 23. März 1943 Frau Plonz Frau Kraus Fräulein von Witzenmleben Hans Wetzel
Würth und Justin waren schwerpunktmäßig mit Sinti beschäftigt, das Spezialgebiet von Ehrhardt waren bis 1942 die ostpreußischen Sinti. Moravek und, nach dessen Kriegstod, Justin waren für Roma zuständig, Kellermann beschäftigte sich mit den Lalleri und Roma.Tobias Joachim Schmidt-Degenhard: Robert Ritter (1901–1951). Zu Leben und Werk des NS-„Zigeunerforschers“. (Diss. Tübingen) 2008, S. 194.
Sonstige Kooperanten Karin Magnussen, nachmalige Lehrerin des Landes Bremen, ließ sich von Josef Mengele aus Auschwitz die Augen mehrerer ermordeter Sinti-Kinder schicken, wenn sie Zwillinge gewesen waren und heterochrome Augenfarben hatte. Zuvor, zu Lebzeiten, waren z. T. an den Augen Menschenversuche durchgeführt worden. Sie versteckte die konservierten Augen bis 1990 bei sich.
„Zigeunerforschung“ Aufbau des „Zigeunersippenarchivs“ durch „Fliegende Arbeitsgruppen“ – die reichsweiten Erfassungen 1937–1940