mini|hochkant|Radovan Karadžić, 1994 rahmenlos|150px|zentriert|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Radovan Karadžić
Radovan Karadžić [] (; * 19. Juni 1945 in Petnjica, Jugoslawien) ist ein ehemaliger jugoslawischer und bosnisch-serbischer Politiker und verurteilter Kriegsverbrecher.
Karadžić war von 1990 bis 1992 Parlamentspräsident der Sozialistischen Republik Bosnien und Herzegowina und von 1992 bis 1996 Präsident der Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina. Im Zusammenhang mit dem Bosnienkrieg erging 1996 ein internationaler Haftbefehl des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag gegen ihn, der am 21. Juli 2008 zu seiner Festnahme in Belgrad führte. Das Haager Tribunal warf ihm vor, während seiner Amtszeit als Präsident Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit befohlen zu haben. Im März 2019 wurde er aufgrund dieser Anklagepunkte zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, seit 2021 verbüßt er seine Strafe im Vereinigten Königreich.
Herkunft, Beruf und Privatleben Radovan Karadžić entstammt einer Familie, deren Mitglieder im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Tschetniks kämpften.Thomas Casagrande: Die Volksdeutsche SS-Division „Prinz Eugen“. Die Banater Schwaben und die nationalsozialistischen Kriegsverbrechen. Campus, Frankfurt 2003, ISBN 3-593-37234-7, S. 351. Als 15-Jähriger zog er 1960 mit Eltern und Geschwistern nach Sarajevo. Dort machte er später Abitur und nahm ein Medizinstudium auf, das er 1971 als Doktor der Medizin abschloss. Anschließend war er als Psychiater tätig, zunächst im Krankenhaus von Sarajevo. 1974/75 verbrachte er nach Weiterbildungsaufenthalten in Zagreb und Belgrad auch ein Postgraduate-Studienjahr an der Columbia University, New York. Nach seiner Rückkehr gründete er eine eigene Praxis im 20 Kilometer östlich von Sarajevo gelegenen Pale und spezialisierte sich auf Gruppentherapie und Gruppenanalyse in seinem Fachgebiet Neurosen und Depressionen. Medienberichten zufolge arbeitete er Anfang der 1980er Jahre als psychologischer Betreuer für den Sportverein FC Barcelona,Auf der Flucht. In: Deutsche Welle vom 2. März 2002.Jagd auf Karadzic: Das Phantom. In: Der Tagesspiegel vom 28. Februar 2002. In: Süddeutsche Zeitung vom 22. Juli 2008.Radovan Karadzic - Bosniens Albtraum. In: 20 Minuten vom 3. November 2009.Krsto Lazarević: Karadžić: „Nicht ich stehe vor Gericht, sondern das serbische Volk“. In: TagesWoche vom 24. März 2016. andere verorten ihn um diese Zeit in ähnlicher Funktion beim FK SarajevoPredrag Pasic and the siege of Sarajevo. In: Al Jazeera vom 27. März 2013.Ligue 2: „Si j'avais mis ce pénalty, ça aurait pu retarder la guerre en Yougoslavie“, se souvient Faruk Hadzibegic. In: 20 minutes (Frankreich) von 13. Oktober 2016.Jamie Rodríguez: Petkovic: el 'pacificador' de Suiza huyó de Serbia hace 30 años. In: El Mundo vom 22. Juni 2018.Simon Hart: World in Motion: The Inside Story of Italia '90: The Tournament that Changed Football. deCoubertin Books, 2018, ISBN 1-90924-565-8, S. 401. und 1983 bei FK Roter Stern Belgrad.Karadzic sightings put pressure on Serbs. In: The Guardian vom 10. Mai 2005.Karadzic: Psychiater, Dichter, Angeklagter. In: Die Presse vom 22. Juli 2008.Karadzic responsible for Sarajevo war crimes. In: BBC vom 24. März 2016.Krsto Lazarević: Karadžić: „Nicht ich stehe vor Gericht, sondern das serbische Volk“. In: TagesWoche vom 24. März 2016. Karadžićs Mentor war Jovan Rašković.Nevenka Tromp: Prosecuting Slobodan Milošević: The Unfinished Trial. Contemporary Security Studies, Routledge, 2016, ISBN 1-31733-526-0, S. 137, Fußnote 14.
Bereits früh begann Radovan Karadžić, Kindergedichte zu schreiben und im Stil serbischer Volksmusik zu komponieren. Von 1968 bis 1990 veröffentlichte er vier Gedichtbände, wobei bereits der erste, Ludo koplje (deutsch: Verrückte Lanze), vom Kampfgeist der Serben handelt. Während seines Belgrad-Aufenthalts lernte er den damals schon bekannten Romancier und Essayisten Dobrica Ćosić kennen, der ihn stark beeinflusste und in die literarische Szene der Hauptstadt einführte.
Radovan Karadžić ist verheiratet. Er hat eine Tochter und einen Sohn.Dichter, Doktor und Schlächter. In: Die Presse vom 22. Juli 2008.
Aufstieg zum Präsidenten der Republika Srpska Nach dem Ende des Einparteiensystems in Jugoslawien gründete Jovan Rašković im Juli 1990 die Serbische Demokratische Partei (SDS) in Bosnien-Herzegowina. Nachdem mehrere politisch profilierte Persönlichkeiten abgesagt hatten, wurde Karadžić deren erster Vorsitzender. Bei den ersten freien Wahlen in Bosnien-Herzegowina am 18. November und 2. Dezember 1990 errang die SDS unter seiner Führung 72 der 240 Sitze der ersten Kammer des bosnischen Parlaments und wurde damit zweitstärkste Fraktion. Mit seinen Schriften und Reden versuchte Karadžić das Feindbild, das manche Serben von den Osmanen als einstigen Herrschern in Südosteuropa hatten, auf die (ebenfalls muslimischen) Bosniaken zu übertragen.
Nach den im Frühjahr und Sommer 1991 in Kroatien ausgebrochenen Kämpfen und der Bildung der Republik Serbische Krajina wurden unter seiner Herrschaft im September 1991 in Bosnien-Herzegowina die Serbischen Autonomen Regionen Bosnische Krajina, Herzegowina und Romanija ausgerufen. Im Laufe der Diskussionen über die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas, das zu diesem Zeitpunkt noch Teil Jugoslawiens war, organisierte Karadžić am 9. November 1991 in den serbischen Regionen ein Referendum über einen gemeinsamen Staat der bosnischen Serben mit Serbien, Montenegro und der Republik Serbische Krajina. 90 Prozent der bosnischen Serben stimmten diesem Plan zu. Am 9. Januar 1992 wurde dann die Serbische Republik Bosnien-Herzegowina (später umbenannt in Republika Srpska, etwa: „Serbische Republik“) gegründet, deren erster Präsident Radovan Karadžić war.
Am 25. Januar 1992 wurde im bosnischen Parlament eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit beschlossen. Dies wurde von Karadžić als „Kriegserklärung an die Serben“ bezeichnet. Das am 29. Februar und 1. März durchgeführte Referendum, das eine überwältigende Zustimmung zur Unabhängigkeit ergab, wurde nach Aufrufen von Karadžić und anderen serbischen Führern von der serbischen Bevölkerung boykottiert.
Rolle im Bosnienkrieg Kriegsbeginn 1992 Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas am 3. März 1992 brachen in ganz Bosnien Kämpfe aus. Am 1. April zog die SDS auf Anweisung Karadžićs ihre Mitarbeiter aus dem Innenministerium von Bosnien-Herzegowina zurück, konzentrierte ihre Macht in Pale und begann einen Krieg gegen die anderen bosnischen Bevölkerungsgruppen. Unter Ausnutzung der auch zwischen den bosnischen Kroaten und Bosniaken bestehenden Spannungen traf sich Karadžić am 6. Mai 1992 mit Mate Boban, dem Führer der bosnisch-herzegowinischen Kroaten, in Graz. Die Gespräche über die Aufteilung Bosnien-Herzegowinas wurden aber, auch auf internationalen Druck hin, nicht erfolgreich abgeschlossen.
Bis zum Dezember 1992 gelang es den bosnischen Serben unter Karadžićs Präsidentschaft und der militärischen Führung von Ratko Mladić, mit Unterstützung Serbiens 70 Prozent des Gebiets von Bosnien-Herzegowina unter ihre Kontrolle zu bringen sowie die Hauptstadt Sarajevo permanent zu belagern (siehe: Belagerung von Sarajevo). Karadžić wird beschuldigt, die dabei vorgenommenen ethnischen Säuberungen und Übergriffe auf Zivilisten geplant und befohlen zu haben.
In den beiden folgenden Jahren kam es zu keiner wesentlichen Veränderung der Situation. Zwar gab es einige internationale Bemühungen, zu einer Friedenslösung zu kommen und es wurden UN-Schutzzonen für eingekesselte Städte wie Srebrenica und Goražde eingerichtet. Aber besonders die Maximalforderungen der bosnischen Serben unter Karadžić verhinderten den Abschluss eines Friedensvertrages.
Eskalation und Friedensschluss ab 1995 Erst 1995 gab es wieder substanzielle Bewegungen. Nach einigen militärischen Rückschlägen und dem Ende eines vereinbarten viermonatigen Waffenstillstands ordnete Karadžić am 27. März 1995 die totale Mobilmachung in der Republika Srpska an.
Im Mai gelang es Kroatien mit westlicher Unterstützung, große Teile des bis dahin von Serben gehaltenen Gebiets West-Slawonien unter seine Kontrolle zu bringen. Daraufhin begannen die bosnischen Serben damit, UN-Soldaten der UNPROFOR-Einheiten als Geiseln zu nehmen. Zeitweise befanden sich über 300 von ihnen in der Gewalt der Serben. Auf Befehl Karadžićs nahmen serbische Truppen unter Ratko Mladić am 11. Juli 1995 die UN-Schutzzone Srebrenica ein, in der sich über 40.000 bosnische Flüchtlinge aufhielten. Die niederländischen UN-Truppen der Einheit Dutchbat unter Thomas Karremans leisteten keinen Widerstand. Während Mladićs Truppen die muslimischen Frauen und Kinder in Richtung Tuzla vertrieben, ermordeten sie den größten Teil der männlichen Bevölkerung, mindestens 8372 MenschenNataša Krsman: U BiH stradalo 97.207 ljudiПораз бошњачке ратне пропаганде. Am 20. Juli erlitt die Stadt Žepa ein ähnliches Schicksal. Dort wurden aber alle Einwohner vertrieben. Trotz der Einnahme beider Städte wurde die militärische Lage immer schwieriger. Kroatien hatte inzwischen auch die Gebiete zwischen Knin und Slunj zurückerobert, die zur selbsternannten „Republik Serbische Krajina“ gehörten. Dies führte zu einem Machtkampf zwischen Karadžić und General Mladić. Am 23. August forderte Karadžić als Basis für neue Friedensverhandlungen 63 Prozent des Gebiets von Bosnien-Herzegowina für die Serben.
Aufgrund der zunehmenden Landgewinne der kroatischen, aber auch der bosnischen Truppen musste Karadžić schließlich hinnehmen, dass die weiteren Friedensverhandlungen nicht mit ihm, sondern direkt mit den Präsidenten Bosnien-Herzegowinas, Serbiens und Kroatiens, Izetbegović, Milošević und Tuđman, geführt wurden. Diese endeten am 21. November in Dayton mit einem Friedensabkommen. Es gestand der nun so genannten Republika Srpska 49 Prozent des Territoriums von Bosnien-Herzegowina zu. Dazu musste diese zwischenzeitlich eroberte Gebiete wie Ilidža und Sarajevo-Grbavica, die bis dahin von bosnischen Serben bewohnt wurden, an die Bosniakisch-Kroatische Föderation abtreten. Karadžić organisierte daraufhin ein Referendum in beiden Orten, bei der die Abtretung von nahezu 100 Prozent der Teilnehmer abgelehnt wurde. Die Unterzeichnung des Dayton-Vertrags am 14. Dezember 1995 in Paris, der den Bosnienkrieg beendete, konnte er aber nicht mehr verhindern. Am 20. Februar 1996 ordnete Karadžić schließlich die Räumung der Orte an, der die meisten der noch verbliebenen 80.000 Einwohner auch Folge leisteten.
Aufgrund des anhaltenden internationalen Drucks musste Karadžić am 30. Juni 1996 als Präsident der Republika Srpska zurücktreten. Neue Präsidentin wurde die später ebenfalls vom UN-Kriegsverbrechertribunal verurteilte Biljana Plavšić.
Strafverfolgung durch das UN-Kriegsverbrechertribunal Ermittlungen und internationaler Haftbefehl Nachdem Sarajevo am 9. April 1995 von serbischen Truppen schwer beschossen worden war, gab das UN-Kriegsverbrechertribunal am 24. April bekannt, dass es gegen Karadžić und Ratko Mladić ermittelt. Am 14. November reichte es eine erweiterte Anklageschrift ein, am 11. Juli 1996 erließ es einen internationalen Haftbefehl. Konkret vorgeworfen wurden ihm:ICTY - Case Information Sheet, Anklagepunkte (englisch; PDF; 118 kB)
Völkermord Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Vertreibung, Mord, Folter) Verstöße gegen das Kriegsrecht (u. a. „Terrorisierung der Bewohner von Sarajevo“)