Metamizol-Natrium, kurz Metamizol genannt, ist ein schmerzstillender und fiebersenkender Wirkstoff mit krampflösender Komponente aus der Gruppe der nichtsauren Nichtopioid-Analgetika. Weitere geläufige Namen des Wirkstoffs sind Dipyron, Novaminsulfon und der Handelsname Novalgin. Chemisch handelt es sich um ein Pyrazolon-Derivat, der Name Metamizol leitet sich aus Methyl, Amino und Pyrazol ab. Im Organismus entsteht durch hydrolytische Spaltung der eigentliche Wirkstoff 4-Methylaminophenazon (4-Methylamino-1,5-dimethyl-2-phenyl-1,2-dihydro-3H-pyrazol-3-on).Ernst Mutschler: Arzneimittelwirkungen. 9. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8047-1952-1. S. 251.
Auch in der Tiermedizin wird der Wirkstoff als akut wirkendes Schmerzmittel eingesetzt,Wolfgang Löscher, Fritz Rupert Ungemach, Reinhard Kroker: Pharmakotherapie bei Haus- und Nutztieren. Paul Parey Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-8304-4160-1, S. 103–108 und 364–380. und er ist auch für lebensmittelliefernde Tiere zugelassen.
Pharmazeutisch verwendet wird das Natriumsalz von Metamizol bzw. seine kristallwasserhaltige Form Metamizol-Natrium-Monohydrat (Ph. Eur.). Metamizol-Natrium-Monohydrat ist ein weißes bis fast weißes kristallines Pulver, das sehr leicht löslich in Wasser, löslich in Ethanol 96 % und praktisch unlöslich in Dichlormethan ist.Europäisches Arzneibuch. 9. Ausgabe. Grundwerk 2017. Amtliche deutsche Ausgabe (Ph. Eur. 9.0), Deutscher Apotheker Verlag. S. 5469. In der Säureform wird Metamizol nicht arzneilich eingesetzt.
Ferner sind ein Calciumsalz (Metamizol-Calcium) (Metamizol-Hemicalcium). und ein Magnesiumsalz (Metamizol-Magnesium) (Metamizol-Hemimagnesium). beschrieben.
Geschichte Metamizol ist ein Analgetikum aus der Reihe der Pyrazolone. Deren Entwicklung begann um 1875 mit der Entdeckung des Phenylhydrazins durch den deutschen Chemiker und Nobelpreisträger Hermann Emil Fischer. Fischers Schüler Ludwig Knorr wollte in den 1880er Jahren aus Phenylhydrazin ein Chinolinderivat als Ersatz für das fiebersenkende und in der Chinarinde natürlich vorkommende Chinin synthetisieren. In seinem Labor setzte Knorr Phenylhydrazin mit Acetessigester um, wobei jedoch kein Chinolin-, sondern ein Pyrazol-Abkömmling entstand. Dessen Methylierungsprodukt Phenazon wurde als Antipyrin in die Therapie eingeführt und galt als „Mutter aller modernen fiebersenkenden Schmerzmittel“.
1893 entwickelte der Apotheker und Chemiker Friedrich Stolz in den Farbwerken Hoechst aus dem Antipyrin eine weitere Substanz, die eine Dimethylaminogruppe am C4-Atom trägt und die er Aminopyrin nannte; sie kam 1896 als Pyramidon auf den Markt.
mini|hochkant=2.4|(1) = Phenylhydrazin, (2) = Acetessigester, (3) = Phenazon (Antipyrin), (4) = Aminophenazon (Aminopyrin, Pyramidon), (5) = Propyphenazon, (6) = Sulfamidopyrin-Natrium (Melubrin), (7) = Metamizol-Natrium (Dipyron, Novalgin)
Für den klinischen Einsatz bei schwerer Erkrankten wurde eine wasserlösliche und somit injizierbare Variante benötigt. Chemiker bei Meister Lucius & Brüning (ein Vorgänger der Hoechst AG) synthetisierten daraufhin, indem sie über eine Methylenbrücke eine Sulfonsäuregruppe in das Antipyrin einbrachten, das wasserlösliche Sulfamidopyrin. Die Darstellung im Jahr 1912 wird Max Bockmühl,Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Christoph Friedrich, Ulrich Meyer: Arzneimittelgeschichte. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2. Auflage, Stuttgart 2005, ISBN 3-8047-2113-3, S. 138. nach anderer Quelle Friedrich StolzIndustriepark Hoechst > Bedeutende Mitarbeiter und Forscher aus der Standortgeschichte, abgerufen am 18. August 2022. zugeschrieben. Sulfamidopyrin wurde als Melubrin (eine aus dem Firmennamen „Meister Lucius & Brüning“ gebildete Abkürzung) von 1912 bis 1959 vermarktet.Robert Berold, Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Pyramidon – Nachgesang auf einen „Schnelldreher“. Geschichte der Pharmazie, Bd. 51, 1999, S. 39–47. Im Jahr 1920 erhielten Bockmühl und Windisch als N-Methyl-Derivat von SulfamidopyrinGustav Ehrhart, Heinrich Ruschig: Arzneimittel Entwicklung, Wirkung, Darstellung. Band 1, Verlag Chemie, 1968. S. 394. das Metamizol, eine wie Sulfamidopyrin ebenfalls gut wasserlösliche Substanz, die jedoch doppelt so wirksam war.H. P. Kaufmann: Arzneimittel-Synthese. Springer Verlag, 1953. S. 63 Es wurde 1922 von der Firma Hoechst unter dem Handelsnamen Novalgin auf dem deutschen Arzneimittelmarkt eingeführt.Renaissance eines Analgetikums. In: Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 32/2006.
Otto Dornblüth erwähnte Novalgin 1934 in seinem Klinischen Wörterbuch als „Phenyldimethylpyrazolonmethylaminomethansulfonsaures Natrium, innerlich und parenteral anwendbares entzündungswidriges Analgeticum, Antirheumaticum und Antipyreticum der I.G. Farben.“Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch. 21.–22. Auflage, Verlag von Walter de Gruyter & Co., Berlin / Leipzig 1934, S. 338. Früher zählte man Metamizol zu den damals so genannten kleinen (auch schwachen oder einfachen) Analgetika mit großer therapeutischer Breite. Zum Beispiel wurde es auch zur Behandlung von Kopfschmerzen empfohlen.Hartwig Heyck: Der Kopfschmerz. 4. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1975, ISBN 3-13-349704-9, S. 88. Schon 1985 wurden das Auftreten von Knochenmarksdepressionen (Blutbildungsschäden, Leukopenien) und spezifische Allergien sowie zerebrale Krampfanfälle, Delirien und Dämmerzustände als unerwünschte Wirkungen beschrieben.F. Danke: Schmerz. In: Hubert Feiereis, H.-J. Kabelitz (Hrsg.): Internistische Pharmakotherapie. Band 2 (M–Z), 1. Auflage, Hans Marseille Verlag, München 1985, ISBN 3-88616-015-7, S. 1215–1230.
Vor allem Aminophenazon und Metamizol seien in der Pädiatrie seither in Misskredit geraten und durch Paracetamol verdrängt worden.H. Boehncke: Schmerz. In: P. Schweier (Hrsg.): Pharmakotherapie im Kindesalter. 4. Auflage, Hans Marseille Verlag, München 1988, ISBN 3-88616-024-6, S. 838 f. Nach dem GKV-Arzneimittelindex ging die Verordnung von Metamizol 1991 gegenüber dem Vorjahr wohl als Folge der intensiven Diskussion über das Risiko der Metamizol-Anwendung um 4,7 Prozent zurück.Gerhard Schmidt: Analgetika. In: Ulrich Schwabe, Dieter Paffrath (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 1992, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart / Jena 1992, ISBN 3-437-11426-3, S. 29. Ebenso ging die Verordnung des zu DDR-Zeiten unter dem Namen Analgin vermarkteten Metamizolpräparates in den neuen Bundesländern nach der Wende 1991 gegenüber dem Vorjahr um 69,3 % zurück.K. O. Hauenstein, M. Litsch: Arzneiverordnungen in den neuen Bundesländern im Jahre 1991. In: Ulrich Schwabe, Dieter Paffrath (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 1992, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart / Jena 1992, ISBN 3-437-11426-3, S. 456–502.
Indikationen Metamizol ist in den EU-Ländern, in denen es durch die nationalen Zulassungsbehörden zugelassen ist, für folgende Anwendungsgebiete genehmigt:Anhang II zum Eintrag Metamizol im Arzneimittel-Unionsregister das EU-Verfahren vom 20. März 2019 betreffend. S. 26 (pdf) akute starke Schmerzen nach Trauma oder nach einem chirurgischen Eingriff, schmerzhafte Koliken, Tumorschmerzen, sonstige akute oder chronische Schmerzen, falls andere therapeutische Maßnahmen kontraindiziert sind, hohes Fieber, das auf andere Maßnahmen nicht anspricht.
Zu den schmerzhaften Koliken (viszerale Schmerzen und KolikschmerzenWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 268. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-068325-7, S. 1109.Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, Band 1, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 86.) werden auch Harnleiterkoliken durch UrolithiasisGerd Harald Herold: Innere Medizin 2022. Selbstverlag, Köln 2021, ISBN 978-3-9821166-1-7, S. 658. sowie Gallen- und NierenkolikenMaxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 1281. gezählt.
Die Anbieter von Metamizol-Präparaten in der Europäischen Union veröffentlichen pflichtgemäß die Anwendungsgebiete ebenso wie auch Anwendungseinschränkungen in ihren Packungsbeilagen und Fachinformationen.Fachinformation Metamizol Heumann Tropfen (Heumann Pharma), Stand Mai 2019; PDF (183 kB).
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) hat mehrfach gemahnt, Metamizol strikt nur innerhalb der obigen Indikationen zu verordnen. Offenbar werde aber Metamizol häufig auch bei leichten bzw. mittelstarken Schmerzen sowie (trotz wirksamer und weniger riskanter Alternativen) als Erstlinientherapie bei Beschwerden, wie beispielsweise Rückenschmerzen, eingesetzt. Bei einer solchen Anwendung von Metamizol, die auch in Deutschland weiterhin durch die Zulassung nicht abgedeckt ist („Off-Label-Use“), sei das Nutzen-Risiko-Verhältnis ungünstig, worüber der Arzt den Patienten entsprechend den Sorgfaltsanforderungen des Arzthaftungsrechts aufklären und engmaschig auf Zeichen gefährlicher Nebenwirkungen untersuchen muss.Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Drug Safety Mail 2017–37 – Agranulozytose nach Einnahme von Metamizol, online 15. November 2017, Abruf am 26. September 2019 Der Einsatz von Metamizol sei also nur dann gerechtfertigt, wenn Paracetamol, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) oder Opioide nicht ausreichen oder nicht gegeben werden dürfen. Ansonsten sei .Irene Schott-Seidenschwanz, Hans Wille, Bernd Mühlbauer: Todesfalle Metamizol? In: Bremer Ärztejournal – Mitteilungsblatt der Ärztekammer Bremen und der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen, April 2011, 64. Jahrgang, S. 20; aekhb.de (PDF); abgerufen am 28. August 2015.
Risiko einer Agranulozytose Wegen der seltenen schweren Nebenwirkung Agranulozytose wurde Metamizol in vielen Industriestaaten vor allem des englischen Sprachraums, aber auch in weiteren Gebieten (z. B. in Skandinavien und Japan), nicht zugelassen oder eine bereits bestehende Zulassung wurde widerrufen. In Australien ist die Einfuhr verboten. Im deutschsprachigen Raum dagegen ist die Anwendung des verschreibungspflichtigen Medikaments weit verbreitet, das zudem auch außerhalb der zugelassenen Indikationen zur Anwendung kommt. Auf Antrag Finnlands befasste sich die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) im Jahr 2024 erneut mit der Frage, ob und unter welchen Bedingungen Metamizol weiter zugelassen werden darf. Die EMA gab am 6. September 2024 als Ergebnis ihres Bewertungsverfahrens bekannt, dass der Nutzen von metamizolhaltigen Arzneimitteln weiterhin die Risiken überwiegt. Die Produktinformationen für alle metamizolhaltigen Arzneimittel sollten jedoch aktualisiert werden. Die Änderungen sollten das Bewusstsein für die schwerwiegende mögliche Nebenwirkung Agranulozytose bei Patienten und Angehörigen der Gesundheitsberufe schärfen und ihre frühzeitige Erkennung und Diagnose erleichtern. In einem Rote-Hand-Brief vom 9. Dezember 2024 informierten Hersteller und Arzneimittelbehörden Angehörige der Gesundheitsberufe entsprechend. Sie müssen Patienten, die mit Metamizol behandelt werden, über Frühsymptome der Agranulozytose aufklären und informieren, die Einnahme sofort abzubrechen und einen Arzt aufzusuchen, sobald sich solche Symptome zeigen.
Kontraindikationen Gegenanzeigen für die Gabe von Metamizol sind eine bekannte Unverträglichkeit, Erkrankungen der blutbildenden Zellreihe, eine hepatische Porphyrie (angeborene oder erworbene Störung der Produktion des roten Blutfarbstoffes) sowie ein Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel. Weitere Gegenanzeigen sind ein Analgetika-Asthma-Syndrom und eine Analgetika-Intoleranz vom Urtikaria-Angioödem-Typ.Rote Liste Service GmbH (Hrsg.): Rote Liste 2022 – Arzneimittelverzeichnis für Deutschland (einschließlich EU-Zulassungen und bestimmter Medizinprodukte). Rote Liste Service GmbH, Frankfurt/Main 2022, 62. Ausgabe, ISBN 978-3-946057-74-1, Rubrik 1.B.2.1.3.1, Kapitel 05, Nummer 074, S. 245 f.