Karl Küchlin (* 29. Mai 1864 in Lörrachfamilysearch.org: Carl Kuechlin, 1864, in: Germany, Births and Baptisms, 1558–1898 abgerufen am 26. August 2012.; † 30. Juli 1935 in Basel) war ein deutsch-schweizerischer Unternehmer, Theaterdirektor und Mäzen.

Leben Karl Küchlin war ein Sohn des Johann Küchlin und der Katharina Müller, er stammte aus einer Familie, die jahrhundertelang in Wolfenweiler ansässig war, dort ein Weingut betrieb und zeitweise in Lörrach eine Brauerei mit Gastronomie besaß.Staatsarchiv Basel: Unterlagen von Karl Küchlin (1864–1935) aus dem Nachlass von Elise Küchlin. Mit 13 Jahren verwaist, wuchs er als gleichaltriger Ziehbruder des später berühmten Künstlers Max Laeuger in Lörrach auf, dessen gegenüber wohnende Familie sich sozial engagierte.Max Laeuger. Gesamtkunstwerk. (Ausstellungskatalog des Badischen Landesmuseums) Karlsruhe 2014. Karl Küchlin benutzte später das Wappen des ausgestorbenen Breisgauer Rittergeschlechts derer von Küchlin (Namensgeber des heutigen Ortsteils Kiechlinsbergen von Endingen am Kaiserstuhl und der Küchlinsburg in Waldkirch), von denen abzustammen er überzeugt war.Thomas Blubacher: Karl Küchlin und sein Theater, 2022, Verlag Zytglogge Basel, ISBN 978-3-7296-5087-9

Er besuchte das heutige Hebel-Gymnasium Lörrach nicht bis zum Abschluss, sondern ging, was damals in Lörrach nicht selten war, in die Schweiz, wo er ein „strebsamer Schüler und Kadett“ der École industrielle in La Chaux-de-Fonds war und das Fleischerhandwerk erlernte. Er fand eine erste Stelle in Genf, wanderte über Lyon, Dijon nach Paris. Darauf folgten Le Havre und Trouville-sur-Mer. Ob er sich dann auf einem französischen Handelsschiff nach Hamburg verdingte, ist nicht nachgewiesen. Von dort ging er nach Berlin, wo er kurze Zeit arbeitete.Archivkatalog des Staatsarchivs Basel-Stadt. Dort lernte er seine spätere Frau kennen, mit der er nach Freiburg zurückkehrte. Später besuchte er die Weltausstellung Paris 1900, auf der unter anderem sein Ziehbruder Max Laeuger ausstellte. Dokumentiert ist auch eine Reise Küchlins nach Indien und China zu Beginn des 20. Jahrhunderts.Staatsarchiv Basel: Fotografie von Kalkutta im Privatarchiv PA 1213 Unterlagen von Karl Küchlin (1864–1935).

Karl Küchlin war beruflich auf verschiedenen Gebieten tätig. Er produzierte Fleisch- und Wurstwaren, baute Bierhallen und später Varietétheater und war Teilhaber des Circus Sarrasani. Er entwickelte neben geschäftlichen auch künstlerische Interessen, wie seine Arbeit als Theaterdirektor und seine Haltung als Kunstmäzen zeigen. Das Basler Stadtbuch berichtete über seinen Tod 1935: „Karl Küchlin-Länger (71-jährig), Erbauer des Varieté-Theaters ‚Küchlin‘, vorher langjähriger Leiter des ‚Cardinal‘, der Begründer der Varietékunst in Basel, auch ein international angesehener Kenner des Artistentums“.Eintrag in der Basler Chronik vom 30. Juli 1935.

Küchlin war mit der Berlinerin Charlotte Länger verheiratet und hatte eine Tochter, Elise (1894–1988), die unverheiratet blieb und sich, wie ihr Vater, als Mäzenin für Kunst und Kultur einsetzte.v. a. für die Dirigentin Hortense von Gelmini, s. Stiftung Libertas per Veritatem (Hrsg.): Hortense von Gelmini – Dirigentin von Format, Verlag LPV-Hortense von Gelmini, Horben 2021, ISBN 978-3-936509-18-2. Die Familie wanderte 1919 aus Lörrach in die Schweiz aus und lebte in Basel sowie im Sommer in der von Karl Küchlin erbauten Villa Küchlin in Horben bei Freiburg.

Küchlins Anfänge in Freiburg und Basel hochkant|mini|Martinstor, Stadtseite, vor dem Umbau, ca. 1900 Karl Küchlin war schon mit 21 Jahren in der Lage, sein Elternhaus und die elterliche Brauerei in Lörrach zurückzukaufen, wo er eine „Bayerische Bierhalle“ eröffnete. 1888 verkaufte er das Anwesen an die Löwenbrauerei (Louis Sinner) im Freiburger Stadtteil Stühlinger. Ende der 1880er-Jahre führte er kurze Zeit eine Schlachterei bzw. Fabrik für Fleisch- und Wurstwaren in Berlin, wurde aber schon 1889 Einwohner von Freiburg, wo er das „elegante und sehenswerte“ Restaurant Krokodil mit Freiburgs einzigem Billardsaal und integriertem Café Nil' (Ecke Albertstraße und heutiger Stefan-Meier-Straße, im Zweiten Weltkrieg zerstört) führte.Badische Zeitung vom 2. Mai 2016: „Einstige Gaststätte im Quartier Neuburg wurde beim Bombenangriff 1944 zerstört“. Auch war er in den 1890er-Jahren Besitzer des Colosseum (Varieté-, Theater- und Veranstaltungssaal) in Freiburg beim Martinstor. Dort wurde im Rahmen der damals modischen Völkerschauen zum Beispiel ein Affe „als Gentleman gekleidet“ gezeigt, der sich dazu noch „zwei Glas Portwein gut munden“ ließ. Das war eine „große Sensation“ und die beste Werbung für die allabendlichen Vorführungen im Colosseum. Auch mit Völkerschaudarstellern wurden teils ähnlich werbewirksame Stadtbesuche in Freiburg durchgeführt.Manuel Armbruster: Völkerschauen um 1900 in Freiburg i. Br. – Kolonialer Exotismus im historischen Kontext. Freiburg Postkolonial, 2011. Da seine Tochter 1894 noch in Freiburg geboren wurde, ist anzunehmen, dass er damals noch dort lebte, zugleich erwarb er in diesem Jahr Grundbesitz in Horben bei Freiburg.

Am 1. Oktober 1900 wurde in Basel das „Cardinal“ als erstes „Grossvarietétheater“ mit Restaurationsbetrieb in Basel eröffnet (Freie Strasse 36/Falknerstrasse 11, Eigentümer: Brauerei Cardinal). Küchlin war der Unternehmer und alleinige Direktor. Auch im Basler Cardinal wurde ein vielfältiges Programm mit Künstlerinnen und Künstlern aus dem In- und Ausland gezeigt, die sonst nur in Zirkussen zu sehen waren. Zum Abschluss der Programme wurden bereits Filme vorgeführt. Das Theater genoss einen ausgezeichneten Ruf. Das Programm stellte Küchlin selbst zusammen, es enthielt auch Opern und Operetten. Aufgrund von Streitigkeiten über die Höhe der Miete, aber auch, weil das große Zuschauerinteresse einen Ausbau erfordert hatte, sah sich Küchlin ab 1905 nach einem anderen Standort um. 1909 konnte er auf dem Grundstück (Steinenvorstadt Nr. 55/57) einen Theater-Neubau nach seinen Vorstellungen errichten.

Das Küchlin-Theater in Basel mini|hochkant|Das Küchlintheater in Basel, heutige Außenansicht Das Küchlin-Theater im Jugendstil ist ein vom Architekturbüro Adolf Widmer, Emanuel Erlacher und Rudolf Calini erstelltes Pionierwerk des Eisenbetonbaus mit einer bemerkenswerten Einheit aus Gestaltung und Konstruktion. Der Entwurf der Fassade und der wertvollen Innenausstattung mit hervorragender Akustik stammt von Max Laeuger,K. Widmer in: Dekorative Kunst, Ausgabe Juni 1907. das Fries an der Fassade von Karl Albiker, einem Schüler von Auguste Rodin. Das hufeisenförmige Theater mit zwei Rängen hatte ursprünglich 1500 Plätze. Bei der Bühne befanden sich auch Stallungen und Rampen für kleine und große Tiere.

Die Fassade und der große Saal des Küchlin wurden 2002/2003 durch den Kanton Basel-Stadt unter Denkmalschutz gestellt. In einem Rechtsstreit über die Berechtigung dieses Aktes stellte das Bundesgericht fest, das Theater sei ein bemerkenswerter Bau in der Steinenvorstadt und das Varietétheater eines der ältesten heute noch bestehenden der Schweiz. Eine große Bedeutung habe auch die Innengestaltung wegen der Art und Weise, wie das klassische Rangtheater aufgegriffen und der anspruchsvolle Jugendstildekor dem Spielzweck des Gebäudes angepasst wurde. Im Küchlintheater war auch eine Kinoorgel aus der Freiburger Werkstatt M. Welte & Söhne eingebaut. mini|Küchlins Variété Theater alternativtext=Pathé Küchlin in der Steinenvorstadt.|mini|Pathé Küchlin, Steinenvorstadt. Im Küchlintheater fanden ab 1912 ganzjährig glanzvolle Revuen mit internationalen Artisten, Varietéstars und kinematografischen Vorführungen statt. Hinzu kamen Schauspiel-, Opern-, Operetten- und Ballettaufführungen. Schon 1914 begannen dort die Vorveranstaltungen Drummeli der Basler Fasnacht. Küchlins Programm fand großen Anklang, und auch die Behörden waren ihm wohlgesinnt. Ab 1918 hatte Küchlin mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, die ihn dazu brachten, sein Lebenswerk in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln und das Theater zu verpachten. Gleichzeitig übergab er die künstlerische Leitung an Joseph Adelmann und zog sich aus dem Geschäft zurück. Rudolf Bernhard und Fredy Scheim feierten ihre ersten großen Erfolge im Küchlin-Theater. Dort fand z. B. die Uraufführung der 1924 entstandenen Komödie Das Haus in Montevideo von Curt Goetz statt. Maurice Chevalier trat im Küchlin auf und Josephine Baker soll mitten im dazugehörigen Restaurant ihren Liebhaber geohrfeigt haben, weil er mit einer Serviertochter flirtete – sie sandte zum 20-Jahrjubiläum eine Grußbotschaft in Anlehnung an eines ihrer erfolgreichsten Chansons: „J’ai deux amours en Suisse, c’est Bâle et son Küchlintheater“.Daniel Hagmann: Rex, Roxy, Royal … und das Küchlin, Blog des Staatsarchivs Basel, 14. November 2016. Von den Baslern liebevoll „Kiechli“ genannt, war es in den zwanziger und dreißiger Jahren in ganz Europa als eines der besten und schönsten Varieté-Theater bekannt.

Die Basler Bevölkerung behielt den liebenswerten Theatergründer als „Papa Küchlin“ in Erinnerung. 1933 schrieb das Organ der Varietéwelt: „Es gibt wohl nur wenige Artisten von Weltruf, die nicht mit Stolz noch heute erzählen von der schönen Zeit bei ‚Papa Küchlin‘“. Er sei „einer der Menschen, von denen man sagen kann, daß sie keine Feinde oder Neider besitzen“.W. M.: Karl Küchlin, Basel. In: Das Organ der Varietéwelt vom 18. Januar 1933 (Jubiläumsnummer). Das Küchlintheater wurde nach einer wechselhaften Theatergeschichte in den letzten Jahrzehnten nur noch als Kino „Pathé Küchlin“ genutzt.

Das Kino mit 2300 Plätzen in 8 Sälen schließt als letztes Lichtspielhaus der Steinenvorstadt auf Ende Juni 2023 seine Pforten.Tod der Kinostrasse: Pathé Küchlin schliesst Ende Juni 2023. In: bz, abgerufen am 3. April 2023.

Der Friedrichshof in Horben mini|Der Friedrichshof in Horben In einem Brief der Gemeinde HorbenVgl. hierzu Josef Kury (Hrsg.): Horben bei Freiburg – zur Geschichte des Dorfes und des Bohrerwaldes. Selbstverlag, Villingen 1978. (Erweiterte Neuauflage 1983). von 1908 wird berichtet, Küchlin habe sich „seit 1894 im Bohrertal angesiedelt und fördernd auf die ganze Gegend gewirkt und ein bedeutendes Vermögen bei uns in seinen vielseitigen Unternehmungen angelegt“. Möglicherweise waren ihm die historischen Beziehungen des Adelsgeschlechts Küchlin zu Horben bekannt, als seine Wahl auf Horben fiel. Als 1895/1896 die neue Schauinslandstraße eröffnet wurde, hatte er an der Gabelung nach Horben das Hotel Friedrichshof (benannt nach Großherzog Friedrich I.) mit Gartenwirtschaft durch einen nicht bekannten Architekten erbauen lassen. Das Hotel erfreute sich zunächst wegen seiner günstigen Lage und der angenehm schattigen Gartenwirtschaft großer Beliebtheit. 1921 verkaufte Küchlin es mangels Rentabilität an die Josefine und Eduard Portheim-Stiftung für Wissenschaft und Kunst in Heidelberg. Bereits 1925 erwarb die Stadt Freiburg das Gebäude und betrieb dort bis 1937 ein Kindererholungsheim. Wenn Küchlin in Horben weilte, verwöhnte er die kleinen Insassen mit Schweizer Schokolade.„Friedrichshof“ im Bohrertal, eine Erzählung von Karl Peter Otter in Regio-Magazin. August 1988. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand dort das ausgebombte Mütter- und Säuglingsheim des Evangelischen Stifts Aufnahme bis 1963. Danach zogen das Amt für Zivilschutz und der Bundesverband für Selbstschutz in das Gebäude ein. Heute wird es privat genutzt.

Das Projekt Villensiedlung im Bohrertal, Horben