mini|Abdurauf Fitrat auf einer 1996 zu seinem 110. Geburtstag herausgegebenen 15-Soʻm-Briefmarke aus Usbekistan
Abdurauf Fitrat [] (* 1886 in Buchara; † im Oktober 1938 in Taschkent) war ein zentralasiatischer Schriftsteller, Journalist und Politiker aus dem heutigen Usbekistan und ein bucharischer Vertreter des Dschadidismus.
Fitrat forderte in seinen anfangs persischsprachigen Schriften Neuerungen im sozialen und kulturellen Leben in Zentralasien, später lehnte sich sein Programm am Panturkismus an. Nach dem Ende des Emirats Buchara übernahm Fitrat verschiedene Ministerposten in der Regierung der Volksrepublik Buchara. Nach der Machtübernahme der Sowjets wurde nach einem kurzen Exil in Moskau Hochschullehrer in der Usbekischen SSR und später Opfer des Großen Terrors.
Fitrats literarisches Werk umfasst sowohl lyrische als auch prosaische Werke, die Einflüsse traditioneller islamischer und zentralasiatischer Literatur genauso zeigen wie eine Annäherung an „moderne“ Genres. Seine Sach- und Lehrbücher widmen sich Themen wie Islam, Literatur- und Musikgeschichte und Sprachwissenschaft. Nach Fitrats Tod war der Großteil seiner Werke jahrzehntelang verboten. Heute wird Fitrats Bedeutung für die Herausbildung sowohl der modernen usbekischen als auch der tadschikischen Literatursprache anerkannt. Während er in Tadschikistan gegenwärtig mitunter als „Verräter“ tituliert wird, gilt er in der offiziellen usbekischen Geschichtsschreibung mittlerweile als Märtyrer.
Namensvarianten Fitrats Name taucht in vielen verschiedenen Formen und Schreibweisen auf: Meist verwendete er selbst als Künstlernamen Fitrat (), transkribiert auch als Fetrat oder gemäß der usbekischen Schriftreform von 1921 Pitrat. Der aus dem arabischen Begriff abgeleitete Name stand im osmanischen Türkisch für das Konzept der Natur und wahrer Religion, in Zentralasien im 19. Jahrhundert, so der russische Turkologe Lasar Budagow, hingegen für Almosen im Zeitraum des Fests des Fastenbrechens (ʿĪd al-Fiṭr). Im Persischen und Tadschikischen erstreckt sich die Bedeutung von Fitrat auf Religion, Kreation, Weisheit und Klugheit. Der Künstlername Fitrat wurde bereits zuvor vom Dichter Fitrat Zarduz Samarqandi (spätes 17. bis frühes 18. Jahrhundert) verwendet. Abdurauf Fitrats erstes bekanntes Pseudonym lautete Mijmar (aus dem arabischen ).Allworth 2002, S. 359.
Fitrats arabischer Name lautet (bisweilen abweichend ), mit Abdurauf als Eigenname und manchmal mit der Nisba Buchārāī. In reformierter arabischer Schrift wurde Fitrat als oder wiedergegeben. Die turksprachige Variante des Nasab lautet .
Unter den russischen Varianten seines Namens finden sich – neben anderen – und ; Fitrats sowjetischer, russifizierter Name lautete auf oder, unter Weglassung des Namensbestandteils ʿAbd, .ФИТРАТ Рауф Рахимович, abgerufen am 6. Juni 2021 Ebenfalls anzutreffen ist die Schreibweise .Begali Qosimov: Maslakdoshlar. Behbudiy, Ajziy, Fitrat. (PDF; 3,4 MB) Sharq, Toshkent 1994. S. 149 In usbekisch-kyrillischer Schrift ist sein Name mit wiederzugeben; sein moderner tadschikischer Name lautet .
Fitrat trug bisweilen die Titel „Hoji“ und „Professor“. Sein Vorname findet sich in lateinischen Umschriften unter anderem auch als Abdurrauf, Abdulrauf oder Abdalrauf. Fitrat unterschrieb seine Werke teils nur mit seinem Vornamen oder kürzte ihn mit A. oder R. ab.
Leben und Schaffen Ausbildung in Buchara mini|Die Mir-i-Arab-Medrese in Buchara
Fitrat wurde 1886 (eigenen Angaben zufolge 1884Allworth 2000, S. 7) in Buchara geboren. Über seine Kindheit ist – laut Adeeb Khalid typisch für eine zentralasiatische Persönlichkeit dieser Ära – recht wenig bekannt.Adeeb Khalid: The Bukharan Peopleʼs Soviet Republic in the Light of Muslim Sources. In: Die Welt des Islams, Band 50, Nr. 3/4 (S. 335–361), 2010. S. 340 Sein Vater Abdurahimboy war ein gläubiger Muslim und weitgereister HändlerRustam Shukurov, Muḣammadjon Shukurov, Edward A. Allworth (Hrsg.); Sharif Jan Makhdum Sadr Ziyaʼ: The personal history of a Bukharan intellectual. The diary of Muḥammad-Sharīf-i Ṣadr-i Ẕiya. Brill, Leiden 2004, ISBN 90-04-13161-2 (Brill’s Inner Asian Library; Band 9); S. 323, der die Familie in Richtung Margʻilon und später Kaschgar verlassen sollte.Allworth 2000, S. 6 Von seiner belesenen Mutter, je nach Quelle Mustafbibi, Nastarbibi, oder Bibijon genanntBaxtiyor Egamov: Fitrat va geografiya. In: Geography. Nature and Society, Band 3, Nr. 1 (S. 24–30), 2020, . S. 26, erhielt der junge Abdurauf eine weltliche Ausbildung. Sie brachte ihm laut Edward A. Allworth die Werke von Bedil, Fuzuli, Alisher Navoiy und anderen näher.Allworth 2000, S. 6f Abdurauf hatte mit Abdurahmon und Mahbuba einen Bruder und eine Schwester.Begali Qosimov: Maslakdoshlar. Behbudiy, Ajziy, Fitrat. Sharq, Toshkent 1994. S. 71
mini|Fitrat (sitzend), ca. 1908 Muhammaddschon Schakurij zufolge vollzog Abdurauf im Kindesalter mit seinem Vater den Haddsch. Nach der Ausbildung an einer maktab soll Fitrat 1899 Studien an der Mir-i-Arab-Medrese in Buchara begonnen und 1910 beendet haben; zwischen 1907 und 1910 reiste Fitrat ausgiebig durch das russische Turkestan und das Emirat Buchara. Der Philologe Begali Qosimov geht davon aus, dass Fitrat bis zu seinem 18. Lebensjahr in Buchara studierte und zwischen 1904 und 1907 den Haddsch mit Besuch der Türkei, des Iran sowie Indiens absolvierte und auch Russland bereiste.Begali Qosimov: Abdurauf Fitrat (1886–1938). Abgerufen am 6. Juni 2021 Laut Zaynobiddin Abdurashidov, Prorektor an der Alisher-Navoiy-Universität für usbekische Sprache und Literatur, pilgerte Fitrat Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen einer Reise durch Asien nach Mekka, während der er für einige Zeit in Indien lebte, wo er sich als Barbier Geld für die Rückreise verdiente. Zu diesem Zeitpunkt sei er in Buchara bereits als Dichter unter seinem Pseudonym Mijmar bekannt gewesen.Zaynabidin Abdirashidov: Known and Unknown Fiṭrat. Early Convictions and Activities. (PDF; 423 kB) In: Acta Slavica Iaponica, Band 37 (S. 103–118), 2016. S. 104 Auch Khalid und Allworth benennen die Mir-i-Arab-Medrese als Fitrats Ausbildungsstätte in Buchara. Während seines Medresen-Studiums wurde Fitrat von seinem Lehrer auch in antiker griechischer Philosophie unterrichtet.Zaynabidin Abdirashidov: Known and Unknown Fiṭrat. Early Convictions and Activities. In: Acta Slavica Iaponica, Band 37 (S. 103–118), 2016. S. 106
Fitrat schrieb in seiner 1929 veröffentlichten Autobiographie, Buchara sei eines der dunkelsten religiösen Zentren gewesen, er sei fanatischer Muslim gewesen und er habe anfangs die Reformbewegung des Dschadidismus (usul-i dschadid ‚neue Methode‘) abgelehnt. Eine Grundausbildung in jener „neuen Methode“ erhielt Fitrat selbst nicht.Allworth 2000, S. 7f Sadriddin Ainij zufolge war Fitrat als einer der aufgeklärtesten und verdienstvollsten Studenten im Buchara seiner Zeit bekannt,Sarfraz Khan: Muslim Reformist Political Thought. Revivalists, Modernists and Free Will. Routledge, London/New York 2003, ISBN 978-1-136-76959-7; S. 118f außerhalb Bucharas war er jedoch laut Abdurashidov bis 1911 de facto unbekannt. Dass sich Fitrat nicht an den Aktivitäten der ersten Dschadidengruppe Bucharas beteiligte, erklärt Abdurashidov mit dem damals gegebenen fortschrittsfeindlichen Milieu unter der Herrschaft des Emirs Abd al-Ahad Khan. Interesse an den Ideen des Reformismus generierte Fitrat Abdurashidov zufolge etwa ab 1909 vermutlich unter dem Einfluss der von Mehmet Âkif Ersoy herausgegebenen Zeitschrift Sırat-ı Müstakim, die ebenso wie andere Zeitschriften und Zeitungen in jener Zeit in Studentenkreisen zirkulierte,Zaynabidin Abdirashidov: Known and Unknown Fiṭrat. Early Convictions and Activities. In: Acta Slavica Iaponica, Band 37 (S. 103–118), 2016. S. 104–107 sowie unter Mahmudxoʻja Behbudiy als Mentor.Borjian 1999, S. 564–567 Nach dem Abschluss seiner Ausbildung unterrichtete Fitrat selbst kurz an einer Medrese, doch ist nicht überliefert an welcher.
Aufenthalt in Istanbul und dschadidistischer Führer Um 1909 bildeten dschadidistische Akteure in Buchara sowie in Istanbul (Konstantinopel) eine organisatorische Infrastruktur, die Studenten und Lehrern aus Buchara Studienaufenthalte in der Hauptstadt des Osmanischen Reichs ermöglichen sollte. Fitrat war Berichten zufolge selbst am Aufbau dieser Gesellschaften beteiligtZaynabidin Abdirashidov: Known and Unknown Fiṭrat. Early Convictions and Activities. In: Acta Slavica Iaponica, Band 37 (S. 103–118), 2016. S. 107–109 und konnte dank eines Stipendiums der geheimen, von Händlern finanziertenKhalid 1998, S. 111 „Gesellschaft für die Bildung der Kinder“ (Tarbiyayi atfol) kurz nach der ersten Gruppe im Frühjahr 1910 selbst nach Istanbul gehen.Zaynabidin Abdirashidov: Known and Unknown Fiṭrat. Early Convictions and Activities. In: Acta Slavica Iaponica, Band 37 (S. 103–118), 2016. S. 109–111 „Manchmal“, so Sarfraz Khan von der Universität Peschawar, wird Fitrats Abreise in die Türkei als Flucht vor der Verfolgung durch die Behörden nach einem Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten in Buchara im Januar 1910 beschrieben; andere Autoren datieren Fitrats Gang nach Istanbul auf das Jahr 1909.Sharifa Tosheva: The Pilgrimage Books of Central Asia. Routes and Impressions (19th and early 20th centuries). In: Alexandre Papas, Thierry Zarcone, Thomas Welsford (Hrsg.): Central Asian Pilgrims. Hajj Routes and Pious Visits between Central Asia and the Hijaz (S. 234–249). Klaus Schwarz Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-220882-3 (Islamkundliche Untersuchungen; Band 308); S. 246
Istanbul wurde zu dieser Zeit von den Jungtürken regiert – ein historischer Umstand, der wesentlichen Einfluss auf Fitrat sowie auf die Aktivitäten und das soziale Umfeld der bucharischen Studenten in Istanbul im Allgemeinen haben sollte.Kamoludin Abdullaev: Historical Dictionary of Tajikistan. Rowman & Littlefield, Lanham/London 2018, ISBN 978-1-5381-0251-0; S. 153Zaynabidin Abdirashidov: Known and Unknown Fiṭrat. Early Convictions and Activities. In: Acta Slavica Iaponica, Band 37 (S. 103–118), 2016. S. 111 Was Fitrat in der Zeit nach seiner Ankunft in Istanbul machte, ist Abdurashidov zufolge nicht im Detail bekannt. Seinen Analysen zufolge war Fitrat in der bucharischen Diaspora-Community vernetzt (oft wird er als einer der Gründer der Unterstützungsgesellschaft Buxoro ta’mimi maorif genannt), arbeitete als Verkäufer am Basar, Straßenfeger und als Küchenhilfe, und bereitete sich auf die Zugangsprüfungen an der Medrese vor. Diese bestand er vermutlich etwa Mitte 1913 und wurde einer der ersten Studenten der im Dezember 1912 gegründeten, nach reformiertem System arbeitenden Vaizin-Medrese, an der er nicht nur in islamischen Wissenschaften, sondern auch in orientalischer Literaturgeschichte unterrichtet wurde.Zaynabidin Abdirashidov: Known and Unknown Fiṭrat. Early Convictions and Activities. In: Acta Slavica Iaponica, Band 37 (S. 103–118), 2016. S. 111–113