mini|400px|Die Klosteranlage heute: In der Bildmitte die Katharinenkirche, rechts das Klostergebäude, links die 1735 fertiggestellte ursprüngliche Klosterschule Das Ursulinenkloster Fritzlar („Konvent der Ursulinen Fritzlar“) in der nordhessischen Stadt Fritzlar bestand, mit zwei politisch bedingten Unterbrechungen (1877–1887 und 1941–1945), von 1711 bis 2003. Von 1712 bis 1989 betrieben die Schwestern des Konvents die noch heute bestehende Ursulinenschule Fritzlar.

Vorgeschichte mini|Fritzlar – Aus der Topographia Hassiae von Matthäus Merian dem Jüngeren 1655. Links unterhalb des Doms in der ummauerten Neustadt die Katharinenkirche und links davon das Kloster der Augustinerinnen, aus dem 1711 das Ursulinenkloster wurde. Im Jahre 1145 stiftete Propst Bruno von Weißenstein ein Armenhospital am Hang unterhalb des Doms. Spätestens im Jahre 1254 war aus dieser Stiftung ein Augustinerinnenkloster geworden, das das Hospital betrieb. Um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert baute sich das Kloster die bis heute erhaltene Katharinenkirche. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und die Auswirkungen der Reformation führten zur Auflösung des Klosters im Jahre 1538. Die Klostergebäude verfielen langsam, und auch die Katharinenkirche, obwohl weiterhin als Gotteshaus genutzt, verwahrloste. An der Stelle dieses Klosters entstand in den Jahren 1713–1719 das heutige Klostergebäude der Ursulinen.

Gründung und Anfänge Im Jahre 1700 nahm Martha Hitz aus Fritzlar Kontakt mit den Ursulinen in Duderstadt auf, um diese zur Errichtung eines Frauenklosters und einer Mädchenschule in Fritzlar zu bewegen. Zehn Jahre später erwarben die Duderstädter, mit dem Einverständnis des Mainzer Erzbischofs Lothar Franz von Schönborn, das ehemalige Kloster der Augustinerinnen für 5000 Taler. Das Haus in Duderstadt konnte allerdings keine Nonnen abgeben, die sich in Fritzlar der Mädchenerziehung, der zentralen Aufgabe des Ordens, hätten widmen können. Erst im folgenden Jahr kamen auf Ersuchen des Mainzer Erzbischofs die ersten drei Nonnen aus dem 1649 gegründeten Konvent in Metz, darunter die erste Oberin des Fritzlarer Konvents, Augustina Condessa d’Aspremont († 26. September 1734).Die beiden anderen waren Magdalene Marquise de Valombre und Françoise de St. Bernard von Löwenstein. Nach dem Tod der ersten Oberin, Schwester Augustina, am 26. September 1734, folgte ihr die zweite der in Fritzlar gebliebenen Gründerinnen, Magdalene de Valombre, als Oberin. Sie leitete den Konvent bis zu ihrem Tod im Jahre 1758. Françoise de St. Bernard ging hingegen schon bald nach Metz zurück. Sie brachten drei französische Ursulinen-Pensionärinnen (Pensionsschülerinnen) mit und gründeten am 11. Juli 1711 den neuen Konvent in Fritzlar.

Der Anfang war sehr schwierig, nicht zuletzt auf Grund der sprachlichen Probleme und des allgemeinen Misstrauens der Bevölkerung gegenüber den Fremden. Eine der drei Gründerinnen kehrte daher auch schon bald wieder nach Metz zurück. Die Nonnen lebten zunächst in gemieteten Räumen im Gasthaus „Englischer Hof“.Es wurde nach dem Ersten Weltkrieg und bis in jüngste Zeit als „Hotel Kaiserpfalz“ betrieben und ist heute teilweise Hotel und teilweise ein Altenheim. Dort begannen sie am 19. Juni 1712 mit dem Unterricht der aus Frankreich mitgekommenen und der ersten drei deutschen Pensionsschülerinnen; alle drei waren Töchter auswärtiger Adelsgeschlechter. Erst als sich im Jahre 1715 Priester aus dem Minoritenkloster bereit erklärten, Gottesdienste ohne Entgelt zu leiten, fand sich mehr Akzeptanz und Unterstützung in der Stadtbevölkerung, und 1718 begann der Unterricht der Elementarschule für Mädchen der Stadt. Um die wirtschaftliche Versorgung von Konvent und Pensionat sicherzustellen, kaufte der Konvent schon 1716 das ehemalige Klostergut der Augustinerinnen am Mühlengraben unterhalb der Fritzlarer Neustadt vom städtischen „Hospital zum Heiligen Geist“ zurück, das das Gut bei der Auflösung des Augustinerinnenklosters 1538 übernommen hatte.

Der Klosterbau mini|Das Klostergebäude (rechts) und die Katharinenkirche (links) Am 5. August 1713 erfolgte die Grundsteinlegung des geplanten neuen Klostergebäudes in der heutigen Neustädter Straße, mit einer Schule und einem Pensionat für Mädchen. Der Baumeister des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, Giovanni Francesco Guerniero,Er wird in der Literatur auch Guernieri und Garniery genannt. Seine Tochter war Pensionärin in der Klosterschule. erbot sich, die Baupläne auszuarbeiten, und legte die Pläne bei einer Romreise Papst Clemens XI. vor, der daraufhin ein Gönner des Klosters wurde. Der Fuldaer Fürstabt Adalbert von Schleifras, dessen Nichte im Klosterpensionat lebte, schickte seinen Baumeister Meinwolf, der den Bau ausführte. Landgraf Karl schenkte Geld und besuchte die Nonnen. Sein Sohn Friedrich, später König von Schweden, besuchte sie ebenfalls und schickte Jagdbeute. Die Grafen von Waldeck schenkten Geld, Getreide, Holz und Nahrungsmittel.

Am 8. Mai 1719 wurde das Klostergebäude fertiggestellt und bezogen. Der Bau schloss westlich und etwas verkantet an die Katharinenkirche an, damit die Schwestern unmittelbar aus ihrem Wohnbereich in die Kirche gelangen konnten. Die Zellen und Säle lagen auf der Südseite des langgestreckten vierstöckigen Baus und blickten in den Klostergarten und weit über die Ederniederung, während die Gänge mit ihren kleinen und in den beiden unteren Etagen vergitterten Fenstern auf der nördlichen, der Straße und Stadt zugewandten Seite verliefen. Der ohne viel architektonischen Schmuck ausgeführte Bau hat einen breiten Mittelrisaliten auf der Südseite. (Der Hauptbau wurde 1824 nach Westen verlängert und 1895 ein weiteres Mal erweitert.) Landgraf Karls Generalgarteninspektor Wunsdorf leitete die Planung des französischen Klostergartens, mit Terrassen, Laubengängen, Kaskaden und Springbrunnen.

Die Katharinenkirche war 1726 wieder soweit renoviert, dass sie am 15. September vom Erfurter Weihbischof Christoph Ignatius Gudenus zur Klosterkirche geweiht werden konnte. Der einfache gotische Bau ist einschiffig und hat einen Dachreiter aus dem Jahre 1717. Die Steinskulptur der Hl. Katharina im Inneren der Kirche stammt aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Der Konvent Der Konvent war gemäß den Statuten der Ursulinen eine Ordensgemeinschaft päpstlichen Rechts, war autonom, und unterstand dem Papst. Neben der Oberin, die in geheimer Wahl von den Konventsschwestern bestimmt wurde, gab es als Amtsträger eine Assistentin, eine Schaffnerin (verantwortlich für die wirtschaftlichen Belange), eine Novizenmeisterin, und eine Schulleiterin. Die Nonnen mit höherer Bildung waren die Chorschwestern und Lehrenden, trugen den schwarzen Schleier, beteten auf lateinisch, und wurden mit „Mère“, später „Mater“ angesprochen. Die Laienschwestern arbeiteten in der Haus- und Landwirtschaft, trugen den weißen Schleier, beteten in deutscher Sprache, und wurden mit „sœur“, später „Schwester“ angeredet.1966 wurde eine neue einheitliche Ordenstracht mit weißem Schleier eingeführt, und alle Chor- und Laienschwestern wurden nunmehr Schwester genannt und beteten gemeinsam in deutscher Sprache. Novizinnen brachten beim Eintritt eine „Aussteuer“ mit ins Kloster, dabei konnte es sich um Geld, Mobiliar oder andere materielle Güter handeln. Eine dem Ordensauftrag der Ursulinen, der Mädchenerziehung, angemessene Berufsausbildung wurde als Aussteuer angerechnet. Nach ihrem bis zu zweijährigen Postulat und dem daran anschließenden, normalerweise ebenfalls zweijährigen Noviziat legten die neuen Schwestern, sofern sie das Kloster nicht doch noch verlassen wollten, ihr „Ewiges Gelübde“ ab.

Schulbetrieb Sowohl das Pensionat als auch die Schule für ortsansässige Mädchen erfreuten sich zunehmender Beliebtheit. 1724 lebten bereits 16 Schülerinnen, größtenteils Töchter des regionalen Adels, im Pensionat. Und der Andrang von Schülerinnen aus der Stadt war so, dass 1731–1735 nordöstlich der Klosterkirche ein neues Schulhaus in Fachwerkbauweise für externe Schülerinnen errichtet wurde. Der Mainzer Erzbischof Franz Ludwig steuerte eine erhebliche Summe zum Bau bei.

Siebenjähriger Krieg und Napoléonische Besetzung Die mehrfach wechselnden Besetzungen durch verfeindete Truppen und die schweren Verwüstungen der Stadt im Siebenjährigen Krieg gingen am Kloster nicht spurlos vorbei, aber es gab auch Hilfe in kritischen Lagen. So bezahlten drei französische Offiziere aus eigener Tasche die dem Kloster auferlegte Kontribution von 500 Talern, und als ein preußisch-englisches Heer die Umgebung der Stadt plünderte, befahl dessen Kommandeur die Schonung der klösterlichen Felder. Bei der Beschießung der Stadt 1761 durch das Heer des Prinzen Karl Wilhelm von Braunschweig erlitten die Klostergebäude keinen Schaden. Nach dem Ende des Krieges, 1763, lebten jedoch nur noch sechs Nonnen im Konvent, und deren Not war wegen der ausbleibenden Ablieferung von Naturalien durch die Pächter der Klosterfelder groß.

Auch während der 1797 erfolgten Besetzung der Stadt durch napoleonische Truppen wurden dem Kloster wiederum hohe Kriegskontributionen abverlangt.

1803–1877 Mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 erfolgte der Übergang der Landeshoheit in Fritzlar von Kurmainz an Kurhessen, aber das Kloster wurde, wohl wegen seiner schulischen Bedeutung und im Gegensatz zum St. Petri-Stift und dem Kloster der Franziskaner, nicht säkularisiert. Die 1812 zur Oberin gewählte und dieses Amt bis 1856 ausfüllende Augustine Bardt († 10. Juli 1856) führte Kloster, Pensionat und Schule zu neuer Blüte. Der Schulbetrieb wurde auf zwei Pensionats- und zwei Externenklassen ausgeweitet, und die Zahl der Schwestern wuchs so sehr an, dass keine weltlichen Hilfskräfte mehr benötigt wurden und der Klosterbau 1824 nach Westen verlängert werden musste. Unterricht wurde an sechs Vormittagen von 8 bis 11 Uhr und vier Nachmittagen von 13 bis 16 Uhr gegeben. 1859 wurde die Katharinenkirche renoviert und neu geweiht, und im selben Jahr wurde die neue Marienkapelle geweiht, die den Pensionatszöglingen diente.

Exil 1877–1887 Als sich nach 1871 der Bismarcksche Kulturkampf abzuzeichnen begann, mussten sich die Schwestern Gedanken über ihre und des Klosters Zukunft machen. Das Klostergut wurde schon 1874 einem vertrauenswürdigen Pächter anvertraut. Nachdem 1875 das preußische Klostergesetz in Kraft getreten war, erging am 28. Juni 1876 das amtliche Dekret, mit dem die Schließung von Pensionat und Schule zum 1. April 1877 und die Ausweisung der Schwestern aus dem Königreich Preußen verfügt wurde. Nachdem eine Petition der Stadt Fritzlar gegen die Durchführung dieser Verfügung am 15. Februar 1877 abgelehnt worden war, nahmen die Nonnen eine Einladung des Schwesternhauses in Arras an, ein diesem gehörendes und den Fritzlarer Schwestern zur Verfügung gestelltes Haus in Béthune in Nordfrankreich zu beziehen. Ein noch schnell getätigter Scheinverkauf der Klostergebäude wurde von der Regierung für nichtig erklärt. Die Schule wurde am 8. März 1877 geschlossen. Am 4. April 1877 verließen 24 Schwestern und sieben Pensionatsschülerinnen per Pferdewagen und mit großer Begleitung durch Fritzlarer Einwohner die Stadt, um von Wabern aus mit der Bahn über Aachen nach Arras zu fahren und zehn Tage später nach Béthune umzusiedeln. Die Gruppe wurde dabei von Georg Ignaz Komp begleitet, dem späteren Bischof von Fulda. Die Klostergebäude wurden beschlagnahmt, teilweise vermietet, und zeitweise als Landratsamt genutzt. Die 1832–1834 von dem Orgelbauer Adam Joseph Oestreich (1799–1843) gebaute Orgel in der Katharinenkirche kam durch Verkauf nach Großenenglis, wo sie bis 1973 verblieb, und verbrachte danach 22 Jahre eingelagert bei einem Orgelbauer. Seit 1995 steht sie in der ev. Dorfkirche von Kleinenglis.Das Orgelportrait (52): Die Oestreich-Orgel in der Ev. Pfarrkirche, Kleinenglis

Rückkehr und Neuanfang